Paritätischer Gesamtverband : Armutsbericht sieht „Armut auf dem Höchststand“

Immer mehr Menschen könnten nicht selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, beklagt der Paritätische. Foto: Theo Heimann/Action Press

Das ist bitter: Laut dem neuen Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands hat die Armut in Deutschland einen „neuen Höchststand“ erreicht. Fast 16 Prozent der Bevölkerung waren demnach 2015 arm.

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Erwerbslose, Alleinerziehende und Familien mit vielen Kindern trifft es am häufigsten. Sie haben auch nach dem neuesten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands das größte Risiko, in Armut zu leben. Als arm gilt in dem Bericht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte zur Verfügung hat. Für Singles liegt die Armutsschwelle bei 942 Euro, für kinderlose Paare bei 1413 Euro netto. Eine „selbstverständliche Teilhabe an dieser Gesellschaft“ sei bei niedrigeren Einkommen nicht mehr möglich.

59 Prozent der Erwerbslosen in Deutschland sind demnach arm, wie auch 44 Prozent der Alleinerziehenden und 25 Prozent der kinderreichen Familien. Insgesamt sind 15,7 Prozent der Menschen in Deutschland arm, so der Befund des am Donnerstag vorgestellten Berichts. Alle Zahlen gelten für das Jahr 2015.

Immer mehr Rentner gelten als arm – auch in Hamburg

„Das Alter wird in Hamburg immer stärker zum Armutsrisiko.“– Joachim Speicher

Immer stärker sind demnach Rentner von Armut betroffen. Von 2005 bis 2015 stieg ihre Armutsquote um satte 49 Prozent auf nun 15,9 Prozent an. Ein „völliger Ausreißer in der Armutsstatistik“, urteilen die Sozialforscher. Diese Entwicklung zeigt sich auch in der Hansestadt: „Das Alter wird in Hamburg immer stärker zum Armutsrisiko“, sagt Joachim Speicher, Geschäftsführender Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hamburg. Hier hat sich die Armutsquote unter Rentnern mehr als verdoppelt – und lag 2015 bei 13,6 Prozent.

Diese Entwicklung werde sich weiter fortsetzen, warnt der Paritätische: In den kommenden Jahren würden zunehmend Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, hohen Teilzeitarbeitsquoten und niedrigen Löhnen das Rentenalter erreichen.

Kinderreiche Familien sind in Hamburg seltener arm

Die Entwicklung der Armut in Hamburg. Quelle: der-paritaetische.de

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Familien mit mehr als drei Kindern waren in Hamburg 2015 deutlich seltener von Armut betroffen als noch zwei Jahre zuvor. Ihre Armutsquote sank von mehr als 40 Prozent im Jahr 2013 auf 30 Prozent 2015. „Die Einführung der beitragsfreien, fünfstündigen Kita-Betreuung scheint sich auf diese Familien besonders positiv auszuwirken“, sagt Joachim Speicher.

Hamburg ist zudem neben Bayern das einzige westdeutsche Bundesland, in dem die Armut seit 2005 im Vergleich nicht sehr stark anstieg. Dennoch sei in der Hansestadt fast jeder sechste von Armut bedroht, beklagt der Paritätische. Das Armutsrisiko stagniere „auf hohem Niveau“.

Verband fordert „rigorosen Kurswechsel“

Der Paritätische sieht in den Ergebnissen einen „neuen Höchststand“ und fordert die Politik zu „entschlossenem Handeln in der Arbeitsmarktpolitik, beim Wohnungsbau, in der Bildung und dem Ausbau sozialer Dienstleistungen“ auf. Ein „rigoroser Kurswechsel in der Steuer- und Finanzpolitik“ sei notwendig.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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