Wohncontainer für Obdachlose : Jetzt entscheidet das Los

Ob Thomas und Helmut einen Wohncontainerplatz im Winternotprogramm bekommen, hängt vom Inhalt der Briefumschläge ab. Foto: BELA

Wer für den Winter einen Platz im Wohncontainer bekommt, hat Glück. Dieses Jahr noch mehr als sonst: Das Los entscheidet, welche Obdachlose in den kommenden Monaten die Tür hinter sich abschließen können.

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Schon morgens um 5 Uhr gab’s Kaffee im Zelt auf der Platte von Hinz&Künztler Thomas und seinem Freund Helmut. Der Weg von ihrem Schlafplatz in Finkenwerder bis zum Diakonie-Zentrum für Wohnungslose in der Bundesstraße ist weit. Doch früh da sein lohnt sich an diesem Dienstagmorgen: Um 7.30 Uhr entscheidet sich dort, wer einen der begehrten Wohncontainer im Winternotprogramm bekommt.

Es geht um viel: Ein Schlafplatz bis Ende März. In einem Container, den man sich in der Regel zu zweit teilt. Und im Gegensatz zu den Großunterkünften des Betreibers fördern&wohnen darf man dort auch tagsüber bleiben. Ehrenamtliche der Kirchengemeinden, auf deren Grundstücken die Wohncontainer stehen, betreuen die Bewohner. Das Problem: Weil die Container so begehrt sind, gibt es jedes Jahr mehr Bewerber als Plätze.

120 Obdachlose – aber nur 51 Plätze

In diesem Jahr entscheidet das Los, wer einen bekommt. Etwa 120 Obdachlose wollen einen Platz – obwohl es heute nur 51 Plätze zu verteilen gibt. Sie müssen einen Briefumschlag aus einer Kiste ziehen. Wer einen blauen Zettel in seinem Briefumschlag findet, bekommt einen Platz. Wer einen weißen findet, geht leer aus. Thomas und Helmut haben Pech – so wie viele andere auch: „Das sind mir ein bisschen viele Nieten für den Anfang“, sagt Thomas geknickt. Andere Obdachlose tricksen das System aus: Einer, der erst einen weißen Zettel zog, steht fünf Minuten später freudestrahlend mit einem blauen in der Hand an der Straße. „Extrarunde“, sagt er verschmitzt.

Vor dem Wohnungslosenzentrum warten zahlreiche Obdachlose auf einen Platz im Wohncontainer. Foto: BELA

Dass die Verlosung der Plätze nicht fair ist, wissen sie auch bei der Diakonie. „Kein System ist gerecht“, rechtfertigt Peter Ogon, Leiter des Fachbereichs Existenzsicherung bei der Diakonie, das Vorgehen. Wenn es zu wenig Plätze gibt, gibt es keinen Königsweg. Im Jahr zuvor lief es noch anders: Sozialarbeiter hatten im Vorfeld Auswahlgespräche mit Obdachlosen geführt und individuell entschieden, wer einen Platz im Container bekam. Dabei wurde auch beachtet, dass die Obdachlosen etwa ausreichend Deutsch sprechen konnten, um sich mit den ehrenamtlichen Betreuern der Kirchengemeinden zu verständigen. Daran gab es Kritik, auch aus der Sozialbehörde. Der Vorwurf: Die Diakonie würde sich Obdachlose mit wenigen Problemen herauspicken.

Sprache ist kein Kriterium mehr

Nun also Lose – und weniger Regeln: „Wohnungslosigkeit hat sich verändert“, erklärt Peter Ogon. Deutschkenntnisse sind angesichts des größer werden Anteils ausländischer Obdachloser in diesem Jahr keine Voraussetzung mehr für einen Platz im Wohncontainer. „Sprache kann kein Kriterium mehr sein“, sagt Ogon. Eine zusätzliche Herausforderung für die ehrenamtlichen Betreuer, doch Ogon verspricht, sie nicht allein zu lassen: „Wenn die Kirchengemeinden Unterstützung brauchen, können sie sich an uns wenden.“

Insgesamt gibt es im Winternotprogramm 109 Plätze in Wohncontainern. Davon sind 25 für Frauen reserviert, die von der Caritas und der Tagesaufenthaltsstätte Kemenate vergeben werden. Einige Kirchengemeinden haben ihre Plätze bereits autonom an Obdachlose vergeben. Manche Wohncontainer blieben auch den Sommer über stehen – sie zählen nun formal wieder zum Winternotprogramm.

Für den 53-Jährigen Sali ist dieser neue Umgang Grund zur Hoffnung: Der Bulgare spricht kaum ein Wort Deutsch, könnte einen Wohncontainer aber gut gebrauchen. Denn vor einigen Wochen hat er sich ein Bein gebrochen, noch immer läuft er auf Krücken. Seit er nach einer Operation aus dem Krankenhaus entlassen wurde, schläft er auf der Straße. „Mit der Kälte und der Nässe kommen die Schmerzen“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Doch Sali hat Pech, auch er zieht einen weißen Zettel.

Vergangenen Winter musste Stelian noch auf dem Fußboden schlafen

Einen richtigen Aufstieg erlebt wiederum Hinz&Künztler Stelian. Im vergangenen Winter wurde der Rumäne noch bei der Platzvergabe abgelehnt, weil er nicht ausreichend Deutsch sprach. Und sogar an den Türen des Winternotprogramms in der Friesenstraße wies fördern&wohnen ihn ab und schickte ihn zum Schlafen auf den Fußboden in einer Wärmestube. Stelian schüttelt noch immer mit dem Kopf, als er die Geschichte heute nochmal erzählt. Aber kurz darauf strahlt er über beide Ohren: Er hat einen Platz im Wohncontainer bekommen! Der ist zwar in Rahlstedt und damit alles andere als zentral. Aber das ist Stelian egal.

Auch einen der blauen Zettel – und damit einen sicheren Containerplatz – hat Krzysztof in seinem Briefumschlag. Glück im Unglück für den Hinz&Kunzt-Verkäufer, der vor wenigen Tagen seine Wohnung verlor. „Mein Mitbewohner hat die Miete nicht mehr zahlen können“, erzählt der gebürtige Pole. Die plötzliche Obdachlosigkeit konnte er nur abwenden, weil er einige Tage bei Bekannten schlief. „Jetzt habe ich erstmal einen Container in Altona. Das ist gut“, sagt der 59-Jährige, der ab jetzt immerhin fünf Monate Zeit hat, eine neue Bleibe für sich zu finden.

Helmut und Thomas hatten auf einen Platz im Wohncontainer gehofft – und gingen leer aus. Foto: BELA

Am Donnerstag eröffnet das Winternotprogramm in der Friesenstraße

Wer keinen Platz im Container bekommen hat, dem rät die Diakonie, in die Friesenstraße zu gehen. Dort eröffnet fördern&wohnen am Donnerstag eine Notunterkunft mit 400 Plätzen. Für Helmut kommt das nicht in Frage: „Ich müsste meinen Hund abends im Tierheim abgeben und morgens wieder abholen“, sagt er. „Das kann ich nicht, dann schlafe ich lieber im Zelt.“ Und in die Notunterkunft Pik As, in der während des Winternotprogramms bis zu 34 Obdachlose mit Hunden unterkommen können, mag er nicht gehen: Zu viel Alkoholismus, zu viele Drogen, sagt Helmut.

Auch Thomas ist skeptisch, was die Unterkunft in der Friesenstraße angeht: „Das ist ein Lotteriespiel, was du da für ein Zimmer bekommst“, sagt er. Im letzten Winter musste er sich dort mit fünf anderen ein Zimmer teilen – was manchmal anstrengend gewesen sei. „Es gibt auch Zweibettzimmer, aber da musst du Glück haben“, sagt Thomas. „Im Zelt hast du eher deine Ruhe als in der Friesenstraße.“

Korrektur: Zunächst hatten wir von 70 Obdachlosen geschrieben, die einen Platz haben wollten. Im Laufe des Tages hat sich die Zahl auf 120 erhöht. In der Unterkunft in der Friesenstraße gibt es 400 Plätze – nicht 240.

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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