Recht auf Stadt

„Auf die Barrikaden!“, fordert ein Bündnis von Hamburger Initiativen (unter anderem die Sozialpolitische Opposition SOPO, der Verein Mieter helfen Mietern, das Stadtteilbüro Mümmelmannsberg und das Uebel&Gefährlich) und will am heute bei „Der Parade“ das Recht aller auf die Stadt demonstrieren.

Sie fordern: Die Stadt gehört allen und muss für alle bezahlbar sein.

Aus dem Aufruf zur Recht-auf-Stadt-Parade:

Wir wollen über Wünsche reden: In was für einer Stadt möchten wir eigentlich leben? Wer entscheidet, was gebaut wird, wie wir uns fortbewegen und wer sich wo aufhalten darf? Wie hoch dürfen die Mieten sein? Wie umweltfreundlich ist diese Stadt? Und wie kinderfreundlich? Wie wird die Energie gewonnen, die in der Stadt verbraucht wird?

Viele Menschen in Hamburg stellen sich bereits diese Fragen und werden aktiv. Wir sind viele und es werden täglich mehr. Reiht euch ein, bringt eure Nachbarinnen und Nachbarn mit. Seid dabei, wenn wir bei der ‚Recht auf Stadt‘-Parade unseren vielfältigen Protest auf die Straße tragen. Wir bleiben unkalkulier- und unplanbar!

Parade

Weitere Infos unter: www.rechtaufstadt.net

Bildergalerie: Hinz&Kunzt-Weihnachtsfeier

Mit Grünkohl und Kassler, dem Zauber-Musiker-Duo Jan und Birger, dem Sänger Andreas Ellermann und 200 Hinz&Künztlern haben wir in der Barmbeker Bugenhagenkirche Weihnachten gefeiert.

Sehen Sie selbst!

Gleich geht´s los! Die Tische in der Bugenhagenkirche sind gedeckt. Plätzchen und Getränke warten auf die Hinz&Künztler (Danke an die Shell-Mitarbeiter fürs Backen, an Wiebold Confiserie ElmshornLemonAid Beverages GmbH und Hansa Mineralbrunnen!)
Gleich geht´s los! Die Tische in der Bugenhagenkirche sind gedeckt. Plätzchen und Getränke warten auf die Hinz&Künztler
Erstmal Essen: Es gibt Grünkohl und Kassler...
Erstmal Essen: Es gibt Grünkohl und Kassler zum Abendmahl.

TV-Tipp: Günter Wallraff auf Platte

Undercover ermittelte er schon so manchen Skandal: Der Journalist Günter Wallraff. Im Sommer dieses Jahres war er als Senegalese Kwami Ogonno in Deutschland unterwegs. Im vergangenen Winter schlug er sich als Obdachloser in mehreren Städten Deutschlands durch.

Heute, Dienstag, um 21 Uhr zeigt das ZDF eine Dokumentation über das, was er auf der Straße erlebte. Mehr Infos

Virtuelle Spendenparty

Schenken macht Spaß

Etwas ­Passendes aussuchen und es hübsch verpacken gehören genauso dazu wie die Absicht, jemandem eine Freude zu machen. Beim Spenden für den guten Zweck fehlt das – bisher!
Denn ab jetzt können Sie unter www.thewish.hinzundkunzt.de Ihre Spende an Hinz&Kunzt mit einem Weihnachtsgruß oder guten Wünschen für die Hinz&Künztler abgeben.

Dann hängen Sie das ganze virtuell auf und erzählen per Klick Ihren Freunden über soziale Netzwerke im Internet, was sie gerade getan haben und laden sie ein, es nachzumachen.
So kann es eine richtige Spen­den-Party werden, die garantiert mehr Spaß macht, als das bloße Ausfüllen eines Überweisungsträgers.

thewish

Erfunden und für Hinz&Kunzt realisiert hat das ganze „Antswithfriends“ (www.antswithfriends.net), ein ­Netzwerk aus Online-Experten.

Hornköppe spielen Stadtmusikanten

Es wird ernst: Ein halbes Jahr, nachdem die Hornköppe sich zum ersten Mal getroffen haben, stehen sie jetzt so richtig auf der Bühne.

Den ersten Durchlauf mit Kulissen, Kostümen und vor Publikum spielen die wohnungslosen Laienschauspieler vor Bewohnern der fördern und wohnen-Senioreneinrichtung in Groß Borstel. Die Senioren freuen sich über einen abwechslungsreichen Abend und eine originelle Interpretation des Märchens von den Bremer Stadtmusikanten – und nehmen es den Laienschauspielern kein bißchen übel, dass für die ein oder andere Szene vor der großen Premiere noch geprobt werden muss. Wir waren beim Kostüm-und-Kulissen-Durchlauf dabei…

DAS STÜCK

Die Fabel von den bremer Stadtmusikanten wird bei den Hornköppen zur Geschichte einer Hausbesetzung:

Spitzenköche für Hobbyköche

Johann Lafer und Co. haben Rezepte gestiftet, um mit einem Kochbuch Kindern in Malawi zu helfen.

Wir von Hinz&Kunzt sind ja große Koch- und Köchefans (siehe unsere drei Sonderhefte Hamburger KochKunzt, Hamburger Schokoladenseiten und Hamburger Naturkost)

TNT Post Kochbuch Spitzenköche für Hobbyköche_TitelseiteDeswegen finden wir diese Idee gut: „Spitzenköche für Hobbyköche“ – ein Kochbuch mit 52 Rezepte aus aller Welt von Meisterköchen wie Johann Lafer, Alfons Schuhbeck und Steffen Henssler oder Molekularmeister Ferran Adria.

Der Erlös aus dem Verkauf der Bücher geht an das UN World Food Programme. Pro verkauftem Buch können in Malawi 40 Mahlzeiten für Kinder zubereitet werden.

Das Kochbuch gibt es exklusiv und versandkostenfrei im Internet bei www.buecher.de und www.spitzenkoeche.org für 9,95 Euro.

Mütter hinter Gittern

Richter kritisiert harten Kurs im Strafvollzug

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 220)

Hochschwangere kommen wegen kleiner Delikte ins Gefängnis – und müssen während der Haft entbinden. Junge Mütter, die Geldstrafen nicht bezahlt haben, werden von ihren Babys getrennt und eingesperrt. Horst Becker, Vorsitzender Richter am Landgericht und ehemaliger Leiter der Gnadenabteilung, hält diese neue Praxis in Hamburg für unangemessen und herzlos.

Marianne K.* hatte sich gefreut auf ihr Baby. Trotz allem. Denn die junge Frau ist drogenabhängig. Sie wird substituiert, kann aber noch nicht ohne eine Zusatzdroge leben. Aber sie hat Unterstützung: vom Jugendamt und von IGLU, die sich um drogenabhängige Mütter und ihre Kinder kümmern. Für die Zeit nach der Geburt war alles geplant. Das Baby sollte in einem Kinderschutzhaus leben, Marianne in der Nähe. Sie wollte es immer besuchen, bis sie soweit wäre, sich alleine um ihr Kind zu kümmern.

Auch Bea W.* ist drogenabhängig und wird substituiert. Auch sie entband im Oktober. IGLU und das Jugendamt halten sie für so stabil, dass sie – betreut – mit ihrem Baby zusammenleben kann.

Die Kinder kamen – wie häufig bei drogenabhängigen Müttern – zu früh auf die Welt und litten unter Entzugserscheinungen. Im Kinderkrankenhaus Altona, das spezialisiert ist auf diese Symptome, mussten sie stationär behandelt werden. Die Mütter besuchten sie. Eine Phase, die für die Mutter-Kind- Bindung entscheidend ist.

Noch in dieser Zeit wurden beide Frauen bei einer Personenkontrolle festgenommen. Gegen beide lag ein Haftbefehl vor – weil sie Geldstrafen nicht bezahlt hatten. Nicht bezahlen konnten. Obwohl sie frisch entbunden hatten und obwohl ihre Babys noch im Krankenhaus waren, wurden sie im Oktober – nur wenige Tage nacheinander – ins Untersuchungsgefängnis gebracht.

Inzwischen sind beide Frauen in den Frauenknast Hahnöfersand überstellt worden. Noch im UG stellten sie ein Gnadengesuch, die erst Ende November positiv entschieden wurden.

„Ich kann mich nicht entsinnen, dass eine Frau, deren Baby bei uns stationär behandelt wurde, einfach verhaftet worden wäre“, sagt Dr. Michael Bentfeld vom Kinderkrankenhaus Altona. Schließlich sei man doch dabei gewesen, gemeinsam Perspektiven zu entwickeln, auch wenn die Situation an sich schon schwierig sei.

Fast zeitgleich wurden drei hochschwangere Frauen in Untersuchungshaft genommen. Während ihrer Haftzeit entbanden sie und saßen dann mit ihren Babys im Knast. Eine von ihnen war auf frischer Tat beim Dealen erwischt worden, die andere hatte wiederholt Diebstähle begangen. Eine konnte ebenfalls ihre Geldstrafe nicht bezahlen, wie Kai Nitschke, Sprecher der Justizbehörde, bestätigte. Weil sie keinen festen Wohnsitz hatten, bestand nach Meinung des Haftrichters Fluchtgefahr.

Regelrecht „gefährlich“ findet IGLU-Mitarbeiterin Birgit Meyer die Situation der Frauen, die während ihrer Untersuchungshaftzeit entbunden haben und ihre Babys mit in die Zelle nehmen durften. „Natürlich ist das besser, als von den Babys getrennt zu werden“, sagt sie. „Aber die Behandlung von Säuglingen, die einen Entzug durchmachen, erfordert ganz besondere Bedingungen.“

Immerhin so besonders, dass es in Hamburg nur drei Kliniken gibt, die auf diese Behandlung spezialisiert sind, bestätigt Dr. Bentfeld. „Die Babys sind sehr empfindlich. Sie brauchen aufwändige medikamentöse und pflegerische Betreuung. Das kostet sehr viel Kraft“, so der Arzt. „Bis hin zu den Lichtverhältnissen muss alles stimmen – und sie brauchen viel Ruhe.“

„Ich erwarte ja gar nicht, dass den Frauen ihre Strafe erlassen wird, aber man könnte sie doch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben“, so IGLU-Mitarbeiterin Birgit Meyer.

Natürlich gab’s auch früher schon werdende Mütter im Knast. Nur ging man damals anders mit dem Problem um. „Selbstverständlich haben wir werdende Mütter vor der Entbindung entlassen, und selbstverständlich mussten werdende Mütter oder Mütter mit Kleinstkindern nicht in den Knast“, sagt Horst Becker, ehemaliger Leiter der Gnadenabteilung und der Sozialen Dienste der Justiz. Die Gnadengesuche seien innerhalb von ein bis drei Tagen, manchmal noch am selben Tag entschieden worden. „Wir haben immer eine Lösung gefunden, die sich am Wohl des Kindes orientiert hat, und zwar immer im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft und der Strafanstalt.“ In Hamburg habe die Gnadenabteilung übrigens nicht anders gehandelt als in anderen Bundesländern.

Worauf die Richter allerdings penibel achteten: „Dass Mutter und Kind nach der Strafunterbrechung oder der einstweiligen Einstellung der Strafvollstreckung intensiv sozialpädagogisch betreut werden.“ Wie heute auch habe es sich „meist um randständige Frauen“ gehandelt, die ihre Geldstrafen nicht zahlen konnten oder eine kurze Freiheitsstrafe wegen Bagatell- oder Beschaffungskriminalität verbüßen mussten.

Seine Entscheidungen habe er nie bereut. „Ich habe nie gehört, dass wir eine Fehlentscheidung getroffen haben“, sagt der 53-Jährige. Der jetzige Senat reagiere selbst in diesen Fällen mit gnadenloser Härte. „Dass jetzt bereits Kleinkinder zu Opfern der Strafvollstreckung werden, zeigt, wie wenig Herz der Senat für Kinder hat.“

Der jetzige Vorsitzende der Großen Strafkammer 7 ist froh, dass er im April die Leitung der Gnadenabteilung niedergelegt hat. „Ich konnte das alles nicht mehr mitmachen.“ Gnade, so seine Meinung, „gibt es in Hamburg nur noch auf dem Papier“.

Birgit Müller

* Name geändert

Einer für den anderen

Kabarettisten-Julklapp für Flüchtlingskinder

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezemer2002)

Julklapp ist eine schöne Sache, weil es einen zwingt, sich ernsthaft mit seinen Mitmenschen zu beschäftigen. Man zieht einen Zettel, auf dem zum Beispiel der Name der Kollegin steht, und muss sich plötzlich fragen, worüber die sich zur Weihnachtsfeier denn wohl freuen würde. Dieser Gedanke inspirierte auch Lisa Politt von „Herrchens Frauchen“.

Gemeinsam mit einem Dutzend Kabarettisten-Kollegen veranstaltet sie in diesem Jahr eine Art Kunst-Julklapp. Im Vorfeld des Abends zieht beispielsweise der Sänger und Songwriter Eddy Winkelmann den Namen der legendären Prinzessin von Barmbek, Andrea Bongers, und muss ihr ein Lied schreiben, das sie dann vortragen kann. Frau Bongers wiederum könnte die heikle Aufgabe zufallen, dass sie ein Stück für den Polit-Kabarettisten Thomas Ebermann vorbereiten muss. „Ich mache alles, aber singen bestimmt nicht“, hat der, ebenso wie sein Kollege Rainer Trampert, schon mal vorsorglich angekündigt. Was er stattdessen zum Besten geben wird, wer welchen Zettel mit wel-chem Namen gezogen hat, und was sich Stefan Gwildis möglicher-weise für Gunter Schmidt ausgedacht hat, bleibt die Überraschung des Abends.

Fest steht, dass am Ende eine kabarettistische Revue mit dem Titel „Ein Stück in ihren Schuhen“ entstanden ist. Der Titel leitet sich von der alten Indianer-Weisheit ab: „Beurteile nie einen anderen, bevor Du nicht einen Tag in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Das wollen die beteiligten Künstler nicht nur für ihre eigene Arbeit in Anspruch nehmen, sondern durchaus politisch verstanden wissen, denn mit dem Erlös ihrer Julklapp-Revue werden jugendliche Flüchtlinge in Hamburg unterstützt.

Wie es ist, in deren Schuhen zu laufen, kann sich vermutlich kaum jemand vorstellen: Unter traumatischen Bedingungen sind sie Krieg und Hungerkatastrophen entronnen, um dann, „getrennt von ihren Familien in einer Bürokratie zu landen, die ihnen misstrauisch und ablehnend begegnet“, sagt Gunter Schmidt von Herrchens Frauchen. Nicht nur, dass die Kinder ständig von Abschiebung bedroht sind, es fehle ihnen auch im Alltag an allem, was sonst als Selbstverständlich-keit im Leben eines Jugendlichen gilt: Bildung, ein sicheres Zuhause und ab und an eine neue Jeans.

Die unbegleiteten Flüchtlinge haben, sagt Gunther Schmidt, per Gesetz nur das Recht, zwei Jahre zur Schule zu gehen. „Für Schulbücher bekommen sie gerade mal 15 Euro pro Jahr.“ Auch eine Arbeitserlaubnis, die sie bräuchten, um eine Lehre zu machen, würden sie in der Regel nicht bekommen.

Im vergangenen Jahr haben „Herrchens Frauchen“ und ihre Kollegen mit einer Benefizaktion soviel Geld gesammelt, dass in der Jugend-wohnung der Flüchtlinge ein Computer mit Internetanschluss angeschafft werden konnte – oft die einzige Möglichkeit, mit der Heimat Kontakt aufzunehmen. Gerade jetzt, wo die Sparmaßnahmen im Bund und in der Hansestadt die Situation zusätzlich verschärfen, will „Ein Stück in ihren Schuhen“ nicht nur Geld locker machen, sondern auch dazu beitragen, dass man sich mal wieder ernsthaft mit seinen Mitmenschen beschäftigt.

Sigrun Matthiesen

Der Chef vom Weihnachtsmann

Hein Gas präsentiert: Menschen in der 2. Reihe

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Bambi, Oskar, Bundesverdienstkreuz – immer werden die ausgezeichnet, die sowieso schon im Rampenlicht stehen. In unserer Serie stellen wir „Menschen in der 2. Reihe“ vor. Diesmal: Weihnachtsmann Werner Killian.

Der Jüngste der Familie versteckt sich hinter seiner Mutter. Seit Wochen freut er sich auf den berühmten Besuch. Aber als der leibhaftig im Wohnzimmer steht, ist er für den Jungen nur ein fremder, bärtiger Mann, der zu allem Überfluss einen riesigen Sack aufhält. Dem großen Bruder ist es zu verdanken, dass es keine Tränen gibt. Der geht schon zur Schule und hat vor fast gar nichts mehr Angst. An seiner Hand traut sich der Jüngere hervor.

Der Weihnachtsmann, unter dessen weißen Brauen etwas zu junge Augen blitzen, schlägt sein „goldenes Himmelsbuch“ auf. Dort liest er, dass der Kleine zu viele Süßigkeiten isst. Mami lächelt zufrieden – als hätte sie selbst dafür gesorgt, dass der Hinweis ins Himmelsbuch aufgenommen wird. Eltern können grausam sein. Aber als die Geschenke aus dem Sack verteilt werden, ist sowieso alles egal. Der Gescholtene zieht sich in eine Ecke zurück, das Geschenkpapier fliegt in Fetzen durch die Luft, und der Weihnachtsmann ist komplett vergessen.

Nach ein paar Minuten drängt Papi, weil er nur für eine Viertelstunde bezahlt hat: „Der Weihnachtsmann muss gleich weiter, kommt doch noch mal her.“ Schließlich soll der Junior das Tannenbaumbild nicht umsonst gemalt haben. Der Bärtige bedankt sich, lehnt den Schnaps zum Aufwärmen ab – auch Rentierschlitten lenken sich nicht von allein – und ist wieder auf der Straße.

Weihnachtsmann Werner Killian muss sich sputen. Das nächste Kind wartet ein paar Straßen weiter. Die Adresse steht im Himmelsbuch, einem alten in Goldpapier eingeschlagenen Fotoalbum, Killians Tochter hat es mit ein paar Aufklebern verziert. Bei der Adresse ist auch vermerkt, wo vorm Haus die Eltern die Geschenke versteckt haben. Der Weihnachtsmann springt in seinen dunkelblauen Golf und reißt den Bart runter: „Der ist beim Autofahren zu warm, da beschlagen sofort die Scheiben. Aber man muss aufpassen, dass die Kinder nicht am Fenster stehen und das mitkriegen.“ Am 24. Dezember, dem stressigsten Tag im Jahr, fährt er manchmal einen heißen Reifen. Auch wenn die anderen Verkehrsteilnehmer den rasenden Santa Claus irritiert angucken.

Wie er flitzen an diesem Abend 20 weitere Weihnachtsmänner auf minutiös durchgeplanten Touren durch Hamburg. Killian hat sie eingestellt, als das „Weihnachtsmann-Geschäft“ vor ein paar Jahren zu boomen begann. Die „heiße Phase“ beginnt am Mittag. Killian hat einen großen Raum in der Nähe seiner Wohnung gemietet. Alles liegt hier voller Mäntel und Bärte, Rot und Weiß, wohin man schaut. Nur der „Glücksmantel“ vom Chef ist nicht mehr weiß, sondern rosa gefüttert. „Ich habe die Mäntel zum ersten Mal selbst gewaschen, und außgerechnet meiner verfärbt sich!“, ärgert er sich. Das Kostüm bedeutet ihm viel, er trägt es seit 15 Jahren bei jedem Auftritt.

Damals besuchte er nur ein paar Familien in Pinneberg. Heute steht er zwischen seinen 20 Weihnachtsmännern, die überall nördlich der Elbe auf Tour gehen. Seine Frau schminkt im Akkord: das Gesicht braun, die Wangen rot. Auf die Augenbrauen schmiert sie Deckweiß aus dem Farbenkasten der Tochter. Deckweiß verläuft nicht, egal wie viel geschwitzt wird.

Denn beim ersten Auftritt haben alle Lampenfieber, und viele sind zum ersten Mal dabei. Weil Killian seine Männer von der Uni rekrutiert, gehen sie oft nur einmal mit auf Tour. „Wenn ich im nächsten Jahr wieder anrufe, durchwandert der eine gerade eine Wüste, der nächste ist fertig mit dem Studium oder längst in eine andere WG gezogen, und keiner kann mir die Adresse sagen“, so Killian.

Eines fällt auf: Viele der Studenten, die sich hier in Weihnachtmänner verwandeln, sind türkischer Abstammung. Denn als Moslems müssen sie den Weihnachtstag nicht bei ihrer Familie verbringen. Außerdem ist Killian mit den Weihnachtsmännern vom Bosporus sehr zufrieden: „Die türkischen Männer können oft besser mit Kindern umgehen als die deutschen.“

Kurz vor 16 Uhr geht es los, die Weihnachtsmänner verlassen das Haus. Jeder wirft noch einen Blick auf die Zubehör-Check-Liste, die Killian an die Tür gepinnt hat („Bart? Sack? Himmelsbuch?“). Zu oft ist es vorgekommen, dass einer seiner Weihnachtsmänner ohne Sack mit Geschenken vor den Kindern stand.

Jetzt kann Killian nur noch hoffen, dass alles gut geht. Zwar muss vorher jeder seine „Weihnachtsmannschule“ durchlaufen, Videos von gelungenen Darbietungen ansehen und dem Chef ein paarmal den Weihnachtsmann vorspielen. Aber auf die eigentliche Herausforderung wird niemand vorbereitet: das Hamburger Familienleben, das zu Weihnachten an einem dünnen Faden hängt. Hinter jeder Haustür erwartet den Weihnachtsmann etwas anderes. Meist stehen Killian und seine Leute in geschmückten Wohnzimmern, vor herausgeputzten Familien und festlich gedeckten Tafeln.

Aber es ist auch schon vorgekommen, dass ein Vater im Unterhemd und mit einer Dose Bier in der Hand die Tür geöffnet hat. Oder die Mutter ohne Kinder da saß, weil ihr geschiedener Mann die zu Weihnachten nicht rausgerückt hat. Schwierig, da Feststimmung zu verbreiten.

Der Vortrag aus dem Himmelsbuch hat auch seine Tücken. Telefonisch wird mit den Eltern abgesprochen, was das Kind zu hören kriegt. Leicht ist es, wenn nur Kleinigkeiten beanstandet werden sollen: Geh früher zu Bett, schau nicht so viel fern, konzentrier dich mehr in der Schule. Aber manche Familien faxen mehrere Din-A-4 Seiten mit Unarten durch, bei denen eigene Erziehungsbemühungen scheitern. Killian macht nicht alles. Einem kleinen Jungen sollte er Grüße vom kürzlich verstorbenen Vater übermitteln. Da hat er sich geweigert.

Wehe, einer der Weihnachtsmänner verspätet sich. Dann steht in Killians Wohnung das Telefon nicht still. Und irgendeine Tour geht jedes Jahr schief. Ein Himmelsbuch bleibt liegen, der Sack wird vergessen, das Auto gibt den Geist auf. Oder der Verkehr macht der Zeitplanung einen Strich durch die Rechnung. Vor allem wenn es mal schneit.

„In vielen Familien ist Weihnachten genau durchgeplant. Erst kommen die Großeltern, dann geht’s in die Kirche, danach kommt der Weihnachtsmann, und dann wird gegessen. Da darf nichts durcheinander geraten“, so der 43-Jährige. Den wüsten Anrufen mit Kinderweinen im Hintergrund entgeht der Chef der Weihnachtsmänner, weil er selbst unterwegs ist. Bis er heimkommt, haben sich die Gemüter wieder beruhigt.

Den Spaß an der Arbeit hat Werner Killian nie verloren: „Wenn man ins Wohnzimmer kommt, steht man oft in einem richtigen Blitzlichgewitter, da fühlt man sich wie ein kleiner Star. Und alle freuen sich auf dich, das ist schon toll.“

Obwohl es der arbeitsreichste Tag im Jahr ist – mit seiner Tochter feiert er auch noch, „kurz, aber intensiv“. Sie ist sechs und glaubt an den Weihnachtsmann. Zwar weiß sie, dass ihr Vater ihm zur Hand geht, weil es so viel zu tun gibt. Aber der, der jedes Jahr bei der Bescherung zu ihr kommt, ist der Echte. Dafür hat sie den Beweis, schließlich sitzt Papa auf dem Sofa.

Marc-André Rüssau

(K)ein Tag wie jeder andere

Weihnachten auf der Platte

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Es wird wohl so sein wie immer am 24. Dezember. Morgens herrscht eine riesen Hektik in der City. Gegen Mittag verschwinden die Menschen. Ruhe senkt sich über die Straßen. Zurück bleiben die, die dort „wohnen“. Hinz & Künztler erzählen.

Für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere“, behauptet Motte. Und wie der 53-Jährige das so sagt, sieht er auf einmal irgendwie wehmütig aus. Klar, da kochen sein Kumpel Peter und er was Besonderes. Gulasch und Rotkohl beispielsweise, und klar, da wird der Platz vor C&A geschmückt mit einem Tannenzweig und Teelichtern. „Aber sonst“, Motte schüttelt entschieden den Kopf, „sonst ist alles wie immer.“

Babsi steht in der Küche ihrer Einzimmerwohnung in der Ritterstraße. Der Duft des Puters, der im Backofen schmort, breitet sich in der ganzen Wohnung aus. Die Hinz & Kunzt-Verkäuferin hat es geschafft. Seit drei Jahren hat die 47-Jährige wieder eine Wohnung. Mehr als fünf Jahre hat sie vorher zusammen mit ihrem Freund „Platte“ gemacht – vor dem Briefmarkengeschäft in der City. Babsi beobachtet den Puter, bereitet die Kartoffeln und das Rotkraut vor. Neben ihr steht eine Büchse Bier. Nicht die erste an diesem Morgen. „Ich bin schon froh, dass ich nur noch Bier trinke“, sagt sie. Auch an Weihnachten will sie das durchhalten. Ob sie’s schaffen wird? Mitte Dezember hat ihre Mutter Geburtstag. Da fährt Babsi immer zu ihr nach Bremen. Und von dem Moment an sitzt ihr die Familie im Nacken – mental. Ihre beiden Jungen sind Anfang 20. Mit dem Ältesten telefoniert sie – manchmal.

„Weihnachten ist dazu da, sich dicht zu saufen und die drei Tage schnell zu vergessen“, sagt Peter. Der 48-Jährige kommt vom Dorf, aus einer Großfamilie. Eigentlich, so hat der Katholik gelernt, war Weihnachten „das Fest der Besinnlichkeit und der Familie“. Wunderschön sei das gewesen. Mit Großeltern, Eltern und Geschwistern saßen sie rund um den Tisch. Peter lächelt. „Da wurde getafelt, nur vom Feinsten.“ Dann verdüstert sich sein Gesicht. Im Dezember 1999 starb seine Frau an Leukämie. „Dahingesiecht ist sie, überall diese Schläuche – da hab ich angefangen, mir die Kante zu geben.“ Peter macht eine wegwerfende Handbewegung. „Seitdem mache ich Platte, und seitdem hat Weihnachten keine Bedeutung mehr für mich.“ Um die bösen Gedanken zu verscheuchen, zeigt er auf Motte, mit dem er Platte macht. „Er kriegt ne Dose Bier und ich ne Flasche Schnaps.“ Peter lacht – eine Spur zu laut.

„Weihnachten ist das Fest der Heuchler“, sagt Rolf bitter. „Da gehen alle einmal im Jahr in die Kirche, und das wars.“ Natürlich kriegen auch Obdachlose an jenem Tag mehr als sonst. Oft sind es dieselben Menschen, die sonst grußlos an ihm vorübergehen, die ihn plötzlich ansprechen, ihm ein schönes Fest wünschen. Das verletzt Rolf. „Da ist plötzlich das Herz offen, sonst nicht.“ Zu viel will der 42-Jährige aber nicht über Weihnachten nachdenken. Das macht ihn traurig. Vier Kinder hat er. Kontakt hat er keinen mehr zu ihnen. Seine Stimme wird etwas weicher. „Früher haben wir zusammen gefeiert, richtig mit Gedichte aufsagen und allem drum und dran. Und wir sind in den Michel gegangen, wenn Heinz Rühmann dort gelesen hat.“

„Na ja“, sagt Motte und wiegt bedächtig den Kopf. „Weihnachten, das schlägt schon auf die Stimmung.“ Er will es gar nicht, aber plötzlich schieben sich andere Bilder vor sein inneres Auge. „Meine Frau“, sagt er und schluckt. „Der Tannenbaum – meine Töchter – wie sie fröhlich auf ihre Trommeln schlagen und um den Baum laufen.“ Vor zwölf Jahren starb seine Frau. Damals ging es mit ihm bergab. Seine Töchter sieht er kaum noch. Neulich war er kurz in Berlin zur Einschulung seiner Enkelin. Aber Weihnachten, da will er mit seiner Familie nichts zu tun haben. „Die leben ihr Leben, ich leb meins.“ Lieber den Kontakt nicht zu eng werden lassen. „Sie sollen nicht erfahren, dass ich auf der Straße lebe“, sagt Motte leise.

Der Puter ist fertig. Der Duft – einfach großartig. „Das Rezept stammt noch von meiner Omi“, sagt Babsi. Der Puter muss verpackt werden, die Kartoffeln, das Rotkraut. Die Soße darf nicht auslaufen. Jetzt aber schnell. Schließlich soll das Mahl warm auf die Platte kommen. Die Wahlverwandtschaft wartet schon: Motte, Peter, Rolf und die anderen. „Auch wenn ich jetzt eine Wohnung hab“, sagt sie. „Ich lass die doch nicht im Stich!“ Babsi lächelt, wenn sie an das Straßenmahl denkt. „Oft sind wir zehn Leute und mehr.“

Ganz egal ist Weihnachten ihm doch nicht, sagt Peter. Er hat sogar Einladungen. „Aber da fühle ich mich bloß geduldet.“ Auf der Straße dagegen ist er irgendwie zu Hause. „Wir sind ja auch so eine Art Großfamilie.“ Deshalb freut er sich auch schon auf Babsi und die anderen – und auf den Puter.

Die Kerze muss unbedingt angezündet werden, sagt Rolf. Nicht nur wegen der Feierlichkeit. „Für die gestorbenen Kollegen.“ Einen Moment lang schweigt er. „Besinnlichkeit auf Platte ist auch möglich. Zumindest solange man nicht allein ist. Und das sind wir ja zum Glück nicht.“

bim/abi/mar