G20 : Der Gipfel und die Obdachlosen

Der Obdachlose Hartmuth wurde von der Polizei weggeschickt, als das Schaufenster an seiner Platte vernagelt werden sollte. Foto: BELA

Hamburg versinkt im G20-Chaos – und mittendrin leben 2000 Obdachlose. Unter der Kersten-Miles-Brücke gerieten einige sogar zwischen die Fronten. Wir waren unterwegs und haben Obdachlose befragt.

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Viele normalerweise belebte Straßen sind am Freitagvormittag wie leergefegt. Der G20-Gipfel, die teilweise gewalttätigen Proteste und das erdrückende Polizeiaufgebot schreckt viele ab, nach draußen zu gehen. Es sind deutlich weniger Obdachlose zu sehen als üblich. Von maximal 25 Obdachlosen in der Innenstadt spricht Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff. „Viele Obdachlose gehen in ruhige Bereiche, wo sie denken, dass sie von dort nicht vertrieben werden oder zwischen die Fronten geraten“, sagt er. Sie seien in Außenbezirke, Parks oder unter Brücken ausgewichen.

Unter der Kersten-Miles-Brücke auf St. Pauli halten die Obdachlosen allerdings wacker die Stellung, obwohl hier von Ruhe keine Rede sein kann. Der Rauch von gestern Abend ist noch nicht ganz verzogen, da zieht am frühen Morgen schon wieder der Geruch von Bengalos unter der Brücke durch. Nebenan hatten sich Demonstranten versammelt, die den Gipfel blockieren wollten. Direkt vor der Platte, in der der Obdachlose Thorsten untergekommen ist, drängten sich die Leute. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man morgens um sieben aufwacht und plötzlich überall um sich herum Schuhe sieht“, sagt er.

Auf der Platte unter der Kersten-Miles-Brücke wurden Obdachlose von Scharmützeln zwischen Polizei und Demonstranten geweckt. Foto: ATW

Er sei aus seinem Schlafsack gesprungen und habe sich mit ausgebreiteten Armen vor die Gruppe gestellt. „Ich hab denen gesagt: Bitte raus aus unserem Wohnzimmer“, erzählt Thorsten. „Das wurde auch größtenteils respektiert.“ Einige Demonstranten seien jedoch mitten über die Platte gelaufen, zwischen den schlaftrunkenen Obdachlosen hindurch. Thorsten trägt es ihnen nicht nach. „Wenn da von hinten alles nachrückt – was willst du machen.“ Rund 450 Demonstranten zählte er rund um seine Schlafstätte. Keine zwanzig Meter hinter der Kersten-Miles-Brücke habe die Polizei dann die Straße abgeriegelt, es kam zu Gewalt. Wie Thorsten beobachtete, machten sich Protestierende daran, die Polizeikette zu durchbrechen. „Die Polizei hat auf die Demonstranten eingeschlagen“, ergänzt der Obdachlose Pavel. Auch Rauchbomben flogen Richtung Platte.

„Wir hatten eine Rauchbombe hier“, sagt Thorsten und zeigt auf die obere Ecke der Platte. Zwei weitere trafen am unteren Rand ihrer Schlafstätte auf den Boden. Von Pfefferspray oder Tränengas hat Thorsten nichts mitbekommen. Er nimmt die Situation mit demonstrativer Gelassenheit, beobachtet den Demozug an der Ecke zur Reeperbahn und die vorbeifahrenden Wasserwerfer und Räumpanzer. Etwa fünf Mal am Tag spreche er mit den Polizeibeamten. „Ein bisschen Smalltalk – dann klappt das“, meint er. „Wir lassen uns nicht vertreiben. Egal was passiert.“ Grinsend schiebt Thorsten hinterher: „Wir haben gestern alle fort gejagt. Demonstranten und Polizei.“

Zehn Meter hinter Krzysztofs Schlafstätte brennt ein BMW

Krzysztof übernachtet knapp unterhalb des Bismarck-Denkmals. Sicher ist er dort nicht. Foto: ATW

Wenige Meter entfernt ist auch Krzysztof zwischen die Fronten geraten. Der seit Monaten kranke Obdachlose übernachtete am Bismarck-Denkmal, als er morgens von Demonstranten und Polizisten geweckt wurde, die an seinem Schlafsack vorbei in den Park stürmten. „Scheiß G20“, sagt er. Krzysztof kann von seinem Schlafplatz nicht aus eigener Kraft weg, dazu ist er zu krank. Mit der Polizei habe er keine Probleme gehabt, sagt er. Auch mit den Demonstranten nicht. „Kein Stress“, meint Krzysztof.

Das einzige, was er sich wünscht, ist einen Platz im Krankenhaus. In der Klinik an der Hohen Weide sei schon ein Bett für ihn bereit gewesen, erzählt Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff, der sich um ihn kümmert. Doch die Sanitäter im Krankenwagen hätten gesagt, es sei zu kompliziert, durch die Straßensperren dorthin zu gelangen. Er muss vermutlich bis Montag warten. Sein Platz am Bismarck-Denkmal ist aber kein sicherer Ort: Zehn Meter hinter seiner Schlafstätte auf der Parkbank brannte am Freitagnachmittag ein BMW aus.

Christian hat keine Angst vor der Polizei: „Die hatten wirklich anderes zu tun, als sich um Obdachlose zu kümmern.“ Foto: BELA

Obdachlose mit dicken Fell

Viele Obdachlose zeigen sich unbeeindruckt vom Geschehen, haben sich mit der Zeit ein dickes Fell zugelegt. Auch vor der Alimaus in Altona brannten am Donnerstagabend Mülltonnen, nur 100 Meter weiter steht eine ausgebrannte Autokarosse. Christian, der jede Nacht vor dem Anlaufpunkt für Obdachlose schläft, hat das kalt gelassen. „Da hatten wir wenigstens was zu Gucken“, sagt er. Sie selbst hätten keinen Ärger gehabt, auch nicht mit der Polizei. „Die hatten wirklich anderes zu tun, als sich um Obdachlose zu kümmern.“ Vor den Demonstranten hat er auch keine Angst: „Die tun uns ja nichts, wir sind ja arme Leute.“

Am Altonaer Bahnhof, wo am Morgen nach Darstellung der Bundespolizei Autonome mehrere Polizeiwagen demoliert hatten, hat Kai die Nacht verbracht. „Wir hatten ordentlich Begleitschutz heute morgen“, sagt er. Neben seiner Platte standen 20 Polizisten, als er aufwachte. Dass 50 Meter weiter Autoscheiben eingeschlagen wurden, hat er gar nicht gemerkt.

„Die Linken geben ja gerne ihre Flaschen ab“: Hinz&Künztler Jens sammelt Pfand auf den Demos gegen den Gipfel. Foto: BELA

Bettler machen ein schlechtes Geschäft

Nebenan sitzt eine Bettlerin vor einem ziemlich leeren Becher. Sie ärgert sich über das schlechte Geschäft, dass sie an den Gipfeltagen macht. „Hoffentlich ist das bald vorbei“, sagt sie. Hinz&Künztler Jens hat sein Geschäftsmodell der Situation angepasst: Zeitungsverkaufen würde sich kaum lohnen, deswegen sammelt er Flaschen. Gestern Abend hat er sich mitten ins Getümmel gestürzt, hat am Fischmarkt und in der Schanze gesammelt. „Die Linken geben ja gerne ihre Flaschen ab“, sagt er. Da ließ er sich auch nicht von den Ausschreitungen abschrecken. „Nur am Ende musste ich rennen – mit drei Säcken voller Flaschen in der Hand.“

Unter der Sternbrücke im Schanzenviertel sitzt Gregor aus Estland. Auch er hat einen Becher für Kleingeld vor sich stehen. Die Sternbrücke ist sein Unterschlupf – an normalen Tagen. „Ich kann hier nicht mehr schlafen“, sagt er. Am Donnerstagmorgen kamen Polizisten vorbei, erzählt er. „Sie sagten mir, es sei hier zu gefährlich, wegen der Demonstrationen. Aber sie haben mir nicht gesagt, wohin.“ Letztendlich fand Gregor einen Schlafplatz im Altonaer Park. Der G20-Gipfel hat den Esten, der kein Deutsch spricht, völlig kalt erwischt. „Ich wusste nicht, was G20 bedeutet“, sagt er. Wenn der Ausnahmezustand in der Stadt vorbei ist, will er sein Schlaflager wieder unter der Brücke aufbauen. Fühlt er sich sicher? „Ich fühle mich normal“, sagt Gregor.

Gregor bekam die Empfehlung, seinen Schlafplatz zu räumen – aber keinen Tipp, wo er sonst schlafen soll. Foto: ATW

Viele Obdachlose blicken der Gefahr, während der Gipfeltage verletzt zu werden, mit trotzigem Mut entgegen. „Das ist auch der tägliche Überlebenskampf, der abstumpft“, meint Andreas Bischke, Leiter der Tagesaufenthaltsstätte Herz As. In seiner Einrichtung sei der Freitag ganz normal verlaufen. „Wir hatten nicht mehr oder weniger Zulauf als sonst“, sagt er. „Ich glaube auch nicht, dass unsere Gäste gezielt kontrolliert worden sind.“ Etwa 50 bis 80 Portionen Brötchen und Joghurt seien über den Tresen gegangen.

Viele Hilfseinrichtungen haben während der Gipfeltage gar nicht erst geöffnet. „Hier hat alles dicht“, erzählt der Obdachlose Guido. Er ist Patient in der Krankenstube für Obdachlose an der Seewartenstraße, wo an normalen Tagen das „Cafée mit Herz“ Menschen ohne festes Zuhause mit warmem Essen versorgt. Die Hilfsstätte macht erst Montag wieder auf, die Aufenthaltsstätten Alimaus und Mahlzeit sind ebenfalls dicht. Jürgen stimmt zu: Wer sich in der Stadt nicht gut auskennt oder TAS und Herz As nicht ansteuert, ist aufgeschmissen.

Campverbot auf Entenwerder – auch für Rolf

Rolf sitzt wie eigentlich jeden Tag vor Karstadt in der Mönckebergstraße. Nix los, nur ein paar Cent liegen in seinem Bettelnapf. Seit vier Jahren schnorrt der 71-Jährige hier. Natürlich ist er vor dem G20 angesprochen worden. Nicht dass er weg müsste, aber dass es vielleicht entspannter wäre. Aber Rolf ist das mit dem G20, das Tatütata, ob Ausschreitungen oder nicht gleichgültig. „Das perlt an mir ab wie Wasser an ’ner Ente.“ Und wenn was passiert, „dann geh ich eben weg“. „Ich habe viel größere Probleme als dieses Theater.“ Dass er keine Wohnung hat beispielsweise und dass er in der Altersarmut gelandet sei. »Aber das interessiert ja keinen der Politiker“, sagt er – und lacht. „Ich kann das Leben nur noch kabarettistisch sehen.“ Zumindest versucht er das.

G20
Rolfs Demo gegen Altersarmut
Was der Obdachlose Rolf vom G20-Gipfel in Hamburg hält, erzählt er in diesem Video.

Normalerweise macht Rolf in Entenwerder Platte, auch da ist in der Regel alles total ruhig und entspannt. „Aber jetzt mit dem G20 – ein Alarm!“ Rolf findet es unmöglich, dass die Jugendlichen nicht auf Entenwerder campieren durften – das hatte die Polizei verboten. „Die wollen doch auch mal Party machen“, sagt er. Mindestens genauso blöd: Auch er dufte nicht auf seinen gewohnten Schlafplatz. „Obwohl ich da seit Jahren Platte machen und ich morgens alles wegräume.“

Auch Thorsten aus der Gruppe unter der Kersten-Miles-Brücke hatte seinen Schlafplatz in Entenwerder, bis die Polizei dort räumte. Nun ist er ausgewichen – und findet sich mitten im Tumult wieder. Schon am Nachmittag wird die Lage für ihn und seine Leute wieder brenzlig: Pflastersteine fliegen, die Polizei fährt Wasserwerfer auf und drängt Demonstranten Richtung St. Pauli. Kurz darauf haben die Auseinandersetzungen auch die Innenstadt erreicht. Auch wenn Thorsten und viele andere es scheinbar gelassen sehen – sicher ist heute keiner, der kein Zuhause hat.

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.
Birgit Müller
Birgit Müller arbeitet seit 1993 für Hinz&Kunzt. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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