Endstation für Sir Alfred

Seit 1988 harrt ein Iraner auf einem Pariser Flughafen aus – Vorlage für den Steven-Spielberg-Film „Terminal“

(aus Hinz&Kunzt 142/Dezember 2004)

Da sitzt er also vor mir aus Fleisch und Blut. Eher müsste ich sagen: aus Haut und Knochen. Eingefallene Wangen, ein schütterer Schnauzbart, ein unendlich müder und mitunter abwesender Blick. Kein Vergleich mit dem jung und knackig wirkenden Tom Hanks im Film „Terminal“ von Steven Spielberg. Wir befinden uns auch nicht am John F. Kennedy Airport in New York, sondern im Untergeschoss des Aéroport Charles de Gaulle in Roissy bei Paris. Und der wichtigste Unterschied: Dies ist kein Film, sondern das wirkliche Leben.

Ich traue meinen Augen nicht: Da ist nur ein armseliges Stillleben aus vier oder fünf zusammengeschobenen leeren Pappkartons, einem Flughafen-Caddie und einer Sitzbank, über die ein paar Klamotten gelegt sind. Inmitten von allem sitzt er mit ausgestreckten Beinen und liest in einem Buch. Das ist Monsieur Alfred Mehran oder „Sir Alfred“, wie er lieber genannt wird.

Dass er mit richtigem Namen Mehran Karimi Nasseri heißt, wusste ich schon, nachdem hier und da Artikel über sein Leben erschienen waren – lange bevor Steven Spielberg es als Vorlage für seine recht wirklich-keitsfremde Kinoversion entdeckte. Nasseri wurde 1945 im Iran geboren. Also versuche ich, ihn auf Persisch anzusprechen. Aber Sir Alfred macht eine abwehrende Handbewegung: „I am no Iranian.“ Französisch scheint er zwar zu verstehen, aber er weigert sich, es zu sprechen. Er will, und das ist ihm schon fast eine fixe Idee, nur noch Englisch sprechen, die Sprache Shakespeares.

In die Lektüre der vermischten Meldungen aus dem Londoner Leben war er vertieft, als ihm 1988 die Aktentasche mit all seinen Papieren am Flughafen von Paris-Roissy gestohlen wurde, so lautet seine Version. Und damit begann sein Leben an diesem unwirtlichen Ort. Ohne ein Papier, das als Identitätsnachweis gelten könnte, war er am Heathrow Airport in London eingetroffen und wurde vom Land seiner Träume umgehend nach Paris zurückgeschickt. Seitdem verfolgt er die BBC-Nachrichten auf den Fernsehern in der Abfertigungshalle des Flughafens. Und wehe dem, der ihn dabei stört.

Zumindest in Buchform ist er mittlerweile in England angekommen: „The Terminal Man“ lautet der Titel seines vor wenigen Wochen auf der Insel erschienenen Romans (auf Deutsch bei Ullstein, 7,95 Euro). „You should read it“, meint Alfred und gibt mir einen Tipp, wo ich den Roman in Paris erwerben könne; seine Angaben fallen freilich sehr vage aus. Er lebt zwar seit 16 Jahren in Paris, aber er kennt nur den Flughafen. Dass die autobiografischen Angaben im Buch nicht so genau sind, erklärt Alfred frei heraus: „I changed the history“, meint er kurz und bündig.

Der Sir Alfred aus dem Buch verlässt – nach der Aufdeckung eines lang gehüteten Familiengeheimnisses – den Iran, beginnt in Großbritannien zu studieren, ist jedoch zur Rückkehr gezwungen, als die Kommunikation mit seiner Familie plötzlich abbricht. Bei seiner Ankunft im Iran wird er verhaftet, gefoltert und schließlich wieder abgeschoben; daraufhin beginnt seine Geschichte am 8. August 1988 am Flughafen Charles de Gaulle. In Wirklichkeit hat sich das Geschehen jedoch nicht so zugetragen. Aus den bruchstückhaften Erzählungen des wirklichen Alfred und aus den Angaben seines Pariser Anwalts, Christian Bourguet, ergibt sich ein anderes Bild.

Demnach verließ Mehran Karimi Nasseri den Iran 1977, kehrte jedoch später nie zurück. Das auslösende Ereignis: Der damals 32-Jährige, als Waise aufgewachsen, hatte erfahren, dass er der uneheliche Sohn eines britischen Offiziers sei. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Nasseri hatte nur noch ein Ziel: Er würde seinen leiblichen Vater ausfindig machen, dank diesem die britische Staatsbürgerschaft erhalten und ein neues Leben beginnen. Dafür erhielt er ein britisches Visum, das ihm ganz legal die Einreise nach London erlaubte. Nur war dort der mutmaßliche Vater inzwischen verstorben, und da er keine Anerkennung seiner Vaterschaft hinterlassen hatte, blieb diese Tür juristisch für immer verschlossen.

Nach einem Jahr lief das Visum aus. Kurz vor der Abschiebung reiste er aus – allerdings nicht in den Iran, sondern nach Westdeutschland. Dort beantragte er politisches Asyl, denn inzwischen war in Teheran Ayatollah Khomeini an die Macht gekommen. Das Gesuch wurde abgelehnt. Mehran versuchte es in Belgien, dann in Luxemburg und wieder in Belgien. Schließlich fiel eine günstige Entscheidung für ihn. In Brüssel wurde ihm das vorübergehende Aufenthaltsrecht als Flüchtling zuerkannt. Dort konnte sich Nasseri einige Jahre über Wasser halten. Doch er träumte weiterhin von einem britischen Pass. Deshalb bestieg er am 28. August 1988 ein Flugzeug nach Paris, wo er vor seinem Weiterflug nach London eine Stunde warten musste. Ihm kam der Pass abhanden, und ab da nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Von den Briten am selben Tag zurück nach Paris-Roissy geschickt, findet sich der Ausweis- und damit offiziell „Identitätslose“ im Flughafengefängnis wieder. Drei Monate lang sitzt er dort ein. Selbst die Wächter finden die Situation absurd und nehmen „Alfred“, wie sie ihn taufen, regelmäßig mit nach draußen an die frische Luft, obwohl das verboten ist. Am Ende lassen sie ihn gänzlich unbeaufsichtigt in der internationalen Transitzone. Nach draußen zu gehen bleibt Mehran/Alfred verboten. Vier Jahre verstreichen, dann erfährt er, dass das UN-Flüchtlingshilfswerk endlich eine Kopie seiner in Belgien ausgehändigten Dokumente als Asylantragsteller angefertigt hat. Jetzt genügt es also, dass er bei den Behörden in Brüssel vorstellig wird, um erneut die Originaldokumente zu erhalten. Gut und schön, aber es bleibt eine kleine Frage offen: Wie kann eine Person ohne Ausweis, die nicht formell für staatenlos erklärt worden ist, von Paris nach Brüssel reisen? Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Unterdessen richtet sich Alfred im Unter-geschoss des Flughafens ein, auf seine Weise. Angestellte von Fluggesellschaften bringen ihm Essensportionen von Bord mit, ansonsten verpflegt er sich bei McDonald’s. Der Chefarzt des Flughafens untersucht ihn regelmäßig auf seinen Gesundheitszustand. Und seine Klamotten wäscht eine Stewardess der Lufthansa.

Doch das lange Leben im Durchgang der Passagiere lässt Alfred den Sinn für Raum und Zeit verlieren. Vieles wird ihm gleichgültig. Auf meine Frage, ob er denn auch mal nach draußen dürfe, antwortet Alfred apathisch: „There is no problem, there is no problem.“

Im Juni 1999 schien das langsame Mahlen der Bürokratiemühlen endlich zu einem Abschluss zu kommen. Damals ließ Innenminister Jean-Pierre Chevènement, auf dessen Schreibtisch die Angelegenheit inzwischen gelandet war, einen Aufenthaltstitel ausstellen. Doch Alfred wollte davon nichts mehr wissen: Einen Herrn dieses Namens kenne er nicht, mit diesen Worten lehnte er die auf den Namen „Mehran Karimi Nasseri“ ausgestellten Papiere ab. Inzwischen war er vollkommen zu Mister Alfred geworden. „Nur als freier Mann“, als Sir Alfred also, werde er den Flughafen verlassen, „oder aber mein ganzes Leben hier bleiben“. Die fixe Idee, nach so langem Warten, lässt keinen Platz mehr für Kompromisse.

Der größte Witz an dieser kafkaesken Geschichte: Alfred könnte einfach gehen. Den Flughafen zu verlassen ist ihm zwar formell verboten. Aber auf dem Weg zur Haltestelle der Regionalschnellbahn muss niemand seine Papiere zeigen. Zumindest an diesem Punkt liegt Spielberg mit seiner filmischen Schnulze nicht so weit daneben.

Eine Verbindung zwischen Fiktion und Realität gibt es indes: Die Verfilmung hat Sir Alfred angeblich ein sattes Dollarsümmchen eingebracht, das nun in einer Postbankfiliale im Untergeschoss des Pariser Flughafens schlummern soll. Ob Sir Alfred persönlich viel davon haben wird, sei dahingestellt. Die Angestellten des Pariser Flughafens gehen nicht davon aus, dass er sein Leben woanders als in „seiner“ Duty free-Meile beenden wird.

Bernard Schmid

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