Winternotprogramm für Obdachlose zu Ende

Trotz Frost zurück auf die Straße

Das Zelt eines Obdachlosen in Berlin. Foto: Uwe Schiereck

Etwa 500 Obdachlose schickt die Stadt Hamburg mit Ende des Winternotprogramms zurück auf die Straße. Mit einem Protestcamp will eine politische Initiative in den kommenden Tagen mehr Hilfsangebote für die Betroffenen einfordern. 

Leider kein Scherz: Ab 1. April leben etwa 500 Obdachlose mehr auf Hamburgs Straßen als noch im März. In der kalten Jahreszeit hatten sie nachts Schutz in den Unterkünften des städtischen Winternotprogramms gefunden. Jetzt aber beendet die Stadt wie geplant den Kälteschutz – auch wenn in den kommenden Nächten noch Bodenfrost droht. 

Dass es keine weiterführenden Hilfsangebote gibt, führt auch in diesem Jahr wieder zu Kritik und Protest: Diakonie-Expertin Stefanie Koch befürchtet eine „Zuspitzung der strukturellen Überlastung“ der städtischen Unterkünfte und der Fachstellen für Wohnungsnotfälle, die Obdachlosigkeit verhindern sollen. Sie macht sich nicht nur Sorgen um die bereits obdachlosen Menschen, sondern kritisiert zudem, dass laut Senat weitere Plätze in der öffentlich-rechtlichen Unterbringung in den kommenden Monaten wegfallen. Für mehr als 1100 Einzelpersonen und rund 300 Familien erhöhe sich das Risiko, dauerhaft auf der Straße zu landen. Sie leben seit Anfang des Jahres viel zu beengt, müssen ihre Wohnungen verlassen oder sind bereits wohnungslos und warten daher dringend auf einen Unterkunftsplatz.  

Immerhin konnten in den vergangenen zwei Jahren 700 neue Wohnungen für Obdachlose und andere Menschen in Wohnungsnot fertiggestellt werden, teilt die Stadtentwicklungsbehörde auf Hinz&Kunzt-Nachfrage mit. Dass der Wohnungsbau für diese Personengruppe dennoch nicht schnell genug vorankommt, beklagt  die Behrens-Stiftung, seit mehr als 35 Jahren in der Wohnungslosenhilfe engagiert. Man könne und wolle Wohnungen für Obdachlose bauen, doch dafür brauche man Bauflächen von der Stadt. „Das Winternotprogramm ist gut und wichtig. Aber solange die Menschen nach dem Winter wieder auf der Straße landen, haben wir das Problem nicht gelöst“, beklagt Michael Edele, Bereichsleiter Soziale Wohnraumversorgung der Stiftung. 

Wie viele Menschen insgesamt auf Hamburgs Straßen schlafen, ist nicht bekannt. Die Stadt hat zuletzt zum Jahresbeginn eine Erhebung durchgeführt, das Ergebnis ist aber noch nicht öffentlich. Die letzte Erhebung vor zwei Jahren hatte ergeben, dass in den Notunterkünften der Stadt und auf Hamburgs Straßen weit mehr als 4000 Menschen leben. 

Bis zu 850 von ihnen hatten die vergangenen Monate in den Großunterkünften, Wohncontainern und in der sogenannten Wärmestube des Winternotprogramms  Zuflucht gesucht. Von ihnen dürfen jetzt immerhin 100 in einem zur Unterkunft umgebauten Bürogebäude in der Friesenstraße bleiben. Sie sind so krank, dass der städtische Unterkunftsbetreiber sie nicht raus in Wind und Wetter schicken will. 

Weitere rund 350 Obdachlose nahmen im Verlauf des vergangenen Jahres eine Rückreiseangebot in ihr Heimatland an. Seit Jahren stellt die Behörde ausländischen Obdachlosen Bustickets für eine Fahrt dorthin aus. Daten dazu, ob die Menschen dort auch tatsächlich Fuß fassen, werden aber nicht erhoben. 

Mehr Unterstützung für obdachlose Menschen fordern politische Initiativen ab dem 31. März: Bis Ostersonntag haben sie eine politische Versammlung auf dem Gerhardt-Hauptmann-Platz angemeldet. Neben Essen und Kulturprogramm wollen die Aktivist:innen auch Zelte aufstellen, in denen Obdachlose Ruhe und auch Schlaf finden können – und das rund um die Uhr. 

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 398

Schätze aus der Mülltonne

Müll als Chance: Mit einem Pfandsammler durch Hamburg und zu Besuch in einem Second-Hand-Baumarkt. Außerdem: ein Camp gegen Obdachlosigkeit und Bodo Wartke im Interview über mehr als seinen Tiktok-Hit.

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Autor:in
Jonas Fabricius-Füllner
Jonas Fabricius-Füllner

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