Hinz&Künztlerin Ewa : Neustart im Norden

Neustart: In Hamburg fand Ewa die Liebe und eine Perspektive fürs Leben. Foto: Mauricio Bustamante.

Ewa (51) verkauft Hinz&Kunzt vor Douglas in der Mönckebergstraße. Nachdem sie ihren gewalttätigen Mann verlassen hatte, kam sie 2011 nach Hamburg. Hier fand sie neuen Lebensmut – und Stefan.

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Kein anderer Hinz&Künztler arbeitete im April so viel in der Kunztküche wie unsere Verkäuferin Ewa. Im Fokus der Aufmerksamkeit stand die 51-Jährige trotzdem nie. Immer im Hintergrund, aber souverän erledigte sie ihre Arbeit: spülen, schnippeln, servieren und darauf achten, dass Ordnung und Sauberkeit in der Küche herrschte.

Hauskoch Aron Farkas war begeistert. „Wenn ich ehrlich bin: Ewa war meine Nummer 1. Auf sie konnte ich mich blind verlassen“, sagt der 21-Jährige. „Ich musste gar nicht kontrollieren, ob irgendetwas schiefläuft.“ Die Hinz&Künztlerin sei eine große Hilfe gewesen. „Wir mussten gar nicht viel reden, sie hat auch so erkannt, was als Nächstes zu tun ist.“

Dass es auch ohne viele Worte ging, war auch gut so. Denn Ewa spricht kaum Deutsch. Sie besucht zwar aktuell einen Sprachkurs. Aber es geht nur langsam voran.

Vor neun Jahren kam die gebürtige Polin nach Hamburg. Warum sie damals ihre Heimat verließ, darüber redet sie kaum. Sie erwähnt lediglich, dass sie aus der Nähe von Warschau stammt und dass ihr Mann Alkoholiker und gewalttätig war. Erst als ihre Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, wagte sie, ihn zu verlassen, und ging nach Deutschland – eine Art Flucht.

Sie hat Platte vor Geschäftseingängen gemacht

Sie endete in der Obdachlosigkeit. Im Februar 2011, mitten im Winter, erreichte sie Hamburg. Ewa hatte kein Geld, keine Arbeit und vor allem keine Wohnung. Deswegen suchte sie erst mal Schutz im Winternotprogramm. Dort begegnete ihr Stefan. Er habe gleich ein Auge auf Ewa geworfen, verrät der 46-jährige Rumäne und läuft dabei leicht rot an.

Auch Ewa kichert. Ja, Stefan habe ihr gefallen, bestätigt sie. So gut, dass nicht einmal die sprachliche Barriere zwischen dem Rumänen und der Polin ein Hindernis war. Tatsächlich spricht Stefan inzwischen fließend Polnisch und Ewa wiederum beherrscht Rumänisch besser als Deutsch.

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Die Anfangszeit war allerdings schwer. Sie schliefen vor Geschäftseingängen und später in einem Zelt – gut versteckt in einem Park. Als gelernter Elektriker fand Stefan zwar immer wieder Arbeit. Allerdings nur schwarz und nur allzu oft enthielt man ihm den Lohn vor. Andere hätten vielleicht resigniert.

Seit 2017 bei Hinz&Kunzt

Aber Ewa und Stefan haben weiter ihr Glück gesucht. Und tatsächlich: Vor zwei Jahren erhielt Stefan eine Festanstellung. Er fand eine Wohnung und Ewa jobbte – wie schon in ihrer Heimat – als Reinigungskraft in der Obdachloseneinrichtung Herz As. Ganz begeistert spricht sie von den tollen Kollegen und Sozialarbeitern, die immer ein offenes Ohr für sie hatten.

Im Herbst 2017 fing Ewa schließlich an, Hinz&Kunzt zu verkaufen. Eine Dauerlösung soll das nicht werden, erzählt Stefan, der für Ewa als Übersetzer fungiert. Ewa will eine richtige Arbeit. Gerne als Küchenhelferin oder auch als Reinigungskraft. Die Arbeit in der KunztKüche habe ihr Spaß gemacht, sagt sie. Etwas Ähnliches würde sie gerne weiterhin machen.

Für ihr Engagement und ihren Willen, ihre Situation selbst zu verbessern, bekommt Ewa diesen Monat sogar eine Auszeichnung: Im Mai erhielt sie von Stadtteilkünstler und Hinz&Künztler Erich Heeder den Staffelstab der Kampagne „Mit dir geht mehr“. Damit zeichnet die Sozialbehörde Menschen aus, die sich freiwillig in Hamburg engagieren. Diesen Monat darf die Staffelträgerin entscheiden, an wen sie den Stab weitergibt. Wir sind gespannt, auf wen ihre Wahl fällt.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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