Niedersachsen : Straßenmagazin „Asphalt“ feiert 25. Geburtstag

500 geladene Gäste feierten am Donnerstag den 25. Geburtstag von „Asphalt“ - unter ihnen auch die neue Mit-Herausgeberin Margot Käßmann. Foto: Dirk Addicks.

Das Straßenmagazin „Asphalt“ aus Hannover ist seit 1994 die Stimme für Arme und Wohnungslose in Niedersachsen. Bei der großen Feier zum Geburtstag wurde aber nicht nur nostalgisch zurückgeschaut.

Großer Bahnhof in Hannover: Sogar Stephan Weil (SPD) ist ins Hannover Congress Centrum gekommen. Der amtierende Ministerpräsident von Niedersachsen ist einer von 500 geladenen Gästen, die „Asphalt“ zum 25-Jährigen gratulieren. „In dieser Zeit hat das Stadtmagazin vielen Betroffenen ganz konkret geholfen und war gleichzeitig jeden Monat für viele tausend Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre. Herzlichen Glückwunsch und weiter so!“, sagt Weil.

„Asphalt“-Mit-Herausgeber Rainer Müller-Brandes sagt: „Das Magazin ist die sozialpolitisch kritische Stimme“ der Stadt. Und die wird auch ein Vierteljahrhundert nach der Gründung dringend gebraucht: Rund 4500 Wohnungslose gibt es in Hannover, 450 leben auf der Straße. „Asphalt“ mische sich ein, „seriös, aber fordernd“, sagt Redaktionsleiter Volker Macke in einem Gastbeitrag für ndr.de.

Das sei auch nötig in einer Zeit in der die Zahl der Obdachlosen stark steige, Wohnungen fehlen, Unterkünfte marode sein und Crack in der Szene die Runde mache. „‘Asphalt‘ wird gebraucht. Als Antwort. Und als Angebot.“

Zeigen stolz die Sonderausgabe zum 25. Jubiläum: Redaktionsleiter Volker Macke (ganz rechts), Geschäftsführer Georg Rinke, Mit-Herausgeber Rainer Müller-Brandes und Gesellschafter Alfred Bulmahn. Foto: Isabel Reinhold.

Ungewöhnliches passiert hier oft

Macke erlebt als Redaktionsleiter fast täglich Ungewöhnliches, aber das, was im Sommer 2017 passierte, überraschte selbst den alten Hasen, der seit 15 Jahren dabei ist: In der Post steckte ein Brief mit selbst gebasteltem Umschlag, auf dem stand: „Nur durch Herrn Macke zu öffnen“. Darin: 25.500 Euro von einem Spender, der anonym bleiben wollte.

Die aktuelle „Asphalt“-Ausgabe. Foto: SIM:

Und noch eine Sache hat Macke bis heute nicht vergessen: 2008 bekam „Asphalt“-Mitbegründerin Karin Powser einen Preis des internationalen Straßenmagazin-Netzwerks INSP für das „Beste Foto“. „Sie war zu dem Zeitpunkt schwer krebskrank, hatte zuvor viele, viele Jahre auf der Straße gelebt. Als ich zur Dankesrede an Pult sollte, da versagte mir alles: Stimme und Haltung. Aber das war echt. Weil die Wertschätzung für Karin echt war, war das okay“, so Macke.

Die schwierigsten Tage, das sind für den Redaktionsleiter immer die, in denen er sich von Verkäufern verabschieden muss – weil sie viel zu früh sterben. „Meist sind das sehr tragische Lebensgeschichten und sehr triste Beerdigungen. Dabei war häufig so viel Lebensfreude in diesen armen Menschen. Fair geht jedenfalls irgendwie anders“, sagt Macke.

160 Verkäufer bieten „Asphalt“ aktuell an. Nicht nur in Hannover – insgesamt in 14 niedersächsischen Städten gibt es das Straßenmagazin zu kaufen. Die Auflage: 25.000 Hefte. Das Prinzip ist das Gleiche wie bei Hinz&Kunzt: Vom Verkaufspreis von 2,20 Euro können die Verkäufer 50 Prozent behalten.

Experten der eigenen Sache

2007 verkaufte der damalige Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) beim Prominentenverkauf das Magazin. (Foto: Peter Steffen/dpa-Report)

Als „Experten der eigenen Sache“ sind die Verkäufer unverzichtbarer Teil jedes Heftes. In der aktuellen Ausgabe etwa erzählen sechs von ihnen, was ihnen zum Thema Reichtum einfällt. Der 78-jährige Karle, vom Start an bei „Asphalt“, sagt: „Heute sind es die, die weniger haben, die mir Zeitungen abkaufen.“

Printsterben war 1994 noch kein Begriff. Mittlerweile spüren auch die Straßenzeitungen, dass immer mehr Menschen online Nachrichten konsumieren. Eine Herausforderung, auch für „Asphalt“. Auch darüber tauschten sich rund 120 Delegierte von Straßenzeitungen in aller Welt beim INSP-Treffen aus – das aus Anlass des „Asphalt“-Jubiläums bis Donnerstag in Hannover stattfand.

Um die Leser von Straßenmagazinen auch digital zu erreichen, könnten crossmediale Angebote wie zusätzliche Audio- und Videoformaten eine Lösung sein, sagt Macke. Ebenso wie eine verstärkte Zusammenarbeit der Straßenzeitungen untereinander.

„Asphalt“ ist längst viel mehr als eine Straßenzeitung, als Sozialprojekt arbeitet man eng mit verschiedenen Anlauf- und Beratungsstellen für Wohnungslose in Hannover zusammen. Und seit 2005 veranstalten die Hannoveraner, ähnlich wie Hinz&Kunzt, einen alternativen Stadtrundgang, bei dem Interessierte ihre Stadt aus der Sicht von Obdachlosen kennen lernen können: 36.700-mal bislang schon. Dazu und zum 25. Geburtstag gratulieren wir unserem Schwestermagazin ganz herzlich!

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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