Dumpinglöhne bei Reinigungsfirma im Radisson?

20 ehemalige Mitarbeiter der Erdmann DienstleistungsGmbH klagen vor dem Hamburger Arbeitsgericht, weil sie sich um Lohn betrogen fühlen. 

(aus Hinz&Kunzt 237/November 2012)

Demonstration

Gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung

Am Samstag wollen Hamburger gegen hohe Mieten und die fortschreitende Verdrängung von armen Menschen aus dem Stadtbild protestieren. Hinz&Kunzt berichtet über die Vertreibung von Verkäufern am Hauptbahnhof. 

Winternotprogramm

Jeder Containerplatz ein Schicksal

Adam, Krystof und Janina stehen vor der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) des Diakoniezentrums für Wohnungslose für einen Platz im Container an.

Schlechte Erfahrungen in der Spaldingstraße hat Izabella gemacht. Deswegen möchte sie für sich und ihren Freund einen Platz in einem Container. Früher hat Izabella in der Gastronomie gearbeitet, jetzt macht sie schon seit vier Jahren Platte. Die 42-Jährige kennt das Winternotprogramm. Okay fand sie es damals in der Sportallee, aber das Gebäude, in dem 100 Obdachlose im Winter aufgenommen wurden, ist jetzt eine Flüchtlingsunterkunft. Stattdessen wurde das Hochhaus in der Spaldingstraße eröffnet. Mit 160 Plätzen, die im vergangenen Winter auf 240 Plätze erweitert wurden. Aber da will Izabella nie wieder hin. „Zu viel Gewalt“, sagt Izabella – und Adam, ein polnischer Bekannter, der auch einen Platz sucht, übersetzt: „Wenn sie keinen Container bekommt, schläft sie lieber im Zelt.“

Auch Adam hofft auf einen Containerplatz. „Ich trinke schon seit zwei Wochen keinen Alkohol mehr“, sagt der 36-Jährige Pole. Und auch sein Arzt habe gesagt: „Wenn du nicht bald zur Ruhe kommst, kannst du dein Bein vergessen.“ Adam, der Platte macht,  hat sich nämlich das Bein gebrochen – es heilt schlecht zusammen. „Ruhe „ist so ein Zauberwort für ihn – und „Container“. Und das, obwohl er im vergangenen Winter in einem Wohncontainer von einem betrunkenen Landsmann heftig auf den Kopf geschlagen wurde. „Der Kopf war kaputt – und die Augen blutunterlaufen.“ Dabei habe er seinen Bettnachbarn nur gefragt, ob er das Licht aus und das Radio leiser machen könne.

Der 47-jährige Kriztof sehnt sich ebenfalls nach Ruhe. Früher war er mal Fensterbauer, hatte immer Arbeit, dann kam er nach Deutschland, hat hier auch als Fensterbauer gearbeitet, aber schwarz. Vor einiger Zeit hat er einen Streit gehabt. Der andere zog ein Messer und stach es ihm in den Bauch. Die Wunde wurde genäht, aber jetzt hat sie sich entzündet. Sein Bauch ist so geschwollen, dass es aussieht, als habe er einen Fußball verschluckt. Aber im Krankenhaus haben sie ihn immer wieder weggeschickt: „Keine Krankenversicherung“, sagt er.

Vom Hauptbahnhof vertrieben, jetzt auf der Suche nach einem Containerplatz

Ralf wurde vom Sicherheitsdienst aus dem Bahnhof vertrieben.

Bis vergangene Woche war der Bahnhof noch das Zuhause von Ralf, zumindest nachts. Er schlief Nacht für Nacht in einem Schlafsack im Fußgängertunnel. Aber dann kamen die Security-Mitarbeiter, die hier jetzt die Hausordnung der Bahn durchsetzen und die Obdachlosen vertreiben. „Das war ein scheiß Gefühl“, sagt Ralf. „Das war ja meine Sicherheit. Meine Burg.“ Einigen Obdachlosen hätte der Sicherheitsdienst sogar Isomatten und Schlafsäcke weggenommen. Jetzt hofft der 45-jährige auf einen Containerplatz, denn auch er möchte nicht in der Spaldingstraße übernachten: Zu groß ist seine Sorge, dort Gewalt zu erleben.

Janina ist seit April quasi Witwe. Ihr Freund ist in einen Kanal gefallen und war ertrunken. Jetzt macht die 47-jährige mit Kollegen Platte in einem Zelt und sucht für den Winter einen Platz im Container. Schon seit gestern um 16 Uhr ist sie da und hat die Nacht auf einer Styroporplatte verbracht. „Ich brauche Ruhe, einfach nicht viele Leute. Ich brauche Ruhe“, sagt sie und seufzt. Es ging ihr schon mal besser. Sie hatte Arbeit: In einem Stadtteilbüro hat sie geputzt und Kaffee ausgeschenkt. Auch einen Job in einer Bäckerei hatte sie mal. Mit ihrem Ex-Mann hatte sie eine Wohnung. Doch der war gewalttätig, hat laut herumgeschrien und sie verprügelt. „So oft, dass wir haben Wohnung verloren“, sagt sie. Alkohol spielte offensichtlich eine große Rolle. Nach der Räumung trennt sie sich von ihrem Mann – und lernt Pjotr kennen. Eben den, der ertrunken ist. „Er war anders“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „Ein Engel.“ Nie habe er sie geschlagen.

Dossier: Wohnungsnotstadt Hamburg

Text: Birgit Müller, Benjamin Laufer
Fotos: Mauricio Bustamante

Wir müssen über Gewalt sprechen

Eigentlich wollten wir eine ganz andere Geschichte abdrucken. Aber dann erreichte uns diese Nachricht: Einer unserer Verkäufer wird dringend verdächtigt, eine Frau überfallen und vergewaltigt zu haben. Ein Versuch, dafür die richtigen Worte zu finden.

(aus Hinz&Kunzt 237/November 2012)

Hinz&Kunzt fordert sozialverträgliches Gesamtkonzept für Hamburg statt Vertreibung

Hamburg, 29. Oktober 2012

Öffentlicher Raum muss öffentlich bleiben, fordert das Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Das Hausrecht für das Gelände um den Hauptbahnhof an die Bahn zu geben, ist ein Armutszeugnis für die Stadt, so Stephan Karrenbauer, politischer Sprecher des Projektes. „Der Bürgermeister sieht sich offensichtlich außerstande, ein sozialverträgliches Konzept zu erstellen

Wilhelmsburger Kult-Halle

Soul Kitchen lebt!

Der Film „Soul Kitchen“ von Fatih Akin machte eine leerstehende Fabrikhalle in Wilhelmsburg bekannt. Mittlerweile hat sie sich zu einem kulturellen Treffpunkt gemausert. Dank vieler helfender Hände.

(aus Hinz&Kunzt 237/November 2012)

„Hoffentlich erfriert niemand“

Stephan Karrenbauer ist seit 1995 Sozialarbeiter beim Straßenmagazin Hinz&Kunzt.

Stephan Karrenbauer, Hinz&Kunzt

Hinz&Kunzt: Wer kommt speziell im Winter zu Ihnen?
Stephan Karrenbauer: Wie das ganze Jahr über sprechen mich Leute an, die bei uns Verkäufer werden wollen. Nur dass sie im Winter noch größere Hoffnungen haben, dass wir ihnen eine Unterkunft besorgen – und sie brauchen sie auch besonders dringend. Sie sind oft in einem erschreckenden körperlichen und seelischen Zustand. Meist haben sie eine Weile versucht, es draußen zu schaffen. Die stehen dann halb erfroren vor mir.

H&K: Eine Erinnerung an das vergangene Winternotprogramm?
Karrenbauer: Wir hatten einen Verkäufer bei uns im Hinz&Kunzt-Winternotquartier. Der hatte wirklich jahrelang versucht, eine Wohnung zu finden – mal mit mehr, mal mit weniger Elan. Nach 12 Tagen Schlaf im Winternotquartier hat er sich noch mal aufgerafft – und nach ein paar Tagen eine Zusage von der Saga bekommen. Er hat es gar nicht fassen können: Er hat eine Wohnung gefunden. Er wohnt dort immer noch. Dass es geklappt hat, führt er – und auch wir – darauf zurück, dass er sich ausruhen konnte und dann auch aussah, wie er ist: nämlich sehr zuverlässig.

H&K: Was erhoffen Sie sich vom kommenden Winternotprogramm?
Karrenbauer: Dass niemand draußen erfriert.

H&K: Und was befürchten Sie?
Karrenbauer: Dass viele, die es brauchen, das Angebot nicht annehmen können, weil sie Angst haben: vor zu vielen Menschen mit Problemen auf engem Raum, dass sie keine Ruhe finden und keinen Rückzugsraum.

H&K: Ihr Appell an die Stadt?
Karrenbauer: Haltet euer Versprechen, dass niemand auf der Straße schlafen muss. Weist niemand ab! Und öffnet die Unterkünfte des Winternotprogramms auch tagsüber. Damit die Leute nicht morgens früh rausmüssen und wie Schlafwandler durch die Stadt streifen. Denn es ist auch tagsüber kalt.

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Andreas Bischke, Tagesaufenthaltsstätte Herz As:

„Ich fürchte, wir sind dem Ansturm nicht gewachsen.“

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Nikolas Borchert, Wohnungslosen-Zentrum der Diakonie:

„Es ist entwürdigend.“

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Sonja Norgall, Mitternachtsbus:

„Die Stadt sollte echte Perspektiven bieten“

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Dr. Arne Breest, Schwester Julia, Jannik, Mobile Hilfe:

„Wir hoffen, es bleibt friedlich.“

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„Die Stadt sollte echte Perspektiven bieten“

Sonja Norgall ist seit 2010 Projektleiterin des Hamburger Mitternachtsbusses der Diakonie, mit dem Ehrenamtliche jeden Abend heiße Getränke, Essen und Decken zu den Schlafplätzen Obdachloser bringen.

Sonja Norgall, Mitternachtsbus. Foto: Markus Scholz

Hinz&Kunzt: Wer kommt speziell im Winter zu Ihnen?
Sonja Norgall: Im Wesentlichen sind es die gleichen Menschen wie im Sommer, nur dass im Winter weniger kommen: im Schnitt zwischen 50 und 70, weil mehr Obdachlose in Notunterkünften unterkommen. Im Sommer sind es bis zu 150.

H&K: Eine Erinnerung an das vergangene Winternotprogramm?
Norgall: Es ist voller geworden als in den Jahren davor: Im vergangenen Winter hatten wir erstmals teilweise bis zu 100 Menschen am Bus. Die Lage hat sich zugespitzt. Dann begleitet uns verstärkt das Thema Migration in den letzten beiden Jahren. Es gibt vor allem mehr osteuropäische und afrikanische Migranten, die zum Mitternachtsbus kommen.

H&K: Was erhoffen Sie sich vom kommenden Winternotprogramm?
Norgall: Wir erhoffen uns jedes Jahr das Gleiche: Dass es verlässliche, langfristige Plätze gibt. Es sollte nicht immer wieder dieses Winterstückwerk geben. Wir können ja die Uhr danach stellen: Mit Ende des Winternotprogramm Mitte April stehen de Leute wieder bei uns am Bus.

H&K: Und was befürchten Sie?
Norgall: Dass jemand erfriert, obwohl wir ihm einen zweiten Schlafsack gegeben haben. Das ist unser Horrorszenario.

H&K: Ihr Appell an die Stadt?
Norgall: Die Stadt sollte längerfristige, echte Perspektiven bieten. Besonders auch für Migranten aus Osteuropa. Denen können wir momentan kaum mehr als einen heißen Kaffee anbieten. Wir sprechen die Sprache nicht und es gibt kaum Stellen, wo man sie versteht und ihnen Unterstützung bietet. Es muss auch mehr Geld zur Verfügung gestellt werden.

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Andreas Bischke, Tagesaufenthaltsstätte Herz As:

„Ich fürchte, wir sind dem Ansturm nicht gewachsen.“

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Nikolas Borchert, Wohnungslosen-Zentrum der Diakonie:

„Es ist entwürdigend.“

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Stephan Karrenbauer, Hinz&Kunzt:

„Hoffentlich erfriert niemand.“

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Dr. Arne Breest, Schwester Julia, Jannik, Mobile Hilfe:

„Wir hoffen, es bleibt friedlich.“

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