Interview mit Patrick Abozen : „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch“

Wenn Schauspieler Patrick Abozen in den Spiegel schaut, dann sieht er die vielen Charaktere, die er darstellen will. Foto: Dmitrij Leltschuk

Früher bekam er zu 80 Prozent Rollen angeboten, in denen er den Ausländer spielen sollte. Am Sonntag sah man Patrick Abozen als schwulen Assistenten im „Tatort“. Als verzweifelter Vater steht er auf der Bühne.

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Das kommt selten vor: dass sich ein Schauspieler entschuldigt, dass er zu viel redet oder „labert“, wie Patrick Abozen selbst sagt. Der 31-Jährige gestikuliert viel und redet sich auch mal in Rage.

In der Rolle, die ihn bekannt gemacht hat, ist er hingegen kühl, sogar etwas unsympathisch: Seit 2014 spielt er den Assistenten Tobias Reisser im Kölner „Tatort“. In Wirklichkeit hängt Abozen an Hamburg. Er ist in Bramfeld aufgewachsen, lebt dort weiterhin mit Freundin und Baby. Zuletzt überzeugte der Sohn einer deutschen Mutter und eines äthiopischen Vaters in den Kammerspielen als schlitzohriger Pfleger Driss in „Ziemlich beste Freunde“. Bevor das Interview im jüdischen Café Leonar beginnt, schnappt sich Abozen den Fragezettel der Reporterin und spickt.

Patrick Abozen: Ah, was sehe ich da? AfD? Finde ich gut! Dazu beantworte ich gerne Fragen.

Hinz&Kunzt: Bestens! Ich möchte gern mit deiner Rolle des Bilo in Sedef Ecers Stück „Am Rand“ anfangen, das im Januar erneut in den Kammerspielen zu sehen ist.

Auch sehr gut, ja, ja.

Du giltst als jemand, der sich intensiv auf Rollen vorbereitet. Wie war das bei Bilo, der nahe einer Müllkippe in einer Wellblechhütte haust und für einen Hungerlohn in einer Fabrik arbeitet?

Anders als sonst. Ich musste viel mehr mit meiner eigenen Vorstellungskraft arbeiten, weil ich im Stück kaum Dialoge habe. Ich spiele ja quasi einen Geist. In Rückblicken bringe ich den Zuschauern seine Lebensgeschichte nahe. „Darwins Albtraum“, eine Dokumentation, die zeigt, wie Menschen auf einer Müllhalde leben und um ihr Überleben kämpfen, hat mir bei der Vorbereitung sehr geholfen.

Noch weiter am Rand steht Kybélée, eine Roma. Niemand will mit „der Hexe“ etwas zu tun haben. Wie viel wusstest du über Roma vor dem Stück?

Wir müssen uns selber hinterfragen– Patrick Abozen

Bei den Proben fiel einmal das Wort „Zigeuner“, und eine Kollegin sagte: „Da sollten wir vorsichtig sein, weil es eben auch eine Beleidigung ist.“ Ich war auch vorher nicht stumpf und wusste, es gibt diese Parallelgesellschaften auch bei uns, aber ich hatte „Zigeuner“ lange nicht als Beleidigung begriffen. Wir müssen uns selber hinterfragen. Selbst bei Menschen, die meinen, sie haben überhaupt keine rassistischen Vorurteile, kommt irgendwann dieses bekannte „aber …“.

„Am Rand“ könnte in Calais, Istanbul oder sonst wo spielen. Man muss ja gar nicht lange suchen, um solche Orte zu finden …

Ich habe das selbst einmal gesehen, als ich mit meinem Vater in Äthiophien war. Wo wir wohnten, stand ein illegales Hüttenviertel. Bis ein Investor kam. Der ließ alle Häuser mit Kreuzen bemalen – so, wie es mit dem Zuhause von Bilo und Dilcha im Stück auch passiert. Die Menschen wussten: In wenigen Tagen wird alles abgerissen.

Sein Vater kam als Seemann nach Hamburg

Dein Vater ist in den 1970er Jahren aus Äthiopien nach Hamburg gekommen. Warum hat er damals seine Heimat verlassen?

Er hat schon als Kind gewusst, dass er einmal gehen wird. Das hat er mir immer erzählt. Irgendetwas hat ihn gerufen. Er ist dann erst mal drei Jahre lang zur See gefahren. In Hamburg wollte er eigentlich gar nicht bleiben. Sein Ziel war Amerika. Aber dann ist er doch länger geblieben und hat meine Mutter kennengelernt (lacht).

Wie hat er in Hamburg Fuß gefasst?

Seine Freunde und er haben anfangs behauptet, sie wären Amerikaner. Sie hatten keinen Bock auf Mitleid. Damals war das Fernsehen voll mit Berichten über die Hungersnot und Armut in Äthiopien. Es war eine Zeit der Umbruchstimmung, der Extreme: Es gab viel mehr Nazis, die sich öffentlich gezeigt haben, als heute, sagt mein Vater. Andererseits hatte er auch das Gefühl, dass die Deutschen gegenüber Ausländern herzlicher waren. Er hat schnell einen Job als Lagerarbeiter bekommen, ist dort bis zur Rente geblieben.

Als Komparse fing Patricks Karriere an

Patrick Abozen mit den Kölner Tatort-Kommissaren Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär. Foto: WDR/Thomas Kost

Und wie kamst du zur Schauspielerei?

Meine Mutter meinte irgendwann, ich könnte doch mal als Komparse jobben. Ich hatte vorher alle möglichen Jobs: Kellner, Lieferfahrer für Crazy Croque, Barmann … Es fiel mir nur extrem schwer, am Ball zu bleiben, wenn mich etwas nicht interessierte. Bei der Schauspielerei war das anders: Am Set habe ich gleich gemerkt, dass es mir etwas bedeutet.

Gewartet hat trotzdem niemand auf dich?

Neee! Aber das war mir vorher bewusst, und deshalb war ich nicht so erschrocken. Mir war klar, dass ich immer mal wieder in ein Loch fallen kann, wenn ich gerade kein Engagement habe. Darum habe ich früh versucht, mich breit aufzustellen: Ich habe Theaterstücke geschrieben, Theater-Workshops mit Jugendlichen gemacht, kleine Synchronjobs und Projekte, für die ich nicht viel Geld bekommen habe. Es gab auch Phasen, wo meine Eltern eingesprungen sind. Ich werde oft gefragt, ob es nach den Erfolgen in jüngerer Zeit eine Explosion an Rollengeboten gibt. Überhaupt nicht! Ich habe eher das Gefühl, dass ich früher mehr gearbeitet habe.

Wirst du häufig als „der Typ mit Migrationshintergrund“ besetzt?

Warum bin ich denn Schauspieler geworden, wenn ich immer nur den gleichen Typ darstellen soll?– Patrick Abozen

Sehr lange hatte ich das Gefühl. Heute gibt es viele Gegenbeispiele, wo ich „mutig“ besetzt werde, obwohl das eigentlich ganz normal sein sollte. Das sind Rollen, die nicht als „Ausländer“ oder „Mann mit Migrationshintergrund“ gekennzeichnet sind, sondern einfach mit einem Namen. Viele Regisseure aber denken immer noch, man müsste das dem Zuschauer erklären: „Das ist Tom. Tom kommt aus der Türkei. Tom arbeitet seit drei Wochen hier im Café, um sich zu integrieren.“ Absurd. Zu 80 Prozent aber ist es so. Aber warum bin ich denn Schauspieler geworden, wenn ich immer nur den gleichen Typ darstellen soll? Du wirst Schauspieler, weil dich Menschen interessieren, weil dich Geschichten zu den Menschen interessieren. Aber du bekommst gar nicht so oft die Möglichkeit, zu zeigen, wie vielfältig du bist, weil in der deutschen Fernsehbranche noch viel in Schubladen gesteckt wird.

Tatort am 15.1. um 20.15 Uhr, ARD.
„Am Rand“, Drama, Wiederaufnahme vom 10.1.–22.1., 20 Uhr, Kammerspiele, Hartungstraße 9-11, Karten ab 18/10 Euro und bis 7.1. in „Bunbury oder Ernst sein ist alles“, Komödie nach Oscar Wilde, 20 Uhr, Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten ab 22/12,50 Euro.

In den sozialen Netzwerken hattest du nach deinem ersten Tatort den Spitznamen „Will Smith vom Rhein“. Ein Kompliment?

Ich kann mir schlimmere Dinge vorstellen (lacht).

Kann es sein, dass du besonders oft Rollen angeboten bekommst, in denen du deinen trainierten Oberkörper zeigen kannst?

Was? Nein! Es gab erst eine Serie, in der ich mit nacktem Oberkörper rumgelaufen bin, beim „Großstadtrevier“. Sonst höchstens mal im Theater. Ich bin auch gar nicht so durchtrainiert. Bei mir ist es ganz schlimm mit dem Jo-Jo-Effekt.

Rechte Panikmache

Jetzt kommt endlich die Frage zu den Rechtspopulisten, der AfD, den besorgten Bürgern. Du hast der MOPO kürzlich gesagt: „In letzter Zeit werde ich stärker beäugt.“ Sind es nur Blicke oder auch mehr?

Das nicht, aber die skeptischen Blicke mehren sich. Fakt ist, dass diese Zeit ­geprägt ist von Panikmache. Diese Menschen, die sich davon aufgeheizt Sorgen machen, wollen aber ja gar nicht diskutieren. Wenn du einen ihrer Punkte widerlegst, kommen sie sofort mit dem nächsten, daran erkennst du, dass sie gar keine Lösung haben wollen. Denen kannst du nicht helfen. Die kannst du auch nicht belehren.

Solche Leute gehen auch nicht ins Theater und schauen sich „Am Rand“ an.

Rechte Parolen sind rassistisch, Punkt aus.– Patrick Abozen

Unser Regisseur Hansgünther Heyme wurde einmal von einem Zuschauer gefragt, ob er glaube, dass er etwas mit dem Stück verändern könne. Er antwortete: „Nein. Ich mache das seit 60 Jahren, aber die Menschen, die ich ansprechen will, kommen nicht. Ich versuche es trotzdem.“ Klar ist: Diese rechten Parolen haben nichts mit freier Meinungsäußerung im demokratischen Sinne zu tun. Das ist rassistisch, Punkt aus. Es geht darum, dass manche Leute andere Menschen aufgrund ihrer Rasse hier nicht haben wollen. Oder schau dir Amerika an: Mit Trump ist Rassismus salonfähig geworden. Wenn das ein Hollywoodfilm wäre, würde ich sagen: „Das Drehbuch ist zu unrealistisch.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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