Kommentar : Die Stadt stiehlt sich aus der Verantwortung

"Beim unmittelbaren Schutz von Leben darf sich die Stadt nicht aus ihrer Verantwortung stehlen", meint Lukas Gilbert, Redaktionsvolontär bei Hinz&Kunzt. Foto: BELA

Die Ungewissheit um die Zukunft des Kältebusses offenbart ein grundsätzliches Problem: Aufgaben der Daseinsvorsorge dürfen nicht allein an Freiwillige delegiert werden.

Wenn sich die Stadt nicht rührt, springen Freiwillige in die Bresche. Das ist gut so und zugleich ein Armutszeugnis: für die politisch Verantwortlichen.

Als im Winter vor zwei Jahren innerhalb kürzester Zeit vier Obdachlose in Hamburg starben, forderten Hinz&Kunzt und andere Projekte einen Kältebus, wie es ihn in Berlin schon seit 1994 gibt. Doch der Senat reagierte nicht. Das Team der Alimaus besorgte damals auf eigene Faust einen solchen Bus für Hamburg. Sie fahren seitdem in den kalten Monaten Obdachlose in die Notunterkünfte – und retten dadurch Leben.

Wegen Konflikten innerhalb der Alimaus gab es zuletzt Unsicherheit über den Fortbestand des Projekts. Selbst die Altonaer Bezirksversammlung forderte die Geschäftsführung der Alimaus in einer interfraktionellen Pressemitteilung dazu auf, dafür zu sorgen, dass der Kältebus weiterfährt. Weil er unverzichtbar ist.

Dass es Streitigkeiten in einem Verein gibt, ist kein Skandal. Das kommt vor und ist in Ordnung. Der Skandal ist, dass sich die Stadt bei der Versorgung von Obdachlosen aus der Verantwortung stiehlt und sich immer wieder auf freiwillige Initiativen verlässt.

Konflikt in der Alimaus
Der Kältebus fährt weiter 
Bis zum Ende des Winters fährt der Hamburger Kältebus weiter Obdachlose in die städtischen Notunterkünfte. Zuletzt war die Zukunft des Projekts nach internen Konflikten ungewiss.

Die Zukunft des Kältebusses scheint fürs erste gesichert. Doch die zwischenzeitliche Unsicherheit zeigt eines deutlich: So wichtig und dankenswert die Arbeit der Alimaus und der vielen Freiwilligen in der Obdachlosenhilfe ist – es gibt grundlegende, lebenswichtige Aufgaben der Daseinsvorsorge, die nicht allein durch Ehrenamtliche gestemmt werden dürfen. Das gilt für den Kältebus. Das gilt für die medizinische Versorgung von Obdachlosen. Und das gilt, besonders jetzt, in der Pandemie, wenn es um die sichere Unterbringung von Obdachlosen geht.

Beim unmittelbaren Schutz von Leben darf sich die Stadt nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Die Sozialbehörde hat nun übrigens angekündigt, dass der städtische Betreiber Fördern & Wohnen „ausnahmsweise“ den Transport Obdachloser in die Notunterkünfte übernimmt, wenn die Menschen das aus eigener Kraft nicht schaffen. Diese Ausnahme muss die Regel werden. Weil es um Leben und Tod geht.

Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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