Pfandsammeln verboten

Wer aus den Mülleimern auf dem Bahnhof Pfandflaschen sammelt, fällt bei der Deutschen Bahn in Ungnade: Die Hausordnung verbietet „das Durchsuchen von Abfallbehältern“. Schlimm für die, die sich mit weggeworfenen Flaschen ein paar Cents verdienen.

(aus Hinz&Kunzt 227/Januar 2012)

„Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn.

Neulich spielte sich am Hamburger Hauptbahnhof folgende Szene ab: Ein Mann, um die 50 Jahre alt, durchsucht auf dem S-Bahn-Steig einen Mülleimer nach Pfandflaschen. Plötzlich tauchen zwei Sicherheitsleute auf und fordern den Mann höflich, aber bestimmt auf, das Durchsuchen des Mülleimers zu unterlassen. Das sei nämlich verboten. Unglücklich und geknickt zieht der Mann davon.

Es ist verboten, auf dem Bahnhof Mülleimer zu durchsuchen? Ein kurzer Blick in die Hausordnung der Deutschen Bahn – und tatsächlich: Unter der Rubrik „Nicht gestattet ist…“ steht dort neben „Versperren von Rettungs- und Fluchtwegen“ und „Wegwerfen von Abfällen, Zigarettenkippen und Kaugummis außerhalb der vorgesehenen Behälter“ auch „Durchsuchen von Abfallbehältern“. Warum bloß? Schließlich sieht man häufig arme Menschen in der Stadt, die Pfandflaschen suchen, um sich mit der Rückgabe ein paar Cents dazuverdienen – es gibt einige, die sich so über Wasser halten. Stört das denn irgendwen?

Nachfrage bei der Pressestelle der Deutschen Bahn in Berlin. Ja, sagt der freundliche Sprecher der Bahn, das Durchsuchen von Mülleimern sei auf allen Bahnhöfen verboten. „Wenn in den Abfallbehältern rumgewühlt wird, dann fällt eine Menge daneben“, sagt er. Das Durchsuchen von Mülleimern sei deshalb auch in vielen Einkaufszentren verboten, das sei nichts Ungewöhnliches. „Sauberkeit ist für unsere Kunden ein wichtiger Punkt“, erklärt der Bahnsprecher. „Dazu zählt auch, dass es rund um die Müllbehälter vernünftig aussieht.“

Aber fällt denn wirklich Müll auf den Boden, wenn man den Abfall durchsucht? „Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird“, sagt der Sprecher bestimmt. „Ein Bahnhof soll ein stimmiges Gesamtbild abgeben, er soll eine gewisse Atmosphäre haben, da soll man auch in Ruhe einkaufen können.“ Aha, einkaufen. Und wenn doch jemand einen Mülleimer durchsucht? „Dann wird er höflich von unseren Mitarbeitern gebeten, das zu unterlassen.“

Wenn jemand einen Mülleimer nach Pfandflaschen durchsucht, stört er also die Wohlfühl- und Einkaufsatmosphäre der Bahnkunden. Die Hausordnung, die auf allen Bahnhöfen aushängt, beginnt mit den Worten: „Wir möchten, dass alle unsere Gäste sich bei uns wohlfühlen.“ Kann sein, dass die Deutsche Bahn Pfandsammler nicht zu ihren „Gästen“ zählt. In Ordnung ist das nicht.

Einen Lösungsvoschlag gibt es aber schon: die Facebook-Aktion „Pfand gehört daneben!“ – ein Aufruf, seine Pfandflaschen nicht in die Tonne zu werfen, sondern nebendran, unterdrunter oder obendrauf zu stellen. So muss niemand mehr im Müll wühlen und verstößt auch nicht gegen die Hausordnung der Deutschen Bahn.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

1 Kommentar zu “Pfandsammeln verboten

  1. Pfandringe

    Auf die einfachste Lösung kommt mal wieder keiner: Mehr Geld für Arbeitslose, Rentner – damit sich niemand als Flaschensammler verdingen muß! Bei obdachlosen Sammlern sollte jeder mal nachdenken, ob er statt wegzugucken auch mal ein paar Groschen mehr als üblich geben kann – da braucht dann niemand mehr in Mülleimern wühlen!
    Ich war auch mal arbeitslos und bekam dabei den glorreichen Tipp, doch zur Tafel zu gehen. Freunde – gute Freunde – fanden das lächerlich und luden mich stattdessen öfter ein zum Essen! Mehr Mitmenschlichkeit statt Pfandringe!

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