Der Herr der Ampeln

Swaantje Böckmann besuchte Jörg Tippe, den Chef der Hamburger Leitzentrale

(aus Hinz&Kunzt 179/Januar 2008)

Jeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad zur Schule. Zwei Kilometer, von Groß Borstel nach Alsterdorf. Drei Ampeln. Ehrlich gesagt: Wenn ich es eilig habe, ist mir egal, ob die rot sind. Vor allem auf dem Weg nach Hause.

Kleine Freiheit

Migrantinnen lernen Radfahren – und gewinnen ein Stück Unabhängigkeit. Nina Golde ist mitgefahren

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Ein grauer Wintertag. Dicke Wolken hängen über der Stadt. Sprühregen dringt in jede Ritze der Kleidung. Wind zaust nasse Haare und lässt kaum einen Regenschirm heil. Ein Tag für die Zukunft? Unbedingt!

Eine Gruppe Frauen steht auf dem Außengelände des Altonaer Turnvereins inmitten eines Dutzends Fahrräder. Auf dem Platz herrscht aufgeregtes Durcheinander. Wild diskutieren und gestikulieren die einen. Andere drehen eine Runde auf dem Rad – ein wenig unsicher, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Endlich: ein eigenes Fahrrad.

Zwölf Frauen aus unterschiedlichen Ländern hatten denselben Traum: Fahrrad fahren lernen. In Deutschland ist das eine Selbstverständlichkeit – schon in Kindertagen ist man hier auf zwei Rädern unterwegs. Anderswo ist das nicht üblich.

Safiye Fidan-Denizhan stammt aus der Türkei. Früher war die 39-Jährige oft neidisch, wenn sie jemanden auf dem Fahrrad sah. Mit dem Besuch des Kurses hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt: „Kennen Sie das Gefühl, wenn man etwas unbedingt tun will, und plötzlich kommt eine Gelegenheit und man denkt: Das ist wie für mich gemacht?“

Als sie den Aushang am schwarzen Brett eines Kindergartens sah, zögerte sie keinen Moment und meldete sich an. „Natürlich hatte ich auch Angst. Angst davor, dass ich es nicht schaffe“, sagt sie. „Aber nun kann ich endlich mit meinem Sohn zusammen Fahrrad fahren, das bedeutet mir so unglaublich viel.“

Zunächst mit Rollern, dann auf kleinen Klapprädern begann der Traum vom Radeln, Gestalt anzunehmen. Keine Schramme konnte die Teilnehmerinnen davon abhalten, wieder aufzusteigen und zwei Wochen lang jeden Tag pünktlich zu Kursbeginn zu erscheinen.

Heba Mohamed aus Ägypten hat durch eine Freundin von dem Angebot erfahren, das der Hamburger Sportbund unterstützt. Sie hat ein Stück Freiheit gewonnen, meint die 22-Jährige: „Ich kann nun mal eben zum Einkaufen oder zu meiner Freundin fahren.“

Noch ist allerdings unklar, ob und wann der nächste Kurs starten kann. Das hänge auch davon ab, wie viele Frauen sich anmelden, so der Sportbund. Interessierte können sich bei Ini-tiatorin Margarita Martinez melden.

Ein eigenes Fahrrad kann sich kaum eine der Frauen leisten. Deshalb ist heute ein besonderer Tag. Mithilfe eines Spendenaufrufs sind einige Räder zusammengekommen, die an die Kursteilnehmerinnen verteilt werden. Die Begeisterung ist groß. Viele haben ihren Ehemann oder ihre Kinder mitgebracht. Und obwohl alle durchnässt sind vom Dauerregen, lässt sich keine der Frauen davon abhalten, die Räder nacheinander auszuprobieren, um für sich das Passende herauszusuchen.

Aber nicht alle gehen mit einem Fahrrad nach Hause. Viele der Räder sind zu groß oder genügen den Ansprüchen von Fahrradanfängern nicht. Diejenigen, die leer ausgehen, sind ein wenig enttäuscht.

Ein Wiedersehen wird es geben: Für das Frühjahr ist eine Radtour geplant.

Nina Golde

Müll sammeln statt Mist bauen

Junge Männer aus St. Pauli gehen auf „Dreck Attack“, lernen reden und stecken sich hohe Ziele

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Sieben Jugendliche aus St. Pauli wollen, dass ihr Stadtteil sauberer wird. Unter dem Namen „Dreck Attack“ putzen sie deshalb einmal pro Woche die Straßen. Ihr Engagement soll auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz helfen.

„Verdammte Scheiße!“, flucht Hinz&Kunzt-Fotograf Mauricio Bustamante und bringt das Problem damit auf den Punkt. Kaum zehn Minuten ist er in den Straßen von St. Pauli unterwegs und schon zum zweiten Mal in Hundedreck getreten. Für Özgür (Foto) ein weiterer Beweis, wie wichtig seine Arbeit hier ist.

Vom Kinderzimmer auf die Straße

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Sie sind jung, und sie landen reihenweise in der Obdachlosenszene. 250 junge Menschen zwischen 18 und 25 leben in Notunterkünften, die eigentlich für Erwachsene gedacht sind. Dabei bräuchten sie eine Wohnung, eine Ausbildung – und vor allem Unterstützung.

Auszeit vom Krieg

Der irakische Journalist Alaa Sadoon

(aus Hinz&Kunzt 182/April 2008)

Jahrelang recherchierte Alaa Sadoon für internationale Journalisten und Fotografen bei deren Einsätzen im Irak. Besonders eng arbeitete der 33-Jährige mit Stephanie Sinclair zusammen, die den World Press Photo Award gewann. Sie war es auch, die irgendwann Alarm schlug und die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte informierte. Denn der freie Journalist verkraftete die Geschehnisse des Krieges nicht mehr.

Eine Genossenschaft macht Angst

Zu holen ist bei Jörg Jankowski nichts. Sein Ex-Vermieter schickte ihm trotzdem Schuldeneintreiber ins Männerwohnheim

(aus Hinz&Kunzt 182/April 2008)

Zwei Männer betreten das Männerwohnheim am Billbrookdeich und klopfen an der Zimmertür von Jörg Jankowski. „Ich dachte zuerst, es wäre die Polizei. Das waren große, breite Typen – ich hatte Angst“, berichtet der 46-jährige Hinz&Kunzt-Verkäufer von dem ungebetenen Besuch an einem Februartag. Aber die beiden Männer sind nicht von der Polizei – sie wollen Geld.

„Happy Hour“ auf Platte

(aus Hinz&Kunzt 180/Februar 2008)

Der Mitternachtsbus fährt die Schlafplätze von Obdachlosen an und versorgt sie mit Essen und Getränken. Zwei Jugendredakteurinnen waren mit auf Tour

19 Uhr. Ein kalter, regnerischer Abend, nur ein paar Grad über null. Ich habe meinen Wintermantel an, aber mir ist kalt. Auf dem Gelände der evangelisch-reformierten Kirche in der Ferdinandstraße treffen wir Jens Schönwandt, einen typischen „Hamburger Jung“ mittleren Alters mit grauem Haar, Bart und Seemannsmütze. Er fährt heute den Mitternachtsbus – ehrenamtlich und voller Enthusiasmus.

Nur noch zusammen

Pastor, Smoking, Goldring: Hinz&Künztler Manfred Hammelbeck und sein Gatte Mitko Ivanov trauen sich was. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Hochzeit

(aus Hinz&Kunzt 181/März 2008)

Ohne wäre für Manfred Hammelbeck nicht in Frage gekommen: „Schließlich bin ich Katholik.“ Wenn heiraten, dann mit Pastor. In der Kirche. Im Smoking.

Frühling heißt Platte machen

In kalten Nächten schlafen mehr als 200 Menschen in Winternotquartieren. Wenn die im April schließen, wissen die meisten Obdachlosen nicht, wo sie hin sollen

(aus Hinz&Kunzt 182/April 2008)

In diesen Tagen schließen die Winternotquartiere für Obdachlose. Mehr als 200 Menschen verlieren dann Bett und Dach über dem Kopf. Was aus ihnen wird, ist in den meisten Fällen nicht bekannt. Ein Besuch in der Notunterkunft Sportallee.

„Aufhören – das darf man nicht“

(aus Hinz&Kunzt 182/April 2008)

Das Wilhelmsburger Bandoneonorchester ist es eines der letzten seiner Art, seine Zukunft ist unsicher. Die Spielfreude ist dennoch ungebrochen

Hilde Meier ist so ’ne Zittrige. Sagt sie selber, legt den Kopf dabei ein wenig schräg und zieht die Schultern hoch. „Aber wenn der erste Ton gespielt ist, ist die Aufregung vorbei und alles geht gut.“ So wird es auch heute sein, wenn ihr Orchester zum sonntäglichen Tanztee im Carstens Stift im Herzen von Wilhelmsburg aufspielt. Hilde Meier sitzt in der zweiten Reihe, hält ihr Akkordeon auf ihrem Schoß. Vor ihr die Bandoneonspieler, hinter ihr die Rhythmusgruppe: Schlagzeug, Bass, Perkussion. Blaue Jacke, weißes Hemd, blaue Hose – kerzengerade sitzen sie da, verziehen keine Miene und schauen auf die große Uhr mit den schwarzen Zeigern, bis es exakt 15 Uhr schlägt. Ihr Mann tritt hinter seinem Notenständer hervor, reckt den Kopf und sagt mit lauter Stimme: „Im Namen unserer Orchestermitglieder möchte ich Sie hiermit recht herzlich begrüßen!“ Alles dreht sich zu ihm hin: Ältere und alte Menschen, einige in Rollstühlen, alle in helles Neonlicht getaucht. Vor ihnen ein schlichtes Kaffeegedeck, die Bedienung hastet durch den Saal, bringt weitere quadratische Sahnestückchen. „Das hier ist unser Fanclub“, wird Hans Meier später sagen und milde lächeln – in der Pause, wenn die Musiker ihre schweren Instrumente auf den Boden stellen, sich ein wenig die Beine vertreten oder ins Publikum gehen, um Freunde und Bekannte zu begrüßen, ihnen dabei meistens den Arm um die Schulter legen und sie herzhaft drücken: Gut, dass wir es mal wieder geschafft haben zusammenzukommen.

Ein Tusch, los geht’s. „Bandoneonklänge“ heißt das Eröffnungsstück, forsch und schmissig; wenn man will, zum Mitklatschen geeignet. Es folgt etwas ruhiger das Lied vom Bananenpaul, vom Jung’ mit dem Tüdelband. Ab und an erzählt Hans Meier kurze Anekdoten auf Plattdeutsch, erntet einige Lacher, muss nur einmal die vom Tisch ganz links zur Ruhe ermahnen – die haben mit ihrer Digitalkamera ein Lied mitgefilmt, spielen sich das Stück nun laut vor, sind ganz begeistert. Und dann das Lied, warum es so schön ist am Hafen und mit den Mädels, auch wenn anschließend die Männer alle Verbrecher sind. Es folgt „Am Rio Negro“, dort liebt man den schmissigen Tango, eine Rumba schließt sich an, ein zackiger Marsch. Die ersten Paare haben vor der Bühne getanzt, andere kommen hinzu, so soll es sein. Hans Meier ist zufrieden, er lächelt glücklich. Seine Frau hat den ehemaligen Angestellten von MAN im Hafen einst ins Orchester geholt. Er ist ein Jahr älter als seine Frau Hilde, und die wird dieses Jahr 81.

Ein wenig länger gibt es das Orchester schon – aber nicht viel. Seine Geschichte erzählt von Erfolgen und Rückschlägen, von Krisen und überraschenden Wendungen. Alles beginnt im Frühjahr 1929. Fünf junge Wilhelmsburger Arbeiter wollen sich einem der örtlichen Musikvereine anschließen, in denen sich die Hafenarbeiter und die örtlichen Handwerker damals von der schweren körperlichen Arbeit erholen. Doch man ist nicht an Zuwachs interessiert, wimmelt sie unfreundlich ab. Dann machen sie eben ihren eigenen Laden auf! Zur Gründung ihres Bandoneonorchesters kommen am 5. April 1929 in der Gaststätte „Stübens Volksgarten“ am Reiherstiegkanal zehn weitere Interessierte hinzu. Sie besorgen sich gebrauchte Instrumente, üben einmal die Woche, wachsen an auf 20, auf 25 Mitglieder. Bald sind sie eine Institution in Wilhelmsburg, keine Feier ohne ihre Musik.

Dann kommen die Nazis – und die Musiker dürfen die jüdischen Schlager nicht mehr spielen; müssen auf Kameradschaftsabenden auftreten. Der Krieg kommt. 1943 muss das Orchester sein Spielen einstellen, nach Kriegsende sind 14 seiner Musiker nicht mehr unter den Lebenden. Mühsam berappelt sich das Orchester wieder. Sie üben in ungeheizten Räumen, kratzen die letzten Pfennige zusammen für Noten und gebrauchte Instrumente. Bald zählt das Orchester wieder 20, 30, schließlich bis zu 40 Musiker, führt wieder ein eigenes Kinderorches-ter: „Die Leute waren ja hungrig, die wollten was erleben, und es gab ja nichts“, erzählt Hans Meier aus der Nachkriegszeit. Einen Saal mit 500, 600 Plätze zu füllen ist kein Problem. Der absolute Hit sind die Karnevalsfeiern, die damals in jedem Wilhelmsburger Verein veranstaltet werden, ob Kaninchenzüchter oder Freiwillige Feuerwehr. Von Anfang Januar bis Ende März geht die Saison, jedes Wochenende wird dazu aufgespielt. „Aber das war nicht wie heute, wo ein Auftritt zwei Stunden dauert, höchstens“, sagt Hilde Meier: „Da wurde die Nacht durchgespielt, von abends um acht bis drei, vier Uhr morgens. Waren wir mit dem Programm durch, na, dann ging’s eben wieder von vorne los.“

Das sie in jenen Tagen zum Orchester stößt, hat sie ihrem Schwiegervater zu verdanken: Großspurig erzählt der eines Abends im Lokal: „Ach, so Lieder spielen, das kann meine Schwiegertochter auch.“ Das will bewiesen werden. Man ruft Hilde Meier an, holt sie mitten in der Nacht dazu. Was der damalige Leiter des Orchesters anschließend zu hören bekommt, gefällt ihm außerordentlich: „Mensch Mädchen, willst du nicht bei uns mitspielen?“ Er muss nicht lange bitten.

An ihren ersten Auftritt kann sich Hilde Meier noch gut erinnern: „Gezittert hab ich am ganzen Leibe wie sonst was; hab nur so getan, als würde ich spielen. Bei so einem großen Orchester, wie wir das damals waren, merkte man das ja nicht.“

Lange ist sie die einzige Frau. Steht einerseits im Mittelpunkt, doch sie hat auch ihre Mühe mit den Kerlen. Besonders die Sauferei nach den Übungsabenden und nach den Auftritten geht ihr gehörig gegen den Strich: „Manchmal wollte ich schon abspringen“, gibt sie zu. Sie hält durch, und die Herren werden langsam ruhiger.

Leider wird es insgesamt gemächlicher – das Publikumsinteresse schwindet. Statt ins Lokal, in einen der Biergärten am Reiherstiegkanal zu gehen, schauen die Leute daheim immer öfter Fernsehen. Auch die Wochenenden werden anders verbracht: „Die Leute haben sich ein Auto gekauft, haben Camping gemacht, weg waren sie“, erinnert sich Hans Meier. Erst recht der Nachwuchs bleibt aus. Das ist nicht nur in Wilhelmsburg so. „Wissen Sie“, sagt er, „wenn sich im Gewerkschaftshaus die großen Arbeiterorchester trafen und aufspielten, das konnte man sich damals gar nicht vorstellen, dass es das eines Tages alles nicht mehr gibt.“

Dann und wann können sie wieder aufstocken, nehmen Musiker auf, die aus sich auflösenden Bandoneonorchestern aus ganz Hamburg zu ihnen kommen. Von drüben von der Veddel, wo es seit 1905 ein Orchester gibt, bringen die letzten Spieler den Namen„Harmonie“ mit.

Mehr schlecht als recht kommt man durch die Siebziger; denkt öfters ans Aufgeben. Erst Ende der Achtziger geht es allmählich wieder aufwärts: Zum einen entdeckt der NDR-Moderator und Volksmusikfreund Jochen Wiegand das Orchester, verhilft ihm zu Auftritten im Rundfunk und im Regionalfernsehen. Wichtiger aber ist das Aufblühen der Stadtteilkultur: Während die Innenstadt verödet, entdecken die Menschen ihr Viertel. Sie wollen dort nicht nur wohnen, sondern leben. Sie fühlen sich wieder als Barmbeker, als einer aus Winterhude, als Wilhelmsburger, und sie wollen dieses wiedergewonnene Heimatgefühl pflegen. „Wir wurden in Wilhelmsburg plötzlich – Kult“, sagt Hans Meier und grinst über dieses Wort. Auch das ist schon etwas länger her. Heute ist es wieder schwierig, einen Veranstalter zu finden, der für die Kosten aufkommt, für den Transport der Instrumente, für Fahrkosten und vor allem die Gebühren für die Musikrechte. Der dafür sorgen kann, dass auch genügend Publikum kommt, dass sich der Aufwand lohnt, sie sind ja nicht mehr die Jüngsten, und Nachwuchs ist erneut nicht in Sicht. Dabei ist ihre Spielfreude ungebrochen. „Ich dachte immer, eines Tages kann ich genug und dann hör ich auf“, erzählt Hilde Meier, „aber so ist das nicht: Denn du wirst immer besser, Jahr für Jahr.“ Und überhaupt: „Aufhören darf man nicht. Sonst vergisst man ja wieder alles, das ist ja auch beim Radfahren oder Schwimmen so.“ Sie übt jeden Tag. „Meine Frau probt – und ich staubsauge“, sagt Hans Meier.

Nicht aufhören zu hoffen, dass sie noch viele gemeinsame Auftritte haben werden, dass sie noch viel Spaß miteinander haben, das will auch Nicola Kaczmarek. Mit Ende 30 ist sie mit Abstand die Jüngste. Lange hat sie sich nicht für das Orchester interessiert, wusste nicht, was die überhaupt für Musik spielen, dabei hat ihr Urgroßvater es mitgegründet, ihr Großvater Alwin Kaczmarek, von Beruf Turbinenbauer, es jahrzehntelang geleitet: „Aber als dann mein Vater auch ins Orchester ging, da dachte ich: Du musst dir diese Rentnerband wenigstens einmal anhören und ansehen.“ Sie geht hin, und es ist der Tango, der sie mitreißt, überzeugt. Ihr Großvater kommt einmal die Woche zu ihr, zeigt ihr Griffe und Melodien. Sie übt die Woche über, spielt ihm beim nächs-ten Mal vor, lernt so das Instrument: „Ganz ernsthaft und dabei locker und ganz ohne Druck – er war ein guter Lehrer.“

Die Stimmung ist plötzlich gedrückt: Erst vor zwei Tagen haben sie Alwin Kaczmarek begraben; ihn, der nicht wegzudenken war. Bis zuletzt hatten sie gehofft, dass er vielleicht wieder auf die Beine kommt und wenigstens dabei sein kann, wenn sie sich treffen, wenn sie wie jeden Mittwochabend stramm ihre zwei Stunden üben und erst nach getaner Arbeit miteinander plaudern.

„Wir schrumpfen“, sagt Helmut Czajka, der aktuelle musikalische Leiter der Truppe, und er stapft zornig quer durch den Saal, raus vor die Tür. Hans Meier sieht ihm nach: „Er hat auf der Beerdingung gespielt, ein Solo, wunderbar. Das ist eine große Sache, das muss man können.“ Nächstes Jahr wird das Orchester 90 Jahre alt. Herr Meier klappt seinen Notenständer zusammen, schlüpft in seine Windjacke und knöpft sie sich langsam zu. Dann sagt er gedehnt und wieder ganz der Organisator: „Wir wollen mal hoffen, dass wir das noch erleben.“