Nach Corona-Ausbruch : „Bringt endlich die Obdachlosen in Hotels unter“

Nachdem sich mehr als jeder fünfte Obdachlose mit dem Coronavirus infiziert hat, wurde die Notunterkunft in der Friesenstraße von der Behörde vorerst geschlossen. Foto: JOF

Nach einem Covid-19-Ausbruch im Winternotprogramm fordern Opposition und Hilfseinrichtungen erneut, Obdachlose bis zur Impfung in Einzelzimmern unterzubringen. Die Hansestadt hat sie in andere Sammelunterkünfte evakuiert.

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Von den Dutzenden mit Corona infizierten Obdachlosen aus der Unterkunft in der Friesenstraße musste nach Angaben der Sozialbehörde bislang keiner ins Krankenhaus verlegt werden. Anhand von PCR-Tests konnte inzwischen festgestellt werden, dass sich 42 von zuletzt 192 Bewohner*innen in der Unterkunft mit Corona infiziert haben. Es besteht der Verdacht auf die britische Virus-Variante, heißt es aus der Sozialbehörde, die trotz der Testergebnisse weiterhin von einem diffusen Ausbruchsgeschehen spricht.

Die Sorge, dass sich weitere Obdachlose angesteckt haben könnten, ist daher groß. Trotz Hinweisen von Virologen und anderen Fachleuten habe die Behörde ihr Konzept nicht verändert und teilweise mehr als 200 Menschen in einem Gebäude mit Mehrbettzimmern und geteilten Sanitäranlagen untergebracht, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Ich bin wütend. Wir sind keine Besserwisser, aber das was jetzt geschehen ist, war absehbar.“ Seit Beginn der Pandemie warnen Hinz&Kunzt, Diakonie, Caritas und andere Hilfseinrichtung vor einem Corona-Ausbruch.

Die Notunterkunft in der Friesenstraße wurde jetzt vorerst geschlossen. Die 150 Gäste, deren Testergebnis negativ ausfiel, verlegte die Stadt am Wochenende in eine weitere Unterkunft des Winternotprogramms – ebenfalls mit Mehrbettzimmern. Nach Angaben des Betreibers fördern & wohnen soll zumindest sichergestellt sein, dass die Neuankommenden nicht in Kontakt mit den bisherigen Bewohner*innen kommen. Weitere Testungen im Laufe der Woche sollen Aufschluss darüber geben, ob von den bislang negativ getesteten Personen sich weitere infiziert haben.

„Es war von Anfang an ein Spiel mit dem Feuer“, sagt Andreas Grutzeck, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Er kritisiert, dass der Senat die Forderung der Opposition und Obdachlosenhilfe nach Einzelunterbringung in Hotels als „Fantasterei“ abgetan habe. „Als wir erfuhren, dass nicht einmal zehn Prozent der Obdachlosen die kostenlose Testmöglichkeit nutzen, die zudem nur einmal die Woche angeboten wurde, ahnten wir Böses“, so Grutzeck.

Seit Februar werden in den Unterkünften freiwillige Schnelltests angeboten. Dadurch konnten durchschnittlich zwei Infektionen pro Woche entdeckt werden. Seit April stieg die Anzahl auf durchschnittlich eine Infektion pro Tag – trotz weniger Testungen. „Während es inzwischen an Schulen eine Testpflicht für Kinder gibt, beharrt der Senat bei den Obdachlosen auf Freiwilligkeit“, klagt Grutzeck. „Niedrigschwelligkeit ist sinnvoll, nur in diesem Fall kann sie den Tod bringen. Wir wünschen den infizierten Obdachlosen mit ihrer überwiegend fragilen Gesundheit, dass sie alle komplikationsfrei genesen.“

Die Linksfraktion richtet den Blick nach vorne. „Der Senat muss jetzt dafür sorgen, dass obdachlose Menschen so schnell wie möglich geimpft werden und bis dahin die Unterbringung in Einzelzimmern sicherstellen“, sagt Stephanie Rose, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion. Forderungen, die auch Hinz&Kunzt unterstützt. „Bringt endlich die Obdachlosen in Hotels unter“, sagt auch Stephan Karrenbauer. Aktuell habe er wenig Hoffnung auf schnelle Impfungen. Denn eigentlich wollte die Behörde schon in dieser Woche Impfungen mit dem Einmal-Vakzin von Johnson & Johnson ermöglichen. Doch die Auslieferung des Impfstoffs aus den USA wurde nach wenigen, vereinzelten Thrombosefällen bei Patientinnen gestoppt.

Hinz&Kunzt bietet derzeit täglich allen seinen Mitarbeitern und Magazin-Verkäufer*innen einen kostenlosen Schnelltest an. Die Teilnahme ist allerdings freiwillig.

Autor:in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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