Trotz Cornern auf Cremant : Cremonbrücke wird abgerissen

Cornern für die Cremonbrücke: Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein (links) und Marco Alexander Hosemann vom Verein City-Hof. Foto: Kirsten Haarmann

Jetzt steht fest: Die Cremonbrücke in der Innenstadt wird abgerissen. Vergeblich stritten Denkmalschützer*innen mit der Aktion „Cornern auf Crémant“ für den Erhalt der blauen Brücke am Hopfenmarkt.

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Am Hopfenmarkt wird in den kommenden Jahren ein neues Büro- und Wohngebäude gebaut. Dafür muss die Cremonbrücke bis 2022 weichen. Die Entscheidung hätten die zuständigen Ämter bereits vor zwei Jahren gefällt, teilt die Stadtentwicklungsbehörde mit. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing begründet die Entscheidung gegenüber Hinz&Kunzt mit folgenden Worten: „Anstelle der heutigen Brücke kann eine neue ebenerdige Fußgängerquerung zu einer stadträumlichen Klärung der Situation beitragen und die Sichtbeziehung zur Nikolaikirche wiederherstellen.“ Wir dokumentieren im Folgenden unseren Artikel aus dem Hinz&Kunzt-Magazin aus dem September 2019:

Brückentage

Freitagabend an der Willy- Brandt-Straße: Sechs Fahrspuren breit drängt sich der Pendlerverkehr unter der Cremonbrücke hindurch, Stop-and-go, nur noch ein paar Kilometer bis zum Wochenende. Auf der Fußgängerbrücke selbst dagegen: Feierabendstimmung. Drei junge Leute haben Akkordeon, Gitarren und Verstärker angeschleppt und spielen Folkmusik. Freunde begrüßen sich, knabbern Chips an der Brüstung, ein paar Kinder haben ihre Stofftiere dabei. Über der Reeperbahn senkt sich langsam die Sonne, in mitgebrachten Bechern und Gläsern schäumt Crémant.

„Cornern auf Crémant“ heißt die Aktion, die zeigen soll, wie schön es sein kann auf der blauen Brücke zwischen Hopfenmarkt und Deichstraße. Nicht nur, dass Fußgänger hier unter freiem Himmel Rolltreppe fahren und über den brausenden Verkehr hinweg von der Innenstadt in die Hafencity spazieren können. Die Brücke ist mit ihrem Ausblick auf das Mahnmal St. Nikolai und den Michel auch ein Ort zum Anhalten und Abschalten. „Neben der Plaza der Elbphilharmonie ist das hier wahrscheinlich der Ort, an dem die meisten Selfies gemacht werden“, vermutet Marco Alexander Hosemann vom Verein City-Hof, der die wöchentlichen Aktionen zusammen mit dem Denkmalverein angestoßen hat. Nun ist die Zukunft der Brücke bedroht. Die Initiatoren der Corner-Aktion vermuten: Sie steht Profitinteressen im Weg. Denn bald soll eins der benachbarten Grundstücke frei werden.

Steht die Cremonbrücke Profitinteressen im Weg?

Das Firmengebäude des Betonherstellers Holcim soll einem Neubau weichen. Stünde nicht einer der drei Brückenfüße an der Straßenecke, wäre für diesen mehr Platz vorhanden. Die Verkehrsbehörde scheint ohnehin kein großes Interesse am Erhalt der Brücke zu haben: Eine Grundinstandsetzung des in die Jahre gekommenen Bauwerks sei nicht sinnvoll, erklärte ein Sprecher. Die Cremonbrücke scheint zum Abriss freigegeben.

Die Brücke erzählt auch etwas darüber, wie sich die Hamburger City entwickelt hat. Seit dem 14. Jahrhundert verkauften Bauern aus dem Umland auf dem Hopfenmarkt an der St. Nikolai- Kirche Feldfrüchte und Fleisch, heute erinnert nur noch eine Restfläche des alten Platzes mit seinem kleinen „Vierländerin- Brunnen“ an das Markttreiben. Die sechsspurige Verkehrsader dominiert das Bild. Nicht schön, aber sich fachkundige Bürger für Hamburgs Baugeschichte stark machen.

„Endlich mal eine gestaltete Brücke, bei der man sich richtig Mühe gegeben hat.“– Anna Zülch, Denkmalrat

Luftig und licht sollte die Innenstadt Hamburgs werden, so stellten es sich die Planer in den 1950er-Jahren vor. Hier gingen die Angestellten ins Büro, abends floss der Autoverkehr über breite Straßen wieder zurück in die Wohnquartiere. Die blockartige Bebauung am Rand der Ost-West-Straße, die später in Willy-Brandt- und Ludwig- Erhard-Straße umbenannt wurde, folgte in den 1960er-Jahren, als das Leitbild „Urbanität durch Dichte“ ausgerufen wurde. „Das Gebäude der Bundesbank ist dafür ein gutes Beispiel“, sagt Kristina Sassenscheidt. Direkt neben ihrem markanten Firmensitz stiftete die Bank die blaue Fußgängerbrücke. Seit 1982 verbindet sie nicht nur die Straßenseiten, sondern umspannt auch mehrere Generationen der Hamburger Stadtgestaltung.

„Das ist hohe Ingenieurbaukunst.“– Anna Zülch, Denkmalrat

Großen Eindruck macht das Bauwerk zwischen ehemaligem Hopfenmarkt und Cremon-Insel heute nicht mehr, findet Anna Zülch, Architektur- Professorin und Vorsitzende des Denkmalrats. Das liege aber keineswegs an der Brücke selbst, im Gegenteil: „Das ist hohe Ingenieurbaukunst hier“, sagt sie. „Endlich mal eine gestaltete Brücke, bei der man sich richtig Mühe gegeben hat.“ Der Pylon greife den Kirchturm von St. Nikolai auf, nach Süden hin schaffe er eine Verbindung zu den Bauten der Hafencity. Ähnlich kunstvoll gestaltet sei unter allen Brücken Hamburgs nur eine: die Köhlbrandbrücke, die schon wegen des Hafenpanoramas zur Sehenswürdigkeit taugt. Die Cremonbrücke aber gehe unter in einer vernachlässigten Umgebung, kritisiert Anna Zülch. Statt etwa den Hopfenmarkt wieder attraktiv zu gestalten, sehe die Stadt dabei zu, wie die Brücke in Vergessenheit gerät.

Beim „Cornern auf Crémant“ ist sie doch wieder ein Blickfang. Im Laufe des Abends wird es oben regelrecht eng. Kristina Sassenscheidt hatte darauf gehofft. „Diese Brücke gehört uns allen“, sagt sie. „Und das soll auch so bleiben.“ Auch Yoga auf der Brücke, ein „blaues Dinner“ oder eine Modenschau wären denkbar.

Im September soll das Preisgericht im Wettbewerb für den Holcim-Neubau tagen. Mindestens bis dahin werde es weitere Aktionen geben, um auf den Wert der Cremonbrücke hinzuweisen, sagt Kristina Sassenscheidt. Langfristiges Ziel: Die Brücke soll Denkmal werden.

Dafür wollen sich Denkmalverein und City-Hof e. V. einsetzen. Auch im Denkmalrat, der als Beirat die Kulturbehörde berät, sei die Mehrheit dafür, sagt Anna Zülch. Um das zu erreichen, müssten die Brückenfans allerdings die Kulturbehörde überzeugen. „Oder eben solche Aktionen machen“, meint Anna Zülch. „Es geht wohl nicht anders.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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