Hinz&Künztler Lukas : Obdach-, aber nicht hoffnungslos

Bescheiden, freundlich, kollegial – und das in sechs Sprachen: Lukas ist viel herumgekommen. Foto: Mauricio Bustamante

Lukas (31) verkauft Hinz&Kunzt vor REWE City in der Altonaer Straße. Der Grafikdesigner verlor vor fünf Jahren seine Wohnung. Aber die Hoffnung gibt er nicht auf.

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Es war nicht so gedacht, dass Bedürftige in unserer KunztKüche für das Essen zahlen. Küchenchef Lutz Bornhöft war also baff, als ein 10-Euro-Schein auf dem Tisch lag, an dem eben noch der Typ mit Sidecut im abgewetzten Punk-Shirt gesessen und gegessen hatte – sein Hinz&Kunzt-Verkäufer aus der Nachbarschaft.

Am nächsten Tag klärte den Obdachlosen eine Hinz&Kunzt-Mitarbeiterin auf: „Lukas, du musst doch nicht so viel zahlen.“ Doch, alles habe seine Richtigkeit, entgegnete der 31-Jährige. Er habe vor, weitere Tage dort essen ­zu gehen. Aber nicht umsonst. Lukas ­suchte nach den richtigen Worten. „Wie nennt ihr das hier? Kollegial?“

Auch an den kommenden Tagen war er zu Gast in der KunztKüche. Leckeres Essen. Dazu noch die Gelegenheit, andere Verkäufer zu treffen, die in der Küche mitarbeiteten. Das habe ihm sehr gut gefallen, erklärt er schüchtern in leicht gebrochenem Deutsch.

„Die Sprache habe ich auf der Straße gelernt“, sagt Lukas, der in Swansea in Wales geboren wurde. Halb Brite, halb Slowake ist der junge Mann. Neben Englisch, Slowakisch, Tschechisch und Polnisch beherrscht er auch noch Kroatisch.

Seine Eltern trennten sich früh. Sein Vater lebte in Großbritannien, die Mutter ging zurück in die Slowakei. Lukas wuchs zwischen beiden Ländern auf. Die Schule schloss er in Großbritannien ab. Anschließend arbeitete er als Grafikdesigner.

„Ich habe viel Scheiß gemacht.“– Lukas

Wieso landet so jemand fünf Jahre später bei Hinz&Kunzt in Hamburg? Lukas lächelt verlegen. „Ich bin Trinker“, räumt er freimütig ein und erzählt, wie er mit Alkohol und Aufputschmitteln in Kontakt kam. In seiner Branche war das sehr verbreitet. Lukas trank regelmäßig. Hinzu kamen Amphetamine, dann Crystal Meth. „Ich habe viel Scheiß gemacht“, sagt er rückblickend.

Lukas verlor seinen Job, seine Wohnung. Mit 26 Jahren schlief er zum ersten Mal auf der Straße. Nirgendwo blieb er lange. Reiste von Prag durch Deutschland bis nach Frankreich und wieder zurück.

Vor zwei Jahren wurde er „sesshaft“ auf Hamburgs Straßen. „Die Stadt hat Charme“, sagt Lukas. „Ich bin fertig mit dem Wechsel von einer Stadt zur anderen.“ Damals erhielt er die Diagnose, die sein Leben veränderte: HIV-positiv. Es war ein Schlag, von dem sich Lukas auch seelisch bis heute nicht erholt hat. Aber er hat sein Leben wieder fester im Griff. Alkohol und Drogen hat er abgeschworen. Bei der Krankenkasse ist er wieder angemeldet. Im Winter hatte er erstmals wieder ein eigenes Zimmer: im Winternotprogramm von Hinz&Kunzt.

Derzeit kommt er bei Freunden unter. Die Wohnungssuche geht weiter. Der nächste Schritt? „Ich spare gerade – für einen Sprachkurs und den dazugehörigen Test für das Zertifikat“, sagt Lukas. Sein Lebensmotto? „You can be homeless, but not hopeless.“

Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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