Interview mit Bjarne Mädel : „Immer wie auf der Flucht gefühlt“

Im Schauspielhaus schwelgt Bjarne Mädel in ERINNERUNGEN. Früher gehörte er hier zum festen Ensemble. Foto: Lena Maja Wöhler.

Bjarne Mädel fühlt sich im Deutschen Schauspielhaus zuhause. Aber Zuhause – was ist das eigentlich Darüber haben wir uns mit dem 48-Jährigen („Der Tatortreiniger“) unterhalten.

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Hinz&Kunzt: Du bist in Reinbek vor den Toren Hamburgs aufgewachsen, nach den ersten Jahren in Buchholz in der Nordheide dein zweites Zuhause. War das so beschaulich, wie es klingt?

BJARNE MÄDEL: Im Nachhinein fand ich es ganz toll, am Rand einer großen Stadt zu wohnen. Wir haben direkt am Sachsenwald gewohnt. Du konntest hinterm Haus mit dem Hund im Wald spazieren gehen. Wir sind mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und waren viel draußen. Es war alles nicht so hektisch. Man hatte aber auch die Großstadt in der Nähe: Ich konnte in die S-Bahn steigen und nach Hamburg fahren.

Wenn man älter wird, zieht es einen vermutlich in die Stadt.

Genau. Dann denkt man, man muss unbedingt zum Gänsemarkt ins Kino und hinterher zu McDonald’s. Oder auch damals schon zum HSV. Sobald ich das durfte, bin ich mit ein paar Leuten ins Stadion gefahren. Von Reinbek aus eine halbe Weltreise, das war sehr aufregend.

Bewegende Monologe für zuhause
Benefiz-Lesung
Bewegende Monologe für zuhause
Unser Freundeskreismitglied Bjarne Mädel las zusammen mit seinen Schauspielkolleginnen Angelika Richter und Bettina Stucky zugunsten von Hinz&Kunzt aus „Bin nebenan. Monologe für zuhause“ von Ingrid Lausund.

Später seid ihr nach Bergedorf umgezogen.

Das war allerdings nicht ganz freiwillig … Mein Vater hatte eine Baufirma, die Konkurs gegangen ist. Ab da waren wir hoch verschuldet. Wir mussten aus dem Haus mit Garten und Hund in Reinbek in eine kleine Wohnung an eine vielbefahrene Straße in Bergedorf ziehen. Der Hund wurde weggegeben und ich konnte nicht alle meine Spielsachen mitnehmen, die haben in das neue Zimmer nicht reingepasst. Es ist nicht so, dass wir nichts mehr zu essen hatten. Aber auf einmal wurde über Geld anders nachgedacht.

Als kleiner Junge war ich schon sehr verwöhnt. Der Umzug mit 13 war dann heftig. Bis dahin dachte ich: Es geht immer so weiter.

Umzug nach Afrika

Hat dich das sehr geprägt?

Ja, das war eine meiner wichtigsten Lebenserfahrungen: dass nicht alles selbstverständlich ist. Dass es nicht selbstverständlich ist, auf eine Fußballfreizeit fahren zu können. Das war das erste Mal, dass ich darüber intensiv nachdenken musste. Daran angeschlossen kam dann die Zeit in Afrika.

Auf dieser Bühne spielt Bjarne Mädel am liebsten, denn so NAH ist der Schauspieler seinem Publikum selten. Foto: Lena Maja Wöhler.

Du hast einige Zeit mit deinem Vater neben einer Großbaustelle in Nigeria gelebt, auf der er gearbeitet hat.

Dort wurde mir klar, dass ich wahnsinniges Glück hatte, als Weißer in Deutschland geboren zu sein – und nicht als Schwarzer in einem Problemviertel in  Nigeria. Ich ging aus unserem Camp ja auch mal raus und habe gesehen, wie die Menschen dort leben und mit wie wenig sie auskommen müssen. Da hat sich mein eigenes Erleben dann schnell relativiert. Das hat mich auch ganz schön verändert: Als ich nach Bergedorf zurückgekommen bin, hatte ich meinen alten Freunden diesen Blick über den Tellerrand hinaus.

Manchmal habe ich ein Zugehörigkeitsgefühl vermisst– Bjarne Mädel

Du wolltest in Nigeria deinen Vater besser kennenlernen, den du vorher wegen seiner Arbeit oft nur am Wochenende gesehen hattest. Das fällt einem 14-Jährigen doch sicher nicht leicht: alle Zelte abbrechen und nach Afrika gehen?

Doch, es ist mir wahnsinnig leichtgefallen, weil es für mich ein großes Abenteuer war. Vorher war ich mit meiner Mutter schon einmal über Weihnachten zu Besuch dort gewesen. Es gab in dem Camp viele Kinder, die schon seit Jahren mit ihren Eltern in Afrika gelebt hatten. Die fand ich cool! Da habe ich mir gedacht: Ich wäre auch gerne so einer, der in der Welt zuhause ist.

Du hast dein Abitur in Hessen gemacht und in Kalifornien und Erlangen studiert. Inzwischen lebst du in Berlin. So oft, wie du umgezogen bist, musstest du dir sicher auch häufig neue Freunde suchen. Du warst bei deinen Mitschülern beliebt, aber das war sicher anstrengend.

Ich habe bald 30-jähriges Abiturtreffen. Da werden Leute sein, die sind zusammen aufgewachsen, waren zusammen im Kindergarten, die haben geheiratet, Kinder bekommen und haben inzwischen nebeneinander Häuser gebaut. Die haben eine ganz andere Verbundenheit, darauf bin ich manchmal neidisch. Ich habe auch noch ein paar Freunde aus der Schulzeit, aber die sind leider sehr verstreut und wir sehen uns selten. Das ist etwas anderes, als wenn du in einem Ort immer zusammengelebt hast und alles und jeden kennst.

Diese Vorstellung kann aber auch etwas Beengendes haben.

Eigentlich finde ich mein Leben ja auch spannender … Wo ich überall schon gewesen bin, und was ich schon alles erlebt habe! Aber es gibt Momente, in denen ich eine solche „Zugehörigkeit“ vermisse. Deshalb finde ich es auch schön, dass wir das Interview hier im Schauspielhaus machen. Denn hier habe ich so ein Zugehörigkeitsgefühl.

Kann ein Theater ein Zuhause sein?

Ja, absolut. Theater ist wirklich wie eine Familie: Da gibt es Streitereien, den doofen Onkel und die schräge Tante. Man fühlt sich aber auch beschützt. Wenn man zum Beispiel miteinander ein Stück macht und die Zuschauer finden das doof, dann wächst die Familie extrem zusammen. Man hält sich aneinander fest.

Du bist von 2000 bis 2005 am Schauspielhaus gewesen. Jetzt bist du für das Stück „Trilliarden“ wieder zurückgekommen. Wie war es, weg zu sein? Hast du dein Zuhause zwischendurch mal besucht?

Im Theater hält man sich aneinander fest– Bjarne Mädel

Die ersten Jahre konnte ich das nicht. Das war für mich wirklich so, als wären fremde Leute in meine Wohnung eingezogen. Deshalb konnte ich auch als Zuschauer lange nicht hierher gehen. Als  Karin Beier dann Intendantin wurde und ein neues Ensemble aufgestellt hat, von dem ich so viele Leute kenne und  schätze, bin ich mal wieder gucken gekommen. Jetzt bin ich wieder total gerne hier zu Gast. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum. Es ist wirklich kitschig, aber ich habe das Gefühl, dass es maximal ein Jahr her ist, dass ich hier zuhause war – und nicht zehn.

So sieht Schauspieler Bjarne Mädel aus, wenn er an sein ZUHAUSE denkt. Foto: Lena Maja Wöhler.

Dann kommst du wieder auf diese Bühne und bist „Der Tatortreiniger“ aus der NDR-Serie, mit dem für das neue Stück geworben wird.

Ich habe Ingrid Lausund, die Autorin vom „Tatortreiniger“ und von „Trilliarden“, ja damals hier kennengelernt. Den Tatortreiniger würde es nicht geben, wenn ich nicht mit Ingrid hier den „Bandscheibenvorfall“ (hatte 2002 am Schauspielhaus Premiere, d. Red.) gemacht hätte. So schließen sich für mich hier auch gerade ganz tolle Kreise.

In einem der „Monologe für zuhause“ schreibt Ingrid in ihrem Buch: „Ich steige in den Zug, aber angekommen bin ich nirgendwo. Ich war nirgendwo zuhause.“ Ging es dir auch mal so?

In meinem Leben dachte ich ganz lange, dass mein Zuhause dort ist, wo meine Matratze liegt. Egal, in welcher Stadt oder welchem Land. Ich habe mich immer ein bisschen wie auf der Flucht gefühlt. Im Moment geht mir das nicht so, weil ich ein Heimatgefühl habe, wenn ich nach Hamburg komme oder zu meiner Freundin in meine Wohnung in Berlin. Ich kann mein Zuhause leider gerade nicht nach Hamburg transferieren, das würde ich eigentlich ganz gerne machen.

Irgendwie landest du aber immer wieder in Hamburg, oder?

Ich hoffe das, ja. Ich komme nun mal aus Norddeutschland und mag diesen sehr trockenen, lakonischen Humor, den ich auch selbst mitbringe. Ich habe das Gefühl, dass die Leute hier lachen, weil sie mich verstanden haben. Als Schauspieler brauchst du zu deinem Zuhausegefühl auch dein Publikum – und das scheine ich hier zu haben.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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