Obdachloser auf St. Pauli : Räumung wegen Müll und Kälte

Wenn Polizei oder Bezirk Platten räumen lassen, beauftragen sie die Stadtreinigung, wie hier am Fischmarkt im Sommer 2018. Foto: Simone Deckner

Ein Obdachloser soll seinen Schlafplatz verlassen, weil er vermüllt und nicht genug gegen Kälte geschützt ist. Doch als ein Sozialarbeiter ihm das Winternotprogramm zeigen will, hat die Polizei bereits geräumt. 

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Der Obdachlose hatte sich aus drei Schirmen ein notdürftiges Dach gebaut, unter dem er Schutz vor dem Regen gesucht hatte. Seit dem Sommer lebte er neben einer Parkbucht auf St. Pauli, beschrieb erst kürzlich eine Redakteurin der taz in einer Reportage. „Ich bin nicht obdachlos, das hier ist ein Wohnprojekt“, wird er dort zitiert. Drumherum hat sich über die Monate jede Menge Müll angesammelt. Auch Sonnenschirmständer und andere „unnütze Sachen“ haben dort nach Angaben des Bezirksamts gelagert. Ob der Obdachlose sie dort abgelegt hat oder Dritte, ist unklar.

Jetzt ist jedenfalls alles weg: Der Sonnenschirmständer, der Müll, die Schirme. Am Montagmittag rückte die Stadtreinigung zusammen der Polizei zur Räumung an. Die Polizei hatte ihn nach eigenen Angaben schon am Samstag vergeblich zur Räumung seiner Platte aufgefordert. Auch Anwohner hätten sich über den Obdachlosen beschwert. Aber das war laut Polizei nicht der ausschlaggebende Punkt für den Einsatz.

Polizei: Er war nicht ausreichend gegen Kälte geschützt

Einerseits sei die starke Vermüllung der Grund für die Räumung gewesen, andererseits die aufziehende Kälte, die den Mann in Gefahr bringen würde. Polizisten würden im Einzelfall entscheiden, ob ein Obdachloser sich ausreichend gegen die Kälte schützt, heißt es auf Nachfrage von Hinz&Kunzt aus der Pressestelle der Polizei. In diesem Fall kamen sie zu dem Schluss, dass er das nicht tat.

Mehrfach habe der Obdachlose jedoch Hilfsangebote abgelehnt und mitgeteilt, dass er genauso leben möchte. Ein bürgernaher Beamter hätte ihm einen Flyer mit Informationen zum Winternotprogramm überreicht und ihn auch auf die Möglichkeit hingewiesen, sich von einem Bus dorthin bringen zu lassen.

Auch das Bezirksamt wollte räumen

Das Bezirksamt Mitte hatte ebenfalls eine Räumung angekündigt – allerdings erst für den Mittwoch. Montagvormittag hatte das Amt noch einen Straßensozialarbeiter vorbeigeschickt, der sich um den Obdachlosen kümmern sollte. „Eigentlich wollte ich mich am Dienstag nochmal mit ihm treffen, um ihm das Winternotprogramm zu zeigen“, sagt Caritas-Sozialarbeiter Julien Thiele gegenüber Hinz&Kunzt. Von der geplanten Räumung durch die Polizei habe er nichts gewusst. „Ich habe ihn dann nicht mehr angetroffen.“

Geholfen haben dem Mann stattdessen Anwohner: Nach Informationen von Hinz&Kunzt ist er in einem Kellerraum in der Nachbarschaft untergekommen.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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