Bob Dylan: Rebell mit Weihnachten im Herzen

In einem Exklusiv-Interview für Straßenmagazine weltweit spricht der Folk-Veteran über sein ganz persönliches Fest und sein Engagement gegen den Hunger in der Welt

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

Bob Dylan als Weihnachtsmann? Da verblüfft der 68-jährige US-Folksänger seine Fans nicht nur mit einer CD
voller traditioneller Weihnachtslieder. Familie, Glaube, Gemeinschaft – das sind die Themen des mittlerweile 47. Albums des geläuterten Rebellen-Veterans. Passend zum Fest sorgt er dann auch noch für einen Sack voller guter Gaben: Der weltweite Verkaufserlös des Albums „Christmas In The Heart“ kommt verschiedenen Hilfsorganisationen zugute, die sich alle der Bekämpfung des Hungers in der Welt verschrieben haben.

„Es ist eine echte Tragödie, dass allein in den USA heute mehr als 35 Millionen Menschen – darunter zwölf Millionen Kinder – oft hungrig zu Bett gehen müssen und morgens nicht wissen, wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen sollen“, sagt Dylan. „Wir wollen ihnen wenigstens an den Festtagen diese Sorge nehmen.“
Mit dem US-Journalisten Bill Fla­nagan („Rolling Stone“, „Musician“) traf sich der öffentlichkeitsscheue Sänger und Musiker an einem windigen, verregneten Oktobertag im Waterfront Plaza Hotel in Oakland zum einzigen Interview, dass er zum neuen Album gegeben hat. Dieses Gespräch stellt er nun exklusiv den Straßenzeitungen weltweit zur Verfügung. Hinz&Kunzt dankt!

Wie sah Weihnachten in Ihrer Jugend in Minnesota aus, wo Sie aufwuchsen?
Dylan: Es gab eine Menge Schnee, Jingle Bells, Sternsinger, die von Haus zu Haus zogen, Pferdeschlitten in den Straßen, Kirchturmglocken, Krippenspiele. So war das eben.

Ihre Familie ist jüdisch. Fühlten Sie sich als Kind von der Weihnachts­stimmung ­ausgeschlossen?
Dylan: Nein, überhaupt nicht.

Wie verbringen Sie am liebsten die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr?

Dylan: Damit, gar nichts zu tun – vielleicht ein wenig über Verschiedenes nachdenken.

Wie stellen Sie sich ein gutes Weihnachtsessen vor?
Dylan: Kartoffelpüree mit Bratensoße, gebratener Truthahn und Kohl, Rüben, Gebäck, Maisbrot und Cranberry-Soße.

Wenn zeitgenössische Künstler Weihnachtsalben aufnehmen, versuchen sie dabei häufig, einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Haben Sie von Anfang an gewusst, dass Sie die Songs auf klassische Art und Weise spielen wollten?

Dylan: Oh ja, sicher, anders hätte ich sie gar nicht spielen können. Diese Songs sind ein Teil meines Lebens, genau wie Folksongs. Und auch die muss man auf klassische Art spielen.

Hören Sie sich Rap-Musik an?
Dylan: Ich höre keine Rap-Sender, und ich wähle keine Rap-Songs in der Jukebox aus. Ich gehe auch nicht zu Rap-Konzerten. Also kann man wohl sagen, dass ich mir nicht so sehr viel Rap-
Musik anhöre.

Was halten Sie denn von Rap-Musik?
Dylan: Ich liebe das Reimen nur um des Reimens willen. Ich denke, dass das
eine unglaubliche Kunstform ist.

Sie waren ein junger Mann, als Sie aus der Provinz nach New York City zogen. War Weihnachten in der Metropole anders?

Dylan: Nein. Weihnachten war in New York ziemlich gleich, nur noch größer.

Hatten Sie deshalb Heimweh?
Dylan: Eigentlich nicht. Ich habe die Ver­gangenheit nicht mit nach New York genommen. Nichts aus meiner Vergangenheit spielte für meine Zukunft eine Rolle.

Sie haben Enkelkinder. Was denken Sie, was sie von dieser Platte halten?
Dylan: Ich habe keine Ahnung, wasmeine Enkel von irgendeiner meiner Platten halten. Ich weiß nicht einmal, ob sie sie überhaupt kennen. Die Älteren vielleicht.

Ihre Interpretation von „O Little Town of Bethlehem“ erinnert mich ein wenig an ­einen irischen Rebellionssong. Sie vermitteln den Song ganz klar wie jemand, der ­wirklich glaubt.
Dylan: Nun, ich bin wirklich gläubig.

Einige Kritiker scheinen nicht so recht zu wissen, was sie von diesem Album halten sollen. Steckt vielleicht tatsächlich ein ­gewisser Anteil von Ironie in diesen Songs?
Dylan: Nein, überhaupt nicht. Solche Kritiker betrachten das Album von außen. Ganz sicher sind das keine Fans oder gehören zu den Hörern, für die ich spiele. Sie verstehen mich oder meine Musik einfach nicht aus dem Bauch heraus. Selbst nach all dieser Zeit wissen sie immer noch nicht, was sie von mir halten sollen.

Die Chicago Tribune meint, dem Album fehle es an Respektlosigkeit. Geht das am Thema vorbei?
Dylan: Natürlich. Das ist eine völlig verantwortungslose Aussage. Gibt es nicht schon genug Respektlosigkeit in der Welt? Wer braucht noch mehr davon? Besonders zu Weihnachten.

Der Erlös des Albums wird für Weihnachts­essen an Menschen gespendet, denen es ­finanziell schlecht geht. Warum haben Sie als Empfänger der Gewinne des Albums Feeding America, Crisis UK und das ­Welternährungsprogramm ausgewählt?
Dylan: Weil sie Essen direkt an ­Menschen verteilen. Keine militärische Orga­nisa­tion, keine Bürokratie, keine Regierungen, mit denen man sich aus­einander­setzen muss.

Haben Sie ein Lieblingsweihnachtsalbum?
Dylan: Vielleicht „The Louvin Broth­ers“. Ich mag all diese religiösen Weihnachts­alben. Die auf Latein gesungenen. Die Lieder, die ich als Kind gesungen habe.

Viele Menschen mögen eher die weltlichen Songs.

Dylan: Religion ist nicht für alle ge­macht.

Was für Geschenke verschenken Sie gern?
Dylan: Ich versuche, ein passendes Ge­schenk für die jeweilige Person zu finden.

Kaufen Sie in letzter Sekunde ein?
Dylan: Immer.

Verraten Sie uns, was Sie sich von Ihrer Familie wünschen?
Dylan: Nein. Dass es ihnen gut geht – das reicht mir als Geschenk.

Was ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das Sie je bekommen haben?
Dylan: Lassen Sie mich überlegen …Oh ja, ich denke es war ein Schlitten!

Feeding America
Mit dem Verkaufserlös des Albums unterstützt Bob Dylan in diesem Jahr „Crisis UK“, „World Food Programme“, und „Feeding America“, die größte US-­Organisation zur Bekämpfung des Hungers. Sie versorgt mehr als 25 Millionen US-­Bürger mit ­Lebensmitteln, darunter neun Millionen ­Kinder und drei Millionen Senioren.
Mehr Infos ­unter www.feedingamerica.org.

Christmas In The Heart heißt die Weihnachts-CD von Bob Dylan, sie ist schon im Handel erhältlich.

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