Winternotprogramm  : Musikclub wird Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose

Bis zu 200 Obdachlose sollen in der Markthalle am Klosterwall im kommenden Winter tagsüber ein Dach über dem Kopf finden. Foto: LG

Am 1. November startet das diesjährige Winternotprogramm. Die Sozialbehörde hat angekündigt, eine dritte Großunterkunft zu eröffnen. Die Markthalle am Hauptbahnhof wird zur Tagesaufenthaltsstätte.

Wie sieht das Winternotprogramm für Obdachlose in Coronazeiten aus? Die Sozialbehörde hat heute bekanntgegeben, wie sie obdachlose Menschen nicht nur vor der Kälte, sondern auch vor einer Ansteckung schützen will. Schließlich steigt das Infektionsrisiko in großen Unterkünften, sind Tagesaufenthaltsstätten nur eingeschränkt geöffnet.

Um der Situation gerecht zu werden, wird es in den kommenden Wintermonaten eine neue Tagesaufenthaltsstätte geben. In der Markthalle am Hauptbahnhof können sich dann tagsüber bis zu 200 Obdachlose aufhalten, wie die Sozialbehörde heute mitteilte. „Gerade wird hier noch so einiges umgebaut, damit es dann Anfang November losgehen kann“, sagt Markthallen-Geschäftsführer Mike Keller im Gespräch mit Hinz&Kunzt: „Damit kümmern wir uns um ein Problem, dass es ohnehin gibt in der Stadt. Das Problem ist damit nicht gelöst aber wir können zumindest unseren Beitrag leisten.“ Und auch Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) freut sich über die Zusammenarbeit: „Ein Kultur-Ort, der in dieser schwierigen Zeit für ein soziales Angebot genutzt werden kann: Das ist eine richtig gute Sache!“ Betrieben wird die Unterkunft vom städtischen Träger fördern und wohnen.

„Das Problem ist damit nicht gelöst aber wir können zumindest unseren Beitrag leisten.“– Mike Keller, Markthallen-Geschäftsführer

Jeweils von 9:30 Uhr bis 16:30 Uhr wird die neue Tagesaufenthaltsstätte laut Sozialbehörde geöffnet sein und auch ein warmes Mittagessen bieten. Die gleichen Öffnungszeiten und ebenfalls eine warme Mahlzeit bietet demnach außerdem die schon bestehende Tagesaufenthaltsstätte in der Hinrichsenstraße an.

Die Sozialbehörde hatte schon seit Monaten nach einem Ort für eine zusätzliche Aufenthaltsstätte gesucht, weil die bestehenden Einrichtungen angesichts der einzuhaltenden Abstandsregeln überlastet sind. Das Diakonie-Zentrum für Wohnungslose in der Bundesstraße etwa kann deshalb nur noch 78 Gäste statt sonst rund 150 mit Mittagessen versorgen. „Es deckt den Bedarf überhaupt nicht ab“, sagt die Leiterin Melanie Mücher. Wie Hinz&Kunzt in der Oktober-Ausgabe berichtet, waren unter anderem eine Unimensa und die Messehallen als alternative Standorte im Gespräch gewesen.

Weitere Übernachtungsplätze geplant

Neben den Tagesaufenthaltsstätten ist laut Sozialbehörde auch ein neuer Übernachtungsstandort in Planung. Durch die 250 Plätze, die so neu geschaffen werden, will die Behörde „eine lockere Belegung ermöglichen und zugleich erweiterten Nutzergruppen angemessene Kapazitäten bieten“. Eine lockere Belegung: in den vergangenen Monaten hieß das zwei bis drei Menschen auf einem Zimmer. Die beiden Großunterkünfte in der Friesen- und Kollaustraße sollen weiterhin mit 400 beziehungsweise 250 Plätzen zur Verfügung stehen. Zusätzlich gebe es 100 Reserveplätze.

Insgesamt stünden so bis zu 1020 Betten im Winternotprogramm zur Verfügung. Wie schon in den Vorjahren müssen die Obdachlosen die Unterkünfte zwischen 9:30 Uhr und 17 Uhr verlassen. In den ersten Monaten der Coronapandemie waren diese Öffnungszeiten noch verlängert worden. 

„Bestmöglich geschützt werden können die Menschen unserer Meinung nach nur in Einzelzimmern.“– Stephan Karrenbauer, Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter

Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer begrüßt die erweiterten Angebote grundsätzlich, schränkt aber ein: „Bestmöglich geschützt werden können die Menschen unserer Meinung nach nur in Einzelzimmern.“

Solche Einzelzimmer stehen weiterhin lediglich auf dem Gelände von Kirchengemeinden und Hochschulen in Containern zur Verfügung. Die Bewohner*innen der 120 städtisch finanzierten aber ehrenamtlich betrieben Containerplätze, die dort seit dem vergangenen Winter wohnen, dürfen ihre Plätze behalten. Freiwerdende Plätze werden von den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe an Menschen „mit besonderen Betreuungsbedarfen“ vergeben.

Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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