Zwangsräumung in Bramfeld

Beinahe auf der Straße gelandet

Wenn Marion O. ihre Wohnung verlässt, ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Foto: Miguel Ferraz
Wenn Marion O. ihre Wohnung verlässt, ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Foto: Miguel Ferraz
Wenn Marion O. ihre Wohnung verlässt, ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Foto: Miguel Ferraz

Was passiert nach einer Zwangsräumung mit den Betroffenen? Um ein Haar wäre eine Hamburger Rollstuhlfahrerin in der Obdachlosigkeit gelandet – nachdem die Stadt sie räumen ließ.

Im Treppenhaus warten am Dienstag um 10 Uhr bereits die Gerichtsvollzieherin mit Hauswart und Schlosser auf ihren Einsatz. Ein Bekannter öffnet für die auf einen Rollstuhl angewiesene 67-jährige Marion O. die Tür. Mit Tränen in den Augen wirft die Mieterin der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Saga ihre Medikamente, Wechselkleidung und das Portemonnaie in eine Tasche, während der Handwerker bereits das Türschloss austauscht.

Seit vergangenem Jahr habe sie keine Miete mehr gezahlt, räumt die gesundheitlich schwer beeinträchtigte Mieterin ein. Es habe Probleme bei den Ämtern beim Übergang von der Grundsicherung zur Rente gegeben, lautet ihre Ausrede. Eigene Fehler weist sie zurück. Nur dass sie ihre Post schon länger nicht mehr beantwortet hat, bestätigt sie. Die Vorwürfe ihrer Vermieterin lassen aber erahnen, dass deutlich mehr im Argen lag: nicht angemeldete Untervermietungen und Verstöße gegen die Hausordnung listet ein Saga-Sprecher auf. Und betont, dass sich das Fehlverhalten wiederholt und nicht verändert habe.

Bereits vor mehr als vier Monaten konnte die Saga vor Gericht einen Räumungstitel erstreiten. Einen ersten Räumungsversuch hatte das Unternehmen allerdings im Januar abgeblasen. Daher hatte Anwalt Utz Meyer-Reim gehofft, mit der Saga aufgrund der gesundheitlichen Situation von Frau O. eine Lösung für den Verbleib in der Wohnung zu finden. Ihn hatte das Betreuungsgericht mit der Zustimmung der Mieterin als gesetzlichen Betreuer bestellt. Er schöpfte alle rechtlichen Mittel aus und scheiterte kurz vor der Räumung mit einem letzten Vollstreckungsschutzantrag.

Zwangsräumung in Hamburg
„Ich hätte nicht gewusst, wohin“
Jeden Tag werden in Hamburg im Schnitt etwa drei Wohnungen zwangsgeräumt. Eine Saga-Mieterin in Bramfeld ist dem knapp entgangen. Doch es droht eine erneute Räumung.

Zudem versuchte er über das Fachamt für Wohnungsnotfälle eine Ersatzbleibe zu finden. Das meldet solche Fälle bei der Aufnahme- und Vermittlungsstelle des städtischen Unterkunftsbetreibers Fördern & Wohnen und entscheidet, ob die Betroffenen Unterstützung beim Wohnen benötigen oder nicht. Einen dauerhaften Unterkunftsplatz kann das Fachamt aber nicht anbieten. Stattdessen wird stets auf eine Obdachlosen-Unterkunft verwiesen, erklärt eine Sprecherin des Bezirks Wandsbek.

Mit ihren zwei Hündchen auf dem Arm saß Marion O. eine gute Stunde nach Räumungsbeginn schließlich zusammengesunken im Rollstuhl vor ihrem Wohnhaus. Gerade hatte sich auch noch herausgestellt, dass die ihr zugewiesene Notunterkunft “Frauenzimmer” nicht barrierefrei ist. Auch ihre Hunde könnte sie nicht mitnehmen. „Ich bin völlig am Ende“, sagt die Zwangsgeräumte. Durch die Unterstützung von Bekannten findet sich wenig später eine Übergangslösung: Für zwei Wochen kann sie ein Zimmer in einer Monteurwohnung beziehen und gewinnt so Zeit, die drohende Obdachlosigkeit noch abzuwenden.

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 398

Schätze aus der Mülltonne

Müll als Chance: Mit einem Pfandsammler durch Hamburg und zu Besuch in einem Second-Hand-Baumarkt. Außerdem: ein Camp gegen Obdachlosigkeit und Bodo Wartke im Interview über mehr als seinen Tiktok-Hit.

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Autor:in
Jonas Fabricius-Füllner
Jonas Fabricius-Füllner

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