Nach dem Winternotprogramm : Betten für die einen, Platten für die anderen

Die Hinz&Künztler Bonnie und Clyde schlafen nach dem Winternotprogramm wieder auf der Straße. Foto: Mauricio Bustamante

Nach dem Winternotprogramm sind viele Obdachlose wieder auf der Straße. Manche hatten Glück und konnten in eine andere Unterkunft umziehen. Die Chancen auf eine richtige Wohnung stehen schlecht.

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Eigentlich bräuchten sie alle eine Wohnung: In den letzten Tagen des Winternotprogramms für Obdachlose übernachteten teilweise fast 800 Menschen in den Notunterkünften der Stadt. Am Dienstag nach Ostern mussten sie alle raus, das Winternotprogramm endete. Was ist aus ihnen geworden? 231 Obdachlosen hat der Betreiber fördern&wohnen einen Platz in einer dauerhaften Unterkunft vermittelt. Für die Sozialbehörde ist die Zahl ein Erfolg. Sie bedeutet aber auch, dass den meisten Menschen im Winternotprogramm keine Perspektive geboten wurde.

Am Morgen nach der letzten Nacht in der Notunterkunft an der Friesenstraße in Hammerbrook machen viele Obdachlose ein langes Gesicht. Wo sie jetzt schlafen werden? „Straße“, hören wir oft, meist in gebrochenem Deutsch. Die Hinz&Künztler Bonnie und Clyde können ihr Gepäck kaum tragen. Ihr Hab und Gut hatten sie die vergangenen Monate über im Schrank in ihrem Zimmer gelagert. Jetzt haben sie alles in diverse Rucksäcke, Plastiktaschen und einen Rollkoffer gepackt und kämpfen sich mit Mühe über den nassen Asphalt. Sie wollen damit zum Stützpunkt der Caritas am Klosterwall. Dort können Obdachlose tagsüber in 24 Schließ­fächern ihr Gepäck lagern.

Unterkunftsplätze für Paare nur schwer zu bekommen

Die Zeit im Winternotprogramm hat den beiden sichtlich gut getan. Und eigentlich wollten sie auch nicht wieder auf die Straße zurück. Sie hatten darauf gehofft, aus der Einrichtung in der Friesenstraße heraus in eine dauerhafte Unterkunft umziehen zu können. Nur hätten die Sozialarbeiter ihnen dort ­keine Beratung angeboten, sagen Bonnieund Clyde. f&w widerspricht: „Nahezu jeden Abend“ sei ihnen ein Beratungsgespräch angeboten worden, das sie aber stets abgelehnt hätten.

Bonnie und Clyde können ihr Hab und Gut kaum tragen, als sie aus dem Winternotprogramm ausziehen müssen. Foto: Mauricio Bustamante

Die beiden weisen das empört zurück: „Das ist eine Lüge!“, sagt Clyde. So oder so: Seit dem Ende des Winternotprogramms macht das Paar wieder Platte in der Mönckebergstraße. Sozialarbeiter der Diakonie setzen sich nun dafür ein, dass sie endlich einen Unterkunftsplatz bekommen. Doch für Paare, die gemeinsam wohnen wollen, sei das schwierig, sagen sie. Von einer eigenen Wohnung ganz zu schweigen.

Andere hatten mehr Glück: „Das ist jetzt mein Reich“, sagt Guido und öffnet die Tür zu seiner neuen Bleibe. Seit Anfang April lebt der Wohnungslose jetzt in der Unterkunft in Bergedorf, ­zusammen mit 160 weiteren allein­stehenden Männern. Gerade mal zwei ­Wochen habe er in der Friesenstraße übernachtet, doch für die Sozialarbeiter dort offenbar genug Zeit, eine Bleibe für ihn zu finden. „Da kann man wirklich von Glück reden“, sagt er.

Und ob! Sein Zimmer ist allerdings karg eingerichtet: Ein Bett, ein Tisch, ein Kühlschrank. Auf der Fensterbank lagert er Bücher und anderen Besitz. Dem Raum sieht man an, dass hier länger nicht renoviert wurde. Guido stört das aber nicht: „Ich bin zufrieden“, sagt er. Bad und Küche teilt der Rheinländer sich mit einem Nachbarn. Und bald wird er sich auch das Zimmer teilen müssen – mit einem Mitbewohner. „Solange er mich in Ruhe lässt, ist mir das egal“, sagt Guido.

Der Wohnungslose Guido freut sich über den Platz in einer Unterkunft. Foto: Mauricio Bustamante

Unterkunftsleiter Andi Lürssen berichtet, dass es auf den Zimmern oft Streit gibt. „Manchmal ist es schlimmer als im Kindergarten“, sagt er. Viele der Bewohner hier sind entweder Pflegefälle oder psychisch Kranke, viele hat das Leben auf der Straße hart gezeichnet. Menschen, für die es nirgendwo sonst in der Stadt einen Platz gibt – Lürssen kümmert sich mit seinem kleinen Team um sie, so gut es eben geht.

„In Hamburg findet man keine Wohnung. Es ist katastrophal.“– Unterkunftsleiter Andi Lürssen

Im vergangenen Jahr hätten gerade einmal zwei Bewohner in eine normale Wohnung umziehen können. Guido ist noch frohen Mutes, irgendwann etwas Eigenes zu finden – doch Lürssen macht ihm wenig Hoffnung. „In Hamburg findet man keine Wohnung“, sagt er. „Es ist katastrophal.“ Nicht selten blieben die Bewohner bis zum Tod hier wohnen: Endstation öffentlich-recht­liche Unterbringung.

Die Sozialbehörde hat die Unterkunftsplätze für Wohnungslose zuletzt massiv ausgebaut – von rund 2600 im Jahr 2015 auf inzwischen mehr als 4600. Einen Platz in einer solchen ­Einrichtung zu bekommen geht heute deutlich schneller als noch vor einigen Jahren. So konnte auch die Zahl der Wohnungslosen, die die Behörde behelfsmäßig in Hotels untergebracht hat, stark reduziert werden – von 1610 im Jahr 2015 auf 76 Ende vergangenen Jahres. Dennoch reichen die Plätze noch immer nicht aus.

Die Unterkunft in der Friesenstraße wird zunächst geschlossen

Schon im Januar 2017 hatte die Behörde einen zusätzlichen Bedarf von 1500 Plätzen festgestellt – und das Ziel ausgegeben, diese binnen Jahresfrist zu schaffen. Doch bis März dieses Jahres fehlten davon immer noch 174. Die Unterkunft in der Friesenstraße hat die Behörde trotzdem erst mal geschlossen. Wie sie im Sommer genutzt werde, werde noch geprüft, hieß es.

Und dann gibt es auf Hamburgs Straßen noch die vielen Obdachlosen, die auf eine städtische Unterkunft gar keine Chance haben. Der Rumäne Stelian schläft deswegen seit Anfang April wieder auf der Straße. Zwischendurch versuchte er, im Pik As unterzukommen. Doch aus dem städtischen Notasyl wurde er nach einer Woche erneut zurück auf die Straße geschickt.

Für Stelian hat die Stadt Hamburg keine Unterkunft – er schläft auf der Straße. Foto: Mauricio Bustamante

Laut Sozialbehörde hat der 61-Jährige keinen Anspruch auf einen Platz, weil er bislang in Deutschland keiner sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachging. Vielmehr soll Stelian im Winternotprogramm während einer sogenannten Perspektivberatung gegenüber f&w angegeben haben, dass er vor zwei Jahren sein Haus in Rumänien verkauft habe. Mit den finanziellen Mitteln ­könne sich der Obdachlose selbst über
Wasser halten, folgerten daraus die Mitarbeiter.

Stelian schlief monatelang auf dem Fußboden

Dabei hatte Stelian später beteuert, das Geld aus dem Hausverkauf nicht mehr zu besitzen. Er habe vielmehr Schulden. Vergeblich. Stelian erhielt im Winternotprogramm nicht einmal ein Bett. Er wurde auf die städtische Wärmestube verwiesen, wo er monatelang auf dem Fußboden schlief.

Tatsächlich sieht Stelian nicht aus, wie man sich Obdachlose möglicherweise vorstellt. Frisch rasiert, ordentliche Kleidung und ein seriöses Auftreten. Er fällt nicht auf, wenn er tagsüber ziellos durch die Stadt streift. Mittags kehre er regelmäßig zum Essen in die Tagesaufenthaltsstätte in der Bundesstraße ein, erzählt Stelian mithilfe eines Übersetzers.

Inzwischen besucht er einen Sprachkurs bei Hinz&Kunzt. Zusammen mit einem anderen obdachlosen Rumänen hat er sich zum Schlafen ein ruhiges Eckchen in der Stadt gesucht. Wo, das will er lieber nicht sagen.

Stattdessen verrät der Senior, dass er sich für Tennis begeistert und schwärmt von rumänischen Tennisgrößen wie Ilie Nstase und Ion Tiriac. Und er erzählt von seinen Zukunftsplänen: Am liebsten würde er als Platzwart arbeiten, Sand walzen, Linien nachziehen und Hobbysportlern beim Spielen zuschauen. Ein Traum, der vielleicht sogar Wirklichkeit werden könnte. Aber dafür bräuchte er, so wie auch Bonnie, Clyde und die anderen Obdachlosen, erst mal eine eigene richtige Wohnung.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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