Tanzen gegen die Armut

Jugendliche aus Kolumbien zum Workshop auf Kampnagel

(aus Hinz&Kunzt 117/November 2002)

Álvaro Restrepo ist Kolumbiens bekanntester Tänzer. Statt international Karriere zu machen, hat er sich entschlossen, Kinder und Jugendlichen aus Cartagenas Elendsviertel im zeitgenössischen Tanz zu unterrichten. Jetzt tritt ein Teil der Truppe auf Kampnagel auf.

Santiago wischt sich den Schweiß mit dem rechten Arm von der Stirn. Lächelnd nimmt er den Beifall der anderen entgegen, die ihn für sein Solo feiern. „Immer hatte ich Hunger“, heißt es da, und die Kette und der Bilderrahmen, mit denen er tanzt, sind Symbole für eine gefesselte Jugend. Eine Jugend, die sich nicht entfalten darf.

Santiago stammt aus Kolumbien, aus Cartagena de las Indias, und begann vor fünf Jahren, seinen eigenen Körper und dessen Ausdrucksfähigkeit zu entdecken. „Der Tanz hat mein Leben und mein Denken verändert“, sagt der 19-Jährige mit den kurzgeschorenen dunklen Locken. „Ich habe gelernt, nicht nur meinen eigenen, sondern auch den Körper der anderen zu respektieren.“

Keine Selbstverständlichkeit in einem von Bürgerkrieg, Selbstjustiz und Wirtschaftskrise geprägten Land. Und Cartagena, wo Santiago geboren ist, gilt landesweit als die Stadt mit der höchsten Flüchtlingsquote. Jeder siebte der rund 700.000 Einwohner ist auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in der Karibikstadt gestrandet – vor allem Frauen und Kinder, die sich oft ohne jede Hilfe eine neue Existenz aufbauen müssen.

Die meisten von ihnen leben im Barrio Nelson Mandela, dem riesigen Flüchtlingsviertel der Hafenstadt. Das Geld für die Schuluniform, die Hefte und Stifte ist da oft nicht drin. „In Nelson Mandela müssen viele Kinder zum Unterhalt der Familie beitragen“, erzählt Yorneis, ein Kollege von Santiago. „Sie verkaufen in den Straßen Essen oder Kaugummis.“ Respekt vor dem Körper ist da eher selten. Das Leben ist oft reiner Überlebenskampf – vor allem bei den Straßenkindern.

Diese Kinder und Jugendliche sind es, die das von Álvaro Restrepo gegründete Colegio del Cuerpo (Schule des Körpers) besuchen und dort zum Tanzen animiert werden. „Der gemeinsame Tanz ist wie eine Ruhepause von Elend und Angst für die Kinder“, sagt Santiago.

Das Colegio ist ein einzigartiges Projekt in Kolumbien und allein dem Engagement von Álvaro Restrepo zu verdanken. Der kleingewachsene Mann genießt einen exzellenten Ruf in der internationalen Tanzszene. Trotzdem hat er sich gegen eine Karriere und für den Aufbau seiner Schule entschieden. Für Restrepo kein Widerspruch, denn für ihn gehört „die soziale Arbeit zu den zentralen Aufgaben eines aktiven Künstlers“.

Schon als junger Mann arbeitete er in Bogotá mit Straßenkindern. Dann entdeckte er den Tanz, brach sein Studium der Philosophie und Literatur in Bogotá ab und studierte in New York zeitgenössischen Tanz. Doch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ließ den 44-Jährigen nie los, und als er 1991, nach zehn Jahren im Ausland, nach Kolumbien zurückkehrte, kam er mit dem festen Ziel, in Cartagena seine eigene Schule aufzubauen.

Einige Jahre sollte es allerdings noch dauern, bis der Traum in Erfüllung ging. Für die Anschubfinanzierung sorgte der Bürgermeister, für Räume eine private Stiftung, und über einen Kooperationsvertrag mit einer großen Schule, dem Colegio Inem, kamen die Schüler. „480 waren es am Anfang, das war 1997. Mit 90 von ihnen haben wir begonnen, systematisch zu arbeiten“, erinnert sich Wilfram Barrios, die rechte Hand Restrepos.

Aus nahezu allen Stadtvierteln Cartagenas kommen die insgesamt 20 Schüler, die nahezu alle seit fünf Jahren am Colegio zeitgenössischen Tanz lernen. Zu ihnen gehört auch Santiago, der von einer internationalen Tanzkarriere träumt und nur zu gern in Europa bei einer Kompanie anheuern würde. „Wenn ich professionell tanzen will, habe ich in Kolumbien keine Chance, denn moderner Tanz ist dort weitgehend unbekannt“, gibt sich Santiago realistisch.
Der ausdrucksstarke Tänzer stammt aus einer Mittelklassefamilie. Sein Vater ist Lithograph, die Mutter arbeitet als Verwaltungsangestellte im Gesundheitssystem. Damit kommt er aus besseren Verhältnissen als viele seiner Tanzkollegen aus der „Grupo Piloto Experimental“.

Yorneis stammt hingegen aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater ist Arbeiter, seine Mutter Hausfrau. Erst als sie eine Vorführung des Colegio besuchten, begriffen sie, was ihr Junge hier lernt und was es ihm bedeutet. „Vorher haben sie mich immer gefragt, ob ich heute Cumbia oder Vallenato getanzt habe“, sagt Yorneis lachend. Doch mit den beliebten kolumbianischen Populärtänzen hat der sympathische 16-Jährige genauso wenig am Hut wie die übrigen Mitglieder der Kompanie.

Rund 100 Kinder aus Nelson Mandela sind es, die einmal pro Woche gemeinsam mit Restrepo und seinen Schülern tanzen. Weitere 100 kommen aus anderen Armenvierteln der Stadt. „Es ist in einem Land wie Kolumbien besonders wichtig, den Körper als eigenes Territorium zu entdecken und zu entfalten. Inneren Frieden zu finden ist die Vorraussetzung, um Frieden innerhalb der Gesellschaft zu säen“, sagt der mager wirkende Mann mit der schmucklosen Nickelbrille.

Pasión, Leidenschaft, gehört für ihn zum Tanzen. „Ohne Leidenschaft und Begeisterung ist das Leben nur die Hälfte wert“, sagt Restrepo, der aus den Kindern und Jugendlichen seinen Enthusiasmus schöpft: „Für mich sind sie menschliche Diamanten, die nur ein wenig Hilfe brauchen, um zu strahlen. Poliert man sie nicht, dann entwickeln sie sich vielleicht wie so viele, die in den Krieg ziehen oder in die organisierte Kriminalität.“

Klar ist Restrepo, dass nicht alle Schüler Profi-Tänzer werden können. Aber für einige ist es eine reale Perspektive. Die Kooperation mit dem Tanzzentrum im französischen Angers ist deshalb besonders wichtig. Zwei bis drei Jahre sollen sich die Mitglieder der „Grupo Piloto“ nach ihrem Schulabschluss in Frankreich weiterqualifizieren. Die einen als Tänzer, die anderen als Choreograph, Theatertechniker oder Kostümschneider. Aber auch Schnupperkurse in Tanztherapie, Dokumentation oder Presse kann sich Restrepo gut vorstellen.
Knut Henkel

Konto für jedermann

Schuldnerberater starten neue Kampagne

(aus Hinz&Kunzt 117/November 2002)

Gerade wer Schulden mit sich herumschleppt, benötigt ein Girokonto – jede Bareinzahlung ist teuer. Doch immer wieder kündigen oder verweigern Geldinstitute Betroffenen eine Bankverbindung, aufwändig ist die Betreuung und nicht lukrativ. Deshalb startet die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) eine Kampagne. „Die Banken bagatellisieren das Problem“, so die Schuldnerberater. Zwar erklärten die Geldinstitute bereits 1995 in einer „freiwilligen Selbstverpflichtung“, auf Wunsch jedem Bürger ein Konto auf Guthabenbasis einzurichten. Doch sieht die Praxis oft anders aus. Nun sammeln die Berater bundesweit Fälle, um ihrer Forderung „Recht auf Girokonto“ Nachdruck zu verleihen.

Auch in Hamburg mehren sich Klagen über die Geschäftspolitik der Banken. Seitdem Anfang des Jahres die Pfändungsfreigrenzen angehoben wurden, kommen „vermehrt Ratsuchende, denen das Konto gekündigt wurde“, so Maj Zscherpe, Leiterin der städtischen Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle (ÖRA). Sie will ebenfalls Fälle sammeln und notfalls eine gerichtliche Grundsatzentscheidung für Hamburg herbeiführen.

„Die Situation ist keineswegs so aussichtslos, wie viele Betroffene befürchten“, erklärte die Sozialbehörde. Menschen mit geringem Einkommen hilft die ÖRA kostenlos (Holstenwall 6, Tel. 42843-3071 oder –3072). Rat gibt auch die Verbraucherzentrale (Termine unter Tel. 24 83 20).
Wer den Weg scheut, wendet sich an die Beschwerdestelle seiner Bank oder an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Graurheindorferstr. 108, 53117 Bonn) und bittet, an die Selbstverpflichtung zu erinnern. Kontodaten und Kündigungsschreiben sollten beigelegt werden.

Gut, Mensch!

Auszeichnung für einen Polizisten

Selbst der motivierteste Mensch braucht hin und wieder Anerkennung. Deshalb verleiht Hinz & Kunzt jetzt zweimal jährlich den „Gut, Mensch!“ für außergewöhnliches soziales Engagement. Erster Preisträger ist der Bürgernahe Beamte Peter Stapelfeldt.

(aus Hinz&Kunzt 117/November 2002)

Als wir im Mai den Max-Brauer-Preis bekamen und wochenlang auf Wolke sieben schwebten, wurde die Idee geboren: Wir wollen selbst Menschen ehren, die sich für andere engagieren. Vorschlagsberechtigt ist jeder Leser oder Verkäufer. Die Qual der Wahl hat dann der Beirat. H&K-Herausgeberin Annegrethe Stoltenberg verleiht die Auszeichnung. Geld gibt’s nicht, dafür eine kleine Anstecknadel – ein Mini-Stein aus hellgrauem Granit auf einer kleinen Silberplatte.

Natürlich ist es immer schwierig, aus einer Vielzahl von engagierten Menschen einen auszusuchen. Da gibt es etwa das 16-jährige Mädchen aus Osdorf, das eine alte Frau beherzt aus ihrer brennenden Wohnung gerettet hat. Oder die ältere Dame, die jeden Monat aus Schenefeld in die Innenstadt reist, um – anonym – Briefumschläge mit etwas Geld für Verkäufer abzugeben. Oder die vielen Ehrenamtlichen, die auf Hamburgs Straßen und in Suppenküchen den Armen beistehen.

Doch die Wahl fiel diesmal auf einen Polizisten – für ein Obdachlosenprojekt sicher außergewöhnlich. Der Beirat entschied sich für den Bürgernahen Beamten der City, Peter Stapelfeldt. Vor allem deswegen, weil sich gerade die Obdachlosen in „seinem“ Revier für den 55-jährigen Hauptkommissar stark gemacht hatten.

„So einen wie ihn gibt’s nur einmal!“, sagt Norbert, der in der City Platte macht. „Er ist etwas ganz Besonderes!“, sagt Fred. Er und seine Kumpels trafen sich bei Hinz & Kunzt, um zu erzählen, was sie alles mit „unserem City-Grünling“ erlebt haben. Viele BüNaBes habe er in seinem Leben draußen kennen gelernt, sagt Stefan (27), aber so einen habe er noch nicht erlebt: Der Mann versuche immer zu helfen. „Mit Hotte ist er zum Sozialamt gegangen und hat ihm geholfen, neue Papiere zu bekommen“, so Stefan. „Einen anderen, der seine Papiere verloren hatte, begleitete er zur Bank und sorgte dafür, dass er an sein Geld kommt“, erzählt Elke. Stapelfeldt sei es gewesen, der sich dafür eingesetzt habe, dass in der City ein Dixieklo und ein Container für Gepäck aufgestellt worden seien, sagt Spinne.

Als Stefan neu in die City kam, stellte sich Stapelfeldt sogar bei ihm vor. „Mit Handschlag!“ Dann allerdings fügte der Hauptkommissar hinzu: „Wenn du hier Scheiße baust, erfahr ichs als erster. Also, sags mir lieber gleich.“ Denn „ein Weichei“ ist Stapelfeldt nicht. „Der redet Hochdeutsch!“, sagt Tommy anerkennend. Und damit meint er nicht nur, dass Stapelfeldt die deftige Ausdrucksweise beherrscht. Wenn er beispielsweise einem seiner Kunden auf den Kopf zusagt, dass er „breit wie ein Biberschwanz“ sei. Nein, Hochdeutsch, das geht noch anders: Neulich, da hat Tommy mal wieder einen über den Durst getrunken und ordentlich Randale gemacht. Stapelfeldt sei gekommen und habe gesagt: „Wenn du so weitermachst, fährst du Taxi.“ „Da wusste ich Bescheid“, sagt Tommy. „Taxi – das heißt nur eins: ein paar Stunden in den Knast.“ Also beschloss er: „Klappe halten.“
Bei einer anderen „Party“ hatten die Männer und Frauen am Mönckebrunnen sich „ziemlich doll ausgebreitet“, Passanten wurden schon sauer. Der BüNaBe rückte an, „sagte nur ganz cool: ,Alles, was um die Bänke herum liegt, wird in zwei Minuten beschlagnahmt – und weggeschmissen.'“ Und schwuppdiwupp – in weniger als zwei Minuten hatten die Partygäste aufgeräumt.

„Wenn du ihn nicht belügst oder verarschst, ist er immer fair und ehrlich zu dir“, sagt Norbert. Eine Erfahrung, die die meisten Obdachlosen in ihrem Leben selten gemacht haben. „Der Mensch steht bei ihm im Mittelpunkt“, fügt Norbert hinzu. „Er gibt einem immer eine Chance.“ Gerade neulich, da verbrachte der 33-Jährige wieder geraume Zeit hinter Gittern. Als er rauskam, musste er zweimal die Woche zur Bewährungshilfe. Immer wieder sei Peter Stapelfeldt zu ihm gekommen und habe ihn gefragt, wie es mit der Bewährungshilfe laufe. „Aber der wollte mich nicht kontrollieren, den hat das wirklich interessiert.“ Und in einer Sache ist sich Norbert ganz sicher: „Wenn ich nicht hingegangen wäre – der hätte mich eigenhändig hingebracht.“

Die Obdachlosen aus der City haben auch einiges gelernt von ihrem „City-Grünling“: Verantwortung beispielsweise. Norbert leint seinen Hund jetzt immer an – „meistens jedenfalls“, räumt er nach einigem Zögern ein. „Wir können nicht einfach Müll hinterlassen und rumkrakeelen, das stört ja auch die anderen“, sagt Elke. Vor Peter Stapelfeldt ist es ihr und den anderen „schon peinlich“, wenn ihr Platz mal wieder voll liegt mit Bierdosen. „Wir haben uns Müllsäcke besorgt und den Kram freiwillig eingesammelt.“

Übrigens: Nicht nur bei den Obdachlosen genießt der Hauptkommissar mit den drei Sternen Sympathie und Respekt: „Peter Stapelfeldt ist ein Mensch, der sein Herz auf dem rechten Fleck hat und es dennoch versteht, sich bei seinen Kunden den nötigen Respekt zu verschaffen“, sagt City-Manager Henning Albers, der immerhin die Geschäftsleute in der Innenstadt repräsentiert. „Wenn es so etwas wie eine Traumbesetzung gibt, dann ist es die mit Peter Stapelfeldt als Bürgernahem Beamten in der City.“ Dem können wir Hinz & Künztler nichts mehr hinzufügen.

Birgit Müller

Zur Person: Hauptkommissar Peter Stapelfeldt ist seit 1973 auf dem Polizeirevier 12. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nicht immer sei er so sozial eingestellt gewesen, räumt der 55-Jährige ein. Erst mit seiner Tätigkeit als Bürgernaher Beamter habe er die Menschen in seinem Revier besser kennen gelernt, die Armen wie die Reichen.

Mit einem Bein draußen

Im Moritz-Liepmann-Haus bereiten sich Gefangene auf die Freiheit vor

Ein Gefängnis mitten im Stadtteil, eine Anstalt, die kaum einer kennt. Im Moritz-Liepmann-Haus in Altona verbringen Strafgefangene die letzten Monate vor ihrer Entlassung. Wird Justizsenator Roger Kusch das Haus erhalten?

(aus Hinz&Kunzt 116/Oktober 2002)

Der zweigeschossige Bau in der Alsenstraße ist nur ein paar Schritte vom Musical-Theater „Neue Flora“ entfernt. Das Grundstück hat keine Mauer, keine meterhohen Zäune, keine Scheinwerfer. Das Moritz-Liepmann-Haus (MLH) gibt sich diskret. Noch nicht mal ein Schild am Eingang weist darauf hin, dass es sich um die Justizvollzugsanstalt XIII handelt.

Im Haus leben 38 Männer und 7 Frauen. Sie haben zum Teil Jahre in anderen Anstalten hinter sich und sind für die letzten Monate ihrer Haft ins MLH gewechselt, um sich auf die Entlassung vorzubereiten. Wichtigste Bedingung dort: Die Insassen müssen sich Arbeit suchen. Ziel ist „ein nahezu an die Freiheit angepasstes Leben noch während der Haft“, wie es in einem Info-Blatt heißt. Oder wie ein Insasse formuliert: „Man sitzt mit einem Bein schon draußen.“

Freigang für den Job gibt es zwar auch in anderen Hamburger Gefängnissen. Doch das MLH hat den Vorteil einer zentralen Lage: Die S-Bahn Holstenstraße ist in Sichtweite. Insassen erreichen ihre Arbeitsstellen wesentlich leichter, als wenn sie sich von Vierlande oder Glasmoor auf den Weg machen müssen. Das MLH ist außerdem die einzige Einrichtung in Hamburg, die ausschließlich für den Übergang zwischen Haft und Freiheit konzipiert wurde. Bei der Eröffnung 1972 war es bundesweit ein Modellprojekt.

Vorausgegangen war die Erfahrung, dass in den ersten sechs Monaten nach der Entlassung eines Häftlings das Rückfall-Risiko am größten ist. So entstand die Idee, mit Integration noch während der Haftzeit zu beginnen und dafür ein spezielles Haus zu schaffen. Ein mutiger Schritt, getragen von der Aufbruchstimmung jener Zeit. Selbst die konservative „Welt“ stellte zur Eröffnung des MLH zufrieden fest: „Auf dem Wege zu einem modernen Strafvollzug ist Hamburg wieder einen Schritt vorangekommen.“

Benannt ist das Haus nach dem Strafrechtsprofessor Moritz Liepmann, der von 1919 bis 1928 an der Universität Hamburg lehrte und führender Kopf in der Reform des Strafvollzugs war.

Zwischen sechs und zwölf Monaten sind die Insassen im MLH. Sie leben in Ein- bis Drei-Bett-Zimmern, die sie mit eigenen Dingen ausstatten dürfen, die sie aber auch selber sauberhalten müssen. Die Regeln im Haus sind strikt: kein Alkohol, keine Drogen – was durch unangekündigte Kontrollen überwacht wird.
Das Verlassen des Hauses und die Rückkehr werden auf Zeitkarten festgehalten. Pünktlichkeit ist angesagt, „mal sehen“ gibt’s nicht. Wer nach der Arbeit noch Ausgang haben will, muss in der Regel erst ins Haus zurückkehren, um sich dann wieder abzumelden. Dass die rund 20 Mitarbeiter den Insassen ständig mit Fragen auf den Leib rücken, gehört zum Prinzip der Anstalt („Wo sind Sie gewesen? Was haben Sie erreicht?“). Einzel- und Gruppengespräche sind Pflicht, ebenso die Teilnahme an den monatlichen Vollversammlungen. Rund zwei Drittel der Insassen halten durch und werden in die Freiheit entlassen. Die übrigen müssen zurück in reguläre Anstalten, weil sie Vereinbarungen nicht einhielten oder sogar neue Straftaten verübten.
Über die Aufnahme ins Haus entscheiden je zwei Vertreter des MLH und der „entsendenden“ Haftanstalt. Nicht genommen werden Sexualstraftäter – eine Regelung, die schon seit Eröffnung des Hauses gilt. Grund: Eltern, deren Kinder auf die benachbarte Grundschule gingen, hatten das Projekt zunächst mit Skepsis verfolgt.

Arbeit finden die Insassen zum Beispiel bei Zeitarbeitsfirmen oder in gewerblichen Jobs. Arbeitgeber schätzen offenbar, dass die Anstalt mit in der Pflicht ist: Wenn ein Arbeitnehmer zum Beispiel nicht erscheint, können sie sich ans MLH wenden. Wie in anderen Anstalten auch müssen Gefangene, die Geld verdienen, einen Teil für die Zeit nach der Entlassung zurücklegen. Sie müssen außerdem einen Beitrag zu den Haftkosten leisten und, falls erforderlich, Unterhalt be- und Schulden abzahlen.

Seit Justizsenator Roger Kusch (CDU) alle Justizvollzugsanstalten auf den Prüfstand gestellt hat, ist die Zukunft des MLH jedoch ungewiss. Hardliner Kusch ist kein Freund von offenem Vollzug, setzt auf Wegschließen und muss für zusätzliche Haftplätze, die im Großgefängnis Billwerder geplant sind, Geld und Personal mobilisieren. Könnte dafür eine „weiche“ Einrichtung wie das MLH geopfert werden, die wegen der sozialpädagogischen Begleitung personalintensiver ist als geschlossener Vollzug? Die Leitungsstelle im MLH ist bereits seit zehn Monaten vakant. Die Neubesetzung wurde nach dem Regierungswechsel gestoppt.
Eine Schließung des Moritz-Liepmann-Hauses steht überhaupt nicht zur Debatte“, sagt Behördensprecher Kai Nitschke. Die Leitungsstelle sei derzeit zwar nicht ausgeschrieben, solle aber wieder besetzt werden („im Augenblick funktioniert das auch so ganz gut“). Die zusätzlichen Haftplätze in Billwerder seien „Zukunftsmusik“, Auswirkungen auf das MLH gebe es nicht, zumal das Klientel – in Billwerder geschlossener Vollzug, im MLH offener Vollzug – völlig unterschiedlich sei.

Die Sorge, das MLH könne geschlossen werden, hat immerhin die 17 Hamburger Strafvollstreckungsrichter auf den Plan gerufen (also jene Richter, die sich mit Anträgen und Beschwerden von Gefangenen befassen). Sie gaben im August ein einhelliges Votum für das Haus ab: Die Anstalt erbringe „vorbildliche Leistungen“ bei der Resozialisierung und sei „in der Palette der Hamburger Anstalten unentbehrlich“, so die Richter in einem Schreiben an das Strafvollzugsamt.

Das Moritz-Liepmann-Haus – vielleicht Hamburgs unauffälligstes Gefängnis. Die einzigen Gitter befinden sich vor den Fenstern des Kassenraums im Erdgeschoss. Sie sollen nicht Ausbrüche verhindern, sondern Einbrüche.

Detlev Brockes

Letzte Filiale Reeperbahn

Die Haspa an der Reeperbahn regelt für alle die Geschäfte – und manchmal auch mehr

(aus Hinz&Kunzt 116/Oktober 2002)

In kaum einer Straße wird so viel Geld umgesetzt wie auf der Reeperbahn. Die Banken haben dennoch die Flucht ergriffen. Nur noch eine Filiale regelt hier Finanzgeschäfte persönlich: die Hamburger Sparkasse.

Reichtum ist relativ. „Soll ich Ihnen mal mein Zahngold zeigen?“, fragt die alte Frau den Filialleiter nicht zum ersten Mal. Carsten Maywald, ganz Diener seiner Kundin, nickt ergeben. Gemeinsam gehen sie zu den Schließfächern, und die Witwe zeigt stolz das Schächtelchen mit ihrem Vermögen: „Mein Mann hat gut für mich gesorgt!“, sagt sie wie jedes Mal.

In die HASPA-Filiale an der Reeperbahn kommen alle: die Immobilienbesitzer wie die Bordellbetreiber, die Einzelhändler wie die alten Mütterchen, die Arbeitslosen wie die Sozialhilfeempfänger, in Spitzenzeiten bis zu 500 Menschen am Tag. „Eine sehr vielschichtige Kundschaft“, sagt Maywald, seit 25 Jahren in der Filiale und seit drei Jahren deren Leiter. Seinen Beruf hat der 48-Jährige in einer Zweigstelle in Blankenese gelernt. Dorthin zurück würde er nie gehen: „Hier ist es sicher nicht leichter – aber ich fühle mich pudelwohl. Ich mag es, wenn das Leben pulsiert!“

Nachdem die Commerzbank kürzlich ihre Zweigstelle geschlossen hat, betreibt die Haspa die einzige Filiale an der Reeperbahn. Andere Geldinstitute wie die Dresdner Bank, die Deutsche Bank oder die BfG (heute: SEB) haben schon vor Jahren das Weite gesucht.
Banken-Kritiker sehen darin eine Entwicklung nach US-amerikanischem Vorbild: Mit ihren immer genaueren Controlling-Systemen können die Geldinstitute mühelos feststellen, wo sie wie viel mit ihren Kunden verdienen. Ergebnis: der Rückzug der Banken aus den Vierteln, in denen viele Menschen mit wenig Geld leben und die deshalb nicht lukrativ erscheinen.

Dass die Armut auf St. Pauli – 13,3 Prozent Sozialhilfeempfänger und etwa noch mal so viele Arbeitslose – der Grund sein könnte für die Abwanderung der Geldinstitute, das will Maywald „so nicht stehen lassen“: Kleinere Zweigstellen würden „immer mal“ geschlossen. „Und die Großbanken haben sich nicht nur hier zurückgezogen, sondern zum Beispiel auch an der Hoheluftchaussee.“ Zudem, meint Maywald, auch Menschen mit geringem Einkommen könnten für Banken interessante Kunden sein, wenn sie sich „vertragskonform“ verhielten: „Das kann sich ja entwickeln.“

Der Morgen des Filialleiters ist ruhig verlaufen. Ein Angestellter fragte nach einem 10.000-Euro-Kredit, er will sich ein neues Auto kaufen. Ein Selbstständiger suchte Rat, wie er den Bau eines Einfamilienhauses finanzieren könnte, er wird wiederkommen mit den nötigen Unterlagen. Ein im öffentlichen Dienst Beschäftigter hat sein Aktiendepot aufgefrischt, „der kauft jetzt zu niedrigen Preisen nach“, weiß der Experte.

Nicht immer geht es so friedlich zu in der Filiale gegenüber dem Spielbudenplatz. Wenn die Ämter am Monatsende Geld überweisen an die Armen, „gibt’s schon mal Aufregung“, berichtet Maywald. Dann müssen die Mitarbeiter im Ansturm der Ungeduldigen, die sehnlichst die Überlebenshilfe erwarten, auch mal Schimpfkanonaden hören wie: „Ihr sitzt doch auf dem Geld! Zahlt das endlich aus!“

Maywalds Frau für alle Fälle heißt Bärbel Schultze. Die 56-jährige Kundenberaterin ist auf St. Pauli aufgewachsen und auch schon 24 Jahre in der Filiale tätig, sie kennt das Quartier und seine Schwierigkeiten. „Für den Stadtteil wird nicht genug getan“, meint die resolute Bankangestellte, weshalb „viele Menschen mit wenig Einkommen“ zu ihr kommen, die „Beratung und Betreuung brauchen“. Oft, erzählt sie, „wissen die Leute nicht, wo sie anpacken sollen, um aus der Geldmisere rauszukommen“.

Ein älterer Herr mit viel Gold an den Handgelenken sucht das Gespräch. „2000 Euro kostet der Spaß!“, ruft er Bärbel Schultze zu. Der offenbar nicht schlecht gestellte Rentner ist schockiert angesichts der Reparaturkosten für seinen Mercedes. „Das kriegen wir schon hin!“, beruhigt ihn die Bankangestellte. „Kommen Sie morgen noch mal!“

Am Vormittag hat sie bereits einem Arbeitslosen aus der Patsche geholfen. Der ehemalige Verlagsmitarbeiter hatte mit seiner Kreditkarte immer weiter Geld abgehoben, obwohl sein Konto längst in den Miesen war – wohl auch aus Frust angesichts von 60 erfolglosen Bewerbungen um einen neuen Job. „Das ist einer, der immer wieder auf die Beine kommt“, sagt Bärbel Schultze – und hat die Schulden in ein ratenweise abzuzahlendes Darlehen umgewandelt.

Die zahlreichen Gewerbetreibenden vom Kiez – rund 1000 der 7500 Konten sind Geschäftskonten – sind meist einfach zu versorgen, so Carsten Maywald. Viele bringen ihre Einnahmen täglich und holen sich Wechselgeld, „da bauen sich Kontakte viel besser auf.“ Kurz wird die unsichtbare Mauer sichtbar, die sich auch durch die menschlichste Bankfiliale zieht: Die „sehr schöne Beratungszone“ im ersten Stock, jener Ort, an dem „diskrete Atmosphäre“ herrscht, lernt ein schlichter Guthabenkonto-Besitzer „höchstens zur Eröffnung“ kennen.

Schwierig gestalten sich die Darlehensgespräche auf St. Pauli. Oft muss der Filialleiter Nein sagen angesichts von „Schnapsideen“ und unsicheren Einkommensverhältnissen. Das fällt ihm nicht immer leicht: „Es gibt immer Fälle, bei denen du denkst: Dem würd ich’s gönnen! Aber die Vorschriften?
Wer nur von Rente, Stütze oder Mini-Jobs lebt, kann auf einen Kredit kaum hoffen. Im besten Fall schickt ihn Maywald ins „Start-up-Center“ der Bank, wenn die Geschäftsidee pfiffig erscheint. Es bleibt den Bankmitarbeitern die Hilfe zum Überleben, und die kann ebenso bedeutsam wie zeitaufwändig sein: Wenn etwa der alte Mann mit der kleinen Rente auch beim dritten Mal nicht begreift, dass ihn eine Sammelüberweisung viel billiger käme als acht einzelne Transaktionen, dann ist Geduld gefragt. Zumal der Rentner am Ende entscheidet: „Nein, ich will das so wie bisher!“ „Ich versuche allen Kunden gerecht zu werden“, sagt Maywald, und einer wie er meint das auch so.

Vor einigen Wochen allerdings wurde seine Toleranzgrenze doch überschritten: Ein offenbar geistig Verwirrter überfiel mit einem Gaspistolen-Imitat die Bank, die direkt im Blickfeld der Davidwache liegt. Da übernahm der Chef persönlich die Verfolgung – und ermöglichte den Polizisten die schnelle Festnahme.

Ulrich Jonas

Jesus auf St. Pauli

Mit der Kurverwaltung auf dem Kiez unterwegs

(aus Hinz&Kunzt 116/Oktober 2002)

Für die Zeit, in der das Weihnachtsgeschäft schon auf Hochtouren läuft, bietet die Kurverwaltung St.Pauli ein ungewöhnliches Event an: Am 31. Oktober wandeln wir auf Jesus‘ Spuren über den Kiez, machen Station bei der Heilsarmee und erklettern Kirchtürme. Wir erforschen die dunklen Seiten des irdischen Daseins und teilen Wein und Bier.

Das Ganze zum Vorweihnachts-Preis von 45 Euro. Und das Schöne daran ist: Ganz der christlichen Tradition folgend, geht ein Teil des Geldes an eine gemeinnützige Einrichtung: die St. Pauli-Kurverwaltung – und die verteilt den Erlös später an Projekte auf dem Kiez!
Tourguide oder – um im Jargon zu bleiben – Kurschatten an diesem Abend ist Sieghard Wilm, Pastor an der St. Pauli-Kirche am Pinnasberg. „Die Vorstellung, der Mann aus Nazareth gehe über die Reeperbahn, hat Unterhaltungswert“, sagt der Pastor. Und kennt zum Thema eine Menge Geschichten.

Vor ein paar Jahren beispielsweise erregte ein Oldenburger Künstler Aufsehen dadurch, dass er als Jesus verkleidet über den Kiez ging. An einem Ostermorgen verteilte der Aktionskünstler „Brian Divine“ gute Worte und Blumen an Obdachlose. Mit Bart, in langem Gewand und mit Jesuslatschen an den Füßen. „Alles nur Klamauk? Ein Witz, über den wir lachen, weil etwas Tragikkomisches darin steckt?“ Das findet der Kirchenmann vom Pinnasberg ganz und gar nicht.
Denn ausgerechnet auf dem Kiez, der als verruchtester Stadtteil ganz Deutschlands gilt, in dem Rotlicht und Blaulicht angeblich die vorherrschenden Farben sind, Rausch und Absturz näher als sonstwo beieinander liegen, da ist laut Wilm auch Jesus zu Hause. „Wo alle nur labern und gröhlen, ist da ein Mann, der einfach zuhört.“

Denn ausgerechnet dieses harte Pflaster hat von jeher Menschen gereizt, im Namen Jesu gestrandete Seeleute und gefallene Mädchen zu retten, Suppenküchen und Wärmestuben einzurichten, Gottes Liebe und Moral zu predigen. „Der Kiez war immer ein Ort, an dem sich der Glaube in Tat und Wort einem Härtetest stellen wollte“, sagt der Pastor.
Wer allerdings Sozialromantik und Gossenidyll sucht, wird schnell enttäuscht. „Auf St. Pauli kann man vom Glauben abfallen – von einem falschen Glauben. Alles, was unecht ist, fliegt hier auf“, sagt Wilm.

Durch diesen spannenden Stadtteil voller Gegensätze will er seine „Kurgäste“ führen. Und wo könnte der Abend am besten seinen kulinarischen Höhepunkt haben? Natürlich im „Abendmahl“ auf dem Hein-Köllisch-Platz.

tk/bim

Faire Chancen statt Almosen

Entwicklungshilfe ist denkbar ungeeignet, um die Armut zu besiegen. Diese gewagte These vertritt Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode.

(aus Hinz&Kunzt 116/Oktober 2002)

Rund 1,2 Milliarden Menschen leben unter der Armutsgrenze, also mit weniger als einem Dollar pro Tag, und nach dem Willen der Vereinten Nationen soll der Anteil der Armen auf der Welt bis 2015 halbiert sein.

In den ärmsten Ländern hat die Entwicklungshilfe große Bedeutung, meistens zu große. In Afrika südlich der Sahara erreicht ihr Anteil an den inländischen Bruttoinvestitionen etwa 20 Prozent und pro Kopf 21 Dollar im Jahr. Dennoch hat sich die Lage in dieser Region drastisch verschlechtert. Die Zahl der Armen ist gestiegen, der Hunger hat zugenommen, Bürgerkriege wüten, viele Staaten zerfallen. Die Entwicklungshilfe steht vor einem Scherbenhaufen. Oder hätte sie einfach nur höher sein müssen?

Paradoxerweise ist es gerade ihr relativ großes Gewicht, das diesen negativen Trend mitverursacht hat. Als Instrument der Außenpolitik im Kalten Krieg hat die staatliche Entwicklungspolitik korrupte Regime dauerhaft subventioniert, politische Reformen damit verhindert und indirekt die Bevölkerung bluten lassen. Darunter leidet Afrika noch heute. Der korrupte, milliardenschwere Diktator Sese Seko Mobutu, ehemaliger Präsident von Zaire, der sein Land in Grund und Boden gewirtschaftet hat, wurde noch durch westliche Entwicklungshilfe alimentiert, als seine Durchstecherei selbst für afrikanische Verhältnisse unappetitliche Ausmaße angenommen hatte.
Auch nach Ende des Kalten Krieges wirkt es sich besonders negativ aus, dass die staatliche Entwicklungshilfe von den Geberländern als Dauersubvention für die an der Macht befindlichen Elite und Bürokra- tie angelegt ist. In undemokratischen Systemen, vor allem in den tribalistisch organisierten Staaten Afrikas, bevorzugt das von Regierung zu Regierung fließende Geld auf der Seite der Nehmerländer einseitig die jeweils herrschenden Stämme und Clans. Das hat fatale Auswirkungen.

Die ungleiche Verteilung trug zu vielen schrecklichen Bürgerkriegen bei. Etwa in Somalia, wo sich der Clan des ehemaligen Präsidenten Siad Barre so lange bereicherte, bis die anderen Clans zurückschlugen. Oder in Burundi, wo die Gelder der Entwicklungshilfe bei den herrschenden Tutsis hängen blieben, während die unterdrückte Landbevölkerung, vornehmlich Hutus, nicht davon profitieren konnte. Die dadurch verursachte soziale Schieflage ist mitschuldig an dem entsetzlichen Gemetzel zwischen den beiden Volksgruppen. Diese Liste ist beliebig verlängerbar.

Der Charakter der Hilfe erzeugt eine schlimme „Nehmermentalität“ und entmündigt die Empfänger. Eigeninitiative kann sich nicht entfalten. Versuche, die Entwicklungshilfe durch strenge Auflagen zu konditionieren und damit effektiver einzusetzen, sind bislang gescheitert.
Das Argument, dass trotz dieser Defizite wenigstens ein kleiner Teil der Hilfe bei den Armen ankomme, trägt kaum. Abgesehen davon, dass von den durchschnittlich 21 Dollar pro Kopf einige in die Taschen korrupter Staatsdiener gehen und andere in die Geberländer zurückfließen, setzt der Rest keine Wachstumsprozesse – die wesentliche Voraussetzung für Armutsbekämpfung – in Gang.

Wegen des zwischenstaatlichen Charakters der Hilfe gehen 70 Prozent der Investitionen in den öffentlichen Sektor, insbesondere in Straßen, Flughäfen, Kraftwerke, Telekommunikation und große Wasserversorgungsanlagen, deren Unterhalt die Staatshaushalte überbeanspruchen und die den Armen relativ wenig nützen. Die gern gezeigten „Brunnen in Afrika“ sind ganz und gar nicht repräsentativ für die staatliche Entwicklungslungshilfe.

Die Entwicklungshilfe für Großprojekte bewirkt zudem, dass sich die armen Länder immer mehr im Ausland verschulden. Denn für derartige Projekte benötigen sie zusätzliche Kredite. Bis zu 20 Prozent des Staatshaushaltes müssen die ärmsten Länder heute für den Schuldendienst ausgeben, das Geld fehlt für die Bekämpfung der Armut.

Viele Entwicklungsländer sind also nicht deshalb so hoch veschuldet, weil ihre Regierungen unfähig sind, sondern weil die Industrieländer eine verfehlte Entwicklungsstrategie betreiben. Rechnet man die Kosten für die alten Schulden gegen die neuen Zusagen, bleibt von der Hilfe netto praktisch nichts übrig. Nach Auffassung der Weltbank ist die Verschuldung heute das größte Hindernis für eine effektive Hilfe. Effektive Armutsbekämpfung muss deshalb Teil einer ressortübergreifenden Globalisierungsstrategie sein.

Erstens: Vor allen Dingen müssen den ärmsten Entwicklungsländern faire Handelsbedingungen gewährt werden. Der Norden muss seine für die Landwirtschaft – und damit für die Wachstumsprozesse – in der Dritten Welt tödlichen Exportsubventionen stoppen.
Gleichermaßen müssen endlich die Zollschranken für den Import von Agrar- und Industriegütern fallen. Im Schnitt werden landwirtschaftliche Importe aus Entwicklungsländern mit fünfmal so hohen Importzöllen wie entsprechende Produkte aus den Industrieländern belegt, für industrielle Importe erreicht die Zollbelastung das Vierfache. Die Verluste aus dieser Abschottung sind statistisch etwa doppelt so hoch wie die gesamte Entwicklungshilfe.

Zweitens: Die ärmsten Länder müssen umfassend entschuldet werden. Mehr Länder müssen zu realistischeren Bedingungen von der Entschuldung profitieren.

Drittens: Die Entwicklungsländer müssen in den internationalen Institutionen mitbestimmen können. Das gilt vor allem für den Internationalen Währungsfonds, in dem die sieben größten Industrieländer alle wichtigen Entscheidungen fällen und schon die USA allein diese blockieren können.

Viertens: Der Süden wird am schwersten von der globalen Klimaerwärmung betroffen sein. Eine wesentliche Ursache dafür ist, dass die Industrieländer exzessiv fossile Brennstoffe verfeuern. Die Länder des Nordens müssen deshalb eine effektive Klimapolitik umsetzen.

Fünftens: Die Entwicklungshilfe darf nicht mehr von Regierung zu Regierung fließen. Organisationen aus den ärmsten Ländern müssen bei Banken Kredite zu Vorzugskonditionen beantragen können, und diese Anträge müssen unter ausschließlich bankmäßigen Kriterien geprüft werden. Zusätzlich sollte fachliches Know-how vermittelt werden. Die Entmündigung hat ein Ende, die Eigeninitiative wird gefördert. Nur die besten Projekte kommen zum Zuge. Die aufgeblähte Entwicklungs!hilfebürokratie wird abgeschafft, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit aufgelöst.

Klar, einen solchen Strategiewechsel kann nicht ein Land allein stemmen. Aber Deutschland könnte die notwendige Diskussion vorantreiben, insbesondere in Europa. Das von den deutschen Parteien, die allesamt die Globalisierungsdebatte verschlafen haben, zu erwarten, ist nicht zu viel verlangt.

Abwärts in die Armut

Hilfseinrichtungen klagen: Immer weniger Geld für immer mehr Arme

(aus Hinz&Kunzt 116/Oktober 2002)

Immer mehr Bedürftige stehen in Hamburgs Suppenküchen und Tagesstätten Schlange. Deshalb bräuchten die Hilfseinrichtungen eigentlich mehr Geld. Doch das Spendenaufkommen sinkt, und der Staat spart.

„Das ist nicht mehr normal“, sagt Marion Sachs. Früher, so die stellvertretende Leiterin von „Mahlzeit“, seien im Sommer 20, höchstens 40 Leute pro Tag zum Essen gekommen. Jetzt sind es 80. Klar, manche Einrichtungen haben in den Sommerferien geschlossen, die Bedürftigen verteilen sich auf das geschrumpfte Angebot. Aber: „So stark wie in diesem Jahr ist der Andrang im Sommer noch nie gewesen“, bestätigt Sonja Praß, Leiterin der Suppenküche „Alimaus“.
Viele ganz neue Gesichter seien darunter, viele Frauen und viele junge Menschen. Nicht alle seien obdach- oder wohnungslos, so wie früher. „Es kommen immer mehr Menschen, die mit dem Euro einfach nicht mehr hinkommen, und denen die Sozialhilfe gekürzt wurde“, sagt Praß. „Sogar Kinder laufen hier herum – zwischen den ganzen Haudegen“, so die 30-Jährige, die sich einen besseren Spielplatz vorstellen kann.

Womit der Anstieg der Hilfesuchenden zusammenhängen könnte, weiß Gabi Brasch, zuständig für sozialpolitische Projekte beim Diakonischen Werk: „Für die Menschen wird es immer schwieriger, ihre Notlage beim Sozialamt geltend zu machen“, sagt sie. Eingeschüchterte Hilfeberechtigte scheitern an Rezeptionen, Überforderte am Ausfüllen von Fragebögen oder an der schlichten Weisung: „Such dir einen Job.“ So fallen viele durch die Maschen des sozialen Netzes – und landen bei Hilfseinrichtungen.

Auch Uschi Hoffmann von der Stadtteildiakonie Harburg und Heimfeld beobachtet, dass nicht mehr nur Obdachlose auf Hilfe zurückgreifen müssen. „Es fragen unheimlich viele Leute nach Kleidung, die man vor Kurzem noch als normal situiert eingestuft hätte“, so Hoffmann. Darunter Familien mit Kindern, viele Menschen aus der unteren Mittelschicht.

Und die Diakonin glaubt, dass sich die Armuts-Spirale weiter abwärts dreht. Es werde immer schwieriger, die Menschen zu beraten. „Welche Perspektiven soll ich mit den Jugendlichen und Familien entwickeln?“, fragt sie angesichts fehlender Jobs und gestrichener Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen. Hoff- mann: „Den Leuten wird jede Chance genommen. Wenn das so weiter geht, züchten wir uns amerikanische Verhältnisse heran – oder schlimmeres.“

Für Sabine Vetters, Koordinatorin des Vereins Hilfspunkt (alter Name: Armenhilfe), ist die Entwicklung eindeutig: „Die Armut verfestigt sich.“ Seit fast zehn Jahren beobachtet die 44-Jährige, dass sich immer mehr Menschen in den Suppenküchen zur Essensausgabe einfinden. „Wer sich erst mal traut, so ein Hilfsangebot anzunehmen, hat in der Regel einen langen Armutsweg hinter sich“, so Vetters. „Die Leute versuchen, den Schein der Normalität so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.“

Ein Problem kommt selten allein: Eigentlich bräuchten die Hilfseinrichtungen mehr Geld, um mit den steigenden Besucherzahlen fertig zu werden. Doch seit Anfang des Jahres gibt es einen drastischen Spendeneinbruch. Rund 55 Prozent weniger Spenden gingen im Vergleich zum Juli des Vorjahres bei „Mahlzeit“ ein. Und Sonja Praß vom Verein „Alimaus“ dachte beim Blick auf den Kontostand schon im März: „Noch ein Monat und wir sind pleite.“
Die 30-Jährige begann daraufhin, wie wild die Werbetrommel zu rühren. Das machte sich kurzfristig bezahlt. Doch der Erfolg wird nicht von Dauer sein. Selbst große Verbände verzeichnen im Vergleich zum ersten Halbjahr 2001 einen Spendenrückgang – trotz schlagkräftiger Öffentlichkeitsarbeit: 10 bis 15 Prozent sind es bei der Caritas, 6 Prozent beim Diakonischen Werk.

Kleine Vereine wie die Alimaus, die – wenn überhaupt – nur eine Angestellte beschäftigen und sich ansonsten durch Ehrenamtliche über Wasser halten, haben weder Zeit noch Geld für Spendenwerbung. „Ich habe im Moment ja nicht mal eine Küchenleitung“, sagt Sonja Praß. Selbst stadtbekannten Projekten wie der Hamburger Tafel, in denen bis zu 130 Ehrenamtliche anpacken, droht die Luft auszugehen: Sie bekam rund 90 Prozent weniger Spenden, vergleicht man die Juni-Monate 2001 und 2002.

Die Begründungen der zum Teil langjährigen Unterstützer, warum sie ihre Zahlungen einstellen, spiegeln den Zustand der Gesellschaft wieder: Angst vor Jobverlust, Arbeitslosigkeit oder sogar das Abrutschen in die Sozialhilfe. „Die Mieten sind gestiegen, die Menschen müssen einen Zweitjob annehmen, bekommen oft nur noch Zeitverträge und müssen sich um Dinge wie ihre Altersversorgung auch noch kümmern“, nennt Michael Hansen, Referatsleiter für soziale Projekte bei der Caritas, weitere Gründe für die allgemeine Verunsicherung. „Und seit der Einführung des Euro ist obendrein vieles teurer geworden.“

Schon sieht Holger Hanisch vom Cafée mit Herz ein neues Problem auf sich und andere zukommen: „Viele Menschen sagen jetzt, sie hätten für die Opfer der Flutkatastrophe gespendet und könnten nicht noch mal was geben.“

Etliche Einrichtungen der Obdachlosen- und Armenhilfe, wie Alimaus, Mahlzeit, Cafée mit Herz oder Hamburger Tafel, finanzieren sich seit Jahren ausschließlich über Spenden und durch die Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter. Vom Sparkurs der Sozialbehörde unter Senatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) sind sie trotzdem betroffen: Die Straßensozialarbeit auf St. Pauli zum Beispiel wurde geschlossen, die im Karoviertel ist ebenfalls unbesetzt. „Die jungen Leute und die Punks, die damit ihre Anlaufstellen verloren haben, die sitzen jetzt zusätzlich bei uns“, sagt Holger Hanisch vom Cafée mit Herz. Die Besucherzahl in der Tagesaufenthaltsstätte stieg von täglich 100 Menschen auf bis zu 180 in diesem Sommer.

„Man kann freiwilliges Engagement zwar fördern, aber man darf den Bogen auch nicht überspannen“, kritisiert Michael Hansen die Sparpolitik. Er fordert, dass der Staat den Projekten eine solide finanzielle Basis ermöglicht. Die Stimmung bei den Hilfsprojekten sei inzwischen vermiest: „Selbst wenn die Behörde einem Projekt etwas geben würde: Man muss ja ständig Angst haben, anderen das Geld wegzunehmen.“
Übrigens: Hansen sorgt sich um die Zukunft der „Mobilen Hilfe“. Das Arzt-Mobil für Obdachlose bekam 65 Prozent weniger Spenden.

Annette Bitter

Alles bleibt anders bei Hinz&Kunzt

Die neue Hinz&Kunzt ist abwechslungsreicher gestaltet und führt die Leser besser durch die Geschichten des Straßenmagazins.

Das Format ist handlicher und die Bildsprache anders: Wo vorher meist Porträts zu sehen waren, ist die Bebilderung jetzt reportagiger. Durch das neue Format können Fotos ohne weißen Rand gedruckt werden.
Spannung für den Leser soll durch mehr Abwechslung in Textlängen und -satz erreicht werden. Die Schriftenfamilien sind größtenteils beibehalten worden, die Schriftgrößen variieren aber jetzt mehr.

Vor allem jüngeren Lesern soll der Zugang zum Straßenmagazin durch das neue Layout erleichtert werden.

Gleich geblieben ist der Aufbau des Magazins: Die Rubriken, der Kulturteil mit den Veranstaltungstipps, die politischen Meldungen und das Verkäuferporträt am Ende des Heftes zum Beispiel bleiben.

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„An Hinz&Kunzt finde ich wunderbar, dass es ein sinnvolles Produkt ist und keinen kommerziellen Hintergrund hat“, sagt Anna-Clea Skoluda, seit der Dezember-Ausgabe neue Artdirektorin und verantwortlich für den Relaunch des größten deutschsprachigen Straßenmagazins.
Dessen Chefredakteurin Birgit Müller sagt zum Relaunch: „Jedes Magazin, natürlich auch ein Straßenmagazin, muss sich öfter mal was Neues einfallen lassen, um interessant zu bleiben.
Von Anna-Clea Skoluda kannte ich schon einiges und bin ein Fan von ihr.
Vom Ergebnis des Relaunches bin ich schwer begeistert. So eine Veränderung ist natürlich immer mit Herzklopfen verbunden, weil viele Leser am Althergebrachten hängen. Aber wir hoffen, dass es den Stammlesern gefällt und wünschen uns, durch den Relaunch auch neue Leser zu gewinnen.“

Ann-Clea Skoluda, Hinz&Kunzt-Artdirektorin
Ann-Clea Skoluda, Hinz&Kunzt-Artdirektorin

Anna-Clea Skoluda arbeitete schon während ihres Studiums an der Hamburger HAW als Grafikerin für Werbeagenturen wie Jung von Matt. 2001 entwickelte sie mit Dirk Linke (Ringzwei) den Relaunch des St.-Pauli-Magazins „Viertel nach fünf“, später das Fußballmagazin „Rund“. Seit November 2009 ist sie Artdirektorin des größten deutschsprachigen Straßenmagazins, Hinz&Kunzt. www.anna-clea.de

Die neue Hinz&Kunzt ist da – und sieht anders aus!

Titel_202Ab morgen auf Hamburgs Straßen und Plätzen: Die Hinz&Kunzt-Dezemberausgabe. In neuem Look, aber immer noch Ihr Hamburger Straßenmagazin.

Wir bleiben bei unserem Credo: Wir wollen über unsere Stadt berichten und uns für sozial Schwache einsetzen. Unsere Artikel sind sorgfältig recherchiert und erzählen persönliche Geschichten: Kulturelles, soziales politisches, besonderes.