Meeresspiegelanstieg : Wenn die Nordsee Teile Hamburgs verschluckt

Die Nordseeküste, wenn die Temperatur um 3 Grad und der Meeresspiegel wie vorhergesagt um 6 Meter steigen – und man die Deiche nicht erhöhen würde. Illustration: Stefan Bachmann

Der Meeresspiegel steigt unausweichlich. Wir werden in Hamburg künftig anders mit dem Wasser leben müssen. Die Frage ist bloß: Wie?

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Die Nordseewellen branden an die Steilküste über dem ehemaligen Fischmarkt, Gischt spritzt bei Südwind bis hoch zum Altonaer Balkon. Von hier aus kann man das gegenüberliegende Ufer der Elbemündung auch bei gutem Wetter nur erahnen – bis rüber zu den Harburger Bergen erstreckt sich das raue Wasser. Das Alte Land, Finkenwerder, Wilhelmsburg, die Veddel, die Vier- und Marschlande, der Hamburger Hafen – längst von den Fluten, die der Klimawandel mit sich brachte, fast komplett verschluckt.

Klingt wie aus einem Science-Fiction-Roman? Ist aber ein Szenario, dass ein Forschungsteam der Universität Princeton (USA) im vergangenen Jahr aufgestellt hat, für den Fall, dass sich die durchschnittliche Temperatur wie vorhergesagt weiter erhöht, das Polareis schmilzt und die Meeresspiegel ent­sprechend ansteigen. Allerdings: Küstenschutzmaßnahmen sind auf den eindrucksvollen Karten vom „Climate Central“ nicht berücksichtigt. Aber ­werden die Deiche halten?

Vor 10.000 Jahren konnte man noch zu Fuß von Hamburg nach London laufen. Doch nach den Eiszeiten stieg der Meeresspiegel immer weiter an – um insgesamt 120 Meter. Mit ­ersten Deichen wehrten sich die Menschen in Nordfriesland seit dem Mittelalter gegen das steigende Wasser.

Forscher:innen: „Nie dagewesene Küstenschutzmaßnahmen“ erforderlich

Je ­höher die Deiche wurden und je mehr man sich hinter ihnen in Sicherheit fühlte, desto verheerender waren die Katastrophen, wenn sie brachen: Sturmfluten wie die „Grote Mandränke“ 1362 überfluteten riesige Gebiete zwischen den heutigen nordfriesischen Inseln und kosteten Tausende Menschenleben. Der heutige Küstenverlauf ist im Wesentlichen das Ergebnis von Naturkatastrophen und dem Versuch der Menschen, sich dagegen zu wehren.

Die Forscher:innen aus Princeton schreiben, dass der weiter steigende Meeresspiegel nie dagewesene Küstenschutzmaßnahmen erfordern wird und Menschen weltweit Großstädte in Meeresnähe verlassen werden müssen. Für die Nordsee prognostizieren sie lang­fristig einen Anstieg um knapp 3 Meter, sollte die Temperatur um 1,5 Grad im Vergleich zum Jahr 1850 ansteigen. Bei 3 Grad könnte es sogar auf fast 6 Meter hinauslaufen. Das ist das Szenario, auf dem die Illustrationen zu diesem Text beruhen – denn dass die Erderwärmung wirklich auf 1,5 Grad begrenzt werden kann, gilt als ausgesprochen unwahrscheinlich. Laut einer aktuellen Prognose der UN-Weltwetterorganisation könnte die Marke sogar schon 2026 gerissen werden. Und selbst wenn es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gelänge, die Temperaturen wieder etwas zu senken: Der Meeresspiegel würde trotzdem weiter steigen, und zwar für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende, warnen Forscher:innen des Weltklimarates IPCC in ihrem aktuellen Bericht.

„Man kann jeden Deich erhöhen, wenn man den Platz hat.“– Frank Nohme

Bislang sieht man sich in Hamburg auf der sicheren Seite – nämlich hinter dem Deich. Seit der schweren Sturmflut von 1962 hat die Stadt ihre Schutzwälle mehrfach erhöht. Bis 2050 will man bei 8,10 Meter sein – und auch für das Jahr 2100 werden schon Pläne vorbereitet. Derzeit geht man davon aus, dass der Meeresspiegel bis dahin zunächst um 1 Meter ansteigt. Und danach? Frank Nohme, Deichexperte aus dem Hochwasserschutzmanagement in der Umweltbehörde, hält die Prognose vom Climate Central durchaus für realistisch. „Uns beschäftigt das sehr stark, der Meeresspiegel steigt an, das ist nicht mehr zu verhindern“, sagt er.

Trotzdem ist Nohme ein Experte, der zuversichtlich in die Zukunft blickt. Technisch, sagt er, könne man sich ­problemlos gegen den Wasseranstieg zur Wehr setzen. Selbst ein drohender Anstieg um 7,60 Meter, wie im Worst-Case-Szenario der Studie beschrieben, beunruhigt ihn nicht: „Man kann jeden Deich erhöhen, wenn man den Platz hat“, sagt er. Irgendwann könnte es allerdings eng werden: Ein höherer Deich muss meist auch um ein Vielfaches breiter werden. So müsste ein 10 Meter hoher Deich etwa 60 Meter breit sein. Schon heute gibt es Konflikte mit den Menschen, die in Deichnähe Grund­stücke und Häuser besitzen. Und natürlich würden immer höhere Deiche auch immer teurer werden.

So dramatisch die Prognosen für die Nordseeküste auch sind: Weltweit drohen noch viel schlimmere Katastrophen. Auf der Liste der 20 Länder, die am stärksten betroffen sein werden, taucht Deutschland gar nicht auf. Insbesondere in Asien
liegen viele Großstädte unterhalb des künftigen Meeresspiegels. Steigt die Temperatur um 3 Grad, werden der Prognose zufolge in Vietnam 61 Prozent der Bevölkerung von Überflutungen betroffen sein. In Bangladesch trifft es 59 Prozent, in Thailand 34 Prozent. In Europa werden die Menschen in Großbritannien (11 Prozent), Spanien (8,3 Prozent) und Italien (7,4 Prozent) am meisten unter dem Meeresspiegelanstieg leiden.

Die Frage wird also sein, welchen Preis die Gesellschaft bereit ist, für den Küstenschutz zu bezahlen. Dass sie sich irgendwann gegen immer höhere ­Deiche entscheiden wird, glaubt der Sylter Küstenforscher Karsten Reise. „Wer will schon hinter so einer riesigen Mauer wohnen?“, fragt er. Insbesondere an der heutigen Nordseeküste wären die Kosten irgendwann zudem extrem hoch. Reise ist schon 2015 für ein Buchprojekt mithilfe von Dutzenden Fachleuten der Frage nachgegangen, wie der Meeresspiegelanstieg sich auf die Nordseeküste auswirken wird. Ihr Fazit: Ein Paradigmenwechsel muss her, weg von der Hochwasserabwehr hin zum Leben mit dem Wasser.

Im Gespräch mit Hinz&Kunzt zeichnet Reise das romantische Bild einer Nordseelandschaft, in der Wasserbüffel ­neben Lotusfeldern zwischen Häusern auf Pfählen grasen. Überflutungen wären keine Katastrophe mehr, sondern Teil des Lebensstils. „Es kann auch ­attraktiv sein, mit dem Wasser zu leben“, sagt er und verweist auf Amsterdam und Venedig. Das gelte auch für Hamburg: Gelegentliche Überflutungen sollten in den tiefergelegenen Gebieten der Hansestadt mit einkalkuliert werden, sagt Reise. „Irgendwo muss das Wasser ja auch hin!“

„Es kann auch ­attraktiv sein, mit dem Wasser zu leben.“– Karsten Reise

Hamburg hat bereits vorgemacht, wie das gehen kann: In der Hafencity wurden Häuser auf Warften gebaut, viele Erdgeschosse sind unbewohnt und mit Flutschutztoren gesichert. Wichtige Wegeverbindungen am Sandtorkai liegen erhöht, sodass sie auch bei Hochwasser noch genutzt werden können. Ein ­Modell für die Zukunft also? In der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen will man sich dazu nicht äußern. „Wir vertrauen als Stadt Hamburg auf den Hochwasserschutz“, sagt ein Sprecher bloß. Man möchte den Bewohner:innen der tiefgelegenen Gebiete keine beunruhigenden Signale senden.

Bemerkenswert: Schon 2014 rieten Fachleute der Metropolregion Hamburg zu einem Para­digmenwechsel. Außerdem schlugen sie vor, in überschwemmungsgefährdeten Gebieten keine neuen Siedlungen mehr zu entwickeln. Offenbar sind diese Ratschläge im Senat nicht auf frucht­baren Boden gefallen. „Wir sind in unserer Gesellschaft nicht gewohnt, über die Enkelgeneration hi­nauszudenken“, sagt Küstenforscher Reise dazu. Noch hätten wir genug Zeit, uns auf das Wasser einzustellen, meint er. „Aber wenn wir erst gegen Ende des Jahrhunderts damit beginnen, wird es sehr, sehr aufwendig.“

Artikel aus der Ausgabe:

Küstenstadt Hamburg

Schwerpunkt zur Küste: Was bedeutet ein steigender Meeresspiegel für Hamburg? Wie ist es wohnungslos auf Sylt zu leben? Und wie gelingt das Zusammenleben in Dithmarschen, wo besonders viele Menschen aus Rumnänien leben? Außerdem: Im ehemaligen Versorgungsheim in Farmsen soll ein Gedenkort entstehen. Und: Der Hamburger Videokünstler Raman Djafari kreiert Musikvideos – Zuletzt für Elton John und Dua Lipa.

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Autor:in
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.

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