100 Jahre Bücherhallen : „Hier treffen sich alle gesellschaftlichen Schichten“

Im Interview: Hella Schwemer-Martienßen brachte die in die Jahre gekommene Institution Bücherhallen auf Innovationskurs. Foto: Dmitrij Leltschuk

Die Bücherhallen waren mehr als ein Vierteljahrhundert ihr Leben. Nun geht Direktorin Hella Schwemer-Martienßen in Pension. Ein Abschiedsgespräch über die Notwendigkeit, sich ständig neu zu erfinden, letzte Freiräume in der Stadt und skurrile Fundsachen.

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Hinz&Kunzt: Frau Schwemer-Martienßen, wie oft haben Sie in Ihrer Amtszeit gehört: „Das Buch ist bald tot“?

Hella Schwemer-Martienßen: Sehr häufig! Als die E-Books auf den Markt kamen, hieß es, Jugendliche interessieren sich nicht mehr fürs Buch. Das ist natürlich Unsinn. Wir wissen seit geraumer Zeit, dass es ein Nebeneinander unterschiedlichster Medien gibt. Ich denke, das Analoge und das Digitale sind gleich wichtig. Und: Das Buch wird bestehen. Selbst wenn es einen etwas musealeren Charakter bekommt in der Zukunft, so what?

Analog und Digital in friedlicher Koexistenz?

Ja! Bei jeder neuen Kulturtechnik hat man doch gefürchtet, dass alles auf den Kopf gestellt wird. Der vernunftgeprägte Mensch wird aber immer Wege finden, das Für und Wider zu sehen.

Einig sind sich die Nutzer einer aktuellen Umfrage: Für mehr als 90 Prozent
sind die Bücherhallen ein „vertrauens­würdiger Ort“. Allein die Zentralbibliothek nutzen nach Ihren Angaben täglich im Schnitt 4000 Menschen.

Die Hamburger lieben ihre Bücherhallen. Ich merke das, wenn ich unterwegs bin in den Stadtteilen. Ich nehme immer öffentliche Verkehrsmittel und tue so, als ob ich nicht weiß, wo die nächstgelegene Bücherhalle ist. Dann frage ich x-beliebige Passanten nach dem Weg. Nur ganz, ganz wenige Leute kennen die Bücherhallen nicht. Ich glaube, der Zuspruch, den wir zuletzt hatten, hat damit zu tun, dass es immer weniger öffentliche Orte gibt, die man zwanglos einfach betreten kann.

Wo jeder Mensch willkommen ist?

Ja, rein kann jeder – ohne Passierschein. Auch viele Ausgegrenzte suchen die Bücherhallen auf, etwa Obdachlose. Sie halten sich dort den ganzen Tag auf, lesen, schauen auch einfach aus dem Fenster. Und viele der jungen Migranten nutzen unser freies WLAN. Man versucht, sich im Leben zurechtzufinden und geht an einen Ort, an dem schon viele Menschen sind. Damit man sich nicht so verloren vorkommt oder auch, weil man einfach keine ordentliche Bleibe hat, sondern immer nur provisorische Unterkünfte. Hier treffen sich alle gesellschaftlichen Schichten. Wir hatten in den 2000er-Jahren den Slogan „Wir liefern Wissen“. Ist ja schön, aber das ist nicht alles: Wir liefern auch Freizeit, wir liefern auch Möglichkeiten, sich zu äußern, wir liefern einfach Lebensraum.

Kürzlich hat jemand in einer Bücherhalle ein Didgeridoo vergessen. Was bleibt sonst so liegen?

Gerade erst ein Gebiss. Aber auch Kinderspielzeuge, Fahrradhelme und jede Menge Ausweise werden vergessen. Was glauben Sie, was ich selbst hier schon alles in Regalen liegen gelassen habe! Meine schönen bunten Lederhandschuhe, die kriege ich nie wieder (lacht)!

100 Jahre Bücherhallen

Schon am Freitag, den 16. August, ehrt Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Bücherhallen mit einem Senatsempfang im Rathaus – allerdings nur für geladene Gäste. Am Samstag dann dürfen alle mitfeiern: bei mehr als 100 Veranstaltungen in allen Hamburger Bücherhallen – auch in denen, die eigentlich samstags geschlossen haben. Zum Programm

Die Stiftung der Bücherhallen feiert im August 100 Jahre Bestehen – die Einrichtungen wirken aber sehr modern. Man kann fast alles online ausleihen, es gibt mehr als 10.000 Veranstaltungen im Jahr und erfolgreiche Ehrenamtsprojekte, etwa für Geflüchtete. Kultursenator Carsten Brosda hat gesagt, das sei Ihnen und Ihrem „konsequenten ­Innovationskurs“ zu verdanken.

Also, eine Person baut allein kein großes Haus. Meine ersten Jahre, von 1995 bis 2005, waren ein furchtbarer Kampf. Überall, wo ich hinkam, hieß es: „Ach, die Bücherhallen gibt es auch noch?“ Da habe ich manchmal gedacht: „Kann ich mir nicht etwas Komfortableres ­suchen?“ Wir mussten 19 Standorte innerhalb von zweieinhalb Jahren schließen. Bis Mitte der 1990er-Jahre gab es noch fast doppelt so viele Bücherhallen.

Heute noch 32.

Ja, und viele sind sehr klein. Betriebswirtschaftlich gesehen sind diese eher ineffektiv. Aber da finden pro Jahr sehr viele Veranstaltungen statt, vor allem für Kinder. Deswegen haben wir gesagt, wir verkleinern die großen Schulbibliotheken, wie etwa in Mümmelmannsberg und Steilshoop. Das sind aber bis heute keine Ausleih-Renner, diese Bibliotheken.

Sondern eher Treffpunkt für die Menschen im Stadtteil?

Das sind Veranstaltungsorte, die nicht mehr wegzudenken sind aus den Stadtteilen. Dieses Ambiente mit den Büchern ist genau das, was Vertrauen schafft. Ich muss nichts kaufen. Mir wird da nichts angedreht. Ich kann ­selber auswählen. Es ist ein Ort des ­Teilens. Gerade in diese kleinen Bibliotheken kommen viele auch sehr junge Kinder allein. Ich habe schon Vier­jährige mit ihrem kleinen Rucksack g­esehen, die sich selbstständig Dinge ausgeliehen haben.

„Wir haben sehr früh angefangen, auf Erneuerung zu setzen.“

Rückblickend: Was war eine Ihrer ­wichtigsten beruflichen Entscheidungen?

Wir haben sehr früh angefangen, auf Erneuerung zu setzen: neue Techniken, neue Medien und immer auch darauf geachtet, dass wir eine Vorreiterrolle spielen. Denn wenn der Ruf so ruiniert ist, dann kann man nur dagegen angehen, wenn man besser wird. Die Zeit zwischen 2005 und 2015 war eine Phase permanenter Erneuerung – auch mit Irritationen. Aber in diesem Haus geht nichts ohne Irritationen.

Gab es die auch, als die ersten Selbst­verbuchungsterminals installiert wurden?

Anfangs ja. Nicht nur vom Kollegium, auch vom Publikum.

War es den Nutzern zu kompliziert?

Nein, gar nicht! Das Publikum ist viel fürsorglicher. Es sagte: „Aha, jetzt werden auch die letzten Menschen, die hier noch arbeiten, wegrationalisiert!“ Wir haben dagegengesetzt, dass wir die Zeit, die wir dadurch gewinnen, nutzen können, um tatsächlich in unser Kollegium zu investieren: etwa für Weiterbildungen.

Auszeichnung für Hella Schwemer-Martienßen

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Hatte Ihr Heimatort Prisser im Wendland eine Bibliothek?

Nein, aber in Dannenberg, wo ich aufs Gymnasium gegangen bin, war eine. Die Stadtbibliothek war Donnerstagnachmittag von 15–17 Uhr offen. Und wir haben all unser Taschengeld gespart, um im Zeitungsladen von Fräulein Reinbold unsere Bücher zu bestellen. Es dauerte eine Woche, bis die Bücher kamen. Wir haben sie dann unter Freunden weitergegeben. Heute ­habe ich zu Hause keine große Bibliothek mehr, vielleicht 300 Bücher, gehobene Belletristik, Krimis und wirklich schöne Bücher. Wenn mich jemand zum ersten Mal besucht, guckt der immer ganz irritiert (schmunzelt).

Das entspricht so gar nicht dem Klischee, das man von Bibliothekarinnen hat.

Nein, ich bin eher Bücherkäuferin als Bibliotheksnutzerin. Wenn ich merke, ich habe zu Hause 50 Bücher zu viel, dann sortiere ich sie aus und bringe sie zum Bücherflohmarkt in der Zentralbibliothek. Das Geld, das wir da einnehmen, dient zur Finanzierung weiterer Ehrenamtsprojekte.

Sie werden als Pensionärin mehr Zeit zum Lesen haben …

Ja, und ich werde auch sicherlich anspruchsvollere Texte lesen als Krimis und Bestseller, die während der letzten Jahre meine Hauptlektüre zur Entspannung waren. Es werden wieder mehr politische ­Texte werden. Ich habe mich nicht immer getraut, ­politische Meinungen zu vertreten. In den letzten zwei, drei Jahren schon, weil ich glaube, dass wir als ­Bürger und demokratiebewusste Menschen einfach aufstehen müssen und uns organisieren müssen. Ich werde mich aber auch bei verschiedenen Organisationen ehrenamtlich betätigen, da freue ich mich auch drauf.

Die Bücherhallen – ein Treffpunkt für Jedermann. Foto: Dmitrij Leltschuk

Werden Sie auch weiterhin die Bücherhallen besuchen?

Ja, aber nur als Kundin. Man muss auch loslassen können. Das ist auch wichtig für die Nachfolger, dass da nicht noch jemand herumspukt. Es gibt so viel zu tun in dieser Stadt, und es warten so viele Aufgaben.

Wird man auch bald an Sonntagen in die Bücherhallen ­gehen können – das ist ja schon länger im Gespräch?

Ich wünsche mir das, seit wir mit der Zentralbibliothek im Hühnerposten sind. Es ist eigentlich eine Schande, dass wir sonntags nicht öffnen können, aber unsere Mitarbeiter dürfen nach dem Arbeitszeitgesetz an diesem Tag nicht arbeiten. Deswegen müssen wir andere Formen des Betriebs finden. Wir müssen andere Menschen finden, die dieses Haus für uns öffnen.

Dann beobachten wir mal, wie das weitergeht.

Wenn ich eine Spekulation wagen darf: Nächstes Jahr, wenn der Umbau fertig ist, nach den Sommerferien, würde ich sagen: die Zentralbibliothek wird sonntags zwischen 12 und 18 Uhr geöffnet sein.

Eine sehr konkrete Spekulation! Vielen Dank für das Gespräch.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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