Tod auf dem Großneumarkt : Kein Lebensplatz für Michi

Nach seinem Tod haben Anwohner*innen im Karoviertel eine Gedenkstätte für Michi eingerichtet. Foto: Mauricio Bustamante

Zwei Jahre lang versuchen Profis und Ehrenamtliche, eine passende Bleibe für einen Obdachlosen mit Messie-Syndrom zu finden. Vergeblich: Michi ist gestorben – auf der Straße.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Michi ist nicht kalt! Darauf besteht der Obdachlose, der auf seinem Stuhl vor drei Weinflaschen am Straßenrand sitzt. Obwohl es an diesem Abend im Januar 2019 Minus 5 Grad sind, friert er nicht. Das kommt aber auch nicht von ungefähr, denn unter seiner Jeans hat er noch eine Hose an und darunter eine weitere. Er schläft schon seit Monaten hier im Karoviertel zwischen einer Parkbucht und der U3, die hinter ihm aus dem Tunnel kommt. Aber jetzt, wo es kalt ist, machen die Leute sich Sorgen um ihn. Michael ­Siassi aus der Nachbarschaft ist da und Julien Thiele, Straßensozialarbeiter bei der Caritas. Sie wollen, dass Michi sich das Winternotprogramm wenigstens einmal anschaut, und haben ihre Mühe, ihn zu überzeugen.

Siassi kennt Michi seit dem vorherigen Sommer, da tauchte er plötzlich auf und richtete es sich hinter der Parkbucht ein. Mit der Zeit wurde der Haufen der Dinge, die Michi um seinen Schlafplatz herum lagerte und die andere dazustellten, immer größer. Seine Bekanntschaften mit Nachbar*innen wurden immer zahlreicher.

Von seinem Balkon blickt Michael Siassi auf Michi und seinen „Haufen“, wie die Nachbar*innen seine gesammelten Sachen nennen, herunter. Silvester saß Michi hier oben mit am Tisch. Er hatte sich extra ein neues Hemd gekauft, erzählt Siassi, neben der Couch habe er mit den Kindern getanzt. „Eigentlich war er ein ganz normaler Gast“, sagt er. „Nur halt einer mit ein paar mehr Hosen an.“ Und ­einer, der nach der Feier nicht nach Hause in seine Wohnung geht, sondern runter auf die Straße, um sich auf dem Boden schlafen zu legen.

Nachbar*innen organisieren Hilfe – über Whatsapp

Im neuen Jahr ging dann der Ärger los. Die Polizei will, dass Michi seine Platte räumt, weil es kalt geworden ist und damit gefährlich für ihn. Und auch das Bezirksamt Mitte will räumen, weil es Beschwerden über den vielen Müll gegeben habe. Für den Obdachlosen zahlen sich jetzt die guten Kontakte in die Nachbarschaft aus, er kommt in einem Kellerraum unter. Acht Nachbar­­*innen gründen eine Whatsapp-Gruppe, „Eine Bleibe für Michael“ heißt sie und darum geht es auch: Irgendwas finden, wo er unterkommen kann. Eine Wohnung oder auch erst mal einen Platz für ein Zelt.

„Michi sitzt im Taxi zum WNP!!“, schreibt Michael Siassi am 22. Januar 2019 um 17.17 Uhr in die Gruppe und die Freude im Karoviertel ist groß.  Aber sie währt nicht lang, schon um 18.25 Uhr kommt die Nachricht, dass Michi nicht ins Winternotprogramm will und schon wieder auf dem Weg zurück zu seinem Haufen ist. Sozialar­beiter Thiele erzählt, dass es unter den Wartenden vor dem Winternotprogramm in der Friesenstraße Streit gegeben habe. „Da hat er dann ganz ehrlich gesagt: ‚Das schaffe ich nicht‘“, erinnert sich Thiele. Eine Unterkunft mit mehreren Hundert Menschen auf engem Raum – kein Modell für Michi. Also geht es für ihn zurück ins Karoviertel. Da passt der Mann mit dem Rauschebart und der roten Wollmütze auch gut hin, mit seiner Vorliebe für Konzerte und guten Wein, den er stets aus Gläsern trank, gerne auch beim Zeitunglesen in der Rindermarkthalle.

In den kommenden Monaten wird Michi immer wieder zum Fall für die Behörden. Einmal schickt eine Nachbarin ein Foto in die Whatsapp-Gruppe, auf dem man sieht, wie ein Polizist ­Michi festhält, während die Müllwerker seine angehäuften Sachen entsorgen. Das Messie-Syndrom geht oft mit ­psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder ADHS einher, auch deshalb zieht das Bezirksamt Mitte den sozialpsychiatrischen Dienst und den Sozialarbeiter Thiele hinzu, der auf Obdachlose mit psychischen Erkrankungen spezialisiert ist. „Er hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass er an seiner Krankheit scheitert“, sagt der über Michi.

Monatelang versuchen die Nach­bar*innen aus dem Karoviertel, Kontakt zu Bezirksamt, Polizei und dem Sozialarbeiter zu halten und eine Lösung für Michi zu finden – erfolglos. Manchmal ist ihm das Aufheben um seine Person nicht ganz geheuer, fühlt er sich unter Druck gesetzt. Auch eine Bericht­­erstattung über ihn in Hinz&Kunzt lehnt er damals deswegen ab. „Aber der Kontakt zu den Anwohnern hat auch dazu geführt, dass er es noch mal probiert“, sagt Julien Thiele.

„Irgendwann schmeißen die mich eh wieder raus.“– Michi

Und tatsächlich: Im regenreichen November 2019 steigen die beiden wieder zusammen in ein Taxi. Es geht in die Notunterkunft Pik As, wo Michi in ein Einzelzimmer ziehen kann. „Großartig!“, schreibt eine Nachbarin aus dem Karoviertel in die Gruppe. Doch Michi bleibt skeptisch: „Irgendwann schmeißen die mich eh wieder raus“, hat er gesagt, so erinnert es Thiele.

Im Frühjahr dieses Jahres landet Michi dann tatsächlich wieder auf der Straße. Er siedelt sich auf dem Großneumarkt in der Neustadt an. Manche Anwohner*innen stören sich an seinem Haufen, der verlässlich wächst, und scheuchen ihn von einer Ecke in die andere. Mit anderen freundet Michi sich an, unterhält sich regelmäßig mit ihnen bei einem Glas guten Wein. Hier wird er auch wieder ein Fall für Ordnungsamt und Stadtreinigung. Seinem Sozialarbeiter erzählt Michi, dass er sein Einzelzimmer im Pik As wegen seines Messie-Syndroms verloren hätte. Das angebotene Mehrbettzimmer – keine Alternative für ihn.

Michi landet wieder auf der Straße

Eine Sprecherin von fördern und wohnen, dem Betreiber des Pik As, will sich zum konkreten Fall nicht äußern. Allgemein sagt Susanne Schwendtke aber, dass dort niemand wegen des Anhäufens von Unrat sein Zimmer verliere. „Es kommt allerdings vor, dass ein Zimmer aufgrund der Auswirkungen des Messie-Syndroms saniert werden muss, um Gefahr abzuwenden. Zu diesem Zweck muss der Bewohner oder die Bewohnerin das Zimmer dann vo­rübergehend verlassen.“

Wieso Michi mit 69 Jahren erneut obdachlos wurde, ist also nicht ganz klar. Fest steht: Das städtische Hilfssystem und der Hilfsbedürftige fanden nie so recht zusammen. „Es darf nicht die Aufgabe des Obdachlosen sein, sich an die Regeln der Unterkunft anzupassen“, meint Julien Thiele. Vielmehr müsste das Hilfssystem alles versuchen, damit jeder obdachlose Mensch das Angebot auch annehmen könne. „Stattdessen werden immer die höchsten Anforderungen an die Menschen gestellt, denen es am schwersten fällt, sie zu erfüllen.“

„Es darf nicht die Aufgabe des Obdachlosen sein, sich an die Regeln der Unterkunft anzupassen.“– Julien Thiele

Thiele glaubt, für Michi wäre ein sogenannter Lebensplatz die ideale Lösung gewesen – eine Unterkunft, in der er so hätte sein dürfen, wie er eben war. Nur gibt es solche in Hamburg noch nicht. Die Idee ist aber nicht neu: Lebensplätze sind bereits im Konzept des Senats zur Wohnungslosenhilfe aus dem Jahr 2012 vorgesehen. Sie sind für Menschen gedacht, die aus psychischen oder physischen Gründen dauerhaft nicht mehr in normalen Wohnungen leben können. „Diese Menschen haben einen Anspruch auf eine menschenwürdige und ihren Bedürfnissen angepasste Form des Wohnens“, erkannte man bereits vor acht Jahren im Rathaus. Mit der richtigen Betreuung sollten sie hier dauerhaft zur Ruhe kommen können. Ursprünglich sollte 2019 eine Einrichtung mit 20 solcher Plätze im Bezirk Altona eröffnet werden.

Unterdessen versucht die Politik, kurz- und mittelfristige Hilfen für Obdachlose mit psychischen Erkrankungen auszubauen. So heißt es in einem Be­hör­denpapier aus dem Jahr 2019, „gerade bei individuell stark belasteten Persönlichkeiten“ würden „mehr Möglich­keiten zur Einzelzimmerbelegung benötigt“.

Im Januar beschloss die Bürgerschaft auf Antrag von SPD und Grünen dann, „die Unterbringungssituation für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der öffentlich-recht­lichen Unterbringung stetig zu verbessern“, zum Beispiel mit Einzelzimmern. Und im Koalitionsvertrag vereinbarten die Regierungsparteien daraufhin im Frühjahr, eine Unterkunft speziell auf die Bedürfnisse Wohnungsloser mit psychischen Erkrankungen auszurichten, da sie „in regulären Wohnunterkünften schwer adäquat zu versorgen“ seien.  Klingt vielversprechend, aber haben diese Pläne inzwischen Gestalt angenommen? Die zuständige Sozialbehörde beantwortete diese Frage trotz einer ganzen Woche Vorlauf nicht.

Sozialarbeiter Julien Thiele sprach noch im September mit Michi über einen erneuten Anlauf für eine dauerhafte Unterbringung. Am 15. September redeten sie zuletzt darüber, eine Einzelfalllösung für Michi bei der Sozialbehörde zu beantragen. Doch dazu kam es nicht mehr: Er starb am 29. September auf dem Großneumarkt, wohl an einer Herzerkrankung. Am Abend zuvor traf er sich noch mit einem Nachbarn – auf ein Glas Wein natürlich.

Das Problem, dass das Hilfesystem für Menschen wie Michi keine Lösungen hat, besteht fort. Zwei Wochen nach seinem Tod rückt die Stadtreinigung zusammen mit der Polizei am Schlafplatz eines Obdachlosen an, dieses Mal in Wilhelmsburg. 2,2 Tonnen Unrat hatte er angehäuft, zwölf Einkaufswagen voll. „Das Problem ist nicht, dass er dort lebt, sondern sein Verhalten“, erklärt eine Polizeisprecherin. Der Obdachlose dürfe vorerst weiter dort wohnen, weil eine Lösung für ihn nicht in Sicht sei. Bis auf Weiteres übernachtet er in einem Wohnwagen.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.