Krankenstube : „Wir haben eine Lücke im System“

Thorsten Eikmeier leitet die Krankenstube in der Seewartenstraße. Foto: Mauricio Bustamante

Die Krankenstube für Obdachlose hat in ihrem Jahresbericht 2018 erstmals erfasst, wieviele Patienten abgewiesen werden mussten. Ihr Leiter Thorsten Eikmeier erklärt, wieso die Einrichtung der Caritas nicht jedem helfen kann.

Hinz&Kunzt: Wieso braucht Hamburg überhaupt eine Krankenstube für Obdachlose? Es gibt doch Krankenhäuser, in die jeder gehen kann.

Thorsten Eikmeier: Die Krankenstube ist ein Angebot für die Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen das vorhandene Regelsystem nicht nutzen wollen oder nicht können. Manche haben eine gewisse Scheu, Krankenhäuser aufzusuchen, auch weil ihnen dort oft klargemacht wird, dass sie nicht die willkommensten Patienten sind. Hinzu kommt, dass viele Menschen keinen Versicherungsschutz genießen, auch das ist eine Hürde für eine Behandlung. Für Menschen aus dem EU-Ausland ist es zudem ungleich schwerer, einen Zugang zu einer vernünftigen Versorgung zu bekommen. In der Regel bekommen sie in den Krankenhäusern nur eine Notversorgung. Ansonsten sind diese Menschen auf alternative Angebote angewiesen.

Was ist mit Obdachlosen, die zum Beispiel nach einer Operation das Krankenhaus verlassen?

Die Krankenhäuser wollen Obdachlose gerne zeitnah entlassen, gerade wenn sie nicht krankenversichert oder auch nicht die pflegeleichtesten Patienten sind. Oftmals bedürfte es nach dem Krankenhausaufenthalt aber einer Häuslichkeit, um die Patienten langsam zu stabilisieren. Das ist nicht möglich, wenn sie kein Dach über dem Kopf haben. Wenn Menschen zu gesund fürs Krankenhaus und zu krank für die Straße sind, dann nehmen wir sie auf.

Die Krankenstube

Seit 1999 gibt es die Krankenstube der Caritas im ehemaligen Hafenkrankenhaus, dem heutigen Gesundheitszentrum St. Pauli. Sie finanziert sich zu einem Großteil über Gelder der Stadt und zu einem weiteren Teil über Spenden. In der Einrichtung gibt es 18 Betten für kranke Obdachlose. In der zweiten Jahreshälfte 2018 gab es 99 schriftliche Anfragen nach einer Patientenaufnahme, zum Beispiel von Krankenhäusern, Sozialarbeitern oder dem Krankenmobil der Caritas. Davon sind jedoch nur 42 Patienten tatsächlich in der Krankenstube untergekommen.

Wem kann die Krankenstube nicht helfen?

Wir können vielen Menschen gerecht werden, aber es gibt einige, die zum Beispiel einen so hohen Pflegebedarf haben, dass unser Personalschlüssel nicht ausreichend ist. Oder Menschen, die täglich Ärzte vor Ort benötigen. Auch das können wir neben unserer wöchentlichen Arztvisite hier nicht anbieten, denn wir selbst beschäftigen ausschließlich Pflegepersonal. Für den Ausbau des derzeitigen Angebotes fehlen uns aktuell schlicht die finanziellen Möglichkeiten. Schon jetzt sind wir dauerhaft auf Spenden für das Projekt angewiesen.

2018 hat die Krankenstube ausweislich des Jahresberichts ein Fünftel der Patienten weggeschickt, weil sie zu krank, zu pflegebedürftig oder zu immobil waren. Wo können solche Menschen noch Hilfe finden?

Das ist die große Frage. Da haben wir de facto eine Lücke im System. Oft sind das Menschen, die aufgrund ihres Status keine Perspektive auf eine Krankenversicherung, aber einen erhöhten Pflegebedarf haben. Im Grunde genommen ist da das ganze Hilfesystem ratlos. Ich weiß von Fällen, in denen diese Menschen auf der Straße leben – unterversorgt und unter komplett unwürdigen Bedingungen. Die müssen zusehen, wie sie mit ihren Erkrankungen überleben.

Mindestens sechs Patienten mussten Sie im zweiten Halbjahr wegen Überbelegung ablehnen. Wahrscheinlich waren es sogar noch mehr, die gar nicht erfasst wurden…

Manchmal gibt es noch die Möglichkeit, dass die Menschen ein paar Tage länger im Krankenhaus bleiben, bis bei uns ein Bett frei ist. Oder wir finden eine andere Zwischenlösung. Aber klar: Zu Hoch-Zeiten müssen wir regelmäßig Menschen ablehnen. Im schlechtesten Fall werden sie dann auf die Straße entlassen.

Hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlimmert?

Nach unserem subjektiven Empfinden gibt es immer häufiger gravierende Fälle auf der Straße, also Menschen, die gefühlt mehr verelenden. Mehr geworden sind auch die Fälle, in denen wir Menschen abweisen mussten, deren Bedarf unser Angebot übersteigt. Wir haben Mitte 2018 damit begonnen, Zahlen zu erfassen, um die Entwicklung belegen zu können. Aber wir mussten schon immer Menschen wegen Vollbelegung wegschicken.

Hier sind nicht immer so viele Betten frei: Thorsten Eikmeier in einem Patientenzimmer der Krankenstube. Foto: Mauricio Bustamante

Also müsste die Stadt mehr tun?

Ja, es müsste weitere Angebote geben, definitiv. Das ist immer leicht daher gesagt, aber trotzdem: Jeder Mensch da draußen auf der Straße zeigt auf, dass das System offensichtlich fehlerhaft ist. Das Ziel muss sein: Für all diese individuellen Fälle, so unterschiedlich sie sind, müssten wir Lösungen finden.

Für wen bräuchten wir denn besonders dringend Lösungen?

Psychische Erkrankungen sind ein Thema, das uns viel Kopfzerbrechen bereitet. Wir haben immer wieder Menschen, die offenkundig schwer psychisch erkrankt sind. Sie sind auf der Straße völlig unversorgt und sprengen das System. Wir sind fachlich nicht so aufgestellt, dass wir Menschen behandeln können, die aufgrund einer psychischen Erkrankung zu uns kommen. Für sie gibt es viel zu wenige Angebote.

Was ist mit zugewanderten Obdachlosen, die nicht krankenversichert sind?

Ich finde es unwürdig, wie mit ihnen bislang umgegangen wird. Sie sind immer länger hier, werden immer kränker. Wenn sie nicht gewillt sind, in ihre Heimatländer zurückzukehren, dann muss man auf die Situation reagieren. De facto sind Menschen hier, die krank sind und Hilfe brauchen, und dann ist es verdammt nochmal unsere Pflicht, den Menschen ein Angebot zu geben.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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