Gedenken an verstorbene Obdachlose : Raus aus der Anonymität

Silberne Plaketten erinnern nun an den alltäglichen Tod auf der Straße. Foto: LG

Mit Gedenkplaketten machen zwei Studierende der Bewegungswissenschaften auf das stille Sterben von Obdachlosen in Hamburg aufmerksam.

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Vor der Virchowstraße 30 in Altona hängt am Holzgerüst neben einem jungen Baum eine silberfarbene Aluminiumtafel, 30 mal 20 Zentimeter groß: „Hier starb am 03.01.2021 Robert, 45 Jahre, obdachlos.“

Die Plakette, die an Robert erinnert, haben Anne-Kathrin Gaida, 35, und Thorben Blom, 26, angefertigt, Studierende der Bewegungswissenschaften an der Uni Hamburg. Den zwei jungen Leuten, deren Lebensmittelpunkt eigentlich Sport ist, kam die Idee in einem Wahlpflichtfach, in dem es um die Frage ging, wie Armut nachhaltig bekämpft werden kann. „Wir wollen die toten Obdachlosen aus der Anonymität holen“, erklärt Thorben das Ziel. „Den Leuten muss klargemacht werden: Da sind Menschen gestorben.“

„Den Leuten muss klargemacht werden: Da sind Menschen gestorben.“– Thorben Blom, Student

Zusätzlich zu den Plaketten legten die beiden auf Facebook und Instagram Seiten an und machten auf einer interaktiven Karte sichtbar, wo die Menschen gestorben sind. Eigentlich war der Plan, auch Fotos der Verstorbenen zu nutzen, mehr über ihr Leben zu berichten. „Es war aber relativ schnell klar“, sagt Anne-Kathrin, „dass das nicht so einfach funktionieren wird.“

Zunächst versuchten sie, bei Suppenküchen und Tagesaufenthaltsstätten mehr über die Vita der Obdachlosen zu erfahren. Ohne Erfolg. Sie lasen sich durch Senatsanfragen und Medienberichte, sprachen mit Straßensozialarbeiter* innen. Immerhin konnten sie die Vornamen der meisten Verstorbenen herausfinden. Und so erinnern silberfarbene Plaketten nun an Robert in Altona oder an Jerzy, der an den Landungsbrücken verstarb. Oder an einen Mann, der auf der Reeperbahn starb: Seinen Namen konnten die Studierenden nicht herausfinden.

In den kommenden Wochen wollen sie weitere Alu-Plaketten anbringen, auch wenn das Uniprojekt dann eigentlich schon abgeschlossen ist. Thorben und Anne-Kathrin hoffen, dass sie Menschen damit berühren und etwas in ihnen auslösen. Dass sie Leute motivieren, etwas verändern zu wollen, Leute, die vielleicht mehr Mittel oder Einfluss haben als die beiden Studierenden.

In Hamburg erinnern die kleinen Silberplaketten jetzt jedenfalls an den Tod auf der Straße. Der so alltäglich ist – und so oft unbemerkt bleibt. „Wer weiß, vielleicht entdeckt jemand darauf sogar den Namen eines Menschen, den er zu Lebzeiten kannte“, sagt Anne-Kathrin hoffnungsvoll.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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