Freunde :
Der Lebenskünstler

Florian Künstler zeigt ein "Peace"-Zeichen in die Kamera und lächelt.
Florian Künstler zeigt ein "Peace"-Zeichen in die Kamera und lächelt.
„Musik hat mir immer Halt gegeben“, sagt Florian Künstler. Foto: Mauricio Bustamante.

Florian Künstler wird beim Reeperbahnfestival auftreten – auch für Hinz&Kunzt. Die Lebensgeschichte des Songwriters aus Lübeck? Sich durchkämpfen bis zum Happy End!

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Neugierig wie ein kleiner Junge studiert Florian Künstler all die Namen der großen Bands und Musiker:innen, die über dem Eingang der „Großen Freiheit 36“ geschrieben stehen. Die Beatles, Udo Lindenberg, Prince – „Wahnsinn“, sagt Florian, „haben die echt alle hier gespielt?“ Haben sie, und bald darf er sich einreihen in diese illustren Namen: Am 25. Oktober wird er hier auftreten, vor vermutlich ausverkauftem Haus! Unwirklich und verrückt für einen, der auch schon auf der Straße geschlafen hat und öfter nicht wusste, „woher morgen das Geld fürs Essen kommen soll“.

Die Lebensgeschichte des Florian K. ist eine bewegte – und bewegende. 1985 in Berlin geboren, beide Eltern sind schwer drogenkrank. Dort kann er nicht bleiben. Erst kommt er bei wechselnden Verwandten der Mutter unter, anschließend beginnt ein Parcours durch diverse Pflegefamilien, ehe diese Odyssee im Alter von sieben Jahren in einem guten Ziel mündet: eine Familie im schleswig-holsteinischen Ratekau, in der Florian Liebe und Geborgenheit findet und „glücklich auf dem Dorf“ groß werden darf. Mit zwölf schenkt ihm sein dortiger Vater eine Gitarre – es ist die Initialzündung zur Liebe seines Lebens: der Musik. Doch der Weg bis zur „Großen Freiheit“ ist verschlungen, lange ist nie klar, was hinter der nächsten Kurve kommt.

Florian, Typ großer, netter Bruder, zieht nach der Schule nach Lübeck, wird Songwriter, schreibt deutsche Poptexte. Was immer funktioniert, ist Musikmachen auf der Straße. Doch die „Einnahmen“ sind manchmal so ­gering, dass es nur für eine Übernachtung im Eingang einer Sparkassen­filiale reicht. Den Lebensmut hat Florian gleichwohl nie verloren: „Ich bin ein positiver Typ, und Musik hat mir immer Halt gegeben.“ Ein Freund bietet ihm schließlich einen Platz in seiner WG an, es ist der Anfang von mehr und mehr Gutem.

So geht Florian neben unendlich vielen Gigs auch diverse Jobs an. Er lernt medizinischer Bademeister, wird Rettungssanitäter, jobbt als Konditor, Zweiradmechaniker und vieles mehr. 2019 kriegt er tatsächlich seinen ersten Label-Vertrag, dann kommt Corona, das Label kündigt mit Bedauern wieder. Florian kümmert sich in dieser Zeit als Schulbegleiter um autistische Kinder, baut seine Präsenz in den sozialen Medien aus. 2023 wird endlich sein Jahr: Sein Song „Kleiner Finger Schwur“ landet im Januar auf Platz 45 der deutschen Charts, für Hinz&Kunzt spielt er im Februar unentgeltlich bei der Eröffnung der Ausstellung „Homeless Gallery“ – „weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße sitzt und nicht mal ein Lächeln geschenkt bekommt“. Am 22. September erscheint sein erstes Album namens „Gegenwind“, danach startet er seine Deutschlandtour mit mehr als 20 Konzerten.

Wie sich das alles anfühlt? „Sur­real“, sagt Florian, „ich habe das Gefühl, dass ich das gar nicht verdiene.“ Manchmal im Leben macht das Glück aber auch beim Richtigen Halt.

Artikel aus der Ausgabe:

Verloren in der digitalen Welt

Digital ist schneller, einfacher, besser? Nicht unbedingt, wie unser Schwerpunkt zur Digitalisierung und den Problemen der Teilhabe deutlich macht. Außerdem: In einem ehemalige Hotel im Wienerwald bekommen Obdachlose wieder Boden unter den Füßen – mithilfe von eigensinnigem Federvieh. Und: Warum ein Graffiti auf dem Kemal-Altun-Platz in Ottensen von niemandem angetastet wird.

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Autor:in
Jochen Harberg
Seit über 40 Jahren im Traumberuf schreibender Journalist, arbeitete festangestellt u. a. für Stern und Welt am Sonntag. Seit 2019 mit großer Freude im Team von Hinz&Kunzt.

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