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Roadmovie "45 Minuten Ramallah"

Endlich der Durchbruch

29. August 2012 | Von | Kategorie: 2012: Hinz&Kunzt 227-238, Archiv, Hinz&Kunzt 235/September 2012

Gabriel Bornstein hat das Drehbuch zu einem rasanten Roadmovie geschrieben, der in Hamburg anfängt und in Ramallah endet. „45 Minuten bis Ramallah“ heißt der Streifen des Israelis aus Ottensen, der demnächst über die Leinwand flimmert. 

(Aus Hinz&Kunt 235/September 2012)

Gabriel Bornstein hat einen Roadmovie geschrieben. Die Reise führt von Hamburg nach Ramallah.

Weiß Gott kein Zufall, dass Gabriel Bornstein ein Roadmovie geschrieben hat. Sein eigenes Leben liest sich nämlich wie ein Roadmovie. 1948 wird er in Jerusalem geboren, mit 27 Jahren hat er plötzlich das Gefühl, das Leben ginge an ihm vorbei. „Von der Schule in die Armee, von der Armee in die Uni, von der Uni zur Arbeit“, bilanziert er.

Der Chemie-Ingenieur braucht dringend Luftveränderung, kündigt und reist mit dem Rucksack um die Welt. Er lebt in der Schweiz, zieht weiter nach Amsterdam, wo er wie zufällig eine Kneipe führt, bis sein Lokal zum Drogenumschlagplatz wird. „Drogen waren gar nichts für mich, ich habe nicht mal geraucht“, sagt er – und geht nach Berlin. Sich in Deutschland anzusiedeln, war für ihn „kein Problem“. Seine Familie stammt aus dem heutigen Polen, seine Großeltern waren Ärzte. „Mein Großvater hat geahnt, was auf die Juden zukommt und ist im letzten Moment nach Palästina ausgewandert“, sagt er. Ein großer Teil seiner Familie ist umgekommen. „Aber meine Großeltern haben nie darüber geredet.“

In Hamburg bleibt Gabriel hängen, weil dort ein Freund gerade ein Zimmer frei hat – der wiederum einen Filmprofessor kennt. „Noch in Israel hatte ich ein Theaterstück geschrieben und dachte, na ja, Theater kann ich ja jetzt, da könnte ich ja mal einen Film machen“, lacht er über so viel Naivität. „Das Filmemachen hat mich gepackt!“, sagt er. Genauso leicht, wie alles in jener Zeit zu sein scheint, bekommt er einen Studienplatz und studiert Film. Er ist 35 Jahre alt.

 Eigentlich will er nicht in Deutschland bleiben, sondern zurück nach Israel, „aber es kommt einfach immer wieder etwas dazwischen“. Viele seiner israelischen Freunde zu Hause können nicht begreifen, dass er in Deutschland leben kann, „bei den Nazis“. Später war er auch oft mit seiner Freundin und seinem Ziehsohn zu Besuch in Israel. „Schaut sie euch an, eure Nazis“, hatte er den Freunden entgegengehalten. Er kann da differenzieren. Das macht er auch, wenn er über Israel redet. „Israel ist kein Nazi-Staat“, sagt er in Bezug auf den Umgang mit den Palästinensern. „Aber schon in der Bibel steht, dass Gott die Israelis auserwählt hat. Und mithilfe mancher Politiker fühlen sich viele Israelis den Arabern überlegen.“ Außerdem: „Opfer sein hindert niemanden daran, selbst zum Täter zu werden.“ Viele Israelis wissen, dass sie den Palästinensern Unrecht tun. Davon ist er überzeugt. „Aber sie leben in einer zu engen Welt, um das sehen zu können – und wer will schon der Böse sein.“

Mit dem Filmemachen im Kleinen schlägt sich Gabriel Bornstein durch, gründet mit einem Freund eine Filmgesellschaft, dreht Filme mit Jugendlichen, gibt Seminare – und schreibt Drehbücher. Viel Geld hat er nie. Nur eine Altersversorgung in Form einer Eigentumswohnung in Israel. „Aber irgendwann wurde mir klar: Das Leben kann morgen zu Ende sein.“ Vorher will er unbedingt noch das machen, wovon er all die Jahre geträumt hatte: einen eigenen Film drehen. Gabriel verkauft die Eigentumswohnung, bezahlt alle seine Schulden und steckt das restliche Geld in ein Low-Budget-Projekt. „Dezemberküsse“ heißt der 90-Minüter. Eine zarte Liebesbeziehung zwischen dem Kleinkriminellen Freddy und einer 17-Jährigen. Es geht um Liebe und Verzicht – ein bisschen Casablanca, nur nicht so erfolgreich. Finanziell. Immerhin: Auf kleinen Festivals läuft der Film gut. Wie viele Freunde erwartet hatten, war Gabriel danach pleite. „Schon schade“, findet der Mann mit dem harten Akzent, „aber es ist nur Geld.“

 Sein neues Drehbuch „45 Minuten bis Ramallah“ ist ein ganz anderes Kaliber: wild und gleichzeitig treuherzig. Eine Mischung aus „Pulp Fiction“ von Quentin Tarantino und „Schwarze Katze – Weißer Kater“ von Emir Kusturica. Hauptpersonen sind zwei palästinensische Brüder mit israelischem Pass. Rafik lebt in Hamburg, ist immer auf der Überholspur des Lebens. Jamal kümmert sich rührend um die Eltern. Als der Vater stirbt, wollen ihm die Brüder seinen letzten Wunsch erfüllen und ihn in Ramallah begraben. Eigentlich liegen zwischen Jerusalem und Ramallah nur 45 Autominuten – natürlich geht alles schief. Das Auto mit der Leiche des Vaters wird geklaut, die Brüder geraten in die Hände von russischen Autoschiebern, die israelische Polizei nimmt sie in die Mangel. Aber mitten im Chaos trifft Rafik seine große Liebe.

Kusturica, Gabriels absoluter Wunschkandidat, wollte auch tatsächlich den Film machen. Aber der serbische Filmemacher ist auch eine Diva – und irgendwann trennten sich Produktionsfirma und Kusturica. Regisseur ist jetzt der Deutsch-Iraner Ali Samadi Ahadi, der schon die Komödie „Salami Aleikum“ gemacht hat.

So viel hat Bornstein am Drehbuch verdient, dass er seine Schulden abbezahlen konnte und noch was übrig hat. Er hat schon wieder neue Pläne. Aus seinem Drehbuch hat er einen Roman gemacht, eine temporeiche Krimikomödie. Wenn er keinen Verleger dafür findet, will er das Buch selbst herausbringen. Er ist sicher, dass das Buch seine Leser finden wird.  „Wenn nicht in Deutschland, dann eben auf dem Weltmarkt“, sagt er. Das würde zum Film passen: „45 Minuten bis Ramallah“ wurde in Jordanien gedreht und ist das erste deutsch-jordanische Filmprojekt. Ursprünglich wurde es auf Englisch verfilmt, für den Weltmarkt. •

Text: Birgit Müller
Foto: Mauricio Bustamante

Demnächst im Kino. Nähere Daten unter: www.bravenewwork.de

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