Mitternachtsbus : „Ich lasse die Obdachlosen reden“

Ellen Zander fährt seit 25 Jahren im Mitternachtsbus mit. Foto: Dmitrij Leltschuk

Seit 25 Jahren versorgt der Mitternachtsbus der Diakonie Obdachlose in Hamburgs Innenstadt. Ellen Zander (68) ist von Anfang an dabei – ehrenamtlich.

Hinz&Kunzt Randnotizen

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Hinz&Kunzt: Frau Zander, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Obdachlosen zu helfen?

Ellen Zander: Das hat mit meiner Erziehung zu tun. Mein Vater hat immer gesagt: „Behandle deine Mitmenschen so, wie du gerne behandelt werden möchtest.“ Und als ich beim Mitternachtsbus das erste Mal mitfuhr, merkte ich: Die Menschen freuen sich, wenn wir kommen. Einige sagen sogar: „Schön, dass du da bist! Wann kommst du wieder?“

Es geht um mehr als heiße Getränke und Schlafsäcke.

Ja. Die Gespräche sind wichtiger. Manche kommen am selben Abend zu weiteren Stationen, um die Unterhaltung fortzusetzen. Die steigen in die U-Bahn und fahren uns hinterher.

Worüber sprechen Sie mit den Menschen?

Ich muss nicht viel sagen. Ich lasse die Obdachlosen reden. Die erzählen, was sie erlebt haben, was behördenmäßig ansteht, was sie belastet. Wenn du dann Rat geben kannst, freuen sie sich. Und wer Unterstützung braucht, den schicke ich zum Diakonie-Zentrum für Wohnungslose.

Sie erleben das Phänomen Obdachlosigkeit seit 25 Jahren. Was hat sich verändert?

Es sind mehr Menschen geworden mit der EU-Osterweiterung. Und die Stimmung auf der Straße ist aggressiver. Das hängt sicher mit Verständigungsschwierigkeiten zusammen – und mit dem Alkohol. Oft denke ich: „Ich möchte diesen Menschen mal nüchtern erleben. Dann ist das bestimmt ein ganz anderer Charakter.“

Hat es auch schon bedrohliche Situationen gegeben?

Nein. Ich bin kein ängstlicher Typ. Wenn es Streit gibt, gehe ich dazwischen und sage: „Jetzt ist aber Ruhe!“ Und das wirkt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

In den Herkunftsländern vieler Obdachloser müsste mehr für die Menschen getan werden. Dann würden die gar nicht zu uns kommen. Viele sagen: „Hier ist es auf der Straße immer noch besser als bei uns zu Hause.“ Das sagt alles.

Ist Ihre Arbeit auf Dauer nicht deprimierend?

Es gibt auch Erfolgsgeschichten. Einen Mann mit schweren Erfrierungen haben wir erst in die Krankenstube für Obdachlose vermittelt. Später habe ich ihm dann eine Wohnung besorgen können. Dort hat er noch neun schöne Jahre verbracht.

Mehr Infos im Internet unter www.diakonie-hamburg.de

Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas schreibt seit vielen Jahren für Hinz&Kunzt - seit Anfang des Jahres als angestellter Redakteur.

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