Manege frei für Integration

Stadtteilarbeit mit Springseil und Diabolo: der Zirkus Willibald in Wilhelmsburg

(aus Hinz&Kunzt 144/Februar 2005)

Nur knapp verfehlt der kreiselnde Teller das kunstvoll geschwungene Seidentuch und findet seine Balance wieder, während die Luft vibriert vor Hula-Hoop-Reifen. Im Zauberschrank scheint eine Elfjährige mehrmals durchtrennt worden zu sein, kommt dann aber wohlbehalten wieder hervor. Ein ziemlich buntes Bild, das sich bei der Aufführung der Kinder des Zirkus Willibald an diesem Nachmittag bietet. Nachdem auch der begeisterte Applaus für die slalomfahrenden Einradfahrer abebbt, kehrt im Bürgerhaus Wilhelmsburg langsam Ruhe ein. Ein voller Erfolg!

Zirkus Willibald entstand als Klassenprojekt an der Gesamtschule Wilhelmsburg, bald jedoch beteiligte sich die ganze Schule. Mittlerweile hat sich der Kinderzirkus in Kooperation mit dem Bürgerhaus Wilhelmsburg zu einem Stadtteilprojekt ausgeweitet – mit rund 80 Kindern zwischen sechs und 13 Jahren. Die Schüler nehmen den Kurs als Nachmittagsangebot ihrer Schule wahr und stellen etwa die Hälfte der Teilnehmer. Die anderen Kinder aus dem Stadtteil zahlen monatlich einen kleinen Beitrag. Seit 2001 arbeitet der Zirkus auch eng mit den Häusern der Jugend auf der Elbinsel zusammen, in denen weitere Zirkusgruppen initiiert wurden. Die Gruppen entwickeln jeweils eigene Nummern, die dann für Auffüh-rungen zu einem Programm zusammengefügt werden.

Jedes Schuljahr stoßen neue Kinder dazu, die sich zunächst mit Zirkusgrundtechniken vertraut machen. Nach einigen Monaten Probephase beginnt im Dezember die eigentliche Zirkussaison, deren Höhepunkt die Präsentation des Gesamtprogramms im Frühjahr ist.

Um bei Kindern Kultur und Bewegung anzuregen, hatte der Lehrer Wilhelm Kelber-Bretz das Projekt 1993 ins Leben gerufen; auch jetzt noch ist er Hauptverantwortlicher und wird von ehrenamtlichen Helfern unterstützt. „Kinder brauchen Bewegung, die nicht nur die Motorik verbessert, sondern auch das Selbstbewusstsein stärkt“, so Kelber-Bretz. Die Kinder gestalten das Programm mit. „So können sie ihre Ideen auf die Bühne bringen und Erlerntes als Teil einer Gruppe vor Publikum präsentieren.“

Ziel sei es nicht, „Höchstleistungen zu vollbringen“, sondern spielerisch die körperlichen, sozialen und sprachlichen Fähigkeiten der Kinder zu fördern, erläutert Kelber-Bretz weiter. Das Projekt führt Kinder unter-schiedlichster Herkunft zusammen. In Wilhelmsburg, wo Familien aus mehr als 20 Nationen leben, trägt Zirkus Willibald zur Integration von Kindern ausländischer Herkunft bei und bringt deutschen Kindern die kulturelle Vielfalt ihrer Nachbarschaft näher.

Der Zirkus finanziert sich fast ausschließlich aus Spenden und Preis-geldern. 2004 zum Beispiel wurde er beim bundesweiten Wettbewerbs „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ mit 3000 Euro ausgezeichnet. Das Geld wird wohl vor allem für die Anfertigung eines Willibald-Kostüms verwendet – die Figur soll in Zukunft durch das Programm führen.

Bekannt ist Willibald bereits aus einem Comic, der seit Frühjahr 2002 monatlich im Wilhelmsburger Inselrundblick erscheint. Gezeichnet werden die Strips übrigens von Bernd und Roswitha Stein. Bernd Stein schuf für Hinz&Kunzt früher den „Hamburg City-Blues“. Der Willibald im Comic agiert nicht nur im Zirkus, sondern greift allgemeine und stadtteilspezifische Probleme von Kindern auf. Die Ideen zu den Abenteuern, die Willibald in Wilhelmsburg erlebt, entwickeln die Kinder teilweise sogar selbst.

Auch diese Idee stammt von einer Schülerin: „Wir starten durch!“ stand auf der Einladung, als die Comics im vergangenen Jahr ausgestellt wurden. Wir starten durch – das könnte glatt die Devise dieses Projektes sein.

Rebecca Ntim

Zurück in die Zelle

Vorzeigegefängnis Moritz-Liepmann-Haus soll geschlossen werden: Bewohner kämpfen für seinen Erhalt

(aus Hinz&Kunzt 144/Februar 2005)

Seit 33 Jahren bereitet das Moritz-Liepmann-Haus (MLH) Gefangene auf ein Leben in Freiheit vor. Nun kommt das Aus: Justizsenator Roger Kusch will die Einrichtung in der Alsenstraße in Altona-Nord zum 15. Februar schließen. Die Insassen sollen in die JVA Glasmoor und die Sozialtherapeutische Anstalt Altengamme verlegt werden.

Ursprünglich sollte der Standort erst Ende 2005 aufgegeben werden. „Wir wollen so vorher schon Einspar-potenziale verwirklichen“, sagte der Sprecher der Justizbehörde, Ingo Wolfram.

Das MLH gilt seit seiner Eröffnung 1972 als Pionierprojekt eines modernen Strafvollzugs. Vorausgegangen war die Erfahrung, dass ehemalige Häftlinge in den ersten sechs Monaten nach ihrer Entlassung besonders rückfallge-fährdet sind. So kam man auf die Idee, in einem besonderen Gefängnis bereits zum Ende der Haftzeit den Alltag zu proben.

Die „Bewohner“ – wie die Insassen im MLH genannt wer-den – müssen sich eine Arbeit außerhalb des Hauses suchen. So können sie sich an einen geregelten Tagesab-lauf gewöhnen. Das ist zwar auch sonst gängige Praxis im offenen Vollzug. Doch das MLH ist im Gegensatz zu anderen Gefängnissen zentral gelegen: Die S-Bahnstation Holstenstraße ist in wenigen Minuten zu erreichen.

Außerdem geht die Freiheit im MLH weiter: Nach ihrer Arbeit dürfen die Bewohner täglich bis zu acht Stunden außerhalb des Gebäudes verbringen. Zu ihren Zimmern besitzen sie einen eigenen Schlüssel. Sie können Besucher mit auf ihr Zimmer nehmen. Und die Fenster haben keine Gitter. Doch Einschränkungen gibt es natürlich auch: Nach der Arbeit müssen sich alle Bewohner zurückmelden, bevor sie ihre Freizeit nutzen können. Um 23.30 Uhr müssen sie spätestens wieder da sein. Außerdem dürfen die Insassen keine Drogen oder Alkohol konsumie-ren. Wer eklatant gegen die Regeln verstößt, wird wieder in den Knast zurückverlegt, aus dem er kommt. Das Konzept des Hauses geht auf: Gefangene verzichten sogar auf eine vorzeitige Entlassung, nur um ins MLH wechseln zu können.

Richy Edel ist wütend über den Plan des Justizsenators. Der Insassenvertreter des MLH befürchtet, die gewon-nenen Freiheiten könnten in anderen Gefängnissen wieder eingeschränkt werden. „In Glasmoor sind drei Stunden Freizeit das Maximum“, so der 38-Jährige. „Und Besuch dürfen wir nur noch einmal pro Woche empfan-gen – in einem Raum mit 20 anderen Gefangenen.“ Durch den längeren Fahrtweg und die schlechtere Verkehrsanbindung sieht er die Arbeitsplätze der Bewohner bedroht. „Wir dachten, die Abmachung, dass wir hier unsere restliche Zeit verbringen können, wäre für beide Seiten bindend, nicht nur für uns“, sagt Edel.

Behördensprecher Wolfram versucht, zu beschwichtigen: „Wir sind dabei, gemeinsam mit dem Beirat des Moritz-Liepmann-Hauses für jeden Bewohner eine Lösung zu finden.“ Auch vorzeitige Entlassungen seien im Gespräch, soweit dies rechtlich möglich sei.

Till Steffen von der GAL kritisiert das Vorhaben des Justizsenator dennoch. Zwar würden den jetzigen Bewohnern Zugeständnisse gemacht. Aber: „Mit der Schließung des Moritz-Liepmann-Hauses fährt die Behörde den offenen Vollzug zurück“, so der justizpolitische Sprecher. „Das wird zu großen gesellschaftlichen Problemen führen.“ Denn so lernten die Häftlinge nicht mehr, selbstständig zu handeln und wären mit der plötzlichen Freiheit überfordert. Das Konzept des MLH werde in den anderen Gefängnissen nicht zu realisieren sein, erklärt Steffen. „Es wird ersatzlos wegfallen. Das ist unverantwortlich.“

Behördensprecher Wolfram wehrt ab: „Die Angebote des MLH können auch in anderen Einrichtungen fortgeführt werden.“ Eines jedoch ist klar: Mit dem Moritz-Liepmann-Haus wird eine Vorzeigeeinrichtung des Hamburger Strafvollzugs geschlossen.

Philipp Ratfisch

Letzte Instanz für Flüchtlinge

Alle wollen eine Härtefall-Kommission für Hamburg. Aber wer soll rein?

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Ob Regierung oder Opposition und Wohlfahrtsverbände: Eine Härtefallkommission (HK) wollen alle. Denn manche Abschiebungen sind zwar rechtens, aber menschlich so hart, dass auch die Mitarbeiter der Ausländerbehörde Probleme haben, sie zu vollziehen. „Wir halten schon Fälle zurück, die wir der Härtefallkommission vorlegen wollen“, sagt Innensenator Udo Nagel (parteilos).

Von Mensch zu Mensch

Eine Institution: Die Journalistin Renate Schneider hilft Menschen in Not

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Seit 25 Jahren leitet Renate Schneider die Redaktion „Von Mensch zu Mensch“ beim Hamburger Abendblatt. Aber die 64-Jährige ist wesentlich mehr als eine Journalistin. Sie ist eine Institution. Hunderten von Menschen und Projekten hat sie in der Not beigestanden. Die Stadt Hamburg zeichnet sie im April dafür mit dem Bürgerpreis aus.

Jenfeld macht mobil

Warum Schüler, Eltern und Lehrer für den Erhalt ihrer Oberstufe kämpfen

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

Kürzen, schließen, zusammenlegen – Hamburgs Schullandschaft ist im Umbruch. Die Otto-Hahn-Gesamtschule in Jenfeld zum Beispiel soll ihre Oberstufe aufgeben. Was bedeutet das für die Schüler? Hinz & Kunzt hat sich beim Tag der offenen Tür an der Schule umgesehen.

Zeigt, was ihr könnt!

Senatorin Alexandra Dinges-Dierig über ihre Strategie für die Schulen, Erziehungsverträge und ihr eigenes Abitur

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

Hinz&Kunzt: Hatten Sie früher Probleme in der Schule?

Alexandra Dinges-Dierig: Jede Menge! Ich war als Schülerin nicht sonderlich angepasst

Zwangsweise trockengelegt

Ausnüchtern unter Aufsicht: die Zentralambulanz für Betrunkene

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

[F]„Drunken People Crossing“ warnt ein gelbes Schild,[/F] auf dem ein Strichmännchen mit einer Flasche in der Hand robbt. Leider bekommen die meisten Besucher der Zen-tralambulanz für Betrunkene (ZAB) am Millerntor von ihrer Umwelt so wenig mit, dass Humor erst am nächsten Morgen geschätzt wird. Wenn überhaupt.

„Ja, auch das kann schmeck!“

Hannes Wienert verbindet auf „Schmeck-Abenden“ Lyrik, Musik und Kochkunst. Bei den Hamburger Lesetagen ist der Künstler live zu erleben

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Womit sollen wir anfangen? Mit der Malerei, mit der Musik, dem Kochen oder dem Eishockey? Hannes Wienert sitzt da in seiner roten Seidenjacke, vor ihm dampft eine kleine Schale grüner Tee. Er greift sich eines der kleinen schmalen Bücher, die auf seinem Küchentisch in der Eimsbüttler Wohnung liegen, und liest erst einmal ein Gedicht vor:

„Moos hamma“ – oder auch nicht

Was Rudolph Moshammer den Münchner Obdachlosen hinterlässt

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Es geht um Geld. Um viel Geld. Angeblich. Sieben Millionen Euro: drei Rolls-Royce-Limousinen, Juwelen, Immobilien. Das Erbe des selbsternannten Modezars Rudolph Moshammer (64), der im Januar von einem 25-Jährigen aus der Stricherszene in München erdrosselt wurde. Gerüchte rund ums Erbe gibt es genug: Schoßhund Daisy kriegt alles, hieß es. Nein, der Chauffeur, las man dann. Oder doch die Münchner Obdachlosen? Der wahre Alleinerbe ist ein ganz anderer.

Hamburger Appell

Herr Justizsenator Kusch, kehren Sie zu einer Strafvollzugspolitik nach Gesetz und Vernunft zurück!

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Namhafte Fachleute haben den Hamburger Appell unterzeichnet, den Hinz&Kunzt erstmals veröffentlicht. Sie fordern Justizsenator Dr. Roger Kusch auf, seine Strafvollzugspolitik wieder an „Gesetz und Vernunft“ auszurichten.