Orkantief „Friederike“ : Kein Platz zum Aufwärmen

Alexander und Markus (rechts) schlafen auch im Winter draußen. Foto: Simone Deckner.

Orkantief „Friederike“ brachte Schnee, Matsch und Glätte. Im Stadtpark wurde ein 17-Jähriger durch einen herunter fallenden Ast lebensgefährlich verletzt. Wer nicht musste, ging nicht raus. Wie reagierten die Obdachlosen in der City?

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Markus sitzt vor „Saturn“, dick eingepackt in eine Winterjacke, darunter einen Kapuzenpulli, die Strickmütze geht ihm bis über die Ohren. Der 32-Jährige ist im Rollstuhl, seitdem sich sein Bein nach einem Treppensturz entzündet hat. Mehr als 20 mal wurde sein Bein bereits operiert, geheilt ist es immer noch nicht. „Das belastet mich alles sehr“ sagt Markus.

Der Wind pfeift eisig, auf dem Gehweg bilden sich riesige Pfützen aus Schneematsch. Hier hält sich Markus den ganzen Tag auf. In der Nähe schläft er – auch bei dieser Kälte. „Wo sollen wir denn hin?“ fragt er. Für einen Containerplatz in einer Kirchengemeinde hatte Markus sich beworben, kam aber knapp zu spät. „So einen Platz würde ich wirklich gern haben“, sagt Markus. Nicht nur, damit sein Bein wieder in Ordnung kommt.

Den Schnee ertragen sie stoisch

Die Polizei meldet in einer ersten Bestandsaufnahme: 125 Verkehrsunfälle wegen des Wintereinbruchs. Im Stadtpark wurde ein 17-Jähriger durch einen Ast, der dem Schnee nicht mehr standhalten konnte, lebensgefährlich am Kopf verletzt. Viele Busse fahren nicht mehr. Am Nachmittag stellte die Bahn den Fernverkehr bundesweit ein.

Markus und seine Kumpels vorm „Saturn“ ertragen das Wetterchaos achselzuckend, an ihrer Situation ändert es nichts. „Nur weil es schneit, sind ja jetzt nicht plötzlich Wohnungen für uns da“, sagt eine junge Frau, die ebenfalls zur der Gruppe gehört. Ob Schnee oder Kälte, ihr Platz ist hier, tags wie abends. Aufwärmen im Technikmarkt dürfen sie sich nicht: Hausverbot. Auch davor sind sie gerade so geduldet, immer wieder kommt die Polizei, wenn sich jemand beschwert.


Alexander (47) macht seit mehr als 20 Jahren Platte, sechs davon in Hamburg. Auch er erträgt das Wetter stoisch. Er zeigt auf seine drei Schlafsäcke: „Ich bin bis minus 60 Grad gerüstet“.

„Letzte Nächte waren eine Katastrophe“

Im Vertriebsraum von Hinz&Kunzt ist es bereits am Vormittag proppenvoll – viele Verkäufer wärmen sich auf, trinken Kaffee. Auch die Hinz&Künztler Bonnie und Clyde sitzen drinnen: „Bei dem Wetter kannst du keinen Hund vor die Tür jagen“, sagt Clyde.

Michael steht trotz des Schneetreibens an seinem Verkaufsplatz vor einem Drogeriemarkt in der City. Auch, wenn bei diesem Wetter kaum jemand eine Zeitung kauft. In den vergangenen Nächten hat der 32-Jährige kaum ein Auge zugetan hat. „Das war eine Katastrophe“, sagt er, „mir sind die Decke und der Schlafsack geklaut worden.“ Und das schon mehrmals. Er glaubt auch, die Täter zu kennen. „Das sind oft andere Obdachlose, die noch weniger haben.“

Während Passanten eilig an ihm vorbei hasten um ins Trockene zu kommen, deckt Michael seinen Hund mit einer Decke zu. Er soll es warm haben.

Hinz&Künztler Michael und seinem Hund Strange macht das Winterwetter zu schaffen – und nicht nur das. „Mir wurde schon mehrfach die Decke geklaut“, sagt Michael. Foto: Simone Deckner.

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Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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