Kommentar : „Gewöhnt euch nicht an die Verelendung!“

Seit 1995 ist Stephan Karrenbauer Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt und kümmert sich um die Belange von Obdachlosen. Foto: Andreas Hornoff

Seit Beginn der Coronakrise sterben deutlich mehr Obdachlose auf Hamburgs Straßen. Parallel erreicht die Verelendung ein bislang unbekanntes Ausmaß. Für unsere Oktoberausgabe kommentiert Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer die Situation.

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Im August ist Frank im Lohmühlenpark gestorben. Er war obdachlos und drogenkrank– und erst 33 Jahre alt. Im September dann wurde ein 38-Jähriger am Hauptbahnhof tot aufgefunden. Fremdverschulden schließt die Polizei aus, woran der Obdachlose gestorben ist, soll eine Obduktion ergeben. Und erst gestern wurde wieder ein Obdachloser tot in der Neustadt aufgefunden. Viele Hamburger*innen sind schockiert. Wir auch. Denn wir erleben eine Verelendung von Menschen wie nie zuvor.

Geht man über den Hauptbahnhof Richtung St. Georg, ist das Bild erschreckend. Obdachlose liegen schon frühmorgens im eigenen Urin, kaum ansprechbar. Und sie sehen aus, als hätten sie seit Monaten nicht die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen, die Kleidung ist oft verdreckt und zerlumpt. Gäbe es Corona nicht, könnten die Menschen in den Tagesaufenthaltsstätten essen, sich waschen, saubere Kleidung bekommen und – ganz wichtig – sich vom Straßenleben ausruhen. Das geht in diesen Zeiten so gut wie gar nicht. Unsere Arbeit als Sozialarbeiter*innen ist so schwierig wie nie zuvor. Das Hilfesystem ist mit Corona zusammengebrochen – und bis heute nur eingeschränkt wieder in Betrieb.

Aus der Oktoberausgabe

In unserer aktuellen Ausgabe lesen Sie, wie sich die Hamburger Obdachlosenhilfe auf den Coronawinter vorbereitet.

Und es ist augenfällig: Immer mehr Menschen auf der Straße flüchten in Alkohol und Drogen, weil sie für sich keine Perspektiven erkennen können. Immer häufiger wird, auch bei uns, der Krankenwagen gerufen, in der Hoffnung, die Sanitäter*innen nehmen den Menschen zumindest erst mal mit und versorgen ihn richtig. Dass danach der Krankenwagen desinfiziert werden muss, bedeutet für die Helfer*innen zusätzlichen Stress und Zeitdruck. Auch die Polizei soll immer mehr das ausbaden, was bisher versäumt wurde und besonders in der Coronazeit sichtbar wird: Sie verteilt Platzverweise und muss Schlafplatten auflösen.

„Es gibt Lösungen, man muss es nur wollen.“– Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt

Das Schlimme: Herbst und Winter stehen vor der Tür, und es gibt noch keine Konzepte, wie es in der Obdachlosenhilfe weitergehen soll, um eine weitere Verelendung zu verhindern. Wir brauchen dringend neue Tagesaufenthaltsstätten, in denen Obdachlose sich ausruhen können und vor Wind, Regen und Corona geschützt sind. Und wir brauchen kleine Unterkünfte, in denen sie schnell und sicher untergebracht werden. Unser Hotelprojekt hat gezeigt, dass Menschen schnell wieder aufblühen,wenn sie einen Raum für sich haben. Da immer nur um die 20 Menschenin einem Hotel wohnten, waren Anwohner*innen und Sozialarbeiter*innen viel weniger gestresst. Und oft konnten wir eine Erholung bei den Wohnungslosen feststellen. Wir haben mit dem Projekt gezeigt, dass es möglich ist, schnell zu handeln. Es gibt Lösungen, man muss es nur wollen.

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger, gewöhnt euch nicht an die Verelendung von Menschen auf der Straße! Gewöhnt euch nicht daran, dass Menschen auf der Straße sterben. Gewöhnt euch nicht daran, dass Wohnungslose im Durchschnitt nur 49 Jahre alt werden. Glaubt nicht, dass sie gerne draußen schlafen, weil sie freiheitsliebend seien. Alle suchen ein Zuhause – alle brauchen ein Zuhause.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Stephan Karrenbauer
Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt.

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