Nach Facebook-Hilferuf : Gericht stoppt Abschiebung eines Afghanen

In Berlin protestierten Anfang Dezember afghanische Flüchtlinge gegen die geplanten Abschiebungen. Foto: Actionpress / Björn Kietzmann

Hamburg beteiligte sich an einer bundesweiten Sammel-Abschiebung von Afghanen. Acht Männer sollten am Mittwoch zurück in ihr Herkunftsland. In letzter Sekunde wurde noch die Abschiebung eines Afghanen gestoppt, der seit bald 21 Jahren in Deutschland lebt.

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Ein Facebook-Posting hat am Mittwoch in Hamburg eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. „Wichtig und eilt!!!!!!“, schrieb Khaled Almaani am Morgen in die Gruppe des Hamburger Flüchtlingshelfer-Netzwerks. Der Syrer ist selber Flüchtling. Im Spätsommer 2015 floh er nach Hamburg und engagiert sich inzwischen für andere Flüchtlinge.

Auf der Arbeit hätte sich eine verzweifelte Kollegin an ihn gewendet. „Ein Freund von ihr ist Afghane, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und hat Arbeitsvertrag. Aber geduldet“, postete Almaani in der Facebook-Gruppe.

Am Dienstag sei der Betroffene bei der Ausländerbehörde gewesen. Man habe ihm mitgeteilt, dass er abgeschoben wird. „Heute um 2 Uhr morgens standen fünf Polizisten vor der Tür und haben ihn abgeführt. Er ist frisch verheiratet und hat ein Baby“, schrieb Khaled Almaani. Jetzt wolle man ihm aus seinem Umfeld reißen und am Nachmittag in Frankfurt in einen Flieger nach Afghanistan stecken. „Kann man jetzt was machen oder ist es so spät?“

Ich habe da wohl ein kleines Erdbeben ausgelöst– Khaled Almaani

Der Aufschrei in den sozialen Netzwerken war groß. Zahlreiche Pressevertreter, Flüchtlingsinitiativen und Politiker hätten sich an ihn gewendet und ihm ihre Unterstützung zugesagt, berichtet Almaani im Gespräch mit Hinz&Kunzt.

Der Druck auf die Behörde war groß. Gestoppt wurde die Abschiebung allerdings durch die Hilfe eines Anwalts, der erfolgreich einen Eilantrag einreichte. Aufgrund eines sogenannten Hängebeschlusses sei die Abschiebung allerdings nur ausgesetzt, heißt es aus der Ausländerbehörde. Jetzt könnten weitere Rechtsmittel eingelegt werden.

Flüchtlingsinitiativen fordern humanitären Schutz für Afghanen

Im Unterschied zu Hamburg fordern mehrere Bundesländer zunächst eine neue Einschätzung der Sicherheitslage. Ansonsten würden sie nicht nach Afghanistan abschieben. „Unter anderem die Welthungerhilfe berichtet, dass Rückkehrerinnen und Rückkehrer an den Stadtgrenzen in Zeltlagern und Slums leben, ohne Perspektive, ohne Zugang zu Nahrung, sauberem Trinkwasser oder medizinischer Versorgung“, teilt das Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen (BHFI) mit.

Sprecher Andreas Kaiser fordert: „Hamburg war und ist eine weltoffene Stadt, die ihre Augen vor der menschenunwürdigen Situation in Afghanistan nicht verschließen darf.“ Zu diesem Zweck fordert das BHFI, die Senatorenregelung, nach der Afghanen humanitärer Schutz gewährt wurde, wieder einzuführen.

Ihr seid die Helden des Tages– Khaled Almaani

Khaled Almaani haben die vergangenen 24 Stunden sichtlich bewegt. „Ich habe da wohl ein kleines Erdbeben ausgelöst“, sagt er im Gespräch mit Hinz&Kunzt.

Bei Facebook postete er noch am Abend der verhinderten Abschiebung: „Ich habe nie gedacht, dass ich mit meiner Anfrage eine Kettenreaktion auslösen würde. So viele Seiten, die sich gleichzeitig gekümmert haben, und ein rechtzeitiger Eilantrag, haben dazu geführt, dass heute Abend ein Vater bei seinen Kind und Frau sein darf, wenn auch nur vorläufig. Jetzt haben wir mehr Zeit zu reagieren und was zu machen. Was heute geschah, zeigt, wie wichtig es ist, dass wir alle unsere Energie nutzen, egal ob man sich kennt, oder nicht. ihr seid die Helden des Tages. Gute Nacht.“

Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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