„Tatort"-Kommissarin spielt Theater in Hamburg : Paraderolle für Ulrike Folkerts

Ulrike Folkerts jagt als coole „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal Schwerverbrecher. Privat lässt sie sich von Kindern das Herz stehlen. Noch bis Ende März steht sie in Hamburg in Lily Bretts Stück „Chuzpe“ in den Kammerspielen auf der Bühne.

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Ulrike Folkerts als Ruthie an der Seite ihres Schauspielkollegen Joachim Bliese. Foto: Kammerspiele.

Hundekondolenzschreiben. Und Klopsiki, deliziöse Fleischklopse aus Polen. Das treibt Ulrike Folkerts dieser Tage um. Keine angespülten Wasserleichen, kein Gärtner, der vielleicht der Mörder war, auch kein Kopper. An der Seite ihres Kollegen kennt man die Schauspielerin am besten. Seit über 25 Jahren verkörpert sie die toughe Kommissarin Lena Odenthal im Ludwigshafener „Tatort“ – und hat damit sogar „Derrick“-Darsteller Horst Tappert an Dienstjahren überholt. Erst im vergangenen Dezember wurde sie von den Zuschauern zur „coolsten Kommissarin“ im deutschen Fernsehen gewählt.

Aber jetzt: Theater. Noch bis Ende März ist sie in den Hamburger Kammerspielen in Lily Bretts Stück „Chuzpe“ zu sehen. Folkerts spielt die Ruthie, eine neurotische Unternehmerin, die gutes Geld mit Grußpostkarten macht. Sie schreibt für Menschen, die es sich leisten können, andere für sie schreiben zu lassen. Der Anlässe gibt es viele: Geburtstage, Hochzeiten, Scheidungen – oder eben das Dahinscheiden des Dobermanns. Ruthies perfekt organisiertes Leben gerät jedoch gehörig ins Trudeln, als ihr lebensfroher 87-jähriger jüdischer Vater Edek (großartig gespielt von Joachim Bliese) zu ihr nach New York zieht. Im Schlepptau: eine viel jüngere, polnische Geliebte und jede Menge fixer Ideen. Etwa die, ausgerechnet in einem heruntergekommenen Viertel in New York ein kleines Restaurant mit polnischen Spezialitäten aufzumachen.

Folkerts zeigt Bein im eleganten Business-Kostüm, trägt High Heels, ihre Haare sind hochgesteckt. „Mir war ganz wichtig, dass ich nicht so aussehe wie Lena Odenthal“, sagt sie. So kann sie die Leute überraschen, die ein bestimmtes Bild von ihr im Kopf haben. Lachend erzählt sie die Geschichte von einer früheren Theateraufführung, lange her. Sie kam mit Rokokoperücke und -kostüm auf die Bühne. Plötzlich schrillte eine Frauenstimme aus dem Saal: „Das ist die Tatort-Kommissarin!“ Folkerts: „Da habe ich gedacht, ich geh gleich wieder ab.“ So etwas passiere zum Glück heute nicht mehr.

„Eine interessante Frau“ – Ulrike Folkerts über ihre Theaterrolle
Als sie die Theaterfassung von „Chuzpe“ zum ersten Mal las, ist ihr die Ruthie „ganz schön auf den Keks gegangen“, sagt Folkerts. Weil sie so eine Bedenkenträgerin sei. Habe vor allem Angst, sei häufig am Nörgeln. „Irgendwann habe ich aber kapiert: Das ist eine sehr interessante Frau, die Dinge ausspricht, die wir alle kennen.“ Verdächtigungen aus Eifersucht etwa. Ruthie sorgt sich viel um ihre Lieben. Besonders um den Vater, der sich Hals über Kopf in alle möglichen Abenteuer stürzt – übermütig, ohne Angst zu scheitern.

Scheitern, ein gutes Stichwort. Am Tag vor unserem Interview saß Ulrike Folkerts im Fernsehstudio bei Markus Lanz. Sie sah dabei ziemlich lässig aus. Und erzählte, wie sie vier Mal durch die Schauspielprüfung gerasselt war, bevor es im fünften Anlauf schließlich klappte. Lanz bohrte nach, hätte gern etwas über Versagensängste herausgekitzelt. Folkerts entgegnete mit leicht skeptischem Blick: „Scheitern gehört für mich zum Leben.“

Ulrik Folkerts war zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Foto: Screenshot.
Ulrik Folkerts war zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Foto: Screenshot.

Man müsste schon Kindern klarmachen, dass „Fehlermachen das Tollste überhaupt ist“, sagt sie auch jetzt. Sie ermutigen, sich auszuprobieren, Blödsinn machen, kreativ sein. Also das genaue Gegenteil von perfekt. „Das man immer alles sofort können muss, dass überall dieser massive Leistungsdruck herrscht – furchtbar.“ Kinder bräuchten jemanden, der ihnen sagt: „Du bist gut so, wie du bist. Du bist toll!“

Bei Ulrike Folkerts war dieser Jemand ihre ehemalige Deutschlehrerin. Sie weckte bei der Schülerin, die im hessischen Kassel aufwuchs, erst das Interesse für Theater. „Ich hatte vorher keinerlei Impuls, Theater zu spielen. Ich war im Schwimmverein und am Wochenende auf Wettkämpfen.“ Die Deutschlehrerin wurde ihre Mentorin, ihre Fürsprecherin für das Leben außerhalb der Familie.

„Scheitern gehört für mich zum Leben“ – Ulrike Folkerts
Folkerts will davon etwas zurückgeben. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Malerin Katharina Schnitzler, hat sie vor neun Jahren einen Verein gegründet. In Berlin, ihrer Wahlheimat, in der sie leben wollte, seit sie 14 Jahre alt ist und es seit 1998 tut. „Kulturvoll“ kümmert sie sich um Kinder, denen nicht häufig jemand sagt: „Du bist toll.“ Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Jedes Jahr schickt der Verein 20 von ihnen (zwischen acht und zwölf Jahren) für zwei Wochen auf „Kreativ-Ferien“ − finanziert per Stipendium. „Das sind nicht einfach geschenkte Ferien, wo man Fußball oder Federball spielt, die sind draußen auf dem Land und machen sich Gedanken zu einem Thema.“ Zum Beispiel, wie die ideale Welt aussehen könnte, in der sie leben wollen.

Der Verein arbeitet mit verschiedenen sozialen Institutionen in Berlin zusammen, etwa dem SOS Kinderdorf Moabit oder einer Grundschule im Wedding. „Die kennen die Kinder am besten“, so Folkerts. Vor Ort betreuen Sozialpädagogen die Kinder rund um die Uhr, auch Künstler sind dabei. Sie organisieren Workshops, üben Akrobatik und Stücke, die sie am Ende auf einer wild-romantischen Waldbühne aufführen. „Manche der Kinder waren vorher noch nie in den Ferien“, sagt Folkerts. Neu ist für die meisten auch die Erfahrung, wie viel Spaß es machen kann, Dinge gemeinsam zu tun: zusammen zu essen, zu reden, einander zuzuhören, Probleme anzusprechen. „Und nicht gleich draufzuhauen.“

Für ihr soziales Engagement wurde Ulrike Folkerts 2007 das BUNDESVERDIENSTKREUZ verliehen. „Es gibt nur leider so wenige Gelegenheiten, wo ich es mal ausführen kann“, sagt die Schauspielerin augenzwinkernd. Foto: Dmitrij Leltschuk.
Für ihr soziales Engagement wurde Ulrike Folkerts 2007 das BUNDESVERDIENSTKREUZ verliehen. „Es gibt nur leider so wenige Gelegenheiten, wo ich es mal ausführen kann“, sagt die Schauspielerin augenzwinkernd. Foto: Dmitrij Leltschuk.

 Ulrike Folkerts und ihre Lebensgefährtin fahren jeden zweiten Tag raus und besuchen die Kinder. Immer wieder werden sie dabei überrascht: „Manche Kinder sind noch nie gewandert. Die kommen dann mit den zu kleinen Schuhen ihres Bruders.“ Der Verein kümmert sich auch darum. Mit den neuen Schuhen sei einer dann direkt „in dem Riesenscheißhaufen der Bio-Galloway-Rinder rumgesprungen“, sagt Folkerts und lacht.

Ein Mal zerstach eines der Mädchen einem Pädagogen die Reifen seines Rades. Aber: Sie stellte sich. Gemeinsam mit dem Pädagogen flickte sie den kaputten Reifen. Solche Momente machen Folkerts glücklich. Natürlich sei es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, sagt sie. Zwei Wochen im Leben nur. Es gehe aber darum, einen Impuls zu geben: „Ihr seid was wert, ihr seid cool, so wie ihr seid.“

Die 15 Vereinsmitglieder treffen sich das Jahr über, planen die neuen Ferien, schauen auch zurück. Es kommen Briefe, wie der des Mädchens, das vor drei Jahren an den Ferien teilgenommen hat und nun eine Lehrstelle sucht. Folkerts: „Da wühlt man dann halt in seinem Bekanntenkreis.“ Fest zum Ritual der Treffen gehört ein gemeinsames Essen an einer langen Tafel. „Erst danach quatschen wir und machen Vereinsarbeit, zack, zack, zack.“ Der Verein finanziert sich allein über Spenden.

„Ich muss immer wissen, worüber ich rede“ – Ulrike Folkerts über ihr soziales Engagement

Es ist nicht das einzige soziale Engagement der Schauspielerin. Sie hat sich in der Vergangenheit schon für Straßenkinder in Burundi stark gemacht. Eine befreundete Fotografin organisierte den Bau einer Schule für Kriegswaisen und Straßenkinder. Ulrike Folkerts warb dafür. „Mittlerweile werden dort 1000 Kinder unterrichtet, großartig!“, sagt sie. Aber erst neulich hat sie eine Reportage über Straßenkinder in Deutschland gesehen. „Erschütternd“ sei das gewesen, sagt sie und „viel zu wenig bekannt“.

Sie hat sich gegen Landminen engagiert und für die Aktion „Deine Stimme gegen Armut“. Auch jetzt in Hamburg ist ihr viel Armut begegnet, sagt Ulrike Folkerts – wenn auch nicht ganz so „krass“ wie in Berlin. Hier ist sie auch mehr zu Fuß unterwegs. Sieht die Obdachlosen. Besonders eine ist ihr aufgefallen, die immer am selben Platz ist. „Die hat gute Augen. Die ist mir sympathisch. Der gebe ich immer etwas.“

Zuletzt hat sie Terre des Femmes und deren neue Kampagne („Schaust Du hin?“) zum Thema „Gemeinsam gegen Gewalt an Mädchen und Frauen“ unterstützt. „Aber ich mache immer nur eins nach dem anderen“, sagt sie. Anfragen gibt es noch und nöcher. Es muss aber passen, sagt Folkerts: „Ich möchte kein Foto von mir sehen, wo ich ein kleines schwarzes Baby auf dem Arm habe“, sagt sie nachdenklich. Sie mache nur das, wo sie sich auskenne: „Ich muss immer wissen, worüber ich rede.“ Und wenn es Hundekondolenzschreiben und Klopsiki sind.

Chuzpe: Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9−11, Termine: 24.−29.3. und 31.3., 19 bzw. 20 Uhr, alle Termine sind bereits ausverkauft. 

 

 

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