Theater

„Wer sind wir, dass ausgerechnet wir das erzählen sollten?“

Rahul Chakraborty spielt zwei Sinti in einem Stück. In Spiel Zigeunistan erzählt er als Wolkly und dessen Onkel Letscho, wie es sich als Mitglied der deutschen Minderheit in Deutschland lebt.

(aus Hinz&Kunzt 254/April 2014)

Sinti sind „immer unterwegs, sie sind faul, arbeitsscheu und sie lügen“ – ein Auszug aus „Spiel Zigeunistan“, einem Klassenzimmerstück für Jugendliche. Es geht um Vorurteile, Klischees und um Wolkly, einen jungen Hamburger Sinto, der abhaut. Und es geht um seinen Onkel Letscho, der ihn sucht und dabei in seinem Klassenraum landet. Dort holt ihn seine tragische Familiengeschichte ein. Während der NS-Zeit wurden Verwandte mit Gewalt von der Schulbank ins Konzentrationslager gebracht. 500.000 Sinti und Roma wurden während des Holocausts getötet. Wolkly und Letscho – beide verkörpert von Schauspieler Rahul Chakraborty – lassen sich nacheinander auf der Bühne aus. Über ein Leben als Ausgegrenzte. Darüber, wie es ist, zu einer Minderheit im eigenen Land zu gehören.

Chakraborty, der selbst kein Sinto ist, fragte sich bei der Vorbereitung zu dem Stück: „Wer sind wir, dass ausgerechnet wir das erzählen sollten?“ Onkel Letscho hat ein reales Vorbild, dessen Familiengeschichte als Vorlage für das Stück diente und der Weiss mit Nachnamen heißt. Der gab sein Okay zum Projekt. War sogar begeistert, sagt Chakraborty. Die Zweifel, die ihn plagten, konnte Weiss mildern.

Die Sache mit den Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma, die kommt Chakraborty schon bekannt vor. „Klar hab ich auch gedacht, dass sie ein unstetes Leben führen, dass sie eine eigene Gesellschaft sind. Das hat mich aber nicht wirklich interessiert, weil ich keinen Kontakt zu Sinti oder Roma hatte.“

Dabei kennt der 30-jährige Wahlhamburger mit indischen Wurzeln Diskriminierung. Denn er ist zwar Deutscher, aber eben nicht Weißer. Sogar seine Freunde „machten ständig rassistische Witze. Das ist halt so“, sagt Chakraborty. Lange habe er es hingenommen, nun aber nervt es. „Ich habe das jetzt unterbunden.“ Trotzdem bleibt der Unterschied zum „typisch Deutschen“, zum Beispiel, wenn es um die Besetzung von Rollen geht. Solche mit den Namen Bülent, Lumme oder Ali hat Chakraborty oft gespielt – wenn auch nicht nur. „Ich habe diese Schubladenrollen eine Zeitlang als blöd empfunden.“ Tragisch sei das aber nicht: „Rein geschäftlich betrachtet, habe ich nicht viel Konkurrenz.“ Falls doch, geht vielleicht eine ­andere Rechnung auf: Er will ein Rap-Album machen. Ein Traum, der ihn zum Lächeln bringt. Und die Inhalte? „Die entstehen, wenn der Beat da ist.“

Text: Maike Plaggenborg

„Spiel Zigeunistan“: Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestr. 20, Mo, 7. 4., 16 Uhr, 5 /3 Euro. Weitere Infos unter www.buewi.de
6. Elbinsel-Gipsy-Festival: 11. und 12. 4., Bürgerhaus Wilhelmsburg. Eröffnung: Fr, 19.30 Uhr, mit dem Cafe Royal Salonorchester.
Lesung: „Racke malprahl – sprich drüber“ – Enkel erzählen die ­Geschichte ihrer Großväter. Sa, 17 Uhr, Tagestickets 18 /15 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *