Nr. 4: Kundenfreundliches Amt

Zehn Jahre Hinz & Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Darum geht es:

Sozialhilfeempfänger müssen oft stundenlang warten, bis ihnen geholfen wird. Sie bekommen ihren Sachbearbeiter nicht ans Telefon oder werden nur mangelhaft beraten. Anträge bleiben liegen, weil die Sozialämter überlastet sind. Die Mitarbeiter müssen zu viele Hilfeempfänger betreuen – und sollen jeden Euro dreimal umdrehen, bevor sie ihn bewilligen. Die Atmosphäre in den meisten Dienststellen ist abweisend, schon die Ausstattung der Räume signalisiert: Bürger, bleib lieber weg! Doch Sozialhilfe ist kein Almosen, sondern gesetzlich verbürgter Anspruch.

Der Hintergrund:

Rund 110.000 Menschen in Hamburg sind auf Sozialhilfe angewiesen. Die Sozialämter in den Bezirken sollen ihnen helfen. Betroffene klagen jedoch über ein zunehmend raues Klima. Der Umgangston werde immer unfreundlicher, Anträge würden Wochen und Monate lang nicht bearbeitet, Unterlagen mitunter verschwinden. Eine Gruppe Hamburger Hilfe-Empfänger („Initiative Projekt Class Action“) spricht von „massenhaften und staatlich organisierten Grund- und Menschenrechtsverletzungen“ mit dem Ziel, „Menschen von der Sozialhilfe fernzuhalten und dadurch Kosten einzusparen“. So habe zum Beispiel eine Kranke, die dringend einen Kühlschrank benötigte zur Aufbewahrung ihrer Medikamente, ein dreiviertel Jahr auf die Bewilligung ihres Antrags warten müssen. Die Initiative will die Hansestadt auf Basis von 80 dokumentierten Fällen vor einem US-amerikanischen Gericht verklagen.

Offensichtlich sollen immer weniger Sachbearbeiter immer mehr Notleidenden helfen. Statt 1300 Mitarbeitern 1992 sitzen heute nur noch rund 730 Kollegen in Hamburgs Bezirks-Sozialämtern, so ein Sachbearbeiter, der ungenannt bleiben möchte. „Seit Jahren herrscht Einstellungsstopp, die Kollegenschaft ist überaltert, bei vielen schwinden die Kräfte.“ Weiteres Problem: Wer einmal im Sozialamt arbeite, komme von dort nicht mehr weg. Die Folgen: hohe Krankenstände, oft wenig motivierte Sachbearbeiter, schlechte Betreuung der Hilfesuchenden. „Bei uns waren vergangenes Jahr manchmal nur zwei von zehn Kollegen am Arbeitsplatz“, so der Sozialamts-Angestellte. Gleichzeitig werde die Kundschaft zunehmend schwieriger: „Wir haben immer mehr psychisch Kranke.“ Dennoch steige der Druck von oben, die Zahl der Hilfeempfänger zu senken. Lieber wäre dem Sachbearbeiter stattdessen die Verdoppelung des Personals: „Dann hätte man Zeit, tatsächlich nach Lösungen zu suchen.“

Das Bezirksamt Harburg teilt mit, die Zahl der Mitarbeiter in den Sozialämtern sei „in etwa gleichbleibend“. Jeder der 95 Sachbearbeiter habe 160 bis 170 Haushalte zu betreuen, „Sicherstellung laufender Leistungen hat Vorrang“. Der Bezirk Eimsbüttel beantwortet „Fragen zur Personalausstattung und Arbeitsbelastung der Mitarbeiter generell nicht“. In dringenden Fällen würden Anträge „innerhalb weniger Tage oder in ganz besonderen Ausnahmefällen innerhalb eines Tages entschieden“. Im Bezirk Mitte muss jeder der 145 Sachbearbeiter rund 150 Fälle bearbeiten, so das Bezirksamt.

Die Entwicklung der Mitarbeiter-Zahl „wurde statistisch nicht erfasst“. Die Wartezeit auf den Ämtern schwanke zwischen „zehn Minuten, in Einzelfällen auch über eine Stunde“. Interne zeitliche Vorgaben, wann Anträge spätestens entschieden werden müssen, gibt es auf den Sozialämtern nicht.

Eine eigene Anlaufstelle bietet die Stadt für Menschen ohne festen Wohnsitz. Sie müssen ins Referat „Hilfen für wohnungslose Menschen“, das ehemalige Landessozialamt. In dem Gebäude an der Kaiser-Wilhelm-Straße (Neustadt) herrschen zeitweise chaotische Zustände. In der Vergangenheit waren Stellen unbesetzt, überdurchschnittlich viele Mitarbeiter meldeten sich krank, die Sprechzeiten wurden eingeschränkt. Hilfeempfänger können ihre Anliegen gar nicht mehr oder nur nach stundenlangem Warten vorbringen.

Derzeit suchen an den wichtigsten Sprechtagen, montags und donnerstags, zwischen 300 und 500 Menschen das Haus auf. Sie müssen eine Wartenummer ziehen und werden aufgerufen. „Aufgrund des hohen Besucheraufkommens ist die telefonische Erreichbarkeit der Sachbearbeiter oft schwierig“, räumt Behördensprecherin Anika Wichert ein. Die Wartezeit sei „zurzeit noch sehr lang, bis zu sieben Stunden“. 40 Mitarbeiter sind im „Landessozialamt“ tätig, darunter auch Teilzeitkräfte. Nach Behördenangaben wurde das Personal in den vergangenen Jahren aufgestockt, 2001 gab es nur 32 Mitarbeiter. Eine Vollzeitkraft ist im Schnitt für 110 Hilfeempfänger zuständig.

Zwei „Schnellschalter“ (auch hier müssen aber Nummern gezogen werden) sollen seit diesem Monat die Wartezeiten verkürzen. Die Counter sind für Anliegen gedacht, die keiner Beratung bedürfen, zum Beispiel das Ausstellen eines Krankenscheins. Außerdem will die Behörde drei zusätzliche Sozialarbeiter einsetzen, die sich um Hilfeempfänger kümmern sollen – vor allem um junge Erwachsene, um Betroffene, die ihre Wohnung gerade erst verloren haben, und um Menschen, bei denen mehrere Probleme zusammenkommen, etwa Obdachlosigkeit und Sucht.

Wie andere es besser machen:

Kein Hilfesuchender soll länger als zehn Minuten warten: Das ist die Vorgabe für Mitarbeiter der „Job Center“ in Großbritannien, wo Sozial- und Arbeitsämter bereits zusammengelegt sind. Freundlich eingerichtet sind die Räume, von neun bis 18 Uhr sind die Beratungszentren werktags geöffnet, sonnabends bis zur Mittagszeit. Die Idee: Hilfesuchende sollen vor allem spüren, dass sie hier Unterstützung finden. Solche Konzepte sind nicht billig. Drei Milliarden Euro hat die britische Regierung in den Aufbau der Job Center investiert. Doch am Ende könnte sich das Modell rechnen: Mit jedem, der Arbeit findet, spart der Staat schließlich Geld.

Lernen lässt sich auch von deutschen Behörden: Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zum Beispiel, stehen den 160 Sachbearbeitern auf den Sozialämtern immerhin 20 Sozialarbeiter zur Seite. „Es erfordert eine bestimmte Qualifikation, die Schwierigkeiten der Menschen zu sehen“, sagt Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer. Dennoch mag sie nicht behaupten, die Sozialämter in ihrem Bezirk seien kundenfreundlich: „Man kann das tollste System haben: Wenn nicht genügend Mitarbeiter da sind, gibt es immer Hetze und Stress.“

So müsste es laufen:

– deutlich mehr Mitarbeiter in den Sozialämtern

– mehr und besser ausgebildete Sozialarbeiter, die sich auch um „schwierige Fälle“ kümmern bessere telefonische Erreichbarkeit der Ämter und Sachbearbeiter

– kürzere Wartezeiten, vor allem in der Kaiser-Wilhelm-Straße

Detlev Brockes/Ulrich Jonas

Palmen für St. Pauli

Wünschen hilft doch – der Traum von einem Park wird Wirklichkeit

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Palmen sind auf St. Pauli nicht vorgesehen, eigentlich. Aber schön wäre es schon, dachte sich vor sieben Jahren so mancher aus der Nachbarschaft, einige wünschten sich „verschiebbare Inseln“, andere Plattformen, auf jeden Fall mit Palmen. Und tatsächlich: Seit ein paar Wochen wachsen aus dem Dach der neu gebauten Turnhalle am Pinnasberg drei meterhohe Palmen. Sie sind aus Stahl, schließlich liegt St. Pauli nicht in der Südsee, sondern gegenüber vom Blohm+Voss-Dock. Doch von weither sichtbar grüßen sie Einheimische wie Fremde und erinnern daran, dass das Wünschen auch heutzutage manchmal hilft.

Jedenfalls, wenn man es so hartnäckig und phantasievoll betreibt wie die Gruppe Park Fiction. Die errang im vergangenen Sommer die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt, weil ihr Projekt zur documenta nach Kassel eingeladen wurde. Jetzt ist die Ausstellung mit Film-, Bild-, und Ton-Dokumenten, Park-Modellen, Briefwechseln und Texten wieder in Hamburg zu sehen. Das freut die Aktivisten wie den 36-jährigen Dirk Mescher. Doch viel mehr freuen ihn und all die anderen, die im Laufe der Jahre für einen Park gearbeitet und gestritten haben, dass die Wirklichkeit nur noch 500 Meter Luftlinie von der Fiktion entfernt liegt. „Als ich die Palmen das erste Mal gesehen habe, musste ich mich kneifen, um mir sicher zu sein, dass ich nicht träume“, lacht Dirk Mescher, der um die Ecke in der Detlev-Bremer-Straße wohnt. Jessica David sagt, dass ihr die Tränen kamen, als sie sah, dass Bauarbeiter am Antonipark „wirklich Palmen aufgestellt und Rollrasen verlegt haben“.

Jessica ist zwölf und lebt im Kinderhaus am Pinnasberg. Mit anderen „Kinder-Guides“ führt sie durch die Park Fiction-Ausstellung. Als das Projekt begann, war sie gerade geboren. Als sie sechs war, fragte die Filmemacherin Margit Czenki sie und andere aus dem Kinderhaus nach ihren Park-Wünschen. Jessica malte ein Bild, das sie jetzt aus dem „Wunscharchiv“ der Ausstellung zieht. Darauf sieht man ein Hausdach mit einer Rutsche und ein riesiges Klettergerüst, „mindestens fünf Meter hoch, damit die Kinder ihre Höhenangst überwinden können“, erläutert sie ihre Idee von damals. Daneben hat sie zwei Schaukeln gemalt: „Eine für die Jungs und eine für die Mädchen, damit alle genug Platz haben und sich nicht ständig in die Quere kommen.“

Diesen Wunsch kann man gut verstehen, wenn man weiß, dass Jessica, wie viele Kinder auf St. Pauli, immer nur den Spielplatz an der Silbersackstraße hatten, einen der wenigen in einem Viertel, das zu den dichtbesiedeltsten in der Stadt zählt. Ein Viertel, in dem auch Erwachsene wenig Auslauf haben: die größte zusammenhängende Grünfläche ist bislang das Millerntorstadion. Kein Wunder also, dass es schon 1959 St. Paulianer gab, die einen Park forderten. Der Wunsch blieb eine Utopie, die Anfang der neunziger Jahre, nach dem erfolgreichen Kampf um die Hafenstraße, vom „Hafenrandverein für selbstbestimmtes Leben auf St. Pauli“ wieder aufgegriffen wurde. Damals drohte eine Blockbebauung allen Grünträumen den endgültigen Riegel vorzuschieben. Sie wurde verhindert, und anders als andere Stadtteil-Initiativen beschränkten sich die Park-Aktivisten dabei nicht auf die üblichen Rituale von Protest und Mitbestimmung. „Nur damit hätten wir niemals so lange durchgehalten“, ist sich Dirk Mescher sicher.

Mit Theaterstücken, Filmen, symbolischen Baumpflanzungen, Grillaktionen, Festen und irgendwann dem ,Park-Fiction-Container‘ am Ort „haben wir immer schon ein Stück Utopie wirklich werden lassen, und dadurch sind natürlich auch wieder neue Ideen entstanden“. Park Fiction eben, an der Künstler wie Christoph Schäfer und die Filmemacherin Margit Czenki maßgeblichen Anteil hatten. „Aber als wirklich Beteiligte“, als Anwohner, die genauso hier leben wie die Kinder vom Pinnasberg, die Nachbarn, die sich in der Gemeinwesenarbeit St. Pauli Süd engagieren, die Lehrer an der Schule Friedrichstraße oder die Gastronomen am Hein-Köllisch-Platz.

Oder eben der Anwohner und Sozialwissenschaftler Dirk Mescher, der jetzt vor der leuchtend bunt gemalten Bautafel steht und erklärt, wie die Wünsche Wirklichkeit wurden. Das Tartan-Sportfeld mit dem Tulpenmuster beispielsweise, eine Idee der damals 17-jährigen Nesrin Biegün. „Sie wollte Platz für Sportarten wie Basketball oder Badminton, ließ sich von den Teppichmustern ihrer türkischen Heimat inspirieren und entdeckte dabei schließlich die Tulpe als Symbol für einen aufgeklärten, toleranten Islam wieder.“ Sabrina hatte sich als Kind eine riesige Erdbeere gebaut, „die soll ein Baumhaus sein. In das dürfen nur Kinder rein und keine Erwachsenen. Damit wir die Erwachsenen endlich mal loshaben.“ Auch die Erdbeere wird demnächst wohl gebaut, aber Sabrina ist inzwischen kein Kind mehr, sondern ein Teenager, die ihre Idee von damals kindisch und uncool findet, erzählt Dirk Mescher.

So etwas passiert eben, wenn es so lange dauert, bis Wünsche wahr werden. Wie lange und mühselig es war, dokumentieren die Ak-tenordner voller Anträge und Gegen-Anträge, Bürgerschafts- und Bezirksversammlungs-Beschlüsse in dem Teil der Ausstellung, der „Mit der Bürokratie im Bett“ heißt.

Doch nicht nur die Bürokratie steht den Wünschen im Weg, manchmal sind es auch die Menschen selbst, vor allem die Älteren, die gar nicht mehr wissen, wie das Wünschen überhaupt geht. Vielleicht, weil sie lange nicht danach gefragt worden sind. Wie viele andere ist Dirk Mescher von Haus zu Haus gegangen, damit der Park nach den Vorstellungen der Leute Gestalt annimmt.

Ausgerüstet mit dem „Action Kit“, einer Art Bastelkoffer mit Knete, Buntstiften und einem Panorama der Gegend. „Ein älterer Mann meinte zum Beispiel, es müsse etwas für Kinder geben. Aber für ihn selbst fiel ihm erst mal gar nichts ein.“ Schließlich habe er sich Bänke gewünscht, weil er nicht mehr so gut zu Fuß war, „wie Bänke eben so aussehen“. Doch am Ende habe er eine Art Bank-Schlange durch den ganzen Park entworfen, „so dass man sich jederzeit setzen kann“.

Auch Jessica sagt von sich, dass sie durch die ganzen Park-Ideen überhaupt erst gelernt habe, „mir Sachen vorzustellen. Früher konnte ich das überhaupt nicht.“ Heute ist sie eine der Engagiertesten in der Theatergruppe ihrer Schule, und das soll später auch mal ihr Beruf werden, wünscht sie sich ganz selbstbewusst. Auch wenn am Ende längst nicht alles verwirklicht werden kann: Dass so viele die Kraft der Wünsche überhaupt wieder entdeckt haben, das ist wahrscheinlich die größte Kunst an Park Fiction. Margit Czenki sagt es in ihrem Film mit einem wunderbaren Satz, der vor Ort fast schon ein geflügeltes Wort ist: „Die Wünsche verlassen die Wohnung und erobern die Straße.“

Abgesehen davon freuen sich der balkonlose Dirk Mescher und die von Mallorca träumende Jessica jetzt erst mal wahnsinnig auf das erste Sonnenbad in ihrem Park. Und wenn auf St. Pauli schon Palmen wachsen, wer weiß, was dann noch alles möglich ist. Zu wünschen bleibt jedenfalls genug.

Sigrun Matthiesen

Wasser: Die Pferdeschwemme

Zu Besuch in Hamburgs einziger Badeanstalt für Ross und Reiter

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Celim, die 6-jährige ungarische Lipizzaner-Stute, schnaubt leise vor sich hin. Neben ihr steht Magic, eine Mischung aus Araber-Vollblut und Hannoveraner-Stute. Magic hat die Ohren weit nach vorne gespitzt, so als warte sie nun ganz neugierig auf ein nächstes Abenteuer. Eben noch sind beide Pferde inmitten einer Herde aufgeregt durch das Wasser der Dove-Elbe gespritzt, haben mit den Hufen Schaumkronen aufgeschlagen und dabei nicht nur die Hosenbeine der Reiterinnen durchnässt. Wie kleine Kinder haben sie da getobt, wenn die sich im Badebecken unter Gejohle und bis zur Erschöpfung mit den Händen gegenseitig Wasser auf die Körper schaufeln.

Jetzt prustet auch Magic ganz zufrieden, und Celim beginnt langsam, ihr mit dem Maul das Fell am Mähnenkamm zu kraulen. Ganz dicke Pferdefreundschaft demonstrieren die beiden nun. Schließlich klappt Magic schnell noch die Oberlippe über die Nüstern, so als versuche sie, nie mehr diese Witterung zu verlieren, diesen Duft vom Wasser und den vom befreundeten Pferd, die jetzt wohl gleichermaßen in ihrer Nase hängen.

Sommerzeit ist Badezeit, auch für Pferde. Im vierten Jahr nun schon gibt es für sie in den Vier- und Marschlanden eine eigene Badeanstalt, die einzige offizielle Schwemme dieser Art auf Hamburger Gebiet. Am Moorfleeter Deich wurde sie vom Bezirksamt Bergedorf gemeinsam mit den umliegenden Reiterhöfen und mit Zustimmung des Wasserwirtschaftsamtes in die Dove-Elbe gebaut.

Etwa 3.500 vor allem Reit- und Freizeitpferde leben in den ländlichen Randgebieten der Großstadt Hamburg, knapp die Hälfte davon in den Vier- und Marschlanden. Über Jahrhunderte schon war es den jeweiligen Besitzern gestattet, ihre Tiere zur Erfrischung in naheliegende Gewässer zu führen. Um mögliche Widersprüche zum heutigen Baderecht mit seinen Verschmutzungsverordnungen zu umgehen, ist deshalb im Frühjahr 2000 an der Dove-Elbe die Pferdeschwemme errichtet worden – eine Art Badestrand mit festem Sanduntergrund für die schweren Huftiere, der sanft ins Wasser abfällt. Ein paar Meter vor dem Ufer ragen einige hölzerne Pferdeköpfe aus dem Wasser; für Mensch und Tier eine lebensgroße Symbolik, wer hier welche Vorrechte genießt.

Pferde dürfen seither ganz offiziell dort baden – ein paar hundert Meter weiter gilt gleiches übrigens auch für Hunde –, Menschen hingegen nur auf eigene Verantwortung. An warmen Sommertagen, wenn auch die Ufer der Dove-Elbe Ziel unzähliger Kurzurlauber aus der Großstadt werden, „haben wir hier Zuschauer hoch drei. Die Leute fasziniert, was sie sehen“, erzählt Helmut Burmester, Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Allermöhe/Moorfleet/Reitbrook und Besitzer eines benachbarten Reiterhofes.

Beispielsweise, wenn Pferd und Reiterin gemeinsam hinaus in den Fluss schwimmen. „Das ist voll cool. Wir machen das an heißen Sommertagen“, sagt Ramona, die 15-jährige Tochter des Reiterhof-Besitzers, die heute Nachmittag auf dem Rücken von Celim sitzt. Und ihr Vater fügt hinzu: „Bei Flipper auf der Rückenflosse zu liegen muss ein ähnliches Gefühl sein.“ Pferde können sich beständig über Wasser halten. Ramona steigt dann erst draußen im Fluss aus den Sattelschlaufen, um sich zunächst längs über dem Pferderücken auszustrecken und schließlich sanft an die Seite des schwimmenden Tiers zu rutschen.

Zwar können einige Pferde durchaus Scheu vor Wasser zeigen. Doch die lässt sich, vor allem im jungen Fohlenalter, leicht nehmen durch ein behutsames Heranführen an das nasse Metier. Pferde sind nämlich auch neugierige Wesen, und Herdentiere sind sie sowieso. Wo zunächst nur einige von ihnen vergnügt durchs Wasser pflügen, stieben auch die zunächst Scheueren irgendwann ganz aufgeregt hinterher. Und verhalten sich fortan vielleicht so, als hätten sie dies eigentlich schon immer so gewollt.

Zum Wasser wollte heute auch Magic wieder. Vorhin auf den paar hundert Meter Weg vom Hof zur Badestelle, erzählt die 16-jährige Reitschülerin Katharina auf Magic’s Rücken, „da hab ich schon gespürt, wie sie sich freut. Sie wusste, wohin wir reiten. Und als sie dann im Wasser planschte, da fand sie das ganz toll.“

Peter Brandhorst

Wasser: Flüssige Ware

Werden die Hamburger Wasserwerke privatisiert? Initiativen befürchten sinkende Qualität und steigende Preise

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Wenn Klaus Milewski Durst hat, geht er zum Wasserhahn. „Ich trinke schon seit Jahren grundsätzlich Leitungswasser“, sagt der 44-Jährige. In Hamburg kann Milewski seinen Durst bedenkenlos stillen: Das Leitungswasser in der Stadt ist hervorragend.

Bleibt das so? Das Bündnis „Unser Wasser Hamburg“, in dem sich Milewski engagiert, befürchtet sinkende Qualität und steigende Preise. Grund: die mögliche Privatisierung der Hamburger Wasserwerke (HWW), die bisher noch ausschließlich der Stadt gehören. Könnte das Lebensmittel Nummer 1 zum Spielball von Konzernen werden, nur um kurzfristig etwas Geld in die Stadtkasse zu spülen?

Immerhin interessiert sich HWW, viertgrößter Wasserversorger in Deutschland, für die Übernahme von Gelsenwasser, der Nummer 2 am Markt. Um den millionenschweren Einkauf zu bezahlen, so eine Vermutung,+ müsste sich HWW selbst einen Geldgeber ins Haus holen. Der will natürlich mitreden – und damit hätte, nach mehr als 150 Jahren in öffentlicher Regie, die Privatisierung der Hamburger Wasserversorgung begonnen.

Finanzsenator Wolfgang Peiner wäscht seine Hände in Unschuld: Das seien bloße „Gerüchte“. Behördensprecher Burkhard Schlesies bekräftigt: „Wir führen keine Verhandlungen mit Investoren, wir haben auch keine Angebote erbeten.“ Allerdings überprüfe die Finanzbehörde derzeit alle städtischen Beteiligungen, darunter auch HWW. Schlesies: „Der Senat entscheidet im Laufe des Sommers, wie er mit den Beteiligungen weiter verfährt.“

Die Privatisierung der Wasserversorgung liegt weltweit im Trend. Ob in Manila oder Prag, Hongkong oder Buenos Aires – immer öfter sind es kommerzielle Anbieter, die den Bürgern das Wasser reichen. Den Kommunen gefällt es: Sie können mit Erlösen aus dem Verkauf städtischen Eigentums das nächstliegende Haushaltsloch stopfen. Berlin hat 49,9 Prozent seiner Wasserbetriebe bereits versilbert – an RWE und Vivendi, die mit dem französischen Konzern Suez am internationalen Wassermarkt das Sagen haben.

Hamburg könnte eine wahre Perle zu Markte tragen. Die zentrale Wasserversorgung der Stadt ist die älteste auf dem europäischen Kontinent – und heute eines der profitabelsten Unternehmen in städtischem Besitz. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich Hamburgs Bürger ihr Wasser auf unterschiedliche Weise beschafft: Sie ließen sich Quellwasser auf ihre Grundstücke leiten, sie bezogen Alster- oder Elbwasser von den privaten „Wasserkünsten“, wie Speicherbehälter und Pumpsysteme früher genannt wurden, sie gingen selbst zum Schöpfbrunnen, oder sie wurden von Wasserträgern beliefert. Nach dem Großen Brand von 1842 fiel in Hamburg eine wegweisende Entscheidung: Der englische Ingenieur William Lindley plante ein Wassernetz in städtischer Trägerschaft. 1848 ging die „Zentrale Stadtwasserkunst“ in Betrieb und pumpte geklärtes Elbwasser in die Häuser. Im 20. Jahrhundert wurde zunehmend Grundwasser verwendet, aber erst seit 1964 wird Hamburgs Trinkwasser völlig ohne Elbwasser gewonnen.

HWW hat heute zwei Millionen Kunden, rund 1.200 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von 182 Millionen Euro. Der Gewinn aus dem Wasserverkauf ist 2002 kräftig gestiegen: auf 35,7 Millionen Euro (Vorjahr: 26,8 Millionen). Damit wurde locker der millionenschwere Verlust der Hamburger Schwimmbäder ausgeglichen, die über Bäderland ebenfalls zu HWW gehören. Trotzdem blieben immer noch fast 19 Millionen Euro übrig, die das Unternehmen an die Stadt überwies. Eine Summe, die im Haushalt natürlich fehlen wird, wenn die Stadt nicht mehr allein Eigentümerin ist.

In der HWW-Zentrale in Rothenburgsort gibt man sich wortkarg, wenn es um eine mögliche Privatisierung geht. „Kein Kommentar“, lässt Geschäftsführer Hanno Hames ausrichten. Deutlich äußert sich dagegen „Unser Wasser Hamburg“. „Die Hamburger Wasserwerke haben am Markt überhaupt nichts verloren. Trinkwasser ist ein Menschenrecht – keine Handelsware“, sagt Volkswirt Jürgen Arnecke, einer der Sprecher. Das Bündnis formierte sich Anfang des Jahres. Zu den Initiatoren gehören die Globalisierungskritiker von Attac, die Umweltschutzverbände BUND und NABU, die Verbraucherzentrale und die beiden großen Hamburger Mietervereine.

„Unser Finanzsenator müsste eigentlich wissen, dass ein Privatunternehmen nur in ein Wasserwerk einsteigt, wenn es Profit machen kann“, ergänzt Klaus Milewski, der derzeit durch Europa tourt, um für Volksabstimmungen in der EU zu werben. Ein privater Kapitalgeber wolle, unabhängig von einer Minderheits- oder Mehrheitsbeteiligung, das operative Geschäft kontrollieren und dann „massive Sparmaßnahmen“ einleiten.

Mit der exzellenten Qualität des Hamburger Trinkwassers wäre es nach einer Privatisierung womöglich vorbei, befürchtet das Bündnis. Gewinnorientierte Unternehmen könnten die Qualität des Trinkwassers auf das gerade noch erlaubte Maß absenken. Beispiel: Sie mischen dem hochwertigen Grundwasser chemisch aufbereitetes Oberflächenwasser bei, das weniger kostet.

Führt eine Privatisierung wenigstens zu sinkenden Preisen? Wohl kaum. Denn anders als im Strom- oder Telefonnetz können bei Wasser nicht mehrere Anbieter dieselben Leitungen nutzen. Dazu ist Wasser ein zu empfindliches Gut, das sich – im Gegensatz zu Strom – nicht einfach „mischen“ lässt. Folge: Der viel gepriesene Wettbewerb, der etwa bei Telefongesprächen für sinkende Preise gesorgt hat, kann bei Wasser gar nicht stattfinden. „Hier wird ein staatliches in ein privates Monopol überführt“, kritisiert Jürgen Arnecke, „das ist das Gegenteil von Wettbewerb.“ Hamburg würde „beim Grundnahrungsmittel Nummer 1 von einem einzigen Lieferanten abhängig“, der Preis und Qualität diktiere. Das Bündnis verweist auf Großbritannien, wo die Privatisierung zu einem Preissprung von 46 Prozent geführt habe. Statt marode Leitungen zu sanieren, sei die Dividende erhöht worden. Arnecke ironisch: „Wenn unser Trinkwassersystem dann nach 15 Jahren ohne nennenswerte Investitionen völlig heruntergewirtschaftet ist, dürfen wir es wieder zurückkaufen.“

Am sparsamen Umgang mit Wasser, befürchtet auch der GAL-Abgeordnete Christian Maaß, können private Anbieter kaum interessiert sein. Verluste im Netz würden sie in Kauf nehmen, solange betriebswirtschaftlich die Kasse stimmt – Ökologie nachrangig. Werbung fürs Wassersparen, wie HWW sie betreibe, werde ein privater Investor kaum fortführen, vermutet Maaß. Auch mit der finanziellen Stütze für die Hamburger Bäder, die bisher von Gewinnen aus der Wasserversorgung profitieren, dürfte es vorbei sein. Maaß: „Das bedeutet für zahlreiche Schwimmbäder Hamburgs das Aus. Gerade sozial benachteiligte Stadtteile wären betroffen.“

Um eine Privatisierung von HWW zu verhindern, hat „Unser Wasser Hamburg“ eine Volksinitiative gestartet. Die erforderlichen 10.000 Unterschriften sind bereits erreicht, obwohl die Frist noch bis Anfang August läuft. Auf der nächsten Stufe, beim Volksbegehren, müssen innerhalb von zwei Wochen gut 60.000 Hamburger unterschreiben. Ist auch das geschafft, könnte ein Volksentscheid über die Wasserversorgung stattfinden.

Doch vorerst bleibt alles im Fluss. Finanzsenator Wolfgang Peiner hat eine Privatisierung der HWW nicht offen befürwortet, aber auch nicht ausgeschlossen. SPD und GAL in der Bürgerschaft haben unterdessen versucht, den Verbleib von HWW im Eigentum der Stadt festzuschreiben. Doch das scheiterte an den Stimmen der Regierungskoalition.

Detlev Brockes

Wasserverschmutzer beim Kadi

Wie Tribunale sogar Konzerne zum Umdenken zwingen

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Costa Rica, im März 2003

Im „Macondo“, einer Kulturbar in einer kleinen Stadt in den Bergen von Costa Rica (Mittelamerika), knien eifrige Kinder im Hof über riesigen weißen Bettlaken und bemalen sie mit gelben Sonnen, blauen Wellen und grünen Buchstaben. Alles, was ihnen einfällt zum Thema Wasser. Ein Gang auf die Toilette der Bar offenbart einen unerwarteten Teil des Hauses. In einem Hinterzimmer stapeln sich Infobroschüren, Flyer und Poster auf einem Tisch, Plakatwände informieren über weltweite Aktionen zum Schutz des Wassers. Durch eine weitere Tür gelangt man in einige holzgetäfelte Büroräume. Hier stehen jede Menge graue Aktenordner in den Regalen, an den Wänden hängen Plakate mit Wasserfällen und Seen, umgeben von dichtem Regenwald. Das ist das Reich von Javier Bogantes Díaz, von Beruf Anwalt und Philosoph.

Er ist der Koordinator des Tribunal Centroamericano del Agua. Ein Gerichtshof, der im Namen der Bürger mutwillig herbeigeführte oder in Kauf genommene Schäden am Wasser anklagt, die im Alleingang durch private Firmen, aber auch unter Billigung von Regierungsinstitutionen entstanden sind. Rechtlich bindend sind die gefällten Urteile nicht, aber sie bringen Skandale an die Öffentlichkeit. Viele Firmen scheuen die negative Werbung und sind plötzlich zu Lösungen bereit. Oft sind auch Regierungen in die Fälle verwickelt und sichern die angeklagten Firmen rechtlich ab.

Weltweite Kooperation

Die Idee eines ethischen Gerichtshofes hat der 47-jährige Bogantes aus Amsterdam mitgebracht. Dort wurde 1991 ein internationales Wassertribunal inszeniert, auf dem weltweit arbeitende Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) zwölf Fälle von Wasserverschmutzung einbringen konnten, die von neun ehrenamtlichen Richtern in einer Woche verhandelt wurden. Javier Bogantes arbeitet seit mehr als 15 Jahren in unterschiedlichen Organisationen für den Schutz des Wassers.

Zusammen mit anderen Umweltorganisationen aus Lateinamerika brachte er eine Forderung gegen die Standard Fruit Company nach Amsterdam: Über die Marke Dole kontrolliert das Unternehmen ein Drittel des Bananenexports Costa Ricas und ist unter anderem für großflächige Wasserverschmutzungen durch Pestizide im Valle de la Estrella in Costa Rica verantwortlich. Der Fall wurde behandelt und das Unternehmen verurteilt, die umweltschädigenden Praktiken umzustellen. Angeregt durch diese Erfahrung, schlossen sich die lateinamerikanischen NGOs in der Gruppe „Rios Vivientes“ (lebendige Flüsse) zusammen mit dem Ziel, auch in Lateinamerika ein solches Tribunal zu veranstalten. 1993 verwirklichten sie ihre Vision in Brasilien und im Jahr 2000 in Costa Rica. Für das nächste Jahr planen die Gruppen eine weitere Anhörung von Fällen in Costa Rica, langfristig sollen die Umweltrichter alle drei bis vier Jahre zusammenkommen.

Madre Selva

Vor Gericht werden nur Fälle zugelassen, die schon seit einigen Jahren die Gemüter erhitzen und für die noch keine offizielle Lösung gefunden wurde, sei es auf politischer, juristischer oder ökonomischer Ebene. Für die Organisationen, die die Fälle als Ankläger vertreten und präsentieren, bedeutet die Anhörung und Verurteilung eine große Hilfe. Mit dem Urteil und der damit verbundenen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit können sie viel besser Druck auf die Firmen ausüben.

Im Jahr 2000 beispielsweise klagte die Umweltschutzorganisation „Madre Selva“ (Mutter Urwald) die US-Ölfirmen Basic Resources und Anadarko Petroleum Company an, durch Ölförderung in einem Naturschutzgebiet in El Petén, Guatemala, die Lagune Del Tigre vergiftet zu haben. Fünf Jahre lang hatten die Aktivisten protestiert und verhandelt, aber eine Einigung mit der Industrie war nicht in Sicht. Sobald jedoch bekannt wurde, dass die Organisation den Fall vor dem Tribunal in Costa Rica öffentlich machen wollte, kam ein Abgeordneter der Regierung Guatemalas, die ebenfalls angeklagt war, und war bereit, die Rückendeckung der Regierung gegenüber den Ölfirmen zu beenden. Im Gegenzug sollte der Fall nicht öffentlich verhandelt werden.

„Madre Selva“ ließ sich nicht auf den Deal ein und brachte den Fall vor das Tribunal. Die ehrenamtlichen, aber neutralen Richter verurteilten das Vorgehen der Ölfirmen. Sie verlangten den sofortigen Rückzug aus dem Naturschutzgebiet, Schadenersatz für die verursachten Umweltschäden, und sie mahnten die Regierung Guatemalas, in Zukunft für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen. Reporter aus Lateinamerika und der Welt berichteten über die Verhandlung. Der öffentliche Druck führte schließlich dazu, dass sich die Fördergesellschaften aus dem Gebiet der Lagune zurückzogen und auf benachbarte Ölquellen auswichen. Ein Teilerfolg, der ohne die Arbeit des Gerichts und dessen Helfer kaum vorstellbar schien.

Vor den medienwirksamen Urteilssprüchen liegen allerdings fast zwei Jahre aufwändiger Fallrecherchen. Die angezeigten Vergehen müssen vor Ort überprüft und Beweise gesammelt werden. Naturwissenschaftler nehmen Proben und werten sie im Labor aus, die Schäden werden dokumentiert, dann wird erst entschieden, ob der Fall zur Anhörung kommt. Wichtig ist dabei auch, wie viele Menschen betroffen sind und wie groß der Schaden für das Ökosystem ist.

Auch Javier Bogantes ist in der heißen Vorbereitungsphase viel unterwegs, reist nach Honduras, Panama und Guatemala, um Fälle zu sichten und Werbung für das Tribunal zu machen. Wo es möglich ist, löst er die Konflikte schon im Vorfeld auf friedlicher Basis. In Guatemala konnte er die verfeindeten Parteien im Streit um die Abholzung eines Gebiets in Sierra de las Minas an den Verhandlungstisch bringen: Eine Holzfirma blockierte den Zugang zum Wasser, nach 40 trockenen Tagen rebellierte die Bevölkerung dagegen und versperrte die Zufahrtswege für die Firmenfahrzeuge. Durch Bogantes’ Vermittlung einigten sich die Beteiligten und gaben die blockierten Wege und Ressourcen frei.

Menschenrecht oder Bedürfnis?

Neben der ethischen Rechtsprechung will Javier Bogantes mit seiner Arbeit aber auch die Menschen aufklären und ihnen bewusst machen, dass Wasser ein Menschenrecht ist. „Das Recht auf Wasser ist genauso wichtig wie das Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagt der Anwalt. Das sehen die globalen Wasserunternehmen allerdings anders. Auf dem Weltwasserforum in Den Haag 2000 reduzierten die weltgrößten Wasserkonzerne wie Vivendi und Suez gemeinsam mit Vertretern der Vereinten Nationen und Ministern aus 140 Ländern das Recht auf Wasser auf ein Bedürfnis. Das bedeutet: Trinkwasser darf ein Handelsgut sein. Der Beschluss ist eine der Grundlagen für die aktuelle Politik der weltweiten Privatisierung der Wasserversorgung. Dagegen schreibt Bogantes an: Broschüren, Bücher und Ausstellungen warnen vor den Gefahren, wenn die öffentlichen Wasserversorger verkauft werden, sie informieren über das Tribunal und andere Umweltthemen.

Unterstützung und Erfolg

Finanziert wird das Wassertribunal über internationale Spenden. Von der Regierung Costa Ricas bekommt Bogantes keine Unterstützung. Kein Wunder: Im Jahr 2000 stand das Gesundheitsministerium in der Rolle eines Angeklagten vor Gericht. Das habe die Zusammenarbeit nicht gerade erleichtert, sagt der Anwalt. Doch die Erfolge geben der Arbeit des Tribunals recht. In Lateinamerika arbeitende Weltfirmen wie Del Monte oder Kimberly Clark respektieren inzwischen die Schuldsprüche als ethische Urteilsinstanz und ändern teilweise ihre Haltung. Doch der größte Erfolg bleibt, dass die Umweltschutzorganisationen „ein Forum erhalten, um die Fälle von Wasserverschmutzung öffentlich zu machen“, so Bogantes. Denn der Zugang zu sauberem Wasser ist so lebensnotwendig wie das Scheinen der gelben Sonne, die die kleine Alexa gerade auf das große Tuch malt.

Rolle der UNO

Schon heute haben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, das entspricht etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung. Alle 14 Sekunden stirbt ein Mensch infolge verschmutzten Wassers, die meisten davon sind Kinder in Entwicklungsländern.

Die UNO hat daher das Jahr 2003 zum Jahr des Frischwas-sers erklärt und sich vorgenommen, die Zahlen bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Ein gewagtes Ziel, wenn man den weltweiten Trend zur Privatisierung des Wassers bedenkt und den damit einhergehenden Kontrollverlust der Regierungen über Qualität, Menge und Zugang zum lebenswichtigen Nass.

Dazu kommt: Zahlreiche Unternehmen zerstören Wasserressourcen, zum Beispiel bei Landwirtschaft, Bergbau, Holzhandel oder Ölförderung. Der Planet Erde ist zu mehr als drei Vierteln mit Wasser bedeckt. 97 Prozent davon sind Salzwasser, 3 Prozent Süßwasser, davon ist ein Prozent Trinkwasser.

Sonja Norgall

Stelldichein der Straßenkicker

In Graz treffen sich Wohnungslose aus 18 Ländern zu ihrer ersten Fußball-Weltmeisterschaft

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Blondi keucht. Er ist aus der Puste. Die Sonne brennt, und die Beine sind schwer geworden nach dem 30-Meter-Spurt um die Kugel. Immerhin ist es eine Weile her, dass der 36-Jährige das letzte Mal Fußball gespielt hat. „Lass uns eine Pause machen!“, ruft der Hinz & Kunzt-Verkäufer seinem Kollegen Frank zu. Dem ist das recht. „Laufen ist nun mal etwas anderes als Fahrrad fahren“, sagt der 37-Jährige, der eine einfache Begründung dafür hat, warum er unbedingt beim Stelldichein der Straßenkicker dabei sein will: „Fußball ist Sport. Und Sport ist gut.“

Frank und Blondi gehören zur achtköpfigen deutschen Mannschaft, die im Juli in Österreich mit Wohnungslosen aus 18 Ländern um den Weltmeistertitel der Wohnungslosen kicken wird. Die Idee zum „Homeless World Cup“ hatten Mitarbeiter des Grazer Straßenmagazins Megaphon. Welcher Ort, so fragten sich die Kollegen vom H&K-Schwesterprojekt, bietet sich besser an für eine Obdachlosen-Weltmeisterschaft als die europäische Kulturhauptstadt 2003 – wo Fußball doch ein ebenso globales wie Kulturgrenzen überschreitendes Phänomen ist…

Die Resonanz ist überwältigend: Teams aus vier Kontinenten werden in Graz auflaufen. Vom Welt-Fußballverband UEFA bis zur US-Botschaft in Österreich reicht die Liste der Kooperationspartner und Sponsoren. Während die deutsche Mannschaft – je zwei Spieler kommen aus Freiburg, Stuttgart, Regensburg und Hamburg – auf die Gunst der Stunde setzen muss (siehe Interview), laufen anderswo seit Monaten die Vorbereitungen.

„Meine Jungs spielen Qualitäts-Fußball“, sagt Sigi Milchberger, Trainer der Gastgeber-Mannschaft, die zu den Favoriten zählt. „Black is beautiful“ könnte das Motto des jungen österreichischen Teams lauten. Denn die Ballkünstler stammen aus Nigeria, Kamerun oder Senegal – Flüchtlinge aus Krisenregionen, die auf verschlungenen Wegen die Stadt an der südlichen EU-Grenze erreicht haben und dort mit dem Verkauf des Straßenmagazins ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Die US-amerikanischen Straßenfußballer trainieren sogar schon seit vergangenem Herbst in einer New Yorker Turnhalle. „Wir gelten als Außenseiter“, sagt Ron Grunberg, Herausgeber des Straßenmagazins BIGnews. „Doch wir haben den tiefen Glauben daran, dass wir gewinnen können.“ Prominente Unterstützung hat die Konkurrenz aus Spanien und Großbritannien erhalten: Star-Fußballer und Trainer der Spitzenclubs Real Madrid und Manchester United nahmen die Streetsoccer-Teams unter ihre Fittiche. Bewerber für die englische Auswahl mussten erst mal zum Vorspielen nach Manchester reisen. Nur die Besten wurden dort ausgewählt unter den Augen von United-Trainer Sir Alex Ferguson.

Auf der Insel hat der Kick unter Wohnungslosen bereits Tradition: Um die „Streetleague“ spielen sie dort seit Jahren, und kein geringerer als Gilberto Silva ist Schirmherr der besonderen Fußball-Liga. Silva, brasilianischer Nationalspieler in Diensten von Arsenal London, hat nicht vergessen, wo seine Wurzeln liegen: auf der Straße, in den Slums. Dort spielen die Kids Tag für Tag, von morgens bis abends.

Eine deutsche Straßenfußballer-Biografie sieht ein wenig anders aus: Blondi ist gelegentlicher Hobby-Kicker. Er setzt auf „gutes Stellungsspiel“ und darauf, „dass ich mit Alkohol und Zigaretten nichts am Hut habe“. Frank war als Kind „mehr für Leichtathletik“, wurde vom Vater für den Fußball gewonnen und hat später „in Kneipenmannschaften gespielt“. Doch das ist lange her. „An der Kondition müssen wir noch arbeiten“, bilanziert Blondi selbstkritisch. Übertreiben werden sie es aber nicht mit der Vorbereitung. Wie sagt Frank so schön: „Das Wichtigste ist der Spaß.“

„Schöne Freundschaften“

Interview mit Reinhard Kellner (53), Vorsitzender des Bundesverbandes Sozialer Straßenzeitungen und Trainer der deutschen Auswahl

H&K: Warum eine Straßenfußball-Weltmeisterschaft der Obdachlosen?

Reinhard Kellner: Wir wollen zeigen, dass sich Arme, Obdachlose, Sozialhilfeempfänger weltweit organisieren können, auch über die Straßenmagazine hinaus. Es geht darum, gemeinsam Sport zu machen und Kameradschaft zu erleben, aber auch, über Armutsbekämpfung weltweit zu diskutieren. Da kommen ja Menschen aus 18 Ländern zusammen.

H&K: Die deutsche Mannschaft spielt mit Wohnungslosen aus vier Städten. Wie bereitest du das Team auf das Turnier vor?

Reinhard Kellner: Ausschließlich mental. Wir treffen uns ja erst am Abfahrtstag. Da können wir höchstens noch neben der Autobahn trainieren. Aber Deutschland war immer schon eine Turniermannschaft.

H&K:Wer wird Weltmeister?

Reinhard Kellner: Ich geh davon aus, dass die Brasilianer gewinnen werden, weil die mit relativ jungen Leuten kommen und einfach gut spielen. Aber das ist nicht so wichtig. Ich hoffe, dass der Austausch der Spieler untereinander im Vordergrund stehen wird.

H&K: Gibt es wenigstens eine Außenseiter-Chance für die deutsche Mannschaft?

Reinhard Kellner: Unser Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen. Es gibt schon ein paar Teams, bei denen wir denken, dass wir mithalten können. Wir haben halt eine relativ alte Mannschaft, Durchschnitt 35, eher zu den 40 hingehend. Das Team der Österreicher zum Beispiel besteht ausschließlich aus jungen Modellathleten. Die werden uns wohl von der Bühne putzen.

H&K: Wird es künftig regelmäßig Weltmeisterschaften geben?

Reinhard Kellner: Ich kann mir das gut vorstellen. Kulturhauptstadt Europas wird ja immer wieder eine andere Stadt. Und das lässt sich gut miteinander verbinden.

H&K: Können wir auf eine Fußball-Bundesliga der Obdachlosen hoffen?

Reinhard Kellner: Also, eine süddeutsche Meisterschaft gibt es ja schon. Daraus sind schöne Freundschaften unter Verkäufern entstanden. Inwieweit sich die Nordlichter von so etwas anstecken lassen, werden wir sehen.

H&K: Warum trägt die deutsche Mannschaft eigentlich orangefarbene Trikots mit dem Schlachtruf „venceremos“?

Reinhard Kellner: Die Greenpeace-Designerin hat die Trikots entworfen und hatte bei der Farbe freie Hand. Von mir stammt die Idee mit „venceremos“. Das heißt ja: Wir werden gewinnen, und das tun wir auch. Wir werden nämlich alle gewinnen, weil wir uns sehen, treffen und austauschen.

Ulrich Jonas

Ein lebendiger Ort

Begegnungen auf dem Ohlsdorfer Friedhof

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Hein Gas präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Kriegerehrenallee auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Donnerstag, 11 Uhr: Die Planierwalze rast über die Gräber. Durch die Zweige der Fichte in der Mitte des Gräberfeldes blinzelt die Sonne. Das dröhnende Gefährt brettert über das Gras. In einer Minute pressen seine Tonnen zwei Gräberreihen platt. Nebenan kniet ein Gärtner und jätet in aller Ruhe Unkraut, die Planierwalze ignoriert er.

3418 deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg liegen an der Kriegerehrenallee auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben. Ihre Grabsteine sollen hier ewig stehen – als Mahnung zum Frieden, wie es im Friedhofsführer heißt. Doch Maulwürfe haben sich den Friedhof als Lebensraum ausgesucht und drohen nun die Grabsteine zu unterwühlen. „Mit der Walze versuchen wir, den Boden so zu verdichten, dass die Tiere nicht mehr darin graben wollen“, sagt Friedhofsgärtner Martin Müller. Vergiftet werden dürfen Maulwürfe glücklicherweise nicht, deshalb gehen an der Kriegerehrenallee nur Greifvögel auf die Maulwurfsjagd – und eben die Planierwalze. Wirklich vertreiben lassen sich die Tiere vom größten Parkfriedhof der Welt nicht.

So beschaulich der Ohlsdorfer Friedhof wirkt, wer genauer hinsieht, entdeckt, dass er alles andere ist als nur ein Ort des Todes. Reinhold Roosen, ebenfalls Gärtner, sagt: „Was die Leute hier alles machen: joggen, Rad fahren, sonnenbaden, Picknick und sogar angeln.“ Einiges davon verbietet die Friedhofsordnung, etwa Fische fangen im See, der einen Steinwurf entfernt von der Kriegerehrenallee liegt. Allerdings sind Maulwürfe und zuweilen auch Menschen blind für die Regeln. Sie machen die Kreuzung Kriegerehrenallee/Mittelallee zum Habitat, Gedenkort, Naherholungsgebiet, Arbeitsplatz, kurz: zu einem Ort des Lebens.

Donnerstag, 13 Uhr: „Ich komme gerade von einer Feier“, sagt Friederun Poppe-Kögler. Die Freude der schwarzhaarigen Frau ist fast greifbar – was mag das für eine Feier gewesen sein? Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug, dazu eine aufblasbare Gießkanne in der einen Hand und einen Geigenkoffer in der anderen. „Heute haben wir den ‚Sommer‘ von Vivaldi gespielt.“ Friederun Poppe-Kögler spielt Violine und Bratsche auf Beerdigungen – besser gesagt auf „Feiern“, wie sie es nennt. Sie spielt, was sich die Angehörigen wünschen, meist klassische Stücke von Mozart bis Bruckner. „Das ist toll, da kann ich beinahe jeden Tag Solo spielen“, sagt Poppe-Kögler.

Die 59-Jährige hat offensichtlich ihren Traumjob gefunden. Die ehemalige Geigenlehrerin interpretiert aber auch Popsongs oder Schlager wie Heidi Kabels „In Hamburg sagt man Tschüs“. Früher ist sie bei solchen Spezialwünschen immer ins Musikgeschäft gegangen und hat sich die Noten gekauft. „Heute gucken meine drei Söhne kurz ins Internet – schon hab ich, was ich brauche“, erzählt Poppe-Kögler.

Jetzt, nach ihrem Auftritt, ist sie auf dem Weg zum Grab ihres Mannes. „Er ist vor vier Jahren gestorben.“ Als sie dies sagt, verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht. Doch es ist fast augenblicklich wieder da, als der Blick der Musikerin auf ihre aufblasbare Gummigießkanne fällt. Zusammengefaltet passt sie locker in ihre Tasche, zwischen die Abschiedsgrüße von Maffay und Mozart.

Sonntag, 14 Uhr: Auf der Mittelallee tobt der Verkehr, Radfahrer flitzen über den Asphalt, die Autos und Motorräder fahren Kolonne. Ein leiser, eintöniger Klangteppich liegt über den Kriegsgräbern. „Als Frau kann man hier eigentlich nicht allein herumlaufen“, sagt Frau Wilfing, als sie auf einer Bank eine Verschnaufpause einlegt. „Da kann einem ja immer was passieren!“ An dem latenten Unsicherheitsgefühl der Rentnerin änderte es auch nichts, dass die Friedhofsgärtner die Rhododendronbüsche gestutzt und Bäume beschnitten haben. Frau Wilfing war nicht die einzige, der es zu düster war auf dem Friedhof.

Ein junges Paar in schweren Lederstiefeln schlendert an den Grabsteinen der Soldaten vorüber. Die roten Strähnen im langen Haar der Frau sind das einzig Farbige an den beiden, sie tragen komplett Schwarz. Hand in Hand lesen sie schweigend die Inschriften der Steine. Obwohl der Kontrast zwischen ihrem blassen Teint und den schwarzen Kleidern auf dem Spiel steht, scheinen sie die Sonne zu genießen. Als das verliebte Paar außer Sicht ist, nimmt Frau Wilfing ihren Mut zusammen und macht sich auf zum Grab ihrer Eltern. Die größte Gefahr, die ihr dabei droht, ist schnell beseitigt: Frau Wilfing setzt sich noch einmal auf die Bank, verschnürt ihr offenes Schuhband und wünscht einen schönen Tag.

Freitag, 17 Uhr: Es nieselt warm. Der Asphalt der Kriegerehrenallee sendet diesen kitzligen Duft in die Nase, den der erste Regen nach einer langen Hitze verursacht. Ein Specht trommelt, die Allee und das Gräberfeld sind fast verwaist. Nur ein Mann mit schlohweißem Haar, vielleicht Mitte 60, schlendert ohne Eile an den grauen Reihen der Grabsteine vorbei, die der Regen noch einen Ton grauer färbt. „Manchmal komme ich am Nachmittag oder in der Dämmerung hierher, um die Atmosphäre zu genießen“, sagt er und rückt seine Brille zurecht. Helmut Schoenfeld, so heißt der Mann, kennt den Friedhof wie die Tasche seiner Jeans. 20 Jahre hat er hier als Gartenarchitekt gearbeitet, die Geschichte des Friedhofs erforscht und nach der Pensionierung ein Buch über seinen ehemaligen Arbeitsplatz geschrieben. Jetzt führt er Besuchergruppen über die Kriegsgräber.

„Gelegentlich werden ganze Busladungen von Bundeswehrsoldaten zum Pflichtbesuch abkommandiert“, sagt er und leckt hastig über seine Lippen. Richtig wohl fühlt er sich nicht, wenn die Kommandanten den Soldaten am Ende der Führungen befehlen, den toten Kämpfern Ehre zu bezeugen. „Den Kriegsopfern hier gebührt doch in erster Linie Mitleid, nicht Ehre“, sagt Schoenfeld. Die Kriegerehrenallee liegt verlassen. Nur der Specht klopft – als wolle er jemandem Schoenfelds Worte einhämmern.

Philipp Jarke und Steffen Kraft

Miteinander: Betreuen statt bevormunden

Wie auch verwirrte Menschen noch am Leben teilnehmen können

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Rund 19.000 Menschen leben in Hamburg mit einem rechtlichen Betreuer – und jedes Jahr werden es rund 1000 mehr. Eine von ihnen ist Margret Berahn (Name geändert). Seit vier Jahren steht ihr bei allen rechtlichen, finanziellen und gesundheitlichen Angelegenheiten Gabriele Warner zur Seite. „Wie viel haben wir noch?“, fragt Frau Berahn, und Gabriele Warner antwortet: „6500 Euro. Anfangs hatten Sie 9500 Euro Schulden.“

Frau Berahn hat schon lange für vieles den Blick verloren – auch für Geld und dessen Bedeutung. „Ganz viel Miete“, erklärt Gabriele Warner, „und etliche Kredite hier und da.“ „Miete?“, fragt Frau Berahn, „nee, das war mir eigentlich nicht bewusst. Das war mir, ehrlich gesagt, scheißegal.“ Betreuerin Warner versucht jetzt, für sie die schwierige Balance zu wahren zwischen Schuldenabbau und den regelmäßigen Zahlungen für Miete und Strom. Sie überprüft den vom Pflegedienst durchgeführten Lebensmitteleinkauf und zahlt Frau Berahn Taschengeld.

Auch psychisch versucht die Betreuerin, Halt zu vermitteln. Margret Berahn ist Anfang 40 und hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich. „Auf wie viele komme ich eigentlich, Frau Warner?“, fragt Frau Berahn nach einer Weile. Sie versucht sich zu erinnern, vergeblich. Gabriele Warner antwortet: „Seit ich Sie kenne, sind es bestimmt schon zehn gewesen.“

Die ausgebildete Juristin arbeitet seit 1997 hauptberuflich als Betreuerin hilfsbedürftiger Menschen. Sie und andere Betreuer helfen Menschen in seelischer Not, die überfordert sind durch die quälenden Anstrengungen des Lebens. Andere sind allein geblieben bei der Bewältigung des Alterns. Die Zahl dementer und psychisch kranker Menschen steigt, die ihr Leben ohne fremde Hilfe nicht mehr selbst gestalten können, was allgemein mit einer sich stetig verändernden Alters- und Sozialstruktur in der Bevölkerung erklärt wird.

Noch bis Ende 1991 konnte kurzerhand entmündigt werden, wer am Leben zu scheitern drohte oder es bereits war. Entmündigung bedeutete: „Vormünder“ bestimmten über das Leben ihrer „Mündel“. Der Wille dieser Menschen wurde nur noch wenig geachtet. Die Vermögensverwaltung stand im Vordergrund, die Gesundheitsvorsorge dagegen wurde oft vernachlässigt.

Betreuen statt bevormunden, so ließe sich die Zielsetzung des jetzt gültigen Rechts überschreiben – nicht mehr über andere Menschen entscheiden, sondern für sie. Die Betreuung soll der betreuten Person ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen, muss dabei deren Willen maßgeblich berücksichtigen. Und: Wer betreut wird, verliert nicht seine Geschäftsfähigkeit, darf weiterhin Verträge abschließen. Wer will, kann zum Beispiel auch heiraten. „Wir müssen rauskriegen, wo die jeweiligen Personen ihre Stärken haben“, sagt Gabriele Warner, „verbliebene Fähigkeiten können wir dann stärken. Und dort, wo fremde Hilfe erforderlich ist, organisieren wir zum Beispiel den Pflegedienst oder auch eine psychiatrische Betreuung.“ Man verstehe sich als Allround-Regler, beschreibt die Profibetreuerin sich und ihre Kollegen. Auch Margret Berahn weiß das zu schätzen.

„Frau Warner merkt das, wenn ich wieder schlecht drauf bin“, sagt sie, „dann kommt sie, und ich muss schnell ein paar Sachen einpacken. Und dann fahren wir sofort nach Ochsenzoll.“ Schon seit Jahren pendelt Frau Berahn vornehmlich zwischen Psychiatrie, Wohnheim und immer wieder auch eigener Wohnung. Eigentlich, bemerkt sie ganz überrascht im Gespräch, war ich jetzt schon lange nicht mehr in der Klinik. Das letzte Mal vor fast sieben Monaten.

Vormundschaftsgerichte haben über die Einrichtung von Betreuungen zu beschließen und jede einzelne spätestens nach fünf Jahren zu überprüfen. Das Gesetz weist vor allem der ehrenamtlichen Betreuung eine große Bedeutung zu. Angehörige, Verwandte, Nachbarn von Hilfsbedürftigen sollen so insbesondere bei einfacheren Fällen in die Verantwortung genommen werden, damit bei der Organisation von Pflege auch der emotionale und soziale Kontakt zur Umwelt nicht abreißt. Knapp die Hälfte der Hamburger Fälle wird deshalb ehrenamtlich betreut. Von diesen rund 9.500 Betreuungen wird wiederum die Hälfte privat im Familien- oder Freundeskreis vorgenommen; die andere Hälfte organisieren ehrenamtliche Betreuer unter der Regie von insgesamt acht Hamburger Betreuungsvereinen. Dennoch verbleiben nach Angabe der Sozialbehörde etwa 9.500 – oft schwerere – Betreuungsfälle, um die sich in Hamburg rund 450 Berufsbetreuer kümmern.

Im Grundsatz habe sich das Gesetz bewährt, heißt es in der Sozialbehörde. Allerdings: Die Kosten steigen immer mehr, so der Sprecher der Justizbehörde, über deren Etat die Berufsbetreuung finanziert wird. Etwa 22 Millionen Mark (11,3 Mio Euro) im Jahr 2001 gegenüber gut 10 Millionen Mark (5,1 Mio Euro) im Jahr 1998. Doch in Hamburg und Berlin wird schon an Änderungsvorschlägen gearbeitet. Ziel: Durch Vorsorgevollmachten und gesetzliche Vertretungsmacht sollen künftig nahe Angehörige dazu verpflichtet werden, für hilflose Menschen im eigenen Familienkreis selbst die Verantwortung zu übernehmen. Gewünschter Nebeneffekt: Deutliche Reduzierung der Ausgaben insbesondere für Berufsbetreuungen. Wer ehrenamtlich betreut, erhält eine jährliche Pauschale von 312 Euro. Die Arbeit von Berufsbetreuern kostet die Länder bis zu 31 Euro pro Stunde.

„Meistens“, sagt Gabriele Warner, die für den Betreuungsverein Hamburg-Nord arbeitet, „haben wir es mit Menschen zu tun, die sich im Blickfeld von anderen befinden.“ Menschen, die auch äußerlich auffällig sind, nachts beispielsweise durch Treppenhäuser irren oder auf der Straße leben. Oftmals kann man einfach nur Schadensbegrenzung betreiben, sagt sie. Aber wenn es gelinge, eine Wohnungskündigung zu verhindern, die nur deshalb ausgesprochen wurde, weil jemand verwirrt ist, dann habe man Gutes erreicht. „Wir wollen nicht zulassen, dass diese Leute als rechtlos dargestellt werden“, sagt Warner, „aber welche Hilfen auch immer wir veranlassen: Dadurch wird jemand nicht wieder jung und gesund. Er wird weiter er selbst sein.“

Peter Brandhorst

Miteinander: Nette Nachbarn

Wie Bürger im Münsterland den Zusammenhalt pflegen

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Opa ist tot. Gedankenverloren wirft Florian den Ball immer wieder gegen die Hauswand. Sein düsterer Blick lässt das Ausmaß des Verlustes ahnen. Rosemarie Kehr nimmt den Zehnjährigen in den Arm und sagt: „Kommst du nachher zum Fest? Dein Großvater hätte sicherlich nicht gewollt, dass du nur traurig bist…“ Daniel schaut zu Boden und sagt leise: „Aber Opa ist gestorben – das geht nicht!“ – „Doch, das geht!“, sagt resolut die 52-Jährige, die manche hier auch „die Bürgermeisterin vom Markenkamp“ nennen. „Eine Stunde kannst du schon vorbeikommen. Grüß deine Eltern von mir, und sag ihnen, ich hätte das gesagt.“

Die Anwohner feiern ihr alljährliches Fest. Rund 120 Familien leben am Markenkamp, einer am Wald gelegenen Neubausiedlung am Rande der westfälischen Kleinstadt Haltern. 1984 wies die 37.000-Einwohner-Gemeinde das ehemalige Römer-Lager als Baugrund für Familien mit Kindern aus. Alle waren neu, kaum einer kannte den anderen. Bald organisierten Umtriebige wie Rosemarie Kehr oder Heribert Walfort das erste Fest. Ein Geist entstand, den der ehemalige Telekom-Abteilungsleiter und heutige Frühpensionär Walfort so beschreibt: „Man hilft sich gegenseitig, wenn jemand Hilfe braucht.“

Am Anfang ging es hauptsächlich um die Häuser und die Kinder. Wollte einer einen Balkon an seinem Haus anbauen, fragte er die Nachbarn. Und musste ein anderer in die Stadt zum Einkaufen, wusste er, wer auf die Kinder aufpassen wird. Doch bald schon warteten andere Herausforderungen auf die Menschen vom Markenkamp, „echte Härtefälle“, wie Rosemarie Kehr heute sagt. Ein halbes Jahr lang hat sie zum Beispiel einen Säugling versorgt, weil die Mutter nach der Geburt in Depressionen verfiel. „Da haben alle ringsherum geholfen“, erinnert sich die klein gewachsene Frau mit der großen Energie. Oder als sich die Eltern eines siebenjährigen Jungen scheiden ließen: Da kümmerte sich eine Nachbarin rührend um den Kleinen und sorgte dafür, dass es ihm gut ging in schlechten Zeiten.

Gelebte Nachbarschaft hat im Münsterland eine lange Tradition. Damals, vor gut 100 Jahren, waren Stadt und Land noch kaum zu unterscheiden. In den größeren Siedlungen waren es die Ackerbürger, die sich zu Brunnen- gemeinschaften zusammenschlossen, gegenseitig auf die Kinder aufpassten und auch sonst einander halfen. Nicht nur aus reiner Nächstenliebe, meint Hans-Josef Böing, Sozialdezernent der Stadt Haltern. „Es war zweckmäßig, sich zu verstehen, um sich nicht ums Wasser zu kloppen.“ Ähnlich verhielt es sich auf dem platten Lande, wo Heribert Walfort groß geworden ist. „Wenn du da keine Nachbarn hast, bist du aufgeschmissen.“ Einem Kalb etwa kann der Bauer nicht alleine auf die Welt helfen, und der Trecker wird billiger, wenn man ihn gemeinsam anschafft.

Um der Idee des Zusammenhalts eine möglichst verlässliche Form zu geben, entwarfen die Münsterländer sogar schriftlich fixierte Regelwerke. „Sinn und Zweck der Nachbarschaft liegen darin, dass alle Familien in friedlicher und freundschaftlicher Weise zusammenhalten. Dieser Grundsatz soll gelten in guten und schlechten Tagen, in Trauer, Freude und Leid“, heißt es etwa in der Satzung der „Nachbarschaft Johannesstraße“, die vergangenes Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feierte. Wer dem Verbund beitreten will, muss einen Mitgliedsbeitrag bezahlen. Im Gegenzug kümmern sich Jahr für Jahr neu gewählte „Nachbarschaftsherren“ und „-knechte“ um die Organisation von Geburtstagsgeschenken, Krankenbesuchen und Beerdigungen. „Nachbarschaften haben den Reiz, dass sie das bieten, was man heute oft als Dienstleistung einkauft“, sagt Sozialdezernent Böing.

Doch eine Nachbarschaft ist mehr als ein soziales Hilfesystem, meint Heribert Walfort und erinnert an die vielen „schönen Momente“, die sie sich gegenseitig schon bereitet haben. Vor Jahren zum Beispiel kamen sie mal auf die Idee, einem Paar zur silbernen Hochzeit eine Play-Back-Show à la „Blues Brothers“ darzubieten. „Das kam so bombastisch an, dass es seitdem alle wollen.“ Oder die „Aida“-Geschichte: Da schenkte die Nachbarschaft einem anderen Jubiläums-Pärchen Karten für die Oper – und verkleidete sich zu diesem Anlass komplett als Römertruppe. „Das waren alles selbst gebastelte Kostüme“, sagt Rosemarie Kehr stolz. Etwa 15 Familien umfasst ihre Nachbarschaft. Vier Mal im Jahr machen sie gemeinsam einen Ausflug, etwa ins Bergwerk, einmal jährlich lädt eine Familie zur „Fete ohne Knete“, bei der das Buffet aus den Nachbarschaftsbeiträgen – 60 Euro pro Familie und Jahr – bestritten wird. Wohlgemerkt: „Niemand wird gezwungen“, sagt Heribert Walfort. Jener prominente Sportler etwa, der mit seiner Familie nebenan wohnt, bleibt lieber für sich, berichtet der Frührentner und sagt: „Man kennt die Eigenheiten. Und richtigen Ärger hat es hier noch nie gegeben.“ Im Balance-Akt zwischen Ansprüchen und Abgrenzungen müsse eben „jeder ein bisschen Gefühl dafür haben, wo die Grenzen sind“.

15 bis 20 Nachbarschaften gibt es allein in Haltern, wie viele es im gesamten Münsterland sind, weiß niemand. Die Zukunft aber ist ungewiss. „Wir wollen uns dieses Kleinod erhalten“, sagt Alfons Stock, derzeit Nachbarschaftsherr in der Halteraner Johannesstraße. Doch gehört in seiner Straße nur noch ein Drittel der rund 200 erwachsenen Anwohner zur Nachbarschaft, und die Zahl sinkt. Alfons Stock meint den Grund zu kennen: „Viele Mietwohnungen, hohe Fluktuation.“ Ins gleiche Horn bläst auch Sozialdezernent Böing: „Eine Nachbarschaft in der Großstadt kann ich mir kaum vorstellen. Schon in Münster gibt es so etwas nicht mehr.“

Diese Erfahrung hat auch Sabrina gemacht, die 23-jährige Tochter von Rosemarie Kehr. Wegen des Studiums wohnt sie unter der Woche neuerdings in der Stadt, in einer Dreier-WG im Mehrfamilienhaus. „Eine Nachbarin dort ist meine beste Freundin, sonst hab ich mit den Leuten nichts zu tun“, erzählt sie. Allerdings, sagt Sabrina, vielleicht liegt das auch daran, „dass ich hier im Markenkamp ja immer noch meine Leute habe“. Zudem sei das auch eine Frage des Alters. „In zehn Jahren wird das anders sein. Das ist so ein innerer Drang: Meine Mutter ist so, und ich bin so.“ Gut möglich also, dass die junge Frau bald eine neue Nachbarschaft stiften wird.

Ulrich Jonas

Neue Chancen

Der City-Service verbindet Arbeit für Sozialhilfeempfänger mit besserem Service für alle

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Dieser Mann hat eine passende Aufgabe. „Ich bin ein kommunikativer Mensch“, sagt Alain. „Mir macht es Spaß, jeden Tag mit Leuten zu reden, ihnen zu helfen und ab und zu meine Fremdsprachenkenntnisse auszuprobieren.“ Der 53-jährige gebürtige Franzose arbeitet seit neun Monaten beim City-Service. Gemeinsam mit seinen Kollegen – allesamt ehemalige Sozialhilfeempfänger – läuft der frühere Lagerarbeiter Tag für Tag durch die Innenstadt, hilft Passanten und erledigt auch Auftragsarbeiten für Geschäftsleute. 938 Euro brutto bekommt er dafür im Monat.

Zwei Jahre ist es her, dass das Arbeitsprojekt für Sozialhilfeempfänger an den Start ging. Mit dem City-Service wollte Ideengeber Hinz & Kunzt mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Menschen ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt sollten Berufspraxis sammeln und sich gleichzeitig qualifizieren können. Und Kunden und Kaufleute sollten vom neuen Service-Angebot in der Innenstadt profitieren. Projektleiter Jürgen Bortchen vom Träger „Beschäftigung und Bildung“ (b+b) zieht zufrieden Bilanz: „Es läuft so wie gedacht.“

]25 Menschen bietet der City-Service derzeit eine neue Chance. Ein Jahr lang beraten sie Touristen und Passanten auf den Straßen, verteilen Flyer im Auftrag des City-Managements, bewachen Ausstellungen in der St. Jacobi-Kirche, erledigen Büroarbeiten für die Hamburger Hochbahn AG oder reinigen den Gertrudenkirchhof im Auftrag der Landesbank. Gleichzeitig qualifizieren sie sich weiter: Fred zum Beispiel, früher Hinz & Kunzt-Verkäufer, will den Staplerschein machen und einen EDV-Kurs besuchen, denn er weiß: „Sonst habe ich keine Chance auf einen Job.“

Immerhin jedem vierten der ehemaligen Hilfeempfänger gelingt der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt, so Projektleiter Bortchen – etwa als Museumsaufsicht, Restaurant-Bedienung oder Versicherungsangestellter. „Die anderen rutschen wieder in die Arbeitslosigkeit – aber sie sind wenigstens keine Sozialhilfeempfänger mehr, da sie Versicherungsbeiträge eingezahlt haben.“ Zudem habe „mancher wieder eine Wohnung bekommen, nachdem er bei uns angefangen hat“.

Bortchen hofft auch auf „Klebeeffekte“ bei den Kaufleuten der City: Eine seiner Mitarbeiterinnen zum Beispiel steht auf der Personal-Warteliste eines Kaufhauses, nachdem sie dort ein Praktikum gemacht hat. Wer beim City-Service eine Chance bekommt, entscheidet neuerdings vor allem die städtische Beschäftigungsgesellschaft Hamburger Arbeit (HAB). Seitdem die Behörde ihr Ein-Euro-Programm aufgelegt hat – Sozialhilfeempfänger machen drei Monate Praktikum und bekommen dafür einen Euro die Stunde zusätzlich zur Stütze – kann nur beim City-Service beginnen, wer das HAB-Praktikum geleistet und so seine Arbeitsbereitschaft bewiesen hat. Immerhin: Innerhalb dieser Zeit können die Kandidaten testen, ob der Job ihnen liegt.

Der 37-jährige Hans-Joachim findet das gut. „Zu lange“ habe er von Sozialhilfe gelebt, bis er eines Tages zum Amt gegangen sei und gesagt habe: „Ich will was machen!“ Was im Herbst aus ihm werden wird, wenn das Jahr um ist, weiß der Ungelernte noch nicht: „Ich werde mich von den Stellenangeboten inspirieren lassen“, sagt er. „Ohne Ausbildung werde ich ja nehmen müssen, was ich kriege.“ Nachdem die Stadt – die Sozialbehörde zahlt pro Beschäftigten 38.200 Euro im Jahr – seit Januar fünf neue Arbeitsplätze beim City-Service finanziert, ist Projektleiter Bortchen um die Zukunft nicht bange. „Wir erwirtschaften immer mehr Geld selbst.“

Acht Euro die Stunde pro Mitarbeiter berechnet der City-Service für seine Dienstleistungen, und die Nachfrage wächst: 18.000 Euro kamen im Startjahr 2001 zusammen, 24.000 Euro waren es 2002, im laufenden Jahr sollen es gar 35.000 Euro werden. Dass dieses Ziel realistisch ist, bestätigt City-Manager Henning Albers, Sprecher der Geschäftsleute in der Innenstadt: „Die gute Qualität der Arbeit wird von der Kaufmannschaft sehr geschätzt.“ Das Projekt nehme anderen die Arbeit weg, monierten Kritiker wie die Sozialpolitische Opposition vor zwei Jahren. Projektleiter Bortchen sieht diese Befürchtung nicht bestätigt. „Büro- und Fassadenreinigung zum Beispiel lehnen wir gleich ab. Und die Stadtreinigung fährt ja weiterhin jeden Morgen durch die Spitaler Straße.“

Für Mitarbeiter wie den Ex-Hinz & Künztler Fred sind solche Fragen eher zweitrangig. Er ist gerade zum Teamleiter aufgestiegen. Seitdem ist der Ungelernte verantwortlich für die Einsätze seiner zehnköpfigen Gruppe. „Andere Leute scheuchen macht immer Spaß“, sagt Fred und lacht. Alain findet, dass sein Kollege das gut macht: „Er ist nett. Hart, aber gerecht.“

Ulrich Jonas