Obdachlosenhilfe in Düsseldorf : „Viele wollten nicht glauben, dass ihnen wirklich ein Hotelzimmer angeboten wird.“

Seit drei Jahren leitet Miriam Koch das Amt für Migration und Integration in Düsseldorf. Foto: Stadt Düsseldorf

Im Unterschied zu Hamburg bietet die Stadt Düsseldorf Obdachlosen ein Einzelzimmer – in der Regel sogar im Hotel. Ein Interview mit Miriam Koch (Grüne), Leiterin des Amtes für Migration und Integration in Düsseldorf.

Hinz&Kunzt: Die Kommunen machen Obdachlose sehr unterschiedliche Hilfsangebote während der Coronapandemie. Düsseldorf hatte kürzlich einen Corona-Ausbruch zu verkraften, obwohl die Stadt sich gewappnet hatte. Erklären Sie das.

Miriam Koch: Wir haben gleich zu Beginn der Coronapandemie versucht, mehr Kapazitäten zu schaffen. Damals galt: „Stay home. Stay safe.“ Wir wollten daher auch Obdachlosen ein attraktiveres Angebot machen als die bisherigen Mehrbettzimmer in den Notunterkünften. Dafür mieteten wir sukzessive Hotels an – aktuell kommen in neun Objekten rund 250 Menschen unter.

Und trotzdem kam es Ende Januar zum Corona-Ausbruch?

Ja, in einer der verbliebenen Schlafstätte für etwa 70 Personen. Zum Glück infizierten sich dort nur neun Menschen, ein Mann musste ins Krankenhaus. Man muss dazu sagen, dass eine positiv getestete Person im Wissen um ihren Befund die Notschlafstätte aufgesucht hatte. Bei den anschließenden Testungen der 18 Kontaktpersonen waren 50 Prozent infiziert – in einem Flurbereich, in den man die Menschen unter den üblichen Rahmenbedingungen gar nicht als Kontaktperson 1 bewertet hätte. Die Corona-Infizierten erholen sich jetzt auf unserer Quarantänestation.

Eine Quarantänestation für Infizierte oder Corona-Verdachtsfälle gibt es auch in Hamburg. Eine Hotelunterbringung, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, lehnt die Behörde aber ab, Eine dezentrale Betreuung der Obdachlosen durch Sozialarbeiter*innen sei nicht zu leisten …

… ich kann dazu nur sagen: Düsseldorf schafft das. Wir entzerren die Belegung der Notschlafstellen maximal, so dass wir in der Regel Einzelzimmer- maximal Doppelzimmerbelegung anbieten können! Unsere angemieteten Hotels liegen rund um den Hauptbahnhof. Wir haben dort Teams aus Sozialarbeit und Dolmetscher*innen im Einsatz, die die Menschen aufsuchen. Wir machen das jetzt nicht nur temporär zur Krisenbewältigung, sondern wollen aus der Pandemie lernen und dauerhaft die Notschlafstätten möglichst gering belegen. Deswegen werden wir die Professionalität in den Teams zusammen mit den Wohlfahrtsverbänden noch steigern. Dass inzwischen so viele Plätze in den Hotels belegt sind, liegt daran, dass die Streetworker*innen immerzu unterwegs war und massiv dafür geworben haben, dass die Menschen nicht draußen auf der Straße bleiben, sondern in die Einrichtungen gehen. Da mussten wir wirklich noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten! Viele wollten nicht glauben, dass ihnen wirklich ein Hotelzimmer angeboten wird.

Traurige Bilanz
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Ein Bett im Steigenberger Parkhotel gibt es für die Obdachlosen aber nicht, oder?

Nein! Wir zahlen im Schnitt 35 Euro pro Nacht. Da ist dann in der Regel sogar eine warme Mahlzeit inklusive.

Bislang hieß es, dass etwa 400 Menschen in Düsseldorf auf der Straße leben. Da jetzt so viele ein Hotelbett bekommen haben: Befürchten Sie nicht, dass mehr Obdachlose nach Düsseldorf kommen, wenn Ihre Angebote so gut sind?

Das wird zwar gern behauptet. Aber tatsächlich kann niemand belegen, dass es einen Zuzug gibt, wenn eine Stadt Wohnungslose ordentlich versorgt. Und wenn es so wäre, würde es schnell auffallen. Wir befinden uns im engen Austausch mit den Wohlfahrtsverbänden und wissen daher, wer zu uns in die Stadt kommt.

Autor*in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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