Leselounge

Auf ein Getränk mit … Sebastian Stuertz

Lesetipp von Sebastian Stuertz: „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholsky: Ein Klassiker, der Spaß macht. Heiter, aber nicht flach. Foto: Imke Lass

Der Hamburger Autor Sebastian Stuertz erzählt Kolumnistin Nefeli Kavouras von Familienschmerz, Einsamkeit und Heiterkeit.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Das Treffen mit Sebastian Stuertz beginnt in Altona, wo der Autor mit seiner Familie wohnt. Wir steigen in sein Auto, und ich bemerke jetzt erst, dass auf sein T-Shirt ein kleines anatomisches Herz gestickt ist. Später dann denke ich: Wie passend, denn alles, was der 48-Jährige mir erzählt, ist ungeschönt, aber herzlich und ehrlich, und die Gespräche drehen sich direkt um die Themen, die sich auch in seinen Büchern wiederfinden – Familienschmerz, Einsamkeit, Heiterkeit. Dann kommen wir an in Blankenese, wo Sebastian Stuertz oft mit seinem Hund spazieren geht. In der Gaststube „Zum Falkenberg“ trinken wir Spezi.

Sebastian Stuertz debütierte 2020 mit seinem 700-seitigen Roman „Das eiserne Herz des Charlie Berg“, nun
erscheint sein zweiter Roman „Da wo sonst das Gehirn ist“. Darin erzählt er aus dem Leben der jungen Protagonistin Alina, die zwischen Patchworkchaos, Schule und ihrer Liebe fürs Programmieren Freiheit sucht. Seinen Hamburg-Roman widmet der Autor „allen Patchworkfamilien, Alleinerziehenden, Halbwaisen und Stiefkindern“.

Auf die Frage, wie diese Widmung zustande kommt, erzählt mir Sebastian von seiner Kindheit als Halbwaise (Mutter starb früh) und als Stiefkind (Vater lernte eine neue Frau kennen). Mittlerweile beobachtet er, dass es überhaupt selten noch „heile Familien“ gibt. „Die einzige heile Familie, die ich kenne, ist meine eigene, die ich heute habe. Und wir sind auch immer die Exoten in den Schulklassen unserer Kinder. Da bekomme ich wieder mit, was das für ein Stress sein kann.“ Jetzt als Erwachsener kann er auch diese Familienkon­strukte aus mehreren Perspektiven beleuchten. „Ich finde, das ist ja auch der Unterschied zwischen einem Jugendbuch und einem Coming-of-Age-­Roman: Der Blick auf die Erwachsenen. Bei einem Jugendbuch sind die
Erwachsenen oft außen vor erzählt. Mein Roman richtet sich vor allem an Erwachsene, wobei ich natürlich auch hoffe, dass ein paar junge Leute zum Buch greifen werden.“

Damit die Sicht der jugendlichen Alina zeitgemäß ist, organisierte Sebastian Stuertz Testleser:innen aus dem Freundeskreis seines älteren Sohnes. Mit ihnen diskutierte er zum Beispiel Jugendsprache und ich lerne, dass
man heute anscheinend nicht mehr „knutschen“ sagt.

Ich frage den Autor, ob er sich denn beim Schreiben manchmal in die Jugend zurücksehnte, und er verneint direkt: „Ich fand es immer gut, älter zu werden. Natürlich macht es Spaß, sich an die Jugend zurückzuerinnern. Aber viele Leute blenden auch das ganze Leid aus, wenn sie von ihrer Jugend schwärmen.“ Und so ist sein Buch zwar ein trauriges Buch, doch es geht auch immer rasant, lustig und irrsinnig zu: „Die traurigen Momente sind ja auch viel intensiver, wenn man vorher gerade gelacht hat, oder?“

Erst am Ende kommen wir auf das Getränk zu sprechen, das auch ein Getränk von früher ist. Er gibt mir einen Einblick in eine Jugend ohne Fernseher, ohne Cola. Spezi, das war das Ver­botenste, was er im Restaurant trinken durfte. Die Kellnerin erzählt uns am Ende, dass die Spezi sogar hausgemacht ist, aus Sinalco und Cola, und ich er­fahre noch ein letztes Detail über Sebastian Stuertz: Dass er die Kombination aus Fanta und Cola klar bevorzugt.

Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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Nefeli Kavouras

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