„Hörst du die Brandung?“

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Das Zuhause vonHinz &Kunzt-Autor Christoph Jantzen liegt direkt an den Gleisen von S- und Fernbahn. Besser kann man nicht wohnen, findet er.

Bei euch ist es aber laut“, sagen Freunde, wenn wir sie auf unseren Lieblingsplatz fĂŒhren, die Dachterrasse. Sie meinen Deutsche Bahn und HVV. Intercitys, ICEs, Metropolitans, Autoreise-zĂŒge, Interregios, Regionalbahnen, GĂŒterzĂŒge und S31, S21, S11 passieren unsere Wohnung in der Oelkersallee auf Augenhöhe. Unsere famose Aussicht auf Fernsehturm, Iduna-Hochhaus und St. Johannis-Kirche nimmt niemand wahr. Zwischen Hauptbahnhof und Altona pocht die Aorta der staatlichen Carrier.

Als wir einzogen, strichen Maler unsere niedrigen WĂ€nde. Als die beiden Jungs sich mit Thermos-kanne und Stullen zum FrĂŒhstĂŒck auf den bemoosten Planken unserer Dachterrasse niederließen, sagte der eine: „Mein Gott ist das hier laut, da kann man ja nicht mal seine BILD-Zeitung lesen.“ Wir sehen es anders.

Auch frĂŒher, als meine Freundin Tina und ihr neunjĂ€hriger Sohn Ole noch in Stralsund lebten, konnte ich aus dem Zug in die KĂŒche gucken. Wenn sie am Fenster standen und winkten, fĂŒhlte ich mich freudig erwartet.

Unsere Freundin Sylvia lebt in LĂŒneburg neben LĂŒnebest, und jeder Intercity, der ungebremst durch die Stadt jagt, krĂ€uselt die WasseroberflĂ€che im Planschbecken ihrer Kinder, die sich die Handteller gegen die Ohren stemmen. Wir haben etwas mehr Abstand: Die Max-Brauer-Allee und das Außenlager von Autohaus Bluhm trennen uns von der Trasse. Bluhms SpezialitĂ€t ist der Handel mit Kleintrans-portern, deren sich stĂ€ndig Ă€ndernde Ausrichtung wir von unserer Dachterrasse aus mit Interesse verfolgen. „Die fĂŒnf alten Krankenwagen standen doch gestern noch hier vorne neben den Ford Transits.“

Neu ist die extrem hohe Frequenz. Selten sehen wir einen einsamen Zug vorbeifahren. Meist kreuzen sie sich im Minutentakt am Nadelöhr SternbrĂŒcke, die ĂŒber die Schnittstelle von Stresemannstraße und Max-Brauer-Allee fĂŒhrt. S-Bahnen mĂŒssen hĂ€ufig warten, und wir können Blickkontakt zu den Passagieren aufnehmen. „Eure neuen TerrassenstĂŒhle habe ich schon gesehen“, sagt Rita, die uns beneidet, weil die VorhĂ€nge bei uns noch zugezogen sind, wenn sie frĂŒhmorgens mit der S21 zur Arbeit fĂ€hrt.

Ole hat schon in Stralsund jede Regionalbahn aus Velgast und Ribnitz-Damgarten von KĂŒche und Klo aus ehrgeizig wahrgenommen: „Den habe ich zuerst gesehen!“ Nun muss er sich auf Highlights beschrĂ€n-ken. Den schicken Nachtzug nach Basel, die eleganten Metropolitans auf dem Weg nach Köln oder – unsere gemeinsamen Favoriten – die AutoreisezĂŒge gen Narbonne. Sie unterscheiden sich von den nĂ€cht-lichen ZĂŒgen mit den Volkswagen-Lieferungen aus Wolfsburg, weil die ĂŒblichen ErschĂŒtterungen bei mindestens vier Limousinen die blinkenden und aussichtslos nach Hilfe schreienden Alarmsysteme auslösen.

Wenn Ole aufgeregt ruft: „Das ist der Schlafwagen nach Rom“, wissen wir: „Um 20.31 Uhr solltest du doch lĂ€ngst im Bett liegen, schlaf jetzt endlich!“

An Sommerabenden auf der Dachterrasse ist das GesprÀch mit Freunden hÀufig schwierig. Mitten im GesprÀch halten sie inne, setzen ihren Redefluss scheinbar unvermittelt wieder fort. Wir verstehen das nicht. Man kann doch lauter sprechen, kurz mal schreien.

Wir bemerken die ZĂŒge kaum. „Hier ist doch schon ewig keiner mehr gefahren“, sagt Tina manchmal nach Stunden, wenn wir uns nĂ€chtens angeregt draußen unterhalten. „NĂ¶â€œ, stimme ich zu, und schon wirft sich der nĂ€chste GĂŒterzug kreischend in die Rechtskurve Richtung Altona. Man kann die Bahn ausblenden. Sie hupt nicht, lĂ€sst die Maschinen nicht angeberisch aufheulen, fĂ€hrt nicht mit quietschenden RĂ€dern an. Sie rollt gemĂ€chlich heran, ist da und entschwindet behutsam.

FrĂŒher, als ich ein paar hundert Meter entfernt in der Schanzenstraße lebte, waren die Autos die Hölle. Nervöse Maßregelungen vor der Spur der Rechtsabbieger, ParkplatzkĂ€mpfe, Lkw mit dröhnenden KĂŒhlaggregaten auf dem Weg zum Schlachthof, Cabrios mit weit aufgedreh-ten Musikanlagen. Einzig ruhiger Platz in der Wohnung war die KĂŒche in Richtung Hinterhof. Bei offenem Fenster fragte ich Tina: „Klingt es hier nicht manchmal, als sĂ€ĂŸen wir in Spanien am Meer, hörst du nicht auch die Brandung?“ „Quatsch, das ist die S21.“

Meine Schwester, die selbst jahrelang durch Einfachverglasung auf den Görlitzer Bahnhof blickte, wusste gleich, was sie uns zum Einzug schenken konnte. Nachdem sie die Wohnung gesehen hatte, lag einige Tage spĂ€ter eine Videokassette im Briefkasten: „Zugvögel – einmal nach Inari.“ Darin reist Joachim KrĂłl als skurriler Fahrplanexperte nach Nordfinnland, wo dem Gewinner des 1. Internationalen Kursbuch-Wettbewerbs 25.000 Pfund winken. Einen Tipp hatte sie auch parat: „Stellt euch einen Springbrunnen aufs Dach, das harmonisiert die AußengerĂ€usche.“

Das Leben an der Trasse ist spannend. „Ihr habt fĂŒnf Tage Ruhe“, weissagte Yvonne mitfĂŒhlend. „Zwischen Dammtor und Altona wird an den Gleisen gearbeitet. Die ganze Strecke ist gesperrt. Es fahren nur Busse als Schienenersatzverkehr.“ Am Abend bildeten dutzende Gleisarbeiter in reflektierenden orangen Overalls die Vorhut, Flutlicht erhellte unseren Blick auf Butzek-Automobile, Shell-Tanke und Antik-Möbel-Speicher.

Gelbe SchienengefĂ€hrte in Gestalt mĂ€chtiger Heuschrecken krochen heran, Scharen behelmter Arbeiter flexten und trieben mit Pressluft Nuten in die Schwellen – die grell erleuchtete Szenerie ließ uns die Tageszeit vergessen. SpĂ€t erst gingen wir ins Bett. „Schön, dass wir schon Feierabend haben.“ Ruhigen Schlaf fanden wir jedoch erst vier Tage spĂ€ter, als die Bahnen wieder rollten.

Bevor wir ins Bett gehen, achte ich sorgsam darauf, dass der rechte Zipfel der Gardine nicht auf dem Boden, sondern auf dem Schreibtisch liegt. Durch die offene Luke können wir morgens, wenn wir aufwa-chen, gleich die ZĂŒge vorbei gleiten sehen. „Ich finde das urban“, sagt Tina.

Die ungeliebten Kranken

Wie das AK St. Georg Obdachlose behandelt – oder auch nicht

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Christopher William schĂŒttelt den Kopf. Der Krankenpfleger, der fĂŒr die Mobile Hilfe der Caritas arbeitet, kann immer noch nicht glauben, was er vergangenen Herbst erlebte. Damals versuchte er, einen schwer kranken Obdachlosen im Allgemeinen Krankenhaus (AK) St. Georg behandeln zu lassen. Der Mann hatte eine große offene Wunde am Bein, eitrig, verrottet und geschwollen. So saß er seit Wochen in der Innenstadt, umkreist von dicken Fliegen, und bettelte.

Immer wieder versuchten die Mitarbeiter des Caritas-Busses, den Mann zu bewegen, sich helfen zu lassen. Endlich willigte er ein – aber nur zu einer Klinikbehandlung.

William fuhr mit dem Patienten in die Notfallaufnahme des AK St. Georg. „Nichts haben die Ärzte gemacht“, sagt der 45-JĂ€hrige. „Sie haben ihn nicht mal angefasst!“ Obwohl die Wunde dem erfahrenen Pfleger zufolge schon den Knochen angegriffen zu haben schien, schickte man die beiden MĂ€nner von der Chirurgie in die Dermatologie. Mit demselben Ergebnis: Trotz Williams Angebot, der unter Überlastung klagenden Ärztin zu assistieren, habe sie die Wunde weder untersucht noch gereinigt, nur kurz darauf gedrĂŒckt und gesagt: „Das ist kein Fall fĂŒrs Krankenhaus.“

„Die wollten einfach nichts damit zu tun haben“, sagt William. „Wenn die HumanitĂ€t fehlt, bleibt nur noch BĂŒrokratie ĂŒbrig, kein GefĂŒhl, keine Ă€rztliche Neugier“, so der Pfleger fassungslos.

Schwere VorwĂŒrfe. Aber Christopher William ist nicht der Einzige, der sich ĂŒber den Umgang mit Obdachlosen besonders in der Notaufnahme des AK St. Georg beklagt. Immer wieder erzĂ€hlen auch Hinz & KĂŒnztler, trotz eines Notfalles nicht mal untersucht worden zu sein.

So wie VerkĂ€ufer Uwe, der im Dezember wĂ€hrend eines Besuchs im Landessozialamt umkippte und erst im Krankenwagen wieder zu sich kam. „Sie mĂŒssen richtig durchgecheckt werden“, habe der Notarzt auf dem Weg ins AK St. Georg gesagt. Dort wurde dem 41-JĂ€hrigen eine Infusion gelegt und bedeutet, er könne jederzeit gehen. Die Infusion lief nicht durch, aber darum habe sich niemand gekĂŒmmert. „Es könnte ein epileptischer Anfall gewesen sein“, sagt der Hinz & KĂŒnztler, der vor Jahren unter dieser Krankheit litt und die Symptome kennt. Untersucht wurde er nicht.

Das AK St. Georg erklĂ€rte gegenĂŒber H&K nur, GesprĂ€che mit der Caritas seien geplant. FĂŒr weitere Stellungnahmen verwies es auf den Landesbetrieb KrankenhĂ€user (LBK), der nach mehrmaliger Anfrage mitteilen ließ: „Alle Menschen werden in den HĂ€usern des LBK gleich behandelt, unabhĂ€ngig von ihrem gesellschaftlichen Status. Das schließt Obdachlose ausdrĂŒcklich mit ein.“

Ein Krankenhaus-Mitarbeiter (Name der Redaktion bekannt) sieht das anders: „Obdachlose gelten als ungeliebte Klientel. Sie stinken, sind verlaust, schmutzig – und weil sie sich oft nicht wehren können, werden sie schlecht oder gar nicht behandelt.“ Die Arbeitsbelastung in den Notaufnahmen sei extrem hoch, bringt er zur Entschuldigung an.

Obdachlose – erst recht wenn psychische BeeintrĂ€chtigungen hinzukĂ€men – seien zudem schwierige und zeitaufwĂ€ndige Patienten. Dennoch: „Leute, die gut gekleidet und gepflegt sind und aussehen, als könnten sie ihre Rechte durchsetzen, werden eindeutig besser behandelt.“ GegenĂŒber Obdachlosen, deren Behandlung in der Regel das Sozialamt bezahlt, sei der Umgangston dagegen oft „unglaublich“.

Auch die Mitarbeiter der Mobilen Hilfe wissen um die Arbeitsbelastung des Krankenhauspersonals. FrĂŒher, so Schwester Annette Wyrwol, gab es zudem in jeder Klinik eine kleine Hautabteilung. Heute können bei NotfĂ€llen nur noch das AK St. Georg und die Uniklinik helfen. Kein Wunder also, dass die Ärzte des city-nahen AK St. Georg viele obdachlose Patienten behandeln mĂŒssen, die hĂ€ufig unter schweren Hautkrankheiten und Wunden leiden. Aber: „Wir machen uns vorher Gedanken, wo wir die Leute hinfahren, ob es wirklich nötig ist und ob der Patient es will“, sagt der Arzt Stanislaw Nawka, der seit sieben Jahren fĂŒr die Mobile Hilfe im Einsatz ist. Werden Obdachlose dann von den KrankenhausĂ€rzten abgewiesen oder abfĂ€llig behandelt, hat das oft fatale Folgen: Teils wochenlange ÜberredungskĂŒnste, sich endlich in die Klinik zu begeben, sind im Nu zunichte gemacht. Die Patienten gehen lieber wieder.

Und noch etwas kritisieren die Mitarbeiter der Mobilen Hilfe: „Wir mĂŒssen hĂ€ufig die Fehler ausbĂŒgeln, die der nachlĂ€ssigen Behandlung im AK St. Georg geschuldet sind“, so Christopher William. Wunden werden nicht korrekt gesĂ€ubert, Haare vor dem NĂ€hen nicht entfernt. Mit unter den VerbĂ€nden faulenden, verklebten und aufgeweichten Wunden landen die Patienten schließlich im Bus der Caritas.

Deren Mitarbeiter geben sich mehr MĂŒhe. „Wir machen die Leute regelrecht bĂŒhnenreif“, so Wyrwol. Die meisten Kranken wĂŒrden sich in der Krankenstube fĂŒr Obdachlose im ehemaligen Hafenkrankenhaus rasieren und waschen, bevor sie von einem niedergelassenen Arzt eine Krankenhauseinweisung erhalten. Oft ohne Erfolg: „HĂ€ufig stehen die Patienten ein paar Stunden spĂ€ter wieder vor der TĂŒr “, sagt Klaus Scheiblich, Pflegedienstleiter der Krankenstube. Dabei sind die 14 Betten durchgehend belegt – mit all jenen, die nicht krankenhausreif sind, aber ein Bett und Pflege anstelle einer Parkbank benötigen, um sich auszukurieren.

Letztlich entscheiden aber die Krankenhaus-Ärzte, ob sie eine stationĂ€re Behandlung fĂŒr nötig halten. Diese Entscheidung fĂ€llt offenbar hĂ€ufig anders aus als bei den Kollegen außerhalb der Klinik, wenn es sich um Obdachlose handelt. Die Schuld dafĂŒr wird den Patienten zugeschoben. „Alle Patienten werden in gleicher Weise ĂŒber ihre Erkrankung, die damit verbundenen Risiken sowie die Behandlungsempfehlungen aufgeklĂ€rt. Zu einer erfolgreichen Behandlung gehört allerdings auch die Bereitschaft der Patienten, den Empfehlungen zu folgen. Diese Bereitschaft ist leider nicht bei allen Menschen vorhanden“, so der LBK.

„Mit den FĂŒĂŸen könnte man trampeln“, sagt dagegen Schwester Elsbeth ĂŒber die aufnehmenden Ärzte im AK St. Georg. Die Ordensschwester, die ĂŒber 45 Jahre Pflegeerfahrung verfĂŒgt, versuchte einen obdachlosen, psychisch kranken Mann im AK St. Georg unterzubringen. Schon zwei Jahre zuvor hatte ein niedergelassener Arzt festgestellt, dass dessen zum Teil abgestorbenes Bein nicht zu retten sein wĂŒrde. Ende November vergangenen Jahres wurden die offenen FĂŒĂŸe des Mannes schlimmer, das Bein schwarz.

Doch im AK St. Georg schickten die Ärzte ihn und seine Begleiterin fort. „Wir sind doch kein Pflegeheim“, hĂ€tten sie zu hören bekommen. „Sie haben ihm ’ne Wanne zum FĂŒĂŸe waschen hingestellt und ihm ein Paar neue Socken gegeben. Sie haben nichts verbunden, ihm noch nicht mal beim Reinigen der wunden FĂŒĂŸe geholfen“, so Schwester Elsbeth – trotz Ă€rztlicher Einweisung.

Auch der zweite Versuch Mitte Dezember scheiterte, ebenfalls trotz Einweisung und obwohl der Patient kaum noch laufen konnte. „Den behalten wir nicht hier, da können sie noch so fordernd sein“, hĂ€tten die Ärzte gesagt. Mit Hilfe eines Taxifahrers und einem Rollstuhl brachte die verzweifelte Frau ihren SchĂŒtzling in die völlig ĂŒberfĂŒllte Krankenstube fĂŒr Obdachlose. Von dort wurde der Mann erneut ins AK St. Georg eingewiesen und endlich stationĂ€r aufgenommen, um ihm Bein zu amputieren.

Annette Bitter

Am Tresen daheim

Ein Besuch in Hamburger Eckkneipen

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Vielleicht ist es ja nur das Unbekannte, dieses Nicht-wissen-was-kommt-GefĂŒhl, was zunĂ€chst etwas Beklemmung verursacht. Noch von draußen, von der Straße her, kein einstimmender Blick möglich auf das, was einen drinnen gleich wohl erwartet. Eckkneipen sind öffentliche Orte, die dennoch dem Fremden als allererstes Distanz signalisieren.

Fensterbrettlange Gardinen oder doppel-wandige Buntglasscheiben entziehen Tische und Tresen – und die Menschen drumherum – der allgemeinen Aufmerksamkeit, anders als in all den modernen CafĂ©hĂ€usern oder Szenekneipen. Der fremde Besucher spĂŒrt sofort, er könnte stören. Wer an diesen Orten nicht fremd bleiben will, muss schnell dazugehören wollen. Und wer einkehrt, tut dies zumeist schon lĂ€nger mit jener gewohnten Routine, mit der etwa auch das hĂ€usliche Wohnzimmer betreten wird.

„N’Abend“, ruft Anni, und am Tresen drehen sich drei MĂ€nnerköpfe synchron von ihren Bierflaschen weg hin zur EingangstĂŒr. „O-Saft?“, fragt Anni dann irritiert zurĂŒck. „Nee. Das gab’s hier frĂŒher mal. Ist aber immer schlecht geworden.“ Dabei lacht Anni erfrischend schrill scheppernd, und links am Tresen sagt JĂŒrgen: „Flaschenbier geht am schnellsten. Auf Fassbier mĂŒsste man fĂŒnf Minuten warten.“

Die WĂ€nde sind brusthoch mit bonbonroter Lackfarbe gestrichen. DarĂŒber zahlreiche Fotos, große wie kleine, zumeist mit lachenden oder trinkenden Menschen, offensichtlich GĂ€sten. In einer Ecke Fahne und Fanabzeichen des Stammtischs der St. Pauli-AnhĂ€nger. SchrĂ€g gegenĂŒber Kuckucksuhr und eine Kuhglocke. Und dann die vielen Katzen: fotografierte Katzen an den WĂ€nden und Porzellankatzen in der prall gefĂŒllten meterhohen Vitrine auf dem Tresen. „Ich liebe Katzen“, sagt Anni, „manchmal verirren sich Fremde hierher, junge Leute vor oder nach einem Konzert in der ‚Fabrik‘. Die können das alles nicht fassen und fragen: Wohnen Sie auch hier drinnen?“

Anni Geniffke betreibt an der Barnerstraße sechs Abende pro Woche die Eckkneipe „Min Jung“, zunĂ€chst zusammen mit Ehemann Rudi und nach dessen Tod vor 16 Jahren allein. Im Oktober feierte Altonas Ă€lteste aktive Wirtin ihren 78. Geburtstag. „Auch wenn die Einrichtung in den Augen junger Leute alt aussieht“, sagt Anni, „hier wird nichts verĂ€ndert. Man muss es den GĂ€sten doch gemĂŒtlich lassen.“ „Ja“, sagt Reiner, „wir sind zueinander wie eine gemĂŒtliche Familie. Und Anni ist unsere Mutti.“ Reiner ist auch schon 70 und Stammgast seit 25 Jahren.

Insgesamt 4800 gastronomische Betriebe arbeiten in Hamburg, gut 1000 zĂ€hlen zu den Stamm- oder Eckkneipen. Als Treffpunkte des „kleinen Mannes“ sind sie fĂŒr viele von ihnen diejenige Einrichtung des tĂ€glichen Lebens, in der soziale Kontakte noch möglich sind. „Privat hab ich keine Bekannten“, sagt Reiner, seit vier Jahren Witwer, „zu mir nach Hause kommt niemand. Meine Bekanntschaften treffe ich nur in der Kneipe.“ Anni sagt: „Einer passt auf den anderen auf.“ Und dann erzĂ€hlt sie die Geschichte von vor ein paar Monaten, als Reiner mal sechs Wochen lang nicht zu ihr kam. Den Dieter, sagt Anni, habe sie dann vom Tresen weg voller Besorgnis zu Reiners Wohnung geschickt. Und, als dort niemand öffnete, gleich noch die Polizei hinterher. „Es wissen ja alle, dass es mit meiner Gesundheit nicht so gut ist“, sagt Reiner, „ich hab mich ĂŒber das Sorgen-Machen sehr gefreut.“

So trifft man sich am Tresen immer wieder als miteinander vertraute Gemeinschaft, kennt meistens die Vornamen voneinander und weiß manchmal auch ein wenig von Krankheiten oder anderen KĂŒmmer-nissen. Das Leben wird dann diskutiert, das manchem nur wenig Anlass bietet zur Hoffnung, und vor allem die wirklich komplizierten Dinge des Alltags. Fußball zum Beispiel, am Tresen selten ein simples Spiel, sondern stets hochkomplex. Oder Politik. Da kann es dann schon mal passieren, dass man irgendwann vorstĂ¶ĂŸt auf den wahren Kern einer Sache, auf den Nukleus eines Geflechts. So wie Post-Gerd, jahrzehntelang eingefleischter Sozialdemokrat, wie Anni sagt, der irgendwann am Tresen erklĂ€rt habe, nun sei Schluss mit lustig mit der SPD. „Wegen dem Schröder“, erklĂ€rt Anni, „weil der schon drei Mal geschieden ist.“ „So’n Bock“, habe Post-Gerd dann noch gesagt, „so’n Bock wĂ€hl’ ich nicht mehr.“

Es ist zumeist die einfache Sprache, die Sprache der Straße, die in den Eckkneipen gesprochen wird. Die Sprache des kleinen Mannes, rau und direkt und manchmal auch verletzend. Mancher, der das Wort fĂŒhrt, macht sich dann gerne schon mal grĂ¶ĂŸer, als er tatsĂ€chlich klein ist. „Wenn MĂ€nner sich in die Wolle kriegen, dann gibt es Alarm“, sagt Bert in einer Kneipe an einer Wohnstraße auf St. Pauli, „meistens beleidigen wir uns nur, mal gibt’s auch eine Keilerei.“ Wichtig sei vor allem „das Hinterher: Entschuldigung! Bitte! Danke!“

Bert hat heute schon einige Flaschen Bier getrunken, seine Zunge liegt ihm hörbar schwer im Mund. Links daneben sitzt Horst, 58 Jahre alt, und nicht nur sein Pullover, den er an diesem frĂŒhen Abend trĂ€gt, strahlt in tiefem Blau. Bald wird Feierabend sein fĂŒr diesen Tag, von zehn bis zehn ist hier geöffnet, eine Tageskneipe. „Noch’n Holsten“, versucht Horst jetzt zu rufen, und der Wirt versteht gleich die Bestellung, „morgen um fĂŒnf muss ich wieder im Hafen sein“, letzte Flasche fĂŒr ihn auf seiner tĂ€glichen After-Work-Party. Bert sagt nun, er selbst könne ja nicht mehr arbeiten, sei unfĂ€hig geschrieben, aber morgen in der FrĂŒhe, da wĂ€r’ auch er rechtzeitig hoch. „So ab zehn bin ich hier in die Kneipe. Jedenfalls vielleicht, ich mach nĂ€mlich auch schon mal Pause.“

Den ganzen Tag nur in der Kneipe, fast jeden Tag, wie viel Geld kostet das? „Das ist wirklich eine dumme Frage“, raunzt Bert jetzt ganz böse und dreht sich verĂ€rgert zur Seite, „da antworte ich nicht mehr drauf.“ Einen Moment lang entsteht Stille am Tresen, und bald beginnt der Wirt langsam, leere Bierflaschen von einer Kiste in eine andere umzustecken. „So pauschal kann man das doch ĂŒberhaupt nicht sagen“, antwortet Bert schließlich doch noch, aber weiterhin arg maulig wegen der Frage, „man kann ja auch mal krank werden.“

Peter Brandhorst

GABI lĂ€sst grĂŒĂŸen

Wie Bonn Obdachlosen und Außenseitern hilft

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Überall wĂ€chst der Druck auf Obdachlose und Bettler. Überall? Nein, in Bonn sorgen Polizisten und Sozialarbeiter gemeinsam fĂŒr ein gutes Klima.

Groningen? Da fahr ich nie wieder hin!“ Horst kann sich noch heute in Rage reden, wenn die Rede auf die niederlĂ€ndische Provinz-Metropole kommt. Sieben Tage verbrachte der 66-jĂ€hrige Hinz & Kunzt-VerkĂ€ufer in der 160.000-Seelen-Stadt – und machte einprĂ€gsame Erfahrungen: „In der ganzen Stadt sieht man keine Obdachlosen, keine Bettler, keine Straßenmusikanten, nix“, berichtet er. Einmal habe er versucht zu betteln, „nicht aufdringlich, ich bin immer höflich“. Da sei sofort die Polizei gekommen und habe ihn angeblafft: „Los! Hoch, hoch, hoch!“

Ob solche VerhĂ€ltnisse bald auch in Hamburg herrschen? „Um den fĂŒr die Sicherheit und Sauberkeit als störend empfundenen Verhaltens-weisen wirksam entgegenzutreten“, soll ab Januar ein stĂ€dtischer Ordnungsdienst die Straßen und PlĂ€tze kontrollieren, beschloss der Senat. Neun Wochen sollen die uniformierten OrdnungshĂŒter – zunĂ€chst 30, spĂ€ter 60 bis 70 – in der Landespolizeischule ausgebildet werden. Dann erhalten sie Befugnisse, die bisher ausschließlich in PolizeihĂ€nden lagen. Sie dĂŒrfen Bußgelder verhĂ€ngen, Platzverweise aussprechen und sogar Menschen in Gewahrsam nehmen. Wen diese Maßnahmen treffen werden? Thomas Model, Sprecher der Innenbe-hörde, nennt ein drastisches Beispiel: „50 Leute, zu wie die Nattern, belĂ€stigen die Passanten
“

Dass es manchem um mehr geht als „Pöbeln, Urinieren, aggressives Betteln“ (Senat), zeigt sich derzeit in Hamburg-Harburg. Seit Monaten machen Bezirks-Politiker der regierenden Rechts-Koalition Stimmung gegen Sozialschwache und deren Treffpunkte. So forderte Wolfgang Renckly von der Schill-Partei angesichts von Dosenbier trinkenden Menschen: „Die öffentlichen Saufgelage mĂŒssen endlich aufhören.“ Sein ehemaliger Parteifreund Peter Schindler, nun bei der „Fraktion Hamburg Offensiv“ (FHO), legte nach: Um „Wegelagerei und Alkoholismus“ an „stadtbekannten Trinkertreffs“ wie dem Harburger Rathausplatz zu stoppen, forderte er die Einrichtung von „Bannmeilen“ – öffentliche Veranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt seien davon natĂŒrlich nicht betroffen.

Es geht um PhĂ€nomene wie den „Klöntreff“ an der S-Bahn-Haltestelle Heimfeld. Seit Jahren stehen hier Tag fĂŒr Tag Menschen mit Bierdosen in der Hand, schwĂ€tzen und machen die BĂ€nke nahe des S-Bahn-Aufgangs zu ihrem Wohnzimmer. „Eine ganz gemischte Truppe von alteingesessenen Heimfeldern“, sagt Stadtteildiakonin Uschi Hoffmann. Anwohner finden den Anblick der Gruppe „natĂŒrlich nicht toll“, aber: „Sie können damit leben.“ Dass die Hardliner die sozialen Außenseiter nun vertreiben wollen, bringt die Sozialarbeiterin auf die Palme: „In jeder Kneipe wird gesoffen. Diese Leute machen nichts anderes als der gute BĂŒrger auch – nur treffen sie sich in der Öffentlichkeit!“

Dass es auch andere Wege gibt, mit Außenseitern umzugehen, zeigt das Beispiel der ehemaligen Bundeshauptstadt. Das „Bonner Loch“, eine vertieft gelegene FußgĂ€ngerpassage am dortigen Hauptbahnhof, war frĂŒher bei Passanten gefĂŒrchtet. Drogenkranke, Alkoholiker und Obdachlose hatten den zentral gelegenen Ort zu ihrem Treffpunkt gemacht, bis zu 200 Menschen versammelten sich dort an lauen Sommerabenden. Mehr und mehr BĂŒrger beschwerten sich, und die Lokalpresse trommelte lautstark fĂŒr die „Beseitigung des Schandflecks“.

Da schlug die Stunde von „GABI“ (Gemeinsame Anlaufstelle Bonn Innenstadt), einer 1992 neu eingerichteten kleinen Wache direkt am Rand der umstrittenen Passage. Das Besondere: Polizei, Ordnungsamt und Sozialarbeiter kĂŒmmern sich hier gemeinsam um die Lösung von Problemen – mit Erfolg, meint JĂŒrgen Speckenheuer, Leiter der etwas anderen Polizeidienststelle, deren Mitarbeiter allesamt aus eigenem Willen im „Bonner Loch“ arbeiten: „FrĂŒher sind hier einige Obdachlose im Winter erfroren. Das passiert nicht mehr, weil wir den Menschen direkt Hilfe vermitteln können.“

Wenn Speckenheuers Uniformierte vor der TĂŒr ihrer kleinen Wache Streife gehen, arbeiten sie gleichzeitig als OrdnungshĂŒter und Menschenfreunde: „Einen Alkoholiker, der hier tĂ€glich steht, den sprechen wir natĂŒrlich an. Geben ihm Tipps, wo er Hilfe findet, und fragen immer mal nach: ,Und, hast du schon was getan?‘“ Zwang oder Vertreibung, weiß der Polizeihauptkommissar, helfen nicht: „Wir weisen den Weg – gehen muss ihn der Betroffene selbst.“

Klar, wenn es Ärger gibt oder Straftaten, schreiten die Beamten ein: „Ohne Repression geht es nicht“, sagt der Polizist. Doch meist ist die nicht nötig. „Dadurch, dass wir stĂ€ndig prĂ€sent sind, haben wir einen ganz anderen Umgang mit den Menschen. Man kennt sich.“

Heute steht fast die gesamte Stadt hinter dem Modellprojekt, die örtliche CDU zum Beispiel fordert bessere RĂ€umlichkeiten fĂŒr GABI und mehr Streetworker fĂŒr die HilfsbedĂŒrftigen. Und wĂ€hrend andern-orts Sozialarbeiter gerne ĂŒber OrdnungshĂŒter klagen, sagt Roland Graaf, Berater beim Verein fĂŒr GefĂ€hrdetenhilfe, der nahe des Szene-Treffpunkts eine Anlaufstelle fĂŒr Drogenkranke betreibt: „Wir arbeiten mit der Polizei Hand in Hand, um unserer Klientel zu helfen.“ Die Zusammenarbeit habe sich bewĂ€hrt und die Bevölkerung „kapiert, dass es diese Menschen gibt“, bilanziert der Psychologe die zehn-jĂ€hrige Erfolgsgeschichte von GABI und sagt: „Was soll man die Leute vertreiben? Dann sind sie irgendwann woanders
“

Ulrich Jonas

HĂ€rte statt Hilfe

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Justizsenator Roger Kusch verschĂ€rft den Strafvollzug. Der Sicherheit in der Stadt hilft das kaum. Nicht nur Gefangene protestieren gegen die VerschĂ€rfung, sondern auch namhafte Ärzte und Juristen.

Hinter Gittern rumort es. An einem Montag im Dezember meldeten sich Gefangene der Justizvollzugsanstalt II („Santa Fu“) kollektiv krank und erschienen nicht zur Arbeit. Nach Behördenangaben waren es rund 50, nach Angaben aus der Anstalt weit mehr als 100 HĂ€ftlinge. Sie wurden Ă€rztlich untersucht – ohne Befund. Den Rest des Tages mussten die Streikenden in ihren Zellen verbringen.

Kein dramatischer Vorfall. Aber ein Hinweis auf die Unruhe unter Gefangenen. Denn die politischen Vorgaben von Justizsenator Roger Kusch (CDU) verÀndern den Hamburger Strafvollzug: Die Gangart wird hÀrter.

Junkies im Knast

Drogenkonsum ist Alltag im Knast. Die Justizbehörde geht mit schĂ€rferen Kontrollen und Sanktionen dagegen vor, hat den Spritzentausch abgeschafft und fĂ€hrt das einzige drogentherapeutische Angebot, die Substitution, zurĂŒck. „VerstĂ€rkter Druck auf die AbhĂ€ngigen löst keines ihrer Probleme“, sagt dagegen Klaus Behrendt, leitender Arzt der Abteilung fĂŒr AbhĂ€ngigkeitserkrankungen im Klinikum Nord und GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Hamburger Drogenambulanzen.

„SchwerstabhĂ€ngige tun alles, um weiter zu konsumieren“, so der Arzt. Sie wĂŒrden sich zum Beispiel prostituieren und noch höher verschulden, um an Stoff zu gelangen. Spritzen werden laut Behrendt im GefĂ€ngnis hoch gehandelt, ĂŒber Monate verwendet und mit Margarine gangbar gemacht. Sogar angefeilte Kugelschreiberminen dienen demnach als Injektionsnadeln. Durch gemeinsame Benutzung der Spritzen steige das Risiko von HIV- und Hepatitis-Infektionen, so der Arzt. Behördensprecher Kai Nitschke hĂ€lt dagegen: „AbhĂ€ngige, die Hilfe brauchen, bekommen sie nach wie vor.“

GroßgefĂ€ngnis Billwerder

Hamburg hat derzeit rund 3.100 HaftplĂ€tze. Fast jeder vierte ist im offenen Vollzug, wĂ€hrend es im Bundesdurchschnitt nur jeder sechste ist. Diesem Mittelwert wird sich Hamburg bald annĂ€hern: In Billwerder entsteht ein GroßgefĂ€ngnis mit etwa 500 zusĂ€tzlichen PlĂ€tzen – ĂŒberwiegend geschlossen.

Hintergrund: Der Senat rechnet mit einem „weiterhin starken Anstieg der Gefangenenzahlen“ in Hamburg – aufgrund einer „Intensivierung der Strafverfolgung und der VerhĂ€ngung von mehr und lĂ€ngeren Haftstrafen“. Billwerder sei „eine kostenintensive Fehlplanung“, sagt dagegen der ehemalige Abteilungsleiter in der Justizbehörde, Gerhard Rehn. „FĂŒr viele Gefangene ist geschlossener Vollzug nicht erforderlich.“

Weniger Lockerungen

Ausgang und Urlaub werden eingeschrĂ€nkt. Im Jahr 2001 gab es rund 6.800 Bewilligungen, in den ersten neun Monaten 2002 waren es nur noch 3.789. Als Erfolg des neuen Kurses verbucht die Justizbehörde, dass Ausgang und Urlaub weniger missbraucht werden, Gefangene also pĂŒnktlich in die Haftanstalten zurĂŒckkehren. Die Statistik zeigt allerdings, dass MissbrĂ€uche seit 1996 kontinuierlich abnehmen – also auch schon unter Kuschs VorgĂ€ngern.

Geplant ist außerdem, Telefonate von HĂ€ftlingen stĂ€rker zu kontrol-lieren, ihre Bewegungsfreiheit im Knast zu begrenzen und Besuchs-zeiten zu kappen – auch, um Personal zu sparen. Diese Maßnahmen sorgen vor allem in „Santa Fu“ fĂŒr Unruhe, wo bisher relativ groß-zĂŒgige Regeln gelten.

Gnade eingeschrÀnkt

ErklĂ€rtes Ziel des neuen Senats war es auch, die angeblich „ausufernde Gnadenpraxis“ (Koalitionsvertrag) einzudĂ€mmen. In Hamburg hatte sich ĂŒber Jahre eine fĂŒr Gerichte, Staatanwaltschaft, Justizvollzugsanstalten, Polizei, RechtsanwĂ€lte und soziale Einrich-tungen gut funktionierende Gnadenpraxis entwickelt. So konnte im Einzelfall bei besonderen HĂ€rten schnell geholfen werden. Im Septem-ber wurde die Gnadenabteilung, die vorher beim Landgericht angesie-delt war, zur Staatsanwaltschaft verlegt. Behördensprecher Kai Nitschke begrĂŒndet dies mit „höherer Effizienz“. Böse Zungen behaupten, dass jetzt alle positiven Entscheidungen Roger Kusch vorgelegt werden mĂŒssen. Nitschke bestreitet das vehement.

Ob ein Haftbefehl vollstreckt oder aus bestimmten GrĂŒnden, wie beispielsweise bei einer schweren Krankheit, ausgesetzt wird, darĂŒber entscheiden im Vorwege die Vollstreckungsdezernenten der Staatsan-waltschaft. Unter der rot-grĂŒnen Regierung galten Schwangerschaft und Mutterschaft bei geringen Strafen als HĂ€rtefall oder als Gnaden-grund. Das scheint sich geĂ€ndert zu haben. Alleine im Oktober und November saßen insgesamt fĂŒnf junge MĂŒtter im Knast, teils mit, teils ohne ihre SĂ€uglinge (H&K 118).

Neue Grundorientierung

„Haft darf kein Luxusurlaub sein“: Mit solchen Äußerungen macht Senator Kusch Stimmung fĂŒr mehr HĂ€rte gegenĂŒber Gefangenen. „Ziel des Strafvollzugs ist Resozialisierung und Behandlung“, sagt dagegen der Hamburger Kriminologie-Professor Klaus Sessar. Der offene Vollzug solle die Regel sein, so schreibe es das Gesetz vor. Weil der Justizsenator in die entgegengesetzte Richtung marschiert, werfen ihm Sessar und andere Juristen „Abkehr von den gesetzlichen Grundlagen“ vor.

Mehr Sicherheit?

Macht Kuschs harte Linie Hamburg sicherer? Nein, meint das „Forum Hambur-ger Strafvollzug und StraffĂ€lligenhilfe“, dem neben Behrendt, Rehn und Sessar weitere Juristen, Ärzte und Gewerkschafter ange-hören. Wer nur auf Verwahrvollzug setze und Wiedereingliederung gering achte, schaffe nicht mehr, sondern weniger Sicherheit, so das „Forum“. Denn die Gefangenen wĂŒrden „aggressiver und lebensun-tĂŒchtiger entlassen, als sie es vorher waren“. Ein riskanter Kurs – denn fast jeder „Weggesperrte“ gelangt eines Tages wieder in die Freiheit.

db/bim

Literatur und Landwirtschaft

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Mit dem Mara-Cassens-Preis wird seit 25 Jahren eine wichtige Aus-zeichnung fĂŒr den literarischen Nachwuchs vergeben. Doch wer ist Mara Cassens? Ein Hausbesuch bei der Stifterin.

Die Morgensonne beleuchtet hartgefrorene Wiesen und Äcker – und fĂ€llt großzĂŒgig durch die Panoramafenster. So großzĂŒgig, dass man die Augen zusammenkneifen muss. Ein großer brauner Hund schnĂŒffelt trĂ€ge um einen rie-sigen dunklen Holztisch herum. Im Gegenlicht die Silhouette einer zierlichen Frau. Sie verab-schiedet einen Mann in grĂŒnem Arbeitszeug, der in den PferdestĂ€llen nach dem Rechten sehen soll. Die freundliche blonde HaushĂ€lterin eilt aus der KĂŒche herbei und bietet Kaffee und Tee an. WĂ€re dies ein Gesellschaftsroman aus dem 19. Jahrhundert, wĂŒrde man jetzt mit „gnĂ€dige Frau“ angesprochen.

Doch obwohl die Szenerie im Haus von Mara Cassens auf den ersten Blick RomanĂ€hnlichkeit hat, tĂ€uscht dieser erste Blick: Die 59-JĂ€hrige zĂŒchtet Pferde, kĂŒmmert sich auf ihrem Obsthof bei Stade um biologische Anbau-methoden und ist eine begeisterte Leserin. Deshalb stiftet sie seit 25 Jahren den wichtigsten deutschen Literaturpreis fĂŒr ein Romandebut, der auch nach ihr benannt ist.

„Die Neue literarische Gesellschaft hat auch schon vorher einen Preis fĂŒr einen Roman-Erstling vergeben, ich habe ihn nur etwas aufgestockt“, sagt sie bescheiden. Das Geld – mittlerweile 10.000 Euro – sollte eben nicht nur eine Anerkennung sein, sondern dem Schriftsteller ermöglichen, eine Weile davon zu leben und sich ohne Geldsorgen auf das Schreiben zu konzentrieren.

„Wenn Sie kĂŒrzere Prosa schreiben, können Sie nebenbei noch jobben, aber ein Roman verlangt unendlich viel Disziplin und Konzentration.“ Sie weiß das, weil sie inzwischen viele der Autorinnen und Autoren kennen gelernt hat.

Ihren braunen Augen sieht man die Begeisterung an, wenn sie von diesen Begegnungen erzĂ€hlt, bei denen sie oft interessante Verbin-dungen zwischen Leben und Literatur festgestellt hat, „die einem manchmal ganz neue Perspektiven auf die Geschichte eröffnen“. NatĂŒrlich plaudert sie keine Einzelheiten aus, aber es ist unĂŒber-sehbar, dass sie eine lustvolle Menschenbeobachterin und -kennerin ist.

„Viele, wie Marlene Steeruwitz oder die PreistrĂ€gerin des vergangen Jahres, Annette Pehnt, schicken mir regelmĂ€ĂŸig ihre neuen BĂŒcher, das ist natĂŒrlich sehr schön“, ergĂ€nzt sie dann noch ihr VergnĂŒgen an dem Preis, aus dessen Vergabe sie sich allerdings strikt heraushĂ€lt. Gemeinsam mit dem Hamburger Literaturhaus bestimmt sie lediglich den Juryvorsitzenden – derzeit der ehemalige PreistrĂ€ger John von DĂŒffel – und findet es ansonsten wichtig, dass die Jury ausschließlich aus Lesern und nicht aus den ĂŒblichen VerdĂ€chtigen des Literatur-betriebs besteht. „Wenn ich da als Stifterin sĂ€ĂŸe, wĂŒrden die anderen vielleicht gar nicht mehr gegen mich stimmen“, lĂ€chelt sie.

Sie will sich auch nicht auf ein Lieblingsbuch festlegen lassen, sondern findet gerade die Vielfalt der Literatur faszinierend. In ihrem BĂŒcher-regal findet sich allerdings eine auffĂ€llig große Zahl von Marguerite Duras’ Werken.

Nein, selber schreiben wollte sie nie, der Gedanke sei völlig abwegig, auch wenn sie sich schon als Jugendliche fĂŒr Kunst und Literatur interessiert habe. Die Tochter eines NĂŒrnberger Zahnarztes wurde dann erst mal Stewardess, verliebte sich in den Hamburger Kaufmann Holger Cassens, mit dem sie noch heute verheiratet ist, und zog 1968 in den Norden.

Dann erst nĂ€herte sie sich ĂŒber die Pferdezucht ihrer eigentlichen Leidenschaft an, der Landwirtschaft. „Das hat mich eigentlich schon immer interessiert, aber wenn man nur in der Stadt aufwĂ€chst, ist das ja irgendwie abwegig.“ Heute ist es das ganz und gar nicht mehr. Mara Cassens stellte ihren Hof auf biologische Anbaumethoden um, grĂŒnde-te gemeinsam mit anderen Bauern einen „ökologischen Obstversuchs-ring“, zu dem inzwischen 50 Betriebe in ganz Norddeutschland gehören, und setzt sich dafĂŒr ein, dass die Forschung in diesem Bereich stĂ€rker gefördert wird, „denn nur dann können es sich Bauern auch leisten umzustellen.“

Bei diesem Thema redet sie sich schnell warm – und genau darin sieht sie auch ihre Rolle: „Von der praktischen Landwirtschaft verstehen andere, die das gelernt haben, mehr. Ich kĂŒmmere mich um die Kontakte zu den Ministerien, um Öffentlichkeit und UnterstĂŒtzung.“ Auf die Frage, ob sie denn trotzdem manchmal selbst in Gummistiefeln ĂŒber ihren Apfelhof stapfe, schaut sie die ahnungslose GroßstĂ€dterin fast mitleidig an: „NatĂŒrlich, das mĂŒssen Sie, sonst können Sie das Ganze ĂŒberhaupt nicht begreifen.“

Begreifen, das ist ĂŒberhaupt ein SchlĂŒsselwort fĂŒr sie. Ob das nun der niedersĂ€chsiche Ackerboden ist, die Kulturpolitik der Hansestadt oder die Ansichten einer jungen ungarischen Autorin – Mara Cassens interessiert sich auf zupackende Weise fĂŒr die Vielfalt der Welt und ganz besonders dafĂŒr, wie sie sich verĂ€ndert.

Geld eröffnet dabei natĂŒrlich Möglichkeiten. Doch verpflichtet fĂŒhlt sie sich nur gegenĂŒber ihren Mitarbeitern, „da trĂ€gt man Verantwortung.“ NatĂŒrlich bekommen die Erntehelfer einen korrekten Stundenlohn, der Bereiter fĂŒr die Pferdezucht ist fest angestellt, die GestĂŒtsleiterin hat weit gehende Entscheidungskompetenz, und der Mann im grĂŒnen Arbeitsanzug, „Gustav Mahler, der all das hier mit mir aufgebaut hat und seitdem bei mir arbeitet, besitzt natĂŒrlich lebenslanges Wohn-recht.“

Ach ja, der Hund heißt Sally und ist „ein wenig antiautoritĂ€r“ erzogen. Vielleicht könnte Mara Cassens’ Leben eines Tages doch noch Vorlage fĂŒr einen Gesellschaftsroman werden, allerdings fĂŒr das 21. Jahrhun-dert.

Sigrun Matthiesen

Sportlicher Witzbewerb

Beim 1. Hamburger Cup of Comedy bestimmen die Zuschauer, was lustig ist

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Witzig sein, das wollen viele. Vielleicht zu viele, jedenfalls zu oft die falschen. Davon kann man sich allabendlich beim Durchzappen der Quatsch- und Gag-Shows ĂŒberzeugen.

Doch was heißt das schon, witzig? Und wer ent-scheidet, ob Comedy wirklich komisch ist? Da Humor nun mal Geschmackssache ist, beschlos-sen zehn Stadtteilkulturzentren, die Frage demo-kratisch-sportlich zu klĂ€ren und riefen den „1. Hamburger Cup of Comedy“ aus.

In einem dreitĂ€gigen Turnier treten insgesamt 20 Gruppen und Solisten gegeneinander an und buhlen um die Lacher des Publikums. „Danach haben wir auch entschieden, wer ĂŒberhaupt teilnehmen darf“, sagt Peter Rautenberg vom Goldbekhaus, der gemeinsam mit sechs anderen Jurymitgliedern mehr als 60 Bewerbungen von Nachwuchskomikern sichtete. „Sie mussten eine gewisse BĂŒhnenprĂ€senz haben, und sie sollten noch nicht allzu bekannt sein, aber vor allem mussten sie eben einfach lustig sein!“

FĂŒr ihn persönlich sind die ganz gnadenlosen Attacken, die zielsicher Gebrechen und SchwĂ€chen treffen, weniger komisch, er lacht ĂŒber „Geschichten, denen ich anmerke, dass hinter den Gags Liebe zu den Menschen steckt, und in denen ich mich selbst wiederfinde“.

Geradezu poetisch gelingt dieser etwas „sanftere Humor“ beispiels-weise dem Theater Trifolie. Mit wenigen Worten, aber umso mehr Körpereinsatz, skizzieren sie Situationen, die jeder zu kennen glaubt. Doch je weiter sich diese Szenen entwickeln, desto surrealer werden sie – und fĂŒhren den Zuschauern das skurrile Potenzial des scheinbar normalen Verhaltens vor Augen. Am anderen Ende des Lachspektrums findet sich eine laute, schrille Truppe mit dem hĂŒbschen Namen „U-Bahn Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“. Das Quintett mit den unsĂ€glichen Outfits trĂ€gt den galoppierenden Irrsinn am liebsten als A-Capella-Weisen vor, wobei die Diskrepanz zwischen den wohltemperierten Melodien und den aberwitzigen Texten ihresgleichen sucht. Zwischen diesen Extremen ist Platz fĂŒr KĂŒnstler wie Hans Gerzlich oder Thomas Kupferschmidt, die sich in bester Kabarett-Tradition auch mal der politischen Lage annehmen, Stand-up Comediens wie Horst Fyrguth oder Sven Nagel, Quatschmacher wie Herrn Fröhlich oder Ramona Schuhkraft und lustige Musikanten wie dem Hamburger Duo Poppschutz.

„Wir wollen auch zeigen, wie vielfĂ€ltig die jungen Talente in diesem Bereich sind“, sagt Peter Rautenberg, „und sie mit dem Cup of Comedy fördern.“ Immerhin ist der erste Preis mit 1500 Euro dotiert. Doch um ihn zu gewinnen, muss man erst mal die Hauptrunde ĂŒber-stehen: Dabei treten am Abend des 23. Januar in zehn Stadtteilkulturzentren jeweils zwei KĂŒnstler beziehungsweise Gruppen hintereinander auf – und das Publikum entscheidet, wer lustiger war. Die so ermittelten Sieger kommen ins Halbfinale, wo sie wiederum jeweils 45 Minuten Zeit haben, das Publikum fĂŒr sich einzunehmen. Die verbliebenen fĂŒnf Finalisten prĂ€sentieren dann im Endspiel jeweils ihre Lieblings-Nummer, und die Zuschauer kĂŒren den ersten bis dritten Platz.

Als verantwortungsvolles Jury-Mitglied gibt Peter Rautenberg natĂŒrlich keinen Tipp ab, aber er erzĂ€hlt seinen Lieblingswitz: Der Mathe-Lehrer gibt eine Arbeit zurĂŒck und ist verzweifelt: „80 Prozent waren so schlecht, dass sie eine fĂŒnf bekommen haben!“ Meldet sich ein SchĂŒler und sagt: „Aber das kann doch gar nicht sein, so viele sind wir doch gar nicht.“

Finden Sie nicht zum Lachen? Macht nichts, beim Comedy-Cup ist sicher trotzdem was fĂŒr Ihr Zwerchfell dabei.

Sigrun Matthiesen

Verantwortung auf Raten

Das Bodelschwingh-Haus setzt auf Hilfe beim Wohnen

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Welche Angebote gibt es fĂŒr Menschen, die nicht mehr auf der Straße leben wollen? In dieser Ausgabe stellen wir das Bodelschwingh-Haus vor.

Hinz & Kunzt-VerkĂ€ufer Heinz hĂ€lt einen SchlĂŒssel in der Hand: fĂŒr anderthalb Zimmer mit KĂŒche und Bad in Barmbek. Es ist seine Wohnung – auch wenn im Mietvertrag noch jemand anderes steht: das Bodel-schwingh-Haus, eine der großen stationĂ€ren Hilfseinrichtungen fĂŒr Obdachlose in Ham-burg.

Heinz war frĂŒher Tankwart, wurde arbeitslos, jobbte als Hafenarbeiter. Die Wohnung, in der er mit seiner Freundin gelebt hatte, konnte er nach deren Tod nicht mehr halten.
Seit Oktober 2001 lebt er im Bodelschwingh-Haus.

Die Geschichte des Hauses reicht zurĂŒck bis 1927: Damals grĂŒndete die Hamburger Kirche fĂŒr obdachlose MĂ€nner das Haus Scharhörn. Wie die Chronik berichtet, gefiel den Nazis die kirchliche Arbeit nicht: Sie rĂŒgten schon 1933, dass die Bewohner nicht zur Arbeit verpflichtet waren, und wiesen keine Obdachlosen mehr zu. 1937 stellte das Haus seine Arbeit ein. 1950 wurde es als Bodelschwingh-Heim wiederer-öffnet.

„Im FrĂŒhjahr 2003 beginnen wir mit dem vollstĂ€ndigen Umbau“, sagt Leiter Horst Nitz. Das bezieht sich nicht nur auf die WĂ€nde im Haus, sondern auch aufs Konzept. Aus knapp 60 Einzelzimmern mit Gemein-schaftskĂŒchen werden im Lauf von zwei Jahren 40 Appartements mit WC, Dusche und Kochnische. „Die Bewohner haben dort eine Ă€hnliche Verantwortung wie in einer eigenen Wohnung. Das erleichtert den Übergang“, so der Sozialarbeiter.

Die Zahl der PlĂ€tze im HauptgebĂ€ude wird also sinken. Doch zum Ausgleich sollen zusĂ€tzliche dezentrale PlĂ€tze entstehen: Wohnungen im Stadtgebiet, die das Bodelschwingh-Haus anmietet – mit der Aussicht, dass Bewohner den Vertrag spĂ€ter ĂŒbernehmen. So wie bei Hinz & KĂŒnztler Heinz. Begonnen hat dieses Modell vor fĂŒnf Jahren. 25 Wohnungen wurden seither angemietet. Die Bewohner haben weiter-hin einen Ansprechpartner im Bodelschwingh-Haus, sie können dort ihr Geld verwalten lassen oder an Freizeitangeboten teilnehmen.

In Zukunft mehr solcher Wohnungen zu akquirieren, ist der Job von Katharina Schwabe. Die gelernte Kauffrau der GrundstĂŒcks- und Wohnungswirtschaft arbeitet seit Mitte des Jahres im Bodelschwingh-Haus; vorher war sie in der Privatwirtschaft tĂ€tig. „Der Markt bei Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen ist Ă€usserst eng“, sagt die Wohnraum-Managerin, die hauptsĂ€chlich bei den stĂ€dtischen Gesellschaften SAGA und GWG akquiriert.

Pluspunkte des Modells: „Die Vermieter wissen, an wen sie sich wen-den können“, so Katharina Schwabe. Und auch wenn ein Bewohner selbst zum Hauptmieter geworden ist, steht er nicht allein. Er kann die Nachsorge des Bodelschwingh-Hauses in Anspruch nehmen. Seit 1996 wurden auf diese Weise immerhin 180 Klienten unterstĂŒtzt. Die Zahl der WohnunnungsrĂ€umungen, so die EinschĂ€tzung des Bodel-schwingh-Hauses, sei dadurch „stark zurĂŒckgegangen“.

Detlev Brockes

Ärger auf dem Wohnschiff

Wachdienst schikanierte Obdachlose

(aus Hinz&Kunzt 119/Januar 2003)

Zwei Übergriffe durch WachmĂ€nner meldeten Obdachlose vom Wohnschiff „Bibby Altona“.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 2002 soll eine Frau von zwei MĂ€nnern auf den Kopf geschlagen worden sein. Der Vorfall soll sich ereignet haben, nachdem sich Christine B., die an einer schweren Lungenkrankheit leidet, geweigert habe, in einem fĂŒr sie bestellten Krankenwagen mitzufahren. Die Wachleute seien wegen dieser Geschichte „richtig genervt“ gewesen, so ein Bekannter der Frau.

Christine B. erzĂ€hlt, dass sie von WachmĂ€nnern gepackt und in eine Ecke gedrĂ€ngt wurde. Dort sei sie geschlagen worden. Ihr Bekannter konnte nichts sehen, hörte aber die Schreie der Frau, ebenso andere Bewohner. Er beschloss deshalb, Christine B. selbst ins Krankenhaus zu bringen. Der Wachdienst PĂŒtz Security bestreitet, die Frau geschlagen zu haben.

Allerdings war das nicht der erste Zwischenfall. Vier Obdachlose wurden mitten in der Nacht von Sicherheitsleuten vom Schiff gejagt. Der Hintergrund: Ein Mann hatte in den Flur uriniert. Das wurde von den diensthabenden WachmĂ€nnern morgens gegen 1.15 Uhr entdeckt. Daraufhin weckten sie sĂ€mtliche Bewohner, deren Zimmer auf den Flur fĂŒhrten.

Als alle „angetreten“ waren, zwangen die WachmĂ€nner die Obdachlosen einen nach dem anderen, einen Teil des Flures zu putzen. Vier Obdachlose weigerten sich. Die Sicherheitsleute zwangen die MĂ€nner nach deren Aussagen, sofort das Schiff zu verlassen. „Wir hatten kaum Zeit, unsere Sachen zu packen.“ In einem offenen Brief an den Betreiber des Schiffes, pflegen & wohnen (p&w), beschwerten sich die MĂ€nner ĂŒber diese Schikane.

p&w-Sprecher Kay Ingwersen ging der Sache sofort nach. Die SicherheitsmĂ€nner rĂ€umten ein, die Bewohner mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und sie zur SĂ€uberung des Flurs gezwungen zu haben. Allerdings stritten sie ab, die Verweigerer von Bord gejagt zu haben. p&w erteilte dem Wachdienst eine mĂŒndliche Ermahnung. „Das ist ein drastischer Hinweis: So geht das nicht“, sagte der Sprecher.

Noch am Nachmittag wurden die Obdachlosen wieder aufs Schiff gelassen. Peter Krause, Leiter der zentralen Erstaufnahme, entschuldigte sich bei den MĂ€nnern. Krause hat allerdings in diesem Fall eine ErklĂ€rung fĂŒr den Vorfall: Am Tag davor hĂ€tten vier Obdachlose eine Kabine mit Kot verschmiert. Krause geht davon aus, dass dies mutwillig geschah. Die Obdachlosen erhielten Hausverbot. Und die diensthabenden Wachleute bekamen von ihm einen Anschiss. Da hĂ€tten die MĂ€nner wohl â€žĂŒberreagiert“.

Das glauben viele Bewohner allerdings nicht. Dass man „blöd angemacht“ werde, komme hĂ€ufig vor. Drei bis fĂŒnf Wachleute von den 20 hĂ€tten es regelrecht auf Streit abgesehen. „Denen darf man gar nicht in die Augen gucken, sonst fĂŒhlen die sich provoziert“, sagten mehrere MĂ€nner. Der PĂŒtz Security Service gehört allerdings zu den Sicher-heitsdiensten mit einem relativ guten Ruf. Die Drogeneinrichtung Fixstern arbeitete mit PĂŒtz zusammen und war „sehr zufrieden. Da hatten wir allerdings zwei bestimmte Ansprechpartner.“

Genau das strebt der Betreiber p&w jetzt auch an: FĂŒr das Winternotprogramm sollen in Zukunft zwei spezielle Wachleute zustĂ€ndig sein. Krause: „Wir versprechen uns davon eine Verbesserung des Klimas.“

Birgit MĂŒller

Die Zerreißprobe

Kranker Junge und seine Familie sollen abgeschoben werden

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Seit zehn Jahren lebt eine jugoslawische Familie in Hamburg. Der 14-jÀhrige Sohn wird hier medizinisch behandelt. Doch seine Geschwister und Eltern sollen abgeschoben werden.

Er hat seinen besten Anzug fĂŒr sie gewĂ€hlt. FrĂŒh ist Jozo Adamovic* aufgestanden, um eine der ersten Wartenummern auf der AuslĂ€nderbehörde zu ziehen. Drei Stunden sind seitdem vergangen.

Unruhig geht der 36-JĂ€hrige durch den Raum, in dem rund 100 FlĂŒchtlinge sitzen. Immer wieder sucht er mit den Augen die Leuchtanzeige an der Wand, die das Ende des quĂ€lenden Wartens verkĂŒnden soll. Der Mann riecht nach Angst. Vor vier Wochen ist er zuletzt auf dem Amt gewesen. Bisher habe noch kein FlĂŒchtling aus Jugoslawien Asyl bekommen, habe ein Sachbearbeiter ihm da mitgeteilt. „Wir versuchen es. Ich will nicht, dass mein Kind in ein paar Monaten stirbt“, hat der Vater geantwortet. Er werde sowieso abgeschoben, habe sein GegenĂŒber gesagt. Da solle er besser gleich ausreisen, freiwillig. Die Winter seien kalt in Montenegro


Sohn Christoph* ist krank. „Eine therapeutisch sehr schwer einzustellende Epilepsie“, so die Ärzte, hat sich des 14-JĂ€hrigen bemĂ€chtigt. FĂŒnf Jahre ist das her, einen ganzen Koffer fĂŒllen die Atteste der Mediziner inzwischen. Wenn Jozo Adamovic in der FlĂŒchtlingsunterkunft sitzt und ihn das GefĂŒhl der Ohnmacht ĂŒbermannt, zieht er den Koffer aus der Zimmerecke hervor, wĂŒhlt aufgeregt im Zettelwust und wedelt mit den Papieren. Ruft: „Hier steht es!“ oder „Hier, lesen Sie!“, als suche er den letzten Beweis dafĂŒr, dass er im Recht ist. Seine Frau sitzt auf der WĂ€schetruhe und schweigt. Ab und zu stĂ¶ĂŸt sie einen Seufzer aus.

Lange hat es gedauert, bis die Ärzte die Krankheit in den Griff bekamen. Mit Schrecken erinnert sich der Vater an die Zeiten, wo er Nacht fĂŒr Nacht neben seinem Sohn wachte, aus Angst vor dem nĂ€chsten Anfall. Nun haben die Neurologen endlich ein wirksames Mittel gefunden, und Adamovic sagt: „Hier können wir mit der Krankheit kĂ€mpfen, das ist schwer genug. Aber dort
“

Dort, im 2000 Kilometer entfernten Montenegro, herrschen Armut und Arbeitslosigkeit. Wenn Jozo Adamovic mit den wenigen Verwandten dort telefoniert, raten sie ihm: „Bleib, wo du bist!“ Neulich erzĂ€hlte der Schwager vom Leben in der Krisenregion. Er hat Arbeit, als MĂŒllmann. Zur Schule könne er seine Kinder dennoch nicht schicken. Das Geld reiche kaum fĂŒrs tĂ€gliche Brot. Da hat Adamovic sich gefragt: „Der Mann arbeitet und hat gesunde Kinder. Wie soll ich das machen, ohne Arbeit und mit einem kranken Kind?“

Gibt es in Montenegro das Medikament, das Christoph braucht? Gibt es erfahrene Ärzte und Kliniken? Und gibt es das auch fĂŒr Heimkehrer, die keinen Cent in der Tasche haben? Die deutsche Botschaft hat der AuslĂ€nderbehörde mitgeteilt: Kein Problem, ein vergleichbares Medikament ist erhĂ€ltlich. Doch hilft es Christoph genauso gut? Und vor allem: Wird sein Vater es besorgen können? „Offiziell ist die medizinische Behandlung kostenlos in Montenegro. Faktisch nicht“, sagt Anne Harms von der Beratungsstelle Fluchtpunkt. „Eine aufwĂ€ndige Behandlung wird dort zur Geldfrage.“

Genau das aber ist die Therapie von Christoph: aufwĂ€ndig. RegelmĂ€ĂŸig muss er untersucht werden und auch mal ins Krankenhaus. „Ein Absetzen oder auch eine kurzfristige Unterbrechung dieser Therapie wĂŒrde grĂ¶ĂŸte Risiken bis hin zu einem lebensbedrohlichen Status epilepticus mit sich bringen“, warnen seine Ärzte und schreiben: „Zu telefonischer RĂŒcksprache und weiteren AuskĂŒnften sind wir wie mehrfach mitgeteilt gerne bereit.“ Die Behörde rief nie an.

HumanitĂ€res Bleiberecht“ fĂŒr seine Mandanten fordert Rechtsanwalt Georg Debler. Doch so etwas gibt es in Deutschland nicht. Der Anwalt weiß: „Juristisch hĂ€ngen wir an einem dĂŒnnen Faden.“ Seit Monaten streitet Debler mit der AuslĂ€nderbehörde, einmal hat er die Abschiebung der vier gesunden Familienmitglieder in allerletzter Sekunde verhindern können – der kranke Christoph wĂ€re allein in Hamburg geblieben. Nun hat der Anwalt Abschiebeschutz beantragt. Doch die Chancen fĂŒr die Familie stehen schlecht: „Ich bin leider ganz pessimistisch.“

1992 ist die Familie nach Deutschland geflohen. Auf dem Balkan breiteten sich die Kriege aus, der Vater fĂŒrchtete, die Armee könne ihn einziehen. Die Adamovics beantragten Asyl und bekamen eine Duldung – bis heute. Seit gut zehn Jahren leben sie in der neuen Heimat. Die Kinder sind hier groß geworden, der JĂŒngste ist hier geboren.

Ein FlĂŒchtling torkelt alkoholisiert zu den Eisengittern, die die Sachbearbeiter vor den Wartenden schĂŒtzen sollen. Dem Mann steht offensichtlich die Abschiebung bevor, seine Habseligkeiten hat er in einen großen Koffer gepackt. „Muss ich heute fliegen oder nicht?“, ruft er dem Uniformierten zu, der die MetalldrehtĂŒr bewacht. Der zuckt mit den Achseln. „Du musst warten!“

Die Adamovics haben an diesem Tag GlĂŒck im UnglĂŒck: Sie geraten an einen freundlichen Sachbearbeiter. Es habe so lange gedauert, weil er mit dem Bundesamt telefonieren musste, entschuldigt sich der Beamte fĂŒr die dreistĂŒndige Wartezeit. Dann schenkt er der Familie zwei weitere Monate Deutschland. So lange werde es dauern, bis das Bundesamt ĂŒber den Antrag des Anwalts entscheidet.

SpĂ€ter redet Jozo Adamovic wieder gegen die Angst an. In langen, schwer verstĂ€ndlichen Kaskaden schĂŒttelt die Verzweiflung die immer gleichen SĂ€tze aus dem Mann, bis er mĂŒde in sich zusammensackt. Er schweigt kurz, die Muskeln spannen sich, dann ringt er erneut mit der Hilflosigkeit. „Was haben wir getan?“, fragt er. Ich schweige. „Was soll aus meinem Sohn werden, wenn wir abgeschoben werden?“ Ich blicke zu Boden. „Sagen Sie mir: Was kann ich noch tun?“ Ich spanne die Muskeln an. „Manchmal liegen wir nachts stundenlang wach. Wir können einfach nicht mehr schlafen
“ Ich nicke wortlos.

Der Traum des Jozo Adamovic ist so klein wie menschlich. Er will nur eins: ein normales Leben. Und die Chance, dass sein Sohn ĂŒberlebt.

Ulrich Jonas

* Name geÀndert

Offiziell leben in Hamburg rund 15.000 Menschen mit dem rechtlich unsicheren Status einer Duldung. In den ersten neun Monaten 2001 zĂ€hlte die AuslĂ€nderbehörde 1361 „RĂŒckfĂŒh-rungen“. Bis zum 30. September dieses Jahres waren es schon 2197.