Dezember-Ausgabe

Die neue Hinz&Kunzt ist da!

In der Dezemberausgabe: Interview mit dem ehemals obdachlosen James Bowen, der durch seine Freundschaft mit Kater Bob Millionen Menschen rührt. Ottensen: Der Kampf um den Zeise-Parkplatz geht weiter. Weihnachten: Verkäufer erzählen ihre Geschichte(n). 

Feiertage 2012

Wie Hinz&Künztler Weihnachten verbringen

Gute Nachrichten: Die Welt ist trotz Maya-Vorhersagungen bisher nicht untergegangen. Weihnachten wird also auch dieses Jahr wieder stattfinden. Wir haben einmal bei Hinz&Kunzt-Verkäufern und im Team gefragt, wie sie die Feiertage verbringen und was sie sich wünschen.

Advent, Advent!

(aus Hinz&Kunzt 214/Dezember 2010)

Hier macht die Vorfreude aufs Fest gleich noch mal so viel Spaß: zwei Hamburger Highlights abseits der bekannten Weihnachtsmärkte

Rundgänge durch St. Georg
Kaffee trinken und ausgehen lässt es sich trefflich in St. Georg. Doch wo heute Cafés und Boutiquen das Straßenbild bestimmen, konnte man vor 25 Jahren beim „Geflügelmörder“ Fleisch kaufen oder den Mäusen zusehen, die in einer Backstube auf dem Tisch tanzten. Anwohnerin Maren Cornils hat sich ausgiebig mit der Geschichte ihres Viertels beschäftigt und erzählt davon bei einstündigen Stadtrundgängen. Zwischen Mariendom und Dreieinigkeitskirche, in versteckten Hinterhöfen und Passagen, gibt es jede Menge Kunst und Handwerk zu entdecken: Straßenskulpturen, das älteste Fachwerkhaus Hamburgs und moderne Bausünden. Vielerlei Betriebe, vom Kelleratelier bis zur Werkstatt für Luxuskarossen, vom Glasbläser bis zur Siebdruckwerkstatt, liegen auf der Route. Unterwegs wird Cornils ganz bestimmt auch auf steigende Mieten und die Vertreibung von Handwerksbetrieben und weniger solventen Mietern zu sprechen kommen. •

Rundgänge an den Adventssonntagen: 5./12./19.12., 11 und 15 Uhr, 12/9 Euro. Treffpunkt: Lange Reihe 75, Innenhof Koppel 66. Hier findet auch die beliebte Adventsmesse statt, jeweils Fr–So, 11–19 Uhr.
Puppenstubenbesuch im Gängeviertel
Wiedersehen mit der „Puppenstube“ im Gängeviertel – wenigstens für ein paar Wochen. Eine Ausstellung erzählt mit Fotos, Dokumenten und natürlich Puppen von früher. Mehr als 30 Jahre gab es in Brigitte Lohrmanns Laden am Valentinskamp Künstlerpuppen, Marionetten und Teddybären. 2001 zog Lohrmann wegen gestiegener Miete ins Hanseviertel. Aus Altersgründen schloss sie 2006 den Laden endgültig. Rund um die Schau wird außerdem ein Live-Programm geboten. Zum Beispiel kommt „Rositas Puppenbühne“ zu Besuch. Das interaktive Puppenspiel wurde von der Menschenrechtsorganisation „Peace Brigades“ in Mexiko entwickelt, um Erwachsene aus verfeindeten Dörfern zu versöhnen. Kindern gefiel das aber auch. Also können sich in Hamburg nicht nur große Zuschauer, sondern auch kleine zwischen vier und zehn Jahren spielerisch in die Gefühle anderer versetzen und am Ende sogar das Geschehen mitbestimmen. • XniP: FBTT4T

Ausstellung vom 5.12.–24.12., immer Do–So, 15–19 Uhr, Valentinskamp 34, Eintritt frei. Interaktives Theater „Der Hase im Mond“, Sa, 11.12., 16 Uhr, Eintritt frei.
Bitte Sitzkissen mitbringen.

Text: Sybille Arendt

Grünkohl, Kekse, Countrysongs

(aus Hinz&Kunzt 215/Januar 2011)

Hans-Peter Bühler hält nichts mehr auf seinem Stuhl. Seine Begeisterung muss raus, jetzt sofort! Wild reißt der 59-jäh­rige Hinz&Künztler seine Arme in die Luft. Auf der Bühne steht Countrylegende Gunter Gabriel und singt aus voller Kehle seinen größten Hit: „Hey Boss, ich brauch mehr Geld!“. „Ich bin total begeistert“, ruft Hans-Peter und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Wann trifft man schon mal Gunter Gabriel? Ich bin echt so richtig glücklich, das hier ist ein riesiges Weihnachts-
geschenk.“


Die Weihnachtsfeier der Hinz&Künztler 2010 – Bilder von Mauricio Bustamante

Zum dritten Mal findet die Weihnachtsfeier der Hinz&Kunzt-Verkäufer in der Barmbeker Bugenhagenkirche statt. Knapp 200 Hinz&Künztler und Mitglieder des Teams haben sich in dem festlich geschmückten Saal versammelt. Ganz neu in diesem Jahr: Um Deko-
ration, Weihnachtsgeschenke, Essen und Kekse haben sich Mitarbeiter der Firma Beiersdorf gekümmert. Im Herbst war die Abteilung für Verpackungsentwicklung auf die Idee gekommen, als soziales Projekt diese Weihnachtsfeier auszurichten (siehe Seite 40).
Wochenlang haben die 35 Beiersdorfer sich vorbereitet, jetzt wirbeln sie zwischen den Tischen herum, servieren Grünkohl, Kartoffeln und Kassler, schenken Getränke nach und kommen mit den Hinz&Künztlern ins Gespräch. „Wir
waren total aufgeregt vor heute Abend“, sagt Dorothee Schaal von Beiersdorf. „Heute wollen wir denen helfen, die sonst nicht so im Fokus stehen.“ Ihre Kollegin Lena Ehinger nickt und ergänzt: „Der Rahmen ist genau richtig, hier entsteht zwischen uns und den Hinz&Kunzt-Verkäufern eine richtige Gemeinschaft.“
Nach dem Essen schlüpft Frank Belchhaus, Hinz&Kunzt-Vertriebsleiter, in sein Weihnachtsmannkostüm und verteilt Urkunden an Verkäufer, die im vergangenen Jahr Besonderes geleistet haben. Die Urkunde für das „Comeback des Jahres“ geht an Chris. Der langjährige Hinz&Kunzt-Verkäufer hat die letzten fünf Jahre im Ruhrpott eine Imbissbude betrieben. Er hatte den Absprung ins normale Leben geschafft. Doch durch seine Spielsucht verlor er alles, seit einigen Wochen verkauft er wieder Hinz&Kunzt. „Chris, wir freuen uns, dass du wieder bei uns bist“, sagt der Weihnachtsmann.
Dann kommen die „Happy Oldie Singers“ auf die Bühne: elf sympathische, ältere Herren, die Shantys und Evergreens zum Mitschunkeln zum Besten geben. Das Publikum ist begeistert, die „Boygroup im reifen Mannesalter“ muss sogar eine Zugabe singen. Und dann ist es so weit: Gunter Gabriel kommt. „Ich mach das nur für die Leute, ich mach das nicht für mich“, sagt der 68-jährige Sänger vor seinem Auftritt. „Weil ich selbst zehn Jahre auf der Straße gelebt habe, weil ich selbst ganz unten war. Ich will ihnen zurufen: Steht auf!“ Und als Gabriel mit seinem Konzert
beginnt, stehen die Gäste wirklich auf – der Saal kocht, der Sänger wird mit Applaus überhäuft. „Mein Herz schlägt für euch!“, ruft er mit seiner tiefen Reib-
eisenstimme zum Dank von der Bühne.
Zum Ende bekommt jeder einzelne Hinz&Künztler eine Tasche voller Geschenke überreicht – warme Schals, Thermoskannen, Lebensmittel und Handcreme. Hinz&Künztler und Beiersdorfer fallen sich in die Arme. „Macht’s gut“, heißt es zum Abschied. „Hoffentlich bis zum nächsten Jahr.“

Wir bedanken uns herzlich bei unseren Unterstützern: Beiersdorf, C&A, Tesa, RLC Leunisman, Dr. Scholze Confiserie (Lüneburg), Happy Balloon, Traumtag, Color Plastic Chemie, Der Keksbäcker, Deutsche Telekom Technischer Service GmbH, Weener Plastic Packaging Group, Deuter, Gabriel Chemie, Bauer Henke (Rönneburg), Firma Ralf Mosel (Meckelfeld).

Bob Dylan: Rebell mit Weihnachten im Herzen

In einem Exklusiv-Interview für Straßenmagazine weltweit spricht der Folk-Veteran über sein ganz persönliches Fest und sein Engagement gegen den Hunger in der Welt

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

Bob Dylan als Weihnachtsmann? Da verblüfft der 68-jährige US-Folksänger seine Fans nicht nur mit einer CD
voller traditioneller Weihnachtslieder. Familie, Glaube, Gemeinschaft – das sind die Themen des mittlerweile 47. Albums des geläuterten Rebellen-Veterans. Passend zum Fest sorgt er dann auch noch für einen Sack voller guter Gaben: Der weltweite Verkaufserlös des Albums „Christmas In The Heart“ kommt verschiedenen Hilfsorganisationen zugute, die sich alle der Bekämpfung des Hungers in der Welt verschrieben haben.

Ein Treffen mit dem Weihnachtsmann

„Viele glauben wirklich an mich“

Zu Besuch bei Oliver Martinez, den nach 20 Jahren als Santa Claus leuchtende Kinderaugen immer noch zu Tränen rühren können

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

Das Haus des Weihnachtsmannes ist schwer zu finden. Im Schatten des Michels wohnt er, hört jeden Tag den Turmbläser und den Klang der schweren Kirchenglocken. Sein Märchenhaus liegt verborgen in einem Hinterhof. Verwunschen wirkt der weiße Bungalow – so, als könnte er auch einfach wieder verschwinden, wenn keiner guckt. Drinnen steht neben der Treppe ein Paar blank gewienerter schwarzer Stiefel, an der Heizung hängt ein leuchtendroter Weihnachtsmann-Mantel.

Stille Nacht auf dem Kiez

Die Weihnachtsgeschichte 2008: Das Jahrmarkttheater bringt ein modernes Krippenspiel auf die Bühne des Schmidts Tivoli

(aus Hinz&Kunzt 190/Dezember 2008)

Eigentlich liegt die Idee auf der Hand, vor Weihnachten ein Krippenspiel zu inszenieren, doch Torsten Hammann ist der Erste, der die Idee auch umsetzt. Gemeinsam mit Regisseur Thomas Matschoß hat er die Weihnachtsgeschichte in das Hamburg von heute versetzt – mit Herbergssuche, Geschenketerror, einem zechenden Obdachlosen und einem sarkastischen Engel. Hinz&Kunzt war bei den Proben dabei.

Der Chef vom Weihnachtsmann

Hein Gas präsentiert: Menschen in der 2. Reihe

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Bambi, Oskar, Bundesverdienstkreuz – immer werden die ausgezeichnet, die sowieso schon im Rampenlicht stehen. In unserer Serie stellen wir „Menschen in der 2. Reihe“ vor. Diesmal: Weihnachtsmann Werner Killian.

Der Jüngste der Familie versteckt sich hinter seiner Mutter. Seit Wochen freut er sich auf den berühmten Besuch. Aber als der leibhaftig im Wohnzimmer steht, ist er für den Jungen nur ein fremder, bärtiger Mann, der zu allem Überfluss einen riesigen Sack aufhält. Dem großen Bruder ist es zu verdanken, dass es keine Tränen gibt. Der geht schon zur Schule und hat vor fast gar nichts mehr Angst. An seiner Hand traut sich der Jüngere hervor.

Der Weihnachtsmann, unter dessen weißen Brauen etwas zu junge Augen blitzen, schlägt sein „goldenes Himmelsbuch“ auf. Dort liest er, dass der Kleine zu viele Süßigkeiten isst. Mami lächelt zufrieden – als hätte sie selbst dafür gesorgt, dass der Hinweis ins Himmelsbuch aufgenommen wird. Eltern können grausam sein. Aber als die Geschenke aus dem Sack verteilt werden, ist sowieso alles egal. Der Gescholtene zieht sich in eine Ecke zurück, das Geschenkpapier fliegt in Fetzen durch die Luft, und der Weihnachtsmann ist komplett vergessen.

Nach ein paar Minuten drängt Papi, weil er nur für eine Viertelstunde bezahlt hat: „Der Weihnachtsmann muss gleich weiter, kommt doch noch mal her.“ Schließlich soll der Junior das Tannenbaumbild nicht umsonst gemalt haben. Der Bärtige bedankt sich, lehnt den Schnaps zum Aufwärmen ab – auch Rentierschlitten lenken sich nicht von allein – und ist wieder auf der Straße.

Weihnachtsmann Werner Killian muss sich sputen. Das nächste Kind wartet ein paar Straßen weiter. Die Adresse steht im Himmelsbuch, einem alten in Goldpapier eingeschlagenen Fotoalbum, Killians Tochter hat es mit ein paar Aufklebern verziert. Bei der Adresse ist auch vermerkt, wo vorm Haus die Eltern die Geschenke versteckt haben. Der Weihnachtsmann springt in seinen dunkelblauen Golf und reißt den Bart runter: „Der ist beim Autofahren zu warm, da beschlagen sofort die Scheiben. Aber man muss aufpassen, dass die Kinder nicht am Fenster stehen und das mitkriegen.“ Am 24. Dezember, dem stressigsten Tag im Jahr, fährt er manchmal einen heißen Reifen. Auch wenn die anderen Verkehrsteilnehmer den rasenden Santa Claus irritiert angucken.

Wie er flitzen an diesem Abend 20 weitere Weihnachtsmänner auf minutiös durchgeplanten Touren durch Hamburg. Killian hat sie eingestellt, als das „Weihnachtsmann-Geschäft“ vor ein paar Jahren zu boomen begann. Die „heiße Phase“ beginnt am Mittag. Killian hat einen großen Raum in der Nähe seiner Wohnung gemietet. Alles liegt hier voller Mäntel und Bärte, Rot und Weiß, wohin man schaut. Nur der „Glücksmantel“ vom Chef ist nicht mehr weiß, sondern rosa gefüttert. „Ich habe die Mäntel zum ersten Mal selbst gewaschen, und außgerechnet meiner verfärbt sich!“, ärgert er sich. Das Kostüm bedeutet ihm viel, er trägt es seit 15 Jahren bei jedem Auftritt.

Damals besuchte er nur ein paar Familien in Pinneberg. Heute steht er zwischen seinen 20 Weihnachtsmännern, die überall nördlich der Elbe auf Tour gehen. Seine Frau schminkt im Akkord: das Gesicht braun, die Wangen rot. Auf die Augenbrauen schmiert sie Deckweiß aus dem Farbenkasten der Tochter. Deckweiß verläuft nicht, egal wie viel geschwitzt wird.

Denn beim ersten Auftritt haben alle Lampenfieber, und viele sind zum ersten Mal dabei. Weil Killian seine Männer von der Uni rekrutiert, gehen sie oft nur einmal mit auf Tour. „Wenn ich im nächsten Jahr wieder anrufe, durchwandert der eine gerade eine Wüste, der nächste ist fertig mit dem Studium oder längst in eine andere WG gezogen, und keiner kann mir die Adresse sagen“, so Killian.

Eines fällt auf: Viele der Studenten, die sich hier in Weihnachtmänner verwandeln, sind türkischer Abstammung. Denn als Moslems müssen sie den Weihnachtstag nicht bei ihrer Familie verbringen. Außerdem ist Killian mit den Weihnachtsmännern vom Bosporus sehr zufrieden: „Die türkischen Männer können oft besser mit Kindern umgehen als die deutschen.“

Kurz vor 16 Uhr geht es los, die Weihnachtsmänner verlassen das Haus. Jeder wirft noch einen Blick auf die Zubehör-Check-Liste, die Killian an die Tür gepinnt hat („Bart? Sack? Himmelsbuch?“). Zu oft ist es vorgekommen, dass einer seiner Weihnachtsmänner ohne Sack mit Geschenken vor den Kindern stand.

Jetzt kann Killian nur noch hoffen, dass alles gut geht. Zwar muss vorher jeder seine „Weihnachtsmannschule“ durchlaufen, Videos von gelungenen Darbietungen ansehen und dem Chef ein paarmal den Weihnachtsmann vorspielen. Aber auf die eigentliche Herausforderung wird niemand vorbereitet: das Hamburger Familienleben, das zu Weihnachten an einem dünnen Faden hängt. Hinter jeder Haustür erwartet den Weihnachtsmann etwas anderes. Meist stehen Killian und seine Leute in geschmückten Wohnzimmern, vor herausgeputzten Familien und festlich gedeckten Tafeln.

Aber es ist auch schon vorgekommen, dass ein Vater im Unterhemd und mit einer Dose Bier in der Hand die Tür geöffnet hat. Oder die Mutter ohne Kinder da saß, weil ihr geschiedener Mann die zu Weihnachten nicht rausgerückt hat. Schwierig, da Feststimmung zu verbreiten.

Der Vortrag aus dem Himmelsbuch hat auch seine Tücken. Telefonisch wird mit den Eltern abgesprochen, was das Kind zu hören kriegt. Leicht ist es, wenn nur Kleinigkeiten beanstandet werden sollen: Geh früher zu Bett, schau nicht so viel fern, konzentrier dich mehr in der Schule. Aber manche Familien faxen mehrere Din-A-4 Seiten mit Unarten durch, bei denen eigene Erziehungsbemühungen scheitern. Killian macht nicht alles. Einem kleinen Jungen sollte er Grüße vom kürzlich verstorbenen Vater übermitteln. Da hat er sich geweigert.

Wehe, einer der Weihnachtsmänner verspätet sich. Dann steht in Killians Wohnung das Telefon nicht still. Und irgendeine Tour geht jedes Jahr schief. Ein Himmelsbuch bleibt liegen, der Sack wird vergessen, das Auto gibt den Geist auf. Oder der Verkehr macht der Zeitplanung einen Strich durch die Rechnung. Vor allem wenn es mal schneit.

„In vielen Familien ist Weihnachten genau durchgeplant. Erst kommen die Großeltern, dann geht’s in die Kirche, danach kommt der Weihnachtsmann, und dann wird gegessen. Da darf nichts durcheinander geraten“, so der 43-Jährige. Den wüsten Anrufen mit Kinderweinen im Hintergrund entgeht der Chef der Weihnachtsmänner, weil er selbst unterwegs ist. Bis er heimkommt, haben sich die Gemüter wieder beruhigt.

Den Spaß an der Arbeit hat Werner Killian nie verloren: „Wenn man ins Wohnzimmer kommt, steht man oft in einem richtigen Blitzlichgewitter, da fühlt man sich wie ein kleiner Star. Und alle freuen sich auf dich, das ist schon toll.“

Obwohl es der arbeitsreichste Tag im Jahr ist – mit seiner Tochter feiert er auch noch, „kurz, aber intensiv“. Sie ist sechs und glaubt an den Weihnachtsmann. Zwar weiß sie, dass ihr Vater ihm zur Hand geht, weil es so viel zu tun gibt. Aber der, der jedes Jahr bei der Bescherung zu ihr kommt, ist der Echte. Dafür hat sie den Beweis, schließlich sitzt Papa auf dem Sofa.

Marc-André Rüssau

(K)ein Tag wie jeder andere

Weihnachten auf der Platte

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Es wird wohl so sein wie immer am 24. Dezember. Morgens herrscht eine riesen Hektik in der City. Gegen Mittag verschwinden die Menschen. Ruhe senkt sich über die Straßen. Zurück bleiben die, die dort „wohnen“. Hinz & Künztler erzählen.

Für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere“, behauptet Motte. Und wie der 53-Jährige das so sagt, sieht er auf einmal irgendwie wehmütig aus. Klar, da kochen sein Kumpel Peter und er was Besonderes. Gulasch und Rotkohl beispielsweise, und klar, da wird der Platz vor C&A geschmückt mit einem Tannenzweig und Teelichtern. „Aber sonst“, Motte schüttelt entschieden den Kopf, „sonst ist alles wie immer.“

Babsi steht in der Küche ihrer Einzimmerwohnung in der Ritterstraße. Der Duft des Puters, der im Backofen schmort, breitet sich in der ganzen Wohnung aus. Die Hinz & Kunzt-Verkäuferin hat es geschafft. Seit drei Jahren hat die 47-Jährige wieder eine Wohnung. Mehr als fünf Jahre hat sie vorher zusammen mit ihrem Freund „Platte“ gemacht – vor dem Briefmarkengeschäft in der City. Babsi beobachtet den Puter, bereitet die Kartoffeln und das Rotkraut vor. Neben ihr steht eine Büchse Bier. Nicht die erste an diesem Morgen. „Ich bin schon froh, dass ich nur noch Bier trinke“, sagt sie. Auch an Weihnachten will sie das durchhalten. Ob sie’s schaffen wird? Mitte Dezember hat ihre Mutter Geburtstag. Da fährt Babsi immer zu ihr nach Bremen. Und von dem Moment an sitzt ihr die Familie im Nacken – mental. Ihre beiden Jungen sind Anfang 20. Mit dem Ältesten telefoniert sie – manchmal.

„Weihnachten ist dazu da, sich dicht zu saufen und die drei Tage schnell zu vergessen“, sagt Peter. Der 48-Jährige kommt vom Dorf, aus einer Großfamilie. Eigentlich, so hat der Katholik gelernt, war Weihnachten „das Fest der Besinnlichkeit und der Familie“. Wunderschön sei das gewesen. Mit Großeltern, Eltern und Geschwistern saßen sie rund um den Tisch. Peter lächelt. „Da wurde getafelt, nur vom Feinsten.“ Dann verdüstert sich sein Gesicht. Im Dezember 1999 starb seine Frau an Leukämie. „Dahingesiecht ist sie, überall diese Schläuche – da hab ich angefangen, mir die Kante zu geben.“ Peter macht eine wegwerfende Handbewegung. „Seitdem mache ich Platte, und seitdem hat Weihnachten keine Bedeutung mehr für mich.“ Um die bösen Gedanken zu verscheuchen, zeigt er auf Motte, mit dem er Platte macht. „Er kriegt ne Dose Bier und ich ne Flasche Schnaps.“ Peter lacht – eine Spur zu laut.

„Weihnachten ist das Fest der Heuchler“, sagt Rolf bitter. „Da gehen alle einmal im Jahr in die Kirche, und das wars.“ Natürlich kriegen auch Obdachlose an jenem Tag mehr als sonst. Oft sind es dieselben Menschen, die sonst grußlos an ihm vorübergehen, die ihn plötzlich ansprechen, ihm ein schönes Fest wünschen. Das verletzt Rolf. „Da ist plötzlich das Herz offen, sonst nicht.“ Zu viel will der 42-Jährige aber nicht über Weihnachten nachdenken. Das macht ihn traurig. Vier Kinder hat er. Kontakt hat er keinen mehr zu ihnen. Seine Stimme wird etwas weicher. „Früher haben wir zusammen gefeiert, richtig mit Gedichte aufsagen und allem drum und dran. Und wir sind in den Michel gegangen, wenn Heinz Rühmann dort gelesen hat.“

„Na ja“, sagt Motte und wiegt bedächtig den Kopf. „Weihnachten, das schlägt schon auf die Stimmung.“ Er will es gar nicht, aber plötzlich schieben sich andere Bilder vor sein inneres Auge. „Meine Frau“, sagt er und schluckt. „Der Tannenbaum – meine Töchter – wie sie fröhlich auf ihre Trommeln schlagen und um den Baum laufen.“ Vor zwölf Jahren starb seine Frau. Damals ging es mit ihm bergab. Seine Töchter sieht er kaum noch. Neulich war er kurz in Berlin zur Einschulung seiner Enkelin. Aber Weihnachten, da will er mit seiner Familie nichts zu tun haben. „Die leben ihr Leben, ich leb meins.“ Lieber den Kontakt nicht zu eng werden lassen. „Sie sollen nicht erfahren, dass ich auf der Straße lebe“, sagt Motte leise.

Der Puter ist fertig. Der Duft – einfach großartig. „Das Rezept stammt noch von meiner Omi“, sagt Babsi. Der Puter muss verpackt werden, die Kartoffeln, das Rotkraut. Die Soße darf nicht auslaufen. Jetzt aber schnell. Schließlich soll das Mahl warm auf die Platte kommen. Die Wahlverwandtschaft wartet schon: Motte, Peter, Rolf und die anderen. „Auch wenn ich jetzt eine Wohnung hab“, sagt sie. „Ich lass die doch nicht im Stich!“ Babsi lächelt, wenn sie an das Straßenmahl denkt. „Oft sind wir zehn Leute und mehr.“

Ganz egal ist Weihnachten ihm doch nicht, sagt Peter. Er hat sogar Einladungen. „Aber da fühle ich mich bloß geduldet.“ Auf der Straße dagegen ist er irgendwie zu Hause. „Wir sind ja auch so eine Art Großfamilie.“ Deshalb freut er sich auch schon auf Babsi und die anderen – und auf den Puter.

Die Kerze muss unbedingt angezündet werden, sagt Rolf. Nicht nur wegen der Feierlichkeit. „Für die gestorbenen Kollegen.“ Einen Moment lang schweigt er. „Besinnlichkeit auf Platte ist auch möglich. Zumindest solange man nicht allein ist. Und das sind wir ja zum Glück nicht.“

bim/abi/mar