Wilhelmsburg : Feuer zerstört Schlafstätte von Obdachlosen

Der frühere Lokschuppen am Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg bot wohnungslosen Menschen jahrelang ein Dach über dem Kopf. Foto: Blaulicht-News

Ein Brand hat einen ehemaligen Lokschuppen in Wilhelmsburg zerstört – und damit die Schlafstätte einiger obdachloser Menschen. Die Polizei ermittelt noch, ob es Brandstiftung war.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Für die Wilhelmsburgerin Sandra (Name geändert) war der „Schuppen“ ein Freizeitrefugium. Viele Wochenenden feierte die 49-Jährige mit ihrer Clique in dem kleinen Backsteinbau, versteckt in einem Wäldchen am abgelegenen Ende des Vogelhüttendeichs. Die Freund*innen hatten Monate verbracht, die Lichtung zu dekorieren, einen Partyraum einzurichten, Lebensraum zu schaffen ­– denn für manche in der Clique war der alte Lokschuppen auch ein Zuhause. Alle trugen ihren Teil bei: Menschen wie Sandra, die Arbeit und Wohnung haben, spendeten Materialen, diejenigen ohne Geld oder festen Wohnsitz ihre Arbeitskraft.

Und dann, am 6. Juli, das Ende. Am Nachmittag erhält Sandra eine Videonachricht: die wacklige Aufnahme eines Schotterwegs, an dessen Rand eine gewaltige Qualmwolke aus dem Gebüsch aufsteigt. „Schuppen brennt, Digga!“, ruft die Stimme eines Freundes, der die Szene filmt, während er zum Unglücksort rennt. „Die haben das angezündet!“

Schuppenbewohner Florian: wohnungslos und berufstätig

Florian (Name geändert) ist von dem Brand direkt betroffen: Der Lokschuppen war sein Zuhause, seit etwa einem Jahr lebte er dort. „Da hinten war mein Schlafplatz“, sagt der 39-Jährige und zeigt auf den Überrest einer Wand im oberen Teil der Ruine.

Die Clique, zu der auch der wohnungslose Florian gehört, hatte den Schuppen mit Herzblut zum Freizeitrefugium ausgebaut. Foto: privat

Er habe vorher „normal gewohnt“, erzählt er. „Aber es ist einfach krass, was man da an Miete zahlen muss.“ So zog er in den Schuppen, eine „geplante Auszeit“, wie er sagt. Gemeinsam mit einigen anderen Wohnungslosen richtete er sich ein. Für Strom sorgte der Generator, den sich die Bewohner*innen des Häuschens anschafften. So gab es Licht, Musik, eine Akkuladestelle für die Handys. Zum Waschen und Spülen bauten sie sich eine improvisierte Küche mit Kochtöpfen und einem Grill. Duschen konnte Florian auf der Arbeit. Denn seinen Job als Kurier behielt er, bis heute. Fahrrad, Funkgerät, Kuriertasche – alles bewahrte er im Lokschuppen auf. Jetzt ist nichts mehr davon zu gebrauchen.

Der zweigeschossige kleine Backsteinbau ist bis auf die Mauern abgebrannt. Vom Dachstuhl sind noch wenige verrußte Balken übrig, ein von der Hitze verformter Stahlträger hängt krumm in der Luft. Die Holztreppe, die von außen nach oben führte, ist völlig verkohlt, ebenso wie das Erdgeschoss. Lichterloh muss das Häuschen in Flammen gestanden haben, selbst Bäume und Möbel ringsherum sind zerstört. War es wirklich Brandstiftung? Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts, vier Verdächtige wurden noch am Montag vorläufig festgenommen, doch auch drei Tage später ist noch nichts bewiesen.

Entscheidend für Florian sind die Schäden. „Ich hatte noch eine Hose, ein Hemd und meine Schuhe an“, sagt er. Er besitzt nun kaum mehr als das, was er am Leibe trägt. Sein Arbeitsrad ist ein Wrack, auch die restliche Ausstattung völlig hinüber. Er habe noch ein altes Ersatzrad, sagt Florian. Mit etwas Hilfe könne er das wieder fit machen. Die restliche Ausstattung könne ihm sein Arbeitgeber stellen, die müsse er dann wahrscheinlich abbezahlen. Er habe in den vergangenen Monaten etwas sparen können, sagt er. „Eigentlich wollte ich mir damit eine Wohnung suchen.“ Das könne er jetzt vergessen. Trotzdem: Glück im Unglück. „Das Wichtigste ist, dass man Leute kennt, die einem helfen“, erklärt Florian. Vorerst konnte er bei einer Freundin übernachten. Die Leute vom Schuppen halten zusammen.

Eine Clique von Menschen mit und ohne Wohnung

„Es habe auch schon mal Stress und Zank gegeben“, erzählt Florian: „Das passiert eben, wenn so viele unterschiedliche Leute zusammenkommen.“ Gerade für diejenigen, die nach der Party nicht einfach nach Hause gehen konnten, war Leben im Schuppen auch anstrengend. Doch das gemeinsame Feiern und Werkeln hielt den Freundeskreis zusammen. An Wochenenden seien manchmal gut 16 Leute zusammengekommen, erzählt Sandra. Seit rund einem Jahr gehört sie zu der Clique. Sie hatte damals Musik im Wäldchen gehört, folgte den Klängen und stieß auf die Feiernden, die sie freundlich aufnahmen. Sandra half auch gelegentlich aus – mal mit einem Zelt, mal mit ihrer Kontoverbindung, wenn jemand Geld überweisen musste und selbst keine hatte.

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

PGJsb2NrcXVvdGUgY2xhc3M9InR3aXR0ZXItdHdlZXQiIGRhdGEtd2lkdGg9IjU1MCIgZGF0YS1kbnQ9InRydWUiPjxwIGxhbmc9ImRlIiBkaXI9Imx0ciI+PGEgaHJlZj0iaHR0cHM6Ly90d2l0dGVyLmNvbS9oYXNodGFnL1dpbGhlbG1zYnVyZz9zcmM9aGFzaCZhbXA7cmVmX3NyYz10d3NyYyU1RXRmdyI+I1dpbGhlbG1zYnVyZzwvYT4tIEZldWVyIGFtIFZvZ2VsaMO8dHRlbmRlaWNoIC0gRWluIEFiYnJ1Y2hnZWLDpHVkZSAoMTB4MTUpIGluIEZsYW1tZW4hIC0gdmVybXV0bGljaCB3dXJkZSBkYXMgT2JqZWt0IHZvbiBPYmRhY2hsb3NlbiBiZXdvaG50IC0gPGEgaHJlZj0iaHR0cHM6Ly90d2l0dGVyLmNvbS9GZXVlcndlaHJISD9yZWZfc3JjPXR3c3JjJTVFdGZ3Ij5ARmV1ZXJ3ZWhySEg8L2E+IGthbm4gZGFzIEZldWVyIHNjaG5lbGwgbMO2c2NoZW4hIDxhIGhyZWY9Imh0dHBzOi8vdC5jby92RFZYSDYwV1d2Ij5waWMudHdpdHRlci5jb20vdkRWWEg2MFdXdjwvYT48L3A+Jm1kYXNoOyBTZWJhc3RpYW4gUGV0ZXJzIOKcivCfj7/inIrwn4+7IChAUHJlc3NlUGV0ZXJzKSA8YSBocmVmPSJodHRwczovL3R3aXR0ZXIuY29tL1ByZXNzZVBldGVycy9zdGF0dXMvMTI4MDEzOTkyMjYyNDcyMDg5Nj9yZWZfc3JjPXR3c3JjJTVFdGZ3Ij5KdWx5IDYsIDIwMjA8L2E+PC9ibG9ja3F1b3RlPjxzY3JpcHQgYXN5bmMgc3JjPSJodHRwczovL3BsYXRmb3JtLnR3aXR0ZXIuY29tL3dpZGdldHMuanMiIGNoYXJzZXQ9InV0Zi04Ij48L3NjcmlwdD4=

Traurig schiebt sie ihr Fahrrad durch die Überreste des kleinen Feiergeländes. „Das da war ein Trampolin“, sagt sie und zeigt auf ein verrußtes Metallgestell. Ein Boxsack, der früher an einem Baum vor der selbstgebastelten Hollywoodschaukel hing, liegt aufgeplatzt und halb verkohlt auf der Erde. „Das war ein Wohlfühlort hier, ein Bauspielplatz für Erwachsene“, sagt sie. Auch Florian gerät ins Schwärmen, wenn er erzählt, wie sie mit Fundstücken, zusammengelegtem Geld und vereinten Kräften den Schuppen und seine Umgebung herrichteten. „Hier haben ein paar Leute wirklich ihr Herzblut reingelegt.“

„Es war keine Gewalt gegen Obdachlose.“

Mit dem Brand haben mehrere Menschen ihr provisorisches Dach über dem Kopf verloren. Trotzdem sagt Florian: „Es war keine Gewalt gegen Obdachlose.“ Auch wenn er fest überzeugt ist, dass jemand das Feuer gelegt hat, vermutet er dahinter keinen pauschalen Hass auf Menschen, die keine Wohnung haben. Er und die anderen erzählen stattdessen von Konflikten zwischen der Clique und „ungebetenen Gästen“ in letzter Zeit. Die Lage ist undurchsichtig, was genau geschehen ist, bleibt zunächst unklar.

Die Polizei ermittelt noch: Bisher sei nur sicher, dass es gebrannt habe, erklärt eine Sprecherin gegenüber Hinz&Kunzt. Der Verdacht der Brandstiftung konnte bisher nicht restlos geklärt werden. Die vier Tatverdächtigen, die im Laufe des Montags auf der Polizeiwache vorübergehend festgenommen wurden, sind alle wieder auf freiem Fuß. Mehr könne sie wegen der laufenden Ermittlungen nicht sagen.

Autor*in
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.