Mitte-Studie : Jeder zehnte Deutsche hat Vorurteile gegenüber Obdachlosen

Dass Obdachlose "arbeitsscheu" sind, glauben 10,8 Prozent der Deutschen. Foto: BELA

Laut der „Mitte-Studie“ der Friedrich Ebert Stiftung haben sich Vorurteile gegenüber Obdachlosen zwischen 2016 und 2018 in der Bevölkerung fast halbiert. Doch die Forscher zweifeln an der Aussagekraft ihrer Ergebnisse.

Jeder zehnte Deutsche stimmt Vorurteilen gegenüber Obdachlosen zu. Was viel klingt, ist gegenüber 2016 eine Verbesserung, denn damals waren es mit 18 Prozent noch fast doppelt so viele, die Obdachlose zum Beispiel für arbeitsscheu halten. Das ist ein Ergebnis der aktuellen „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Seit 2002 überprüfen die Forscherinnen und Forscher dahinter regelmäßig antidemokratische Einstellungen in der Gesellschaft.

Dass die Vorurteile gegenüber Obdachlosen nun auf den niedrigsten Wert seit 2002 abgenommen haben, überrascht sie. Sie vermuten, der Rückgang könnte mit dem Zeitraum der Befragung zusammenhängen. Denn in den Vorjahren seien die Daten in den Sommermonaten erhoben worden, dieses Mal jedoch im Herbst und Winter. In dieser Zeit seien wetterbedingte Gefahren für Obdachlose stärker in den Medien präsent. Dadurch könnte die Empathie gegenüber Obdachlosen höher gewesen sein, spekulieren sie in der Studie.

Jeder Vierte will Obdachlose aus Fußgängerzonen „entfernen“

Nach wie vor befürwortet jeder Vierte, bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen „zu entfernen“. Die Forscher sprechen hier von einer „diskriminierenden Handlungsorientierung“. Bedeutet: Wenn sich die Gelegenheit ergibt, könnten Menschen mit einer solchen Haltung zur Tat schreiten. Gerade erst hatte Hinz&Kunzt berichtet, dass die Gewalttaten gegen Obdachlose bundesweit auch 2018 weiter angestiegen sind.

Einen traurigen Höhepunkt seit Beginn der Befragungen im Jahr 2002 hat die Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen erreicht: 52,3 Prozent der Deutschen stimmen Vorurteilen ihnen gegenüber zu. Jeder Zweite glaubt, dass sie kein Interesse daran hätten, einen Job zu finden. Sogar 63,8 Prozent finden es „empörend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen.“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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