Tod auf der Straße : „Jan war ein wirklich netter Zeitgenosse“

Der Obdachlose Benjamin schlief seit Monaten am Hinterausgang des Passage-Kinos. Foto: BELA

Binnen weniger Tage sind in Hamburg und Norderstedt drei Obdachlose gestorben: Hinz&Künztler Udo starb in der Hamburger Innenstadt, Benjamin nur wenige hundert Meter weiter. Hinz&Künztler Jan verstarb in Norderstedt.

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Udo lag fast genau dort, wo vor einigen Jahren schon einmal ein Hinz&Künztler dem Tod sehr nah war: Ralf zog sich hier an der Ecke Steinstraße und Lange Mühren so schwere Erfrierungen zu, dass ihm beide Beine amputiert werden mussten. Aber immerhin: Er hat überlebt!

Das hat Udo nicht geschafft. Ein Passant fand ihn am 7. November um kurz nach 9 Uhr tot auf seiner Platte. Eigentlich wollte er ihm Geld spenden. Aber dann musste er den Notruf wählen.

Woran Udo mit nur 55 Jahren gestorben ist, wissen wir nicht. Nur so viel verrät die Polizei nach der Obduktion: An Fremdeinwirkung lag es nicht. Die genaue Todesursache sollen aber zunächst nur die Angehörigen erfahren. Klar ist: In der Nacht, in der Udo starb, war es 3 Grad kalt.

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„Udo war ein guter Mann“, sagt Hinz&Künztler Adam. Am Dienstag vor seinem Tod haben sie noch miteinander gesprochen, erinnert er sich: „Ich habe ihm gesagt, er soll mit ins Winternotprogramm kommen. Dort gibt es genug Platz und es ist nur eine Station mit der S-Bahn!“ Aber Udo habe das nicht gewollt. Ihn hätten die vielen Menschen dort abgeschreckt – immerhin hat die Unterkunft in der Friesenstraße 400 Betten. „Das war ihm zu laut da“, sagt Adam.

Benjamin starb eines „natürlichen Todes“

Wenige hundert Meter weiter starb zwei Tage später ein weiterer Obdachloser: Benjamin wurde nur 56 Jahre alt. Er war psychisch krank und wurde deswegen immer wieder vom sozialpsychiatrischen Sozialarbeiter Julien Thiele aufgesucht. Der erinnert sich: „Er lag oft ohne alles da. Nur manchmal hatte er eine Isomatte und einen Schlafsack.“ In das Winternotprogramm zu gehen, habe er abgelehnt – trotz Kälte: „Er hat aber auch nie richtig verstanden, wovon wir reden.“

Deswegen hat der Sozialarbeiter gerade gemeinsam mit einer Psychiaterin überlegt, ihn in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Auch einen Antrag auf gesetzliche Betreuung hatte er gerade gestellt – allerdings für Benjamin zu spät: Zwar wurde er am 9. November vom gerufenen Notarzt noch reanimiert. Jedoch starb er kurze Zeit später im AK St. Georg – laut Polizei einen „natürlichen Tod“.

Jan hatte für den Winter einen Platz in einem Wohncontainer sicher.

Am selben Tag ist in Norderstedt ein langjähriger Hinz&Künztler gestorben: Jan wurde leblos in einer öffentlichen Toilette gefunden. Nun führt die Staatsanwaltschaft Kiel ein Todesermittlungsverfahren. Fremdverschulden habe nicht festgestellt werden können, erklärt ein Sprecher gegenüber Hinz&Kunzt.

Eigentlich lebte der 63-Jährige zusammen mit einem Freund in einem Zelt. Beim Winternotprogramm für Obdachlose war ein Wohncontainer für ihn und seinen Freund reserviert: „Es war schon alles geplant“, sagt Jana Meyer, Sozialarbeiterin bei der Tagesaufenthaltsstätte Norderstedt. Doch anders als in Hamburg startet das Programm dort nach Auskunft der Stadt erst am 1. Dezember.

„Er war wirklich ein netter Zeitgenosse“, erzählt Meyer. „Jan war immer freundlich, auch, wenn er betrunken war.“ Allerdings sei er in den vergangenen Monaten immer mehr verelendet. In der Diakonie-Einrichtung würden nun viele Menschen um ihn trauern, erzählt Meier: „Die nimmt das gerade ganz gewaltig mit.“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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