Ende des Winternotprogramms : Hunderte Menschen wieder obdachlos

Am 1. April schließt das Winternotprogramm seine Pforten. Mit all ihrem Hab und Gut verlassen Obdachlose die Unterkunft in der Friesenstraße. Foto: Mauricio Bustamante

Trotz einer frostigen Nacht hat die Stadt das Winternotprogramm für Obdachlose heute beendet. Bis zu 500 Menschen droht der Weg zurück auf die Straße.

Wo Eva die kommende Nacht verbringen wird, weiß sie an diesem Morgen noch nicht. „Keine Ahnung!“, sagt die 38-Jährige und zuckt mit den Schultern. Seit vier Jahren lebt die Polin in Hamburg, erzählt sie in bruchstückhaftem Deutsch. Die vergangenen Monate habe sie in der Friesenstraße geschlafen, einer Unterkunft des Winternotprogramms der Stadt. Doch das Angebot endet am heutigen Tag – trotz Minusgraden in der vergangenen Nacht. Eine Verlängerung des Programms erwägt die Sozialbehörde nicht, sagt ihr Sprecher Martin Helfrich auf Nachfrage, denn: „Das ist keine Situation, die außergewöhnlich genug wäre.“

Winternotprogramm-Mitarbeiter verabschieden Obdachlose herzlich

Am Eingang des schmucklosen Baus in der Friesenstraße spielen sich bemerkenswerte Szenen ab: Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes drücken Obdachlosen Tüten mit warmer Kleidung in die Hand, manche klopfen Schultern, einige umarmen sich. „Ich hatte zuletzt schlaflose Nächte“, erzählt eine Security-Frau. Die Frage, was aus den Menschen wird, die sie die vergangenen Monate kennengelernt hat, beschäftigt sie: „Sehe ich sie nächsten Winter wieder?“

René muss nicht zurück auf die Straße. Der Obdachlose hat ein Bett in einer Wohnunterkunft. Foto: Mauricio Bustamante

René sitzt wenige Meter entfernt in seinem Rollstuhl und raucht eine Zigarette. „Ich habe ein Bett in einer Wohnunterkunft“, sagt der 57-Jährige zufrieden. Die Adresse hat ihm ein Mitarbeiter des städtischen Unterkunftsbetreiber fördern&wohnen (f&w) gegeben. Vergangenen Freitag habe er sich sein künftiges Zuhause angesehen, ein Zweibettzimmer. „Da kann ich bleiben.“ Seinen künftigen Mitbewohner kenne er noch nicht. Aber er ist hoffnungsvoll: „Wird schon.“

Für Frauen gab es einen eigenen Bereich im Winternotprogramm. Damit ist jetzt Schluss. Die Polin muss wohl zurück auf die Straße. Foto: Mauricio Bustamante

Eva droht der Weg zurück auf die Straße. „Vielleicht kann ich bei einer Bekannten schlafen“, sagt sie zwar, die wohne in einer städtischen Unterkunft. Aber: „Erlaubt ist das nicht…“ Und wenn das nicht klappt? „Keine Ahnung“, sagt die Obdachlose erneut. Dann macht sie sich, den Körper auf einen Rollator gestützt, auf den Weg Richtung S-Bahn. Nach Barmbek will sie, Geld verdienen, betteln. Und später in die Tagesaufenthaltsstätte, mit der Sozialarbeiterin dort sprechen. Ihre Hoffnung: „Vielleicht kann die mir helfen.“

Letzte Fahrt mit dem Shuttlebus

Rund zehn Kilometer weiter nördlich befindet sich in der Kollaustraße eine weitere Notunterkunft des Winternotprogramm. Auch hier stehen die meisten Obdachlosen mit leeren Händen da. So wie Pavelas. Der junge Litauer verbrachte die vergangenen Wochen in der Containerunterkunft. In Deutschland hat er bislang keine Anstellung gefunden, sondern nur schwarz gearbeitet. Deswegen hat er keinen Anspruch auf Sozialleistungen und auch kein Anrecht auf eine Wohnunterkunft. „Gott sei Dank scheint wenigstens die Sonne“, sagt ein Freund des Litauers, für den es jetzt ebenfalls zurück auf die Straße geht.

Ein Shuttlebus brachte die Obdachlosen morgens von der Kollaustraße zurück in die City. Die letzte Fahrt am 1. April führte die meisten Obdachlosen in eine ungewisse Zukunft. Foto: Lena Maja Wöhler.

Erst einmal aber müssen sich die beiden gedulden. Es ist 8.30 Uhr und erst in einer halben Stunde wird der kostenlose Shuttlebus vor der Containerunterkunft an der Kollaustraße halten, der die Obdachlosen in den vergangenen Monaten tagtäglich in die Innenstadt beförderte. Langsam füllt sich der Bürgersteig mit weiteren Obdachlosen, die sich teilweise mit herzlichen Umarmungen vom f&w- und Sicherheitspersonal verabschieden.

Valentin reist als Straßenmusiker durch Europa. Er war bereits vor etwa vier Jahren erstmals in Hamburg. Foto: Lena Maja Wöhler

Valentins Verabschiedung hingegen fällt eher spärlich aus. Er habe noch keine Freundschaften geschlossen, sagt der Rumäne fast entschuldigend. Erst vor einer Woche sei er nach Hamburg gekommen. Den Winter verbrachte er in Portugal. Auf der Straße. Das gleiche Schicksal droht ihm jetzt auch in Hamburg. Allerdings ist es hierzulande deutlich kälter als in Portugal. Der 34-Jährige macht trotzdem einen unbekümmerten Eindruck: Mit seinen Flöten und einer Geige werde er sich als Straßenmusiker durchschlagen, sagt er noch. Dann rollt der Shuttlebus heran. Etwa 100 Obdachlose drängen sich hinein. Eine letzte Sonderfahrt: weg vom Winternotprogramm, hinein in eine ungewisse Zukunft.

Insgesamt 220 Obdachlose haben in der Nacht zum Montag in der Friesenstraße geschlafen, so fördern&wohnen, weitere 134 in der Kollaustraße. Eine bislang noch unbekannte Zahl weiterer Obdachloser verbrachte die Nacht in der sogenannten Wärmestube in der Hinrichsenstraße. Noch mal 117 fanden bis heute in über die Stadt verteilten Wohncontainern Schutz vor der Kälte. Wie viele dieser Menschen in Wohnunterkünfte oder Wohnungen vermittelt werden konnten, will die Sozialbehörde Mitte April bekanntgeben. Die beiden nun leeren Winter-Unterkünfte werden zunächst „gereinigt und zum Teil umgebaut“, so Behördensprecher Helfrich. „Die weitere Perspektive wird sich dann klären.“

Über die Autoren
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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