Der Tote von Stralsund

Wie zwei Polizisten eine „Störung“ beseitigten

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Als Wolfgang H. am Abend des 6. Dezember zu Boden stürzt, eilen schnell Helfer herbei. Wie ein geschlagener Baumstamm donnert der groß gewachsene Mann auf die Steinfliesen. Es ist Freitag kurz vor Ladenschluss, und der Supermarkt am Frankendamm in Stralsund ist gut gefüllt. Wolfgang H. hat an diesem Nikolausabend besondere Beachtung erfahren. Mit einem Bekannten ist er direkt auf das Schnapsregal zugegangen, hat eine der hochprozentig gefüllten Flaschen geöffnet, sie angesetzt und in großen Schlucken daraus getrunken. Das hat den Marktleiter auf den Plan gerufen: „Wir sind keine Kneipe hier! Gehen Sie bitte zahlen!“, sagt er. Nach der zweiten Aufforderung gehen die beiden Alkohol-Liebhaber ohne Murren zur Kasse, zahlen, wollen gehen – und plötzlich stürzt Wolfgang H.

Was in der folgenden halben Stunde passiert ist, darum geht es im Prozess am Stralsunder Landgericht. Angeklagt sind die beiden Polizeibeamten Ronny D. und Rainer V. Sie haben, so viel räumen sie inzwischen ein, Wolfgang H. an diesem Abend „verbracht“, wie es im Polizeijargon heißt: in ihren Streifenwagen geführt und fünf Kilometer entfernt auf einem Acker bei Freienlande zurückgelassen – mitten im Winter, bei eisiger Kälte. Ein Spaziergänger fand den Obdachlosen am nächsten Morgen tot auf dem Boden liegend – genau dort, wo ihn die Beamten sich selbst und dem Frost überließen.

„Alkoholvergiftung in Kombination mit Unterkühlung“, daran ist der 35-Jährige laut Gerichtsmedizin gestorben. Sind die Polizisten der „Aussetzung mit Todesfolge in Tateinheit mit Freiheitsberaubung“ schuldig, wie die Staatsanwaltschaft glaubt?

Die Beschuldigten haben für die Verhandlung dunkle Anzüge gewählt. Sie wollen ihre Tat offensichtlich als tragisches Unglück verkaufen. „Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Wenn man mal was trinkt und dann zu Fuß nach Hause geht, bekommt einem das sehr gut“, sagt Polizeiobermeister V., ein 46-jähriger Vater von vier Kindern, zu seiner Verteidigung. Seine hohe Stimme bildet einen auffälligen Kontrast zur kräftigen Statur.

Der mitangeklagte D., ein 26-Jähriger mit Schnauzbart, hat es mit den Worten nicht so: „Ich will nicht wissen, wie das ausgegangen wäre“, sagt D. der Richterin, als diese ihn fragt, warum sie den Wohnungslosen nicht einfach haben gehen lassen. Dann bemerkt er seinen Lapsus und ergänzt: „Obwohl, so wie’s ausgegangen ist, ist es auch nicht schön…“

Rückblende: Es hat leicht geschneit an jenem Nikolausabend, als H. seinen Kumpel Dieter B. auf der Straße trifft. B. hat von Bekannten ein paar Möbel geschenkt bekommen. Nun steht er vor seiner Wohnung und sucht einen Träger. Da kommt „Epi“, wie B. den Wohnungslosen nennt, gerade recht. Ob er nicht mit anpacken könne? „Dann musst du einen ausgeben!“, antwortet H. „Epi war angetrunken, aber gut drauf“, erinnert sich B., ein älterer Mann mit grauem Gesicht und zerschlissenem Anorak, der sich „Fachjournalist“ nennt und über seine Alkoholsucht sagt: „Wenn Sie über 60 sind, ist das eine elegante Art und Weise, sich von diesem Planeten zu verabschieden.“

Um 19.45 Uhr an jenem Abend geht in der Notrufzentrale der Rettungswache ein Anruf ein: „Hilflose Person im Sky-Markt am Frankendamm“. Ein Krankenwagen fährt los und auch eine Polizeistreife. Derweil müht sich Marktleiter Manfred H., der den Notruf gesendet hat, um den Gestürzten. Der ist offensichtlich auf den Kopf gefallen und hat kurz das Bewusstsein verloren.

Um 19.51 Uhr eilen die Sanitäter in den Markt, wenige Minuten später die Polizisten. Wolfgang H. ist inzwischen aufgewacht. Marktleiter Hellwig hat ihn mit dem Oberkörper an die Wand gelehnt. Dass die Helfer um ihn herum in gewisser Weise seine Henker sein werden, ahnt der Gestürzte nicht. Es ist kurz vor 20 Uhr, als der Marktleiter Wolfgang H. den Sanitätern überlässt. Ob er ihnen sagt, dass der Gestürzte ohnmächtig gewesen ist? Der Marktleiter weiß es nicht mehr – die Sanitäter sagen nein. Sie untersuchen H. und kommen zum Ergebnis: Dieser Mann ist „leicht betrunken“, aber „zeitlich und räumlich orientiert“.

Da treffen die Polizisten ein. „Das ist kein Fall für uns!“, sagt ihnen Sanitäter Andreas S. Ob er auch mitteilt, dass H. zusammengebrochen ist? Der Sanitäter sagt ja – die Angeklagten nein. Sie behaupten, der Marktleiter habe gesagt: „Die Person stört den Ablauf!“ Der Marktleiter kann sich daran nicht erinnern. Er sagt: „Fest steht doch eins, Frau Richterin: Es geht auf acht Uhr zu und man will den Markt zumachen.“ Auch die Sanitäter haben eine Erklärung parat: „Ich wollte nicht, dass der mit seinem Kumpel weitertrinkt“, sagt S. vor Gericht. Deshalb habe er gedacht, der Mann sei bei den Polizisten in guten Händen.

Warum die Beamten Wolfgang H. dann in ihr Fahrzeug mitnehmen, bleibt unverständlich. „Warum haben Sie ihn nicht einfach gehen lassen?“, fragt die Richterin. „Weil die Sanitäter gesagt haben, das ist ein Fall für uns“, antwortet der Angeklagte V. „Warum?“ – „Um die Störung vor Ort zu beseitigen.“ – „Hätte es nicht genügt, ihm zu sagen: Gehen Sie jetzt bitte weg!?“ – „Er wollte ja nicht alleine aufstehen. Er saß dort und wollte nicht weg.“ – „Das ist in den Akten gar nicht aufgetaucht, dass Herr H. gesagt hätte: Ich will nicht weg!“

Im Gegenteil: Zeugen berichten, H. habe gesagt, er wolle „nach Hause“, in die Unterkunft für Obdachlose. Doch diesen Wunsch erfüllen ihm die Polizisten nicht. „Der hat ganz schön Glück gehabt, dass wir uns in der Gewalt hatten!“, soll einer der beiden Angeklagten gesagt haben, nachdem diese in die Polizeiwache zurückgekehrt waren.

Dass das tragische Ende des Wolfgang H. bekannt wird, ist Polizeiobermeister Axel R. zu verdanken. Oder besser gesagt: seiner Frau. Die hat ihn zur Aussage überredet. R. war nicht nur Kollege, sondern auch guter Freund des Angeklagten V. Als am Morgen des 7. Dezember die Leiche gefunden wird, nimmt die Kriminalpolizei Ermittlungen auf. Es scheint, als sei der Tote abgelegt worden: Auf dem Bauch liegend wird er gefunden, die Arme auf dem Rücken, die Jacke halb heruntergezogen.

Wenige Tage später offenbart V. seinem Freund, dass die Leiche von Freienlande „sein Fall“ gewesen ist. Als R. fragt, warum sie den Hilflosen so weit draußen auf dem Acker ausgesetzt haben, soll der Angeklagte geantwortet haben: „Wenn das ein normaler Bürger gewesen wäre, täte es mir Leid. Aber das war eh nur ein Knastbruder, eine Dreckfresse. Um den ists nicht schade.“ R. ist geschockt. Dennoch lässt er sich überreden, zu schweigen. „Einen Kumpel scheißt man nicht an!“, denkt er. Zwei Wochen später hält er den Druck nicht mehr aus.

Im Gerichtssaal würdigen sich die einstigen Freunde keines Blickes. R. spricht leise. Dem Hauptbelastungszeugen fällt die Aussage sichtlich schwer. „Ich hab es nicht verstanden. Warum sind sie so weit rausgefahren?“, sagt er. Und warum bloß hat sich sein ehemaliger Freund nicht durchgesetzt gegen den 20 Jahre jüngeren Kollegen? Der soll angeblich gesagt haben, H. sei ein Säufer, wie sein Vater, deshalb könne er Alkoholiker nicht leiden.

Die Angeklagten bestreiten, je solche Sätze gesagt zu haben. Sie werfen dem Zeugen gar vor, selbst „Ortsverbringungen“ durchgeführt zu haben. Es sei, sagen sie zu ihrer Verteidigung, bis zu dem Todesfall „übliche Praxis“ gewesen, Betrunkene etwa in Freienlande, bei der Mülldeponie Kedingshagen oder am Umspannwerk auszusetzen. Manche Kollegen bestätigen das vor Gericht, andere nicht. Polizeileitung und Innenminister dementieren.

Einmal an den vier langen Verhandlungstagen kommen dem Angeklagten D. die Tränen. Da erzählt der junge Mann, wie er nach Bekanntwerden der Vorwürfe zum Opfer einer „Hetzjagd“ wurde. Wie Fremde ihn auf der Straße anpöbelten und Schläge androhten mit den Worten: „Das ist doch der Bulle, der einen hat draufgehen lassen!“ Da stockt D. die Stimme, Tränen steigen ihm in die Augen, und er sagt: „Mir wurde nichts anderes beigebracht! Man guckt sich von den Kollegen ja was ab. Man wollte ja auch vorwärts kommen.“

Stattdessen wandern die Polizisten hinter Gittern. Drei Jahre und drei Monate Haft ohne Bewährung, urteilt die Große Strafkammer – und geht damit weit über die Forderung des Staatsanwalts hinaus. Der hielt eine Strafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung für angemessen. Die Tat der Polizisten sei eine reine Willkürmaßnahme gewesen, um dem Betrunkenen eine Lektion zu erteilen, so die Begründung der Richter. „Es gab keinen Grund, den Mann am Stadtrand auszusetzen. Ein Platzverweis hätte gereicht.“ Verteidiger und Staatsanwaltschaft beantragen Revision.

Nur wenige Tage vor seinem Tod schien Wolfgang H. auf dem Weg zu einem neuen, besseren Leben. Ein Krankenwagen hatte den Mann, der sich den gesamten Körper, sogar das Gesicht, hatte tätowieren lassen, in die Suchtklinik gebracht. Zehn Tage blieb H. dort und machte einen Entzug. Dann besiegte ihn der Alkohol doch wieder. H. verließ fluchtartig die Klinik, es war der 5. Dezember. Nur einen Tag später sollte er sterben.

Ulrich Jonas

Die Champions aus Graz

Wie Obdachlose aus aller Welt die Streetsoccer-Weltmeisterschaft gewannen

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Das Ganze fing chaotisch an, auf dem Hamburger Hauptbahnhof – und beinahe hätte die Streetsoccer-Weltmeisterschaft ohne die Spieler aus der Hansestadt stattgefunden. Hinz & Künztler Blondi stand zwar verabredungsgemäß morgens um 5 Uhr auf dem Bahnsteig; er hatte extra durchgemacht, um bloß nicht zu verschlafen.

Wer fehlte, war Mitspieler Frank, genannt Onkel. Und der hatte die Bahnfahrkarten. Völlig entnervt zog Blondi ab. Dachte schon, dass jetzt alles aus sei. Stunden später wachte Onkel auf, raste zum Bahnhof – und fand keinen Blondi. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte, also setzte ich mich in den Zug und fuhr los“, sagt der 37-Jährige.

Nur mit Mühe konnte der Vertrieb den verprellten Blondi überreden, hinterherzufahren. „Als ich ankam, war das Eröffnungsspiel schon um“, sagt Blondi. Dafür gab’s großes Hallo. „Eh, du musst der zweite Spieler aus Hamburg sein“, wurde er gleich am Eingang der Schule begrüßt, in der die obdachlosen Champions aus aller Welt schlafen konnten.

Onkel hatte sich schon eingelebt. Zusammen mit den deutschen Kollegen aus Stuttgart, Freiburg und Regensburg teilte er sich ein Zimmer. Aber er wollte auch die anderen kennen lernen. Sprachschwierigkeiten? „Eigentlich nicht, wir verständigten uns mit Händen und Füßen.“ Zugegeben: Tiefsinnige Gespräche wurden nicht geführt. „Wir haben mehr gefeiert“, räumt Onkel ein. Aber ein bisschen was mitgekriegt hat man schon.

Die Russen zum Beispiel, so glaubt Onkel, wurden von ihrem Trainer ganz schön abgeschottet. „Die hatten erst mehr Kontakt, als der Trainer vorzeitig abgereist ist.“ Noch schlimmer soll es einer anderen Mannschaft ergangen sein. „Die waren sogar woanders untergebracht“, sagt Blondi. „Und wenn sie schlecht gespielt haben, mussten sie zum Straftraining, wie bei der echten Bundesliga.“ Genützt hats ihnen nichts, wie sich später herausstellen sollte.

„Fünf Minuten – und mir brannte die Lunge“

Die Grazer Spieler taten den Hamburgern sogar richtig Leid: „Die mussten morgens noch Zeitungen verkaufen, sonst wurde ihnen der Ausweis entzogen, nachmittags mussten sie trainieren und abends spielen.“ Dafür gehörten die schwarzen Asylbewerber, fast alle jung und sportlich, auf dem Spielfeld zu den Cracks. „Insgesamt gab es wahnsinnige Unterschiede.“ Tolle Spieler waren auch die Engländer. Die hatten im Voraus „gesiebt“, ein Profitrainer hatte die Mannschaft zusammengestellt. „Wenn man denen zugeguckt hat, konnte man richtig was lernen“, sagt Onkel anerkennend.

Meist ging es fair zu auf dem Feld. Einmal allerdings bekam Onkel von einem Waliser Gegenspieler „eine geditscht“. Abends beim Feiern kam der Mann auf ihn zu. „Ich wusste erst gar nicht, was er wollte“, sagt Onkel. „Aber dann war ich ganz baff: Der entschuldigte sich.“ Und die Schweizer („Mit denen verstanden wir uns am besten“) bekamen am Ende sogar noch einen Preis für faires Spiel verliehen. Auf dem Spielfeld gehörten die Schweizer zusammen mit den Deutschen allerdings zu den Losern unter den Mannschaften.

Bei den Deutschen kein Wunder: Die Mannschaft hat sich erstmals in Graz vollzählig gesehen. Zwar trugen sie auf ihrem orangefarbenen Trikot die Aufschrift „Venceremos“ („Wir werden siegen!“). Aber das mit dem Siegen war eher symbolisch zu verstehen, fanden die Spieler. Auch die Farbe des Trikots war irritierend. Denn Orange ist die Farbe der Niederländer. „In der Stadt wurden wir deswegen öfter auf Holländisch angesprochen“, sagt der Hinz & Künztler. Was ja noch nett war. Aber im Spiel gegen die Niederländer machte Onkel einen fatalen Fehler: „Wir spielten an dem Tag zwar in grünen Trikots, aber ich habe automatisch einen Orangenen angespielt.“ 

An den Ergebnissen hätten andere Trikots wohl nichts geändert. Die Kondition der Deutschen war einfach schlecht. „Fünf Minuten auf dem Spielfeld, und mir brannte die Lunge“, sagt Onkel. Aber das soll sich ändern. Blondi und Onkel wollen bei den Hobbykickern in der Mannschaft von H&K-Fotograf Mauricio Bustamante mitspielen.

Birgit Müller

„Das jagt dir eine richtige Gänsehaut ein“

0:14 im Auftaktspiel gegen Holland, 1:8 gegen Südafrika in der zweiten Partie, am Ende der Vorrunde 0 Punkte und 4:44 Tore aus sechs Spielen – perfekt kann man den Start der deutschen Fußballer ins WM-Turnier nicht wirklich nennen. Doch der Teamchef war bestens gelaunt: „Was für eine grandiose Atmosphäre. Wenn im vollen Stadion 1500 Zuschauer La Ola machen, das jagt dir eine Gänsehaut ein“, schwärmte Reinhard Kellner, der im Hauptberuf Geschäftsführer eines Regensburger Sozialverbandes ist und ehrenamtlich Chefredakteur der Straßenzeitung „Donaustrudl“. „Die Resultate sind da nebensächlich.“

Denn bei dieser Streetsoccer-Weltmeis-terschaft in der Europäischen Kulturhauptstadt traten – auf kleinem Straßenpflaster-Feld mit Banden – Obdachlose und Straßenzeitungsverkäufer aus 18 Ländern an. Menschen, die in soziale Not geraten sind und hier zeigten, was sie leisten können, wenn man ihnen eine Chance gibt und sie motiviert. In Graz boten sie teils erstklassigen Sport und packende Partien.

Träume wurden wahr: für die einen die erste Auslandreise ihres Lebens (alles finanziert von Sponsoren), für andere, die herausragenden Kicker, Verträge als Profifußballer (wirklich wahr!), für das österreichische Team, allesamt afrikanische Asylbewerber, nach dem gewonnenen WM-Titel vielleicht sogar die Einbürgerung. „Die Resonanz war unglaublich“, freut sich Judith Schwendtner vom Ausrichter, der Grazer Straßenzeitung „Megaphon“, über das Interesse der Medien. „Hier waren Fernsehteams und Zeitungen aus aller Welt. Und die waren nicht nur stolz auf ihre Spieler und haben über den Sport berichtet, sondern eben auch über Armut und Obdachlosigkeit in ihren Ländern.“

Deutschland wurde am Ende Sechzehnter. Mit mehr hatte Reinhard Kellner nicht gerechnet, eher mit dem letzten Platz. Sein Team jedenfalls, das als einziges nicht im Original-Nationaltrikot auflief, sondern in – vom Greenpeace Magazin gesponsorten – Orange-Schwarz, nahm’s undeutsch locker. „Auf meinen Wunsch war ‚Venceremos!‘ auf unsere Trikots gedruckt. Das heißt ‚Wir werden gewinnen!‘“, sagte der Bundestrainer. „Das stimmt ja auch“, fand sein Verteidiger Günther Bieda trotz eines Muskelfaserrisses: „Jeder, der dabei war, hat was gewonnen: Respekt, Selbstvertrauen und Freunde.“

Michael Friedrich

Flucht vor der Fahne

Warum Wehrmachts-Deserteur Ludwig Baumann und der Kurde Ilhami Akter nicht für ihren Staat kämpfen wollten

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Schmeißt die Waffen weg!

Der weißhaarige Mann mit dem schmalen Gesicht hat Papier mitgebracht. Es sind Kopien, eingebunden in dunkelviolettem Karton. Ein Schriftstück von 1943 aus dem Kriegswehrmachtgefängnis. Die Korrespondenz, die er mit Berliner Ministerien führte. Die Schmähbriefe, die er bekam. Und vor allem die Artikel, die über ihn in der Zeitung standen, vom „Weser-Kurier“ bis zur „Washington Post“. Über ihn, den freundlichen alten Mann. Den ehemaligen Soldaten, der seinen wichtigsten Kampf nach Kriegsende führte: den Kampf um die Wiedererlangung seiner Würde.

Ludwig Baumann (81) desertierte im Zweiten Weltkrieg und gehört zu den wenigen, die das überlebten. Schätzungen zufolge wurden mehr als 30.000 Soldaten in Hitlers Armee wegen Fahnenflucht oder „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt, mehr als 20.000 Urteile wurden vollstreckt. Mehrere 10.000 Soldaten bekamen Zuchthausstrafen. „Das Grauen in den KZs und Strafbataillonen haben keine 4.000 von uns überlebt“, sagt Baumann.

In der Bundesrepublik galten Soldaten, die sich dem nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg entzogen hatten, weiter als Straftäter. Auf ihre Rehabilitierung mussten sie mehr als ein halbes Jahrhundert warten: Erst 2002 beschloss der Bundestag, die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure und „Zersetzer“ aufzuheben. Ein Schritt, auf den Ludwig Baumann und seine Vereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“ lange hingearbeitet hatten.

Der weißhaarige Mann hat vor Schulklassen gesprochen und bei Kundgebungen, er hat Reporterfragen beantwortet und in den Talkshows von Biolek und Kerner gesessen. Er spricht auch jetzt detailreich und routiniert. Manche Sätze sagt er genau so, wie er sie schon anderen Zeitungen gesagt hat. Als sei das Wiederholen und Wiederholen und Wiederholen auch ein Mittel, die traumatischen Erinnerungen in Schach zu halten. „Wenn die Seele zerstört ist, dann ist sie zerstört“, sagt der weißhaarige Mann leise. Und fügt an, er habe gelernt, damit zu leben.

Baumann, Jahrgang 1921, wuchs in Hamburg-Eimsbüttel auf. Der Vater hatte sich zum Tabakgroßhändler hochgearbeitet, seine Beziehungen sollten dem Sohn später das Leben retten. Als 1936 die Mutter starb, veränderte sich der Junge: Er, der ängstlich versucht hatte, den Forderungen des jähzornigen Vaters zu genügen, nahm nicht mehr alles hin. Als er 1940 zur Marine eingezogen wurde, führte er manche Befehle – etwa den Vorgesetzten die Stiefel zu putzen – nicht aus und robbte dafür durch den Schlamm.

„Ich kann es nicht erklären, ich habe es einfach getan“, sagt Baumann. Mit der Fahnenflucht muss es ähnlich gewesen sein. Bei der Hafenkompanie in Bordeaux hätte Baumann ein ruhiges Soldatenleben haben können. Aber er wollte nicht mehr. In der Wochenschau hatte er die russischen Gefangenen gesehen, die auf freiem Feld eingekesselt waren und nun erfrieren würden. Nein, er wollte nicht mehr mitmachen bei diesem Krieg.

Anfang Juni 1942 verlässt Baumann mit seinem Freund Kurt Oldenburg die Kompanie. Sie wollen ins unbesetzte Frankreich und später über Marokko nach Amerika. Doch eine deutsche Streife greift sie auf. 40 Minuten dauert die Verhandlung vor dem Militärgericht, dann ist Baumann zum Tode verurteilt. „Die Flucht vor der Fahne ist und bleibt das schimpflichste Verbrechen, das der deutsche Soldat begehen kann“, schreibt der Marinekriegsgerichtsrat in der Urteilsbegründung. In der Zelle, an Händen und Füßen gefesselt, wartet Baumann jeden Morgen darauf, dass ihn die Wachen zur Hinrichtung abholen. Wenn sie vorbeigehen, gibt es einen weiteren Tag. Zehn Monate geht das so. In den Träumen verfolgt es Ludwig Baumann immer noch.

„Ich wollte nicht mehr mitmachen bei diesem Krieg“

Was der Verurteilte damals nicht wusste: Die Todesstrafe war schon nach wenigen Wochen in zwölf Jahre Zuchthaus umgewandelt worden. Das hatte sein Vater über einen Geschäftsfreund erreicht, der ein Kriegskamerad von Admiral Erich Raeder war und diesen zu einer Begnadigung bewegte. 1943 kam Baumann ins KZ im emsländischen Esterwegen, danach ins Wehrmachtgefängnis Torgau, wo er an Diphterie erkrankte. „Manchmal bekam ich Drillichzeug, das vorn einen kleinen und hinten einen großen Flicken hatte“, erzählt der alte Mann. Dann wusste er: Darin ist ein anderer erschossen worden.

Nach etwa einem Jahr musste er mit einem Strafbataillon an die zusammenbrechende Ostfront. Ein Todeskommando, bei dem auch sein Freund Oldenburg starb. Baumann wurde verwundet und von einem fürsorglichen tschechischen Arzt in Brünn so behandelt, dass seine Wunde nur langsam heilte. Das Kriegsende erlebte er in Schlesien.

Die Russen entließen den Deserteur schon nach einigen Monaten aus der Gefangenschaft. „Als ich nach Hamburg kam, konnte mein Vater mich nicht in den Arm nehmen“, erzählt Baumann. Fahnenflucht, das war unwürdig und feige, auch wenn man nicht für Hitler war. Der Vater stirbt 1947 „an Kummer und Magengeschwüren“. Auch der Sohn, der so lange als Vaterlandsverräter und Kameradenschwein und Feigling behandelt worden ist, der nach dem Krieg weiter so beschimpft wird, scheint sein Leben aufzugeben. Er wird Stammgast in einer Kneipe beim Gänsemarkt, übernachtet im Hinterzimmer, trinkt und spielt und hält die anderen Gäste frei. So verzecht er das väterliche Erbe.

Tagsüber verkauft er als Handelsvertreter Gardinen, später Radios und Fernseher. Dabei lernt er seine spätere Frau kennen und zieht 1951 zu ihr nach Bremen. Fünf Kinder kommen auf die Welt. Doch der Vater und Ehemann ergibt sich weiter dem Alkohol. Jahrelang. Erst als seine Frau 1966, bei der Geburt des sechsten Kindes, stirbt, wacht Baumann auf. Er kümmert sich um die Kinder, hört allmählich mit dem Trinken auf.

Langsam beginnt das politische Leben des ehemaligen Deserteurs. In den achtziger Jahren engagiert er sich in der Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung. Am Bremer Hauptbahnhof verteilt er Flugblätter an Rekruten: „Schmeißt Eure Waffen fort und geht nach Hause.“ Er bekennt sich öffentlich als Fahnenflüchtiger, bekommt Morddrohungen und Schmähbriefe: „Seien Sie versichert, Volksschädling Baumann, dass Sie für alles alsbald sich vor dem Reichskriegsgericht in Berlin zu verantworten haben.“

1990 gründet er mit 36 anderen alten Männern die Bundesvereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“. Als deren Vorsitzender verfolgt Baumann den Eiertanz der Politik. An eine Rehabilitierung der Deserteure will niemand so recht heran, denn hieße das nicht, Millionen von Wehrmachtssoldaten, die nicht wegliefen, ins Unrecht zu setzen? 1998 beschließt der Bundestag zwar die pauschale Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen, doch nimmt die Fahnenflüchtigen dabei aus: Sie sollen sich weiterhin einer Einzelfallprüfung unterziehen. Erst vier Jahre später werden auch ihre Urteile aufgehoben.

Die meisten, denen diese Wiedergutmachung galt, waren da schon tot. „Sie sind gedemütigt und vorbestraft verstorben“, sagt Ludwig Baumann. Von den Kriegsrichtern dagegen sei keiner je bestraft worden. Im Gegenteil, sie seien bis zu Bundesrichtern aufgestiegen, hätten die Rechtsprechung in ihrem Sinne prägen und damit ihre eigene Strafverfolgung verhindern können. Für den weißhaarigen alten Mann ist der Kampf noch nicht zu Ende. Er möchte erreichen, dass Gedenksteine für Deserteure aufgestellt werden, zum Beispiel in Esterwegen und Torgau. „Wir Deserteure der Wehrmacht“, sagt der 81-Jährige, „sollten eigentlich Vorbilder für die Bundeswehr sein. Wollte sie heute einen Krieg wie die Wehrmacht führen, wären die Soldaten von der Verfassung her gezwungen, zu desertieren.“

Kaum Asyl für Deserteure

Das türkische Militär kam fast täglich ins Dorf. Panzer fuhren auf, Soldaten griffen Zivilisten heraus, schlugen sie, drohten ihnen, nahmen sie mit. Grund der Einsätze: die angebliche Unterstützung der Dorfbewohner für die kurdische Unabhängigkeitsbewegung PKK. Für den Kurden Ilhami Akter gehören diese Bilder zu den letzten Erinnerungen, die er an sein Heimatdorf im Osten der Türkei hat. Für ihn, damals 18 Jahre alt, war klar: „Ich will niemals Soldat werden.“ Schließlich wäre er mit dem türkischen Militär gegen seine Landsleute eingesetzt worden.

Mit Unterstützung der Eltern floh er 1989. Akter (31) lebt seitdem in Hamburg, zeitweise illegal, seit 1995 mit Aufenthaltserlaubnis. Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gab es im NATO-Staat Türkei damals wie heute nicht. In Deutschland hat das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen Verfassungsrang. Doch in vielen Staaten wie in Israel, Südkorea oder in den meisten afrikanischen Ländern droht Verweigerern Haft, so die Organisation War Resisters International. Andere Staaten wissen, wie sie „Zivis“ abschrecken. In Russland etwa müssen sie einen Dienst ableisten, der mit dreieinhalb Jahren fast doppelt so lang ist wie der Militärdienst und meist in Kasernen stattfindet, wo sie den Schikanen der Soldaten ausgesetzt sind.

Wer aus diesen Gründen sein Land verlässt, wie Ilhami Akter es getan hat, findet in Deutschland nicht unbedingt Asyl. „Das Bundesamt weigert sich, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure als Flüchtlinge anzuerkennen“, sagt der Anwalt Hartmut Jacobi, der viele Verfahren begleitet hat. Vor dem Verwaltungsgericht seien die Chancen höher. Jacobis Resümee: „Ausländische Kriegsdienstverweigerer können sich hier keineswegs sicher fühlen. Wenn sie Glück haben, haben sie Glück.“

Ilhami Akter hatte Glück, schließlich. Sein erster Asylantrag war abgelehnt worden. Vier Monate lang hielt er sich illegal in Hamburg auf, bis ihn die Polizei bei einer Ausweiskontrolle festnahm. In der Ausländerbehörde wollte er sich aus dem Fenster stürzen, um der Abschiebung zu entgehen, doch dann gelang ihm die Flucht. Er tauchte monatelang unter, war im Kirchenasyl, stellte einen Folgeantrag. Seit November 1995 ist er anerkannt – er selbst vermutet, wegen seiner Arbeit für kurdische Verweigerer – und darf unbefristet bleiben. Er machte den Hauptschulabschluss und verdient sein Geld als Taxifahrer. Das Dorf, in dem seine Eltern noch leben, hat er nicht mehr wiedergesehen.

Detlev Brockes

Irre Gärten

„Klasse, endlich bin ich meine Mutter los“ – Ausflug ins Mais-Labyrinth

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

„Hast du die Schubkarre gesehen?“ Es sind solche Fragen, die Karsten Eggert (34) seit kurzem nicht mehr hören möchte. Denn wer jetzt aufs Feld muss, um die Schubkarre zu suchen, hat kilometerlange Irrwege vor sich und kehrt vielleicht erst nach einer Stunde entnervt zurück. Ohne das Ding gefunden zu haben.

Auf einem Feld bei Jersbek, zwischen Ahrensburg und Bargfeld-Stegen, hat Eggert Ende Juli sein Mais-Labyrinth eröffnet. Bis Mitte September rechnet er mit etlichen tausend Besuchern. Sie werden die Wege abschreiten, die er in kunstvollen Formen im Mais angelegt hat. Sie werden landwirtschaftliches Dschungelgefühl genießen – immerhin wachsen die Pflanzen mehr als zwei Meter hoch. Und sie werden nach vielen Irrwegen an einem Platz ankommen, wo sie sich am Freiluft-Tresen stärken können. Einige haben die Gelegenheit genutzt und unterwegs leidige Familienangelegenheiten geregelt: „Das Labyrinth ist klasse, endlich bin ich meine Mutter los“, stand vergangenes Jahr im Gästebuch.

Die grünen Irrgärten breiten sich aus. Besucher haben ihren Spaß, Bauern verdienen sich ein paar Euro dazu, und im Herbst wird alles abgemäht. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein hat zwar keine Zahlen, aber Sprecher Manfred Christiansen bestätigt den Trend: „Das nimmt zu.“ Vor allem rund um Hamburg und in den Urlaubsgebieten sei die Nachfrage groß. Die Leute können „rein in die grüne Natur“, so Christiansen, „und Fragen stellen“. Warum wir den ganzen Mais eigentlich brauchen. Und warum die Kühe ihn so gerne fressen.

Doch allein auf Wissbegier in Agrarfragen wollen die Labyrinth-Betreiber nicht vertrauen. Um die Irrgärten rankt sich inzwischen ein Programm, das vom bewährten Kaffeeausschank bis zu schrillen Events reicht, etwa der „Scream-Night“ in Eekholt oder dem „Rasenmäher-Traktor-Rennen“ in den Gängen des Besdorfer Labyrinths (siehe unten). Karsten Eggert veranstaltet auf seiner Feld-Bühne ein ganzes „Sommerfestival“ – mit „Taschenlampen-Party“, Open-Air-Kino, Kleinkunst-Nacht und Live-Musik. Zur Kurzweil auf den Wegen (und um Kinder von Abkürzungen abzuhalten) setzt er ein Maisgespenst ein. Die grün gekleidete Gestalt stößt ihr „U-aaah“ allerdings etwas vorsichtiger aus, seit eine Familie im Feld so erschrak, dass sie schreiend zum Parkplatz lief.

Für Karsten Eggert ist es das fünfte Labyrinth. Der Ahrensburger, der kurz vor dem Examen sein Betriebswirtschaftsstudium knickte und derzeit als Bildtechniker in der Fernsehproduktion jobbt, hatte in den neunziger Jahren von einem Mais-Labyrinth in England gelesen. Eine Weile lag der Zeitungsartikel in der Schublade. Als dann Eggerts damaliger Job auslief, griff er die Idee auf. 1998 legte er mit vier Freunden in Stapelfeld, im Osten Hamburgs, selbst ein Labyrinth an, stellte einen Klapptisch auf und schob einen Imbisswagen ins Feld.

Gleich mehrere Fernsehsender brachten Luftaufnahmen – „und am nächsten Tag war der Parkplatz voll“, erinnert sich Eggert. „Getränke mussten wir von der Tankstelle holen, und als uns die Pappen für die Wurst ausgingen, haben wir Maisblätter genommen.“ Wegen des außergewöhnlichen Medien-Echos, das seine Aktion damals hatte, vermutet er: „Wir waren wohl die ersten in Deutschland.“

1999 legte er ein Labyrinth im niedersächsischen Luhmühlen an, wo die Europameisterschaft der Military-Reiter stattfand, und weil eine Bank als Sponsor auftrat, brachte er ein überdimensionales Euro-Zeichen im Feld unter. 2000 war er vor den Toren der Weltausstellung in Hannover dabei. Der Ruhm war groß, die finanzielle Pleite auch. Zur Erleichterung seiner Kundenbetreuerin bei der Bank verzichtete er 2001 auf ein Projekt. Im vergangenen Jahr pachtete er dann erstmals das Maisfeld von Landwirt Carsten Studt in Jersbek. In diesem Jahr lautet das Motto: Garten Eden. Rund fünf Kilometer Wege schlängeln sich durch den Mais.

Aus der Luft betrachtet zeigen sie einen Apfel, einen Schmetterling und zahlreiche kleinere Symbole. Um den Baum der Erkenntnis darzustellen, sind weitere drei Kilometer Wege in ein angrenzendes Feld mit Wintergerste eingeschnitten. Die Feldforschung im Futtermais hat kulturgeschichtlich einen großen Hintergrund: Das Labyrinth ist ein altes Symbol der Menschen. In der klassischen Form gibt es nur einen einzigen Weg, ohne Kreuzungen, ohne Sackgassen. Er erreicht nach vielen Windungen schließlich die Mitte. Ein Zeichen für die Umwege, die der Mensch auf seinem Lebensweg macht, aber auch für die Gewissheit, immer geführt zu werden.

Andere Labyrinthe, besser als Irrgärten bezeichnet, sind komplizierter: Wege verzweigen sich, manche enden im Nirgendwo. Vorbei ist es mit dem meditativen Wandeln: Der Mensch darf entscheiden, welchen Weg er nimmt – und kann sich verirren. Plötzlich heißt es nicht mehr „Der Weg ist das Ziel“, sondern „Das Ziel ist weg“. Der griechische Königssohn Theseus hatte es da besser. Der Sage nach besiegte er den Minotaurus, der auf Kreta im Zentrum eines Labyrinths lebte. Das schaffte er aber nur, weil seine Geliebte Ariadne ihm eine Orientierungshilfe mitgegeben hatte: ein Knäuel, von dem er Faden abrollen konnte.

Zurück in die norddeutsche Gegenwart. Wie kommen hier die Gänge in den Mais? „Wir haben eine computergesteuerte Sämaschine, die gleich die Wege frei lässt “, sagt augenzwinkernd Gymnasiallehrer Wilhelm Bußmann, der zusammen mit Landwirt Hauke Carstensen ein Mais-Labyrinth beim Wildpark Eekholt betreibt. „Das funktioniert wie bei einer Strickmaschine, die Maschen auslässt.“ Mit solchen Geschichten unterhält Bußmann gelegentlich seine Besucher („Die glauben das“), doch die Wirklichkeit ist härter. Wenn die Saat im Boden ist, wird das Feld in Planquadrate eingeteilt. Helfer rücken mit der maßstabsgetreuen Skizze und Maßbändern vor und markieren mit Holzpflöcken und Kilometern von Trassierband, wo später die Wege sein sollen. An diesen Stellen werden dann die Maispflanzen, solange sie noch klein sind, abgefräst, herausgehackt oder -gerissen. Karsten Eggert hat für diese Handarbeit vier Tage gebraucht – zusammen mit zehn Helfern.

Auch im Dschungel von Organisation und Finanzierung waren viele Wege zu lichten, bevor das Jersbeker Labyrinth eröffnen konnte. Gema-Gebühr und Schanklizenz, der Bauantrag für die Bühne und das Gutachten der Feuerwehr, ob auf dem Platz ein Lagerfeuer flackern darf. Dann noch die kostenpflichtige Sondergenehmigung, damit Autos von der Straße aufs Feld einbiegen dürfen. Und den WC-Container stellte der Lieferant auch erst ab, als die Hälfte angezahlt war.

Ohne Preis kein Mais: Eggert musste alles vorstrecken, und das bereitet ihm gelegentlich Stress. Aber der ist hoffentlich vergessen, wenn er die Augustabende in seiner Freiluftkneipe genießt und auch mal auf dem Feld übernachtet. Trotz Maisgespenst.

Detlev Brockes

Nr.5: Konto für jedermann

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Darum geht es:

Wem einmal die Gläubiger auf die Pelle rücken, der ist schnell seine Bankverbindung los. Das wird teuer. Denn auch Menschen mit Schulden müssen weiterhin Miete oder Heizkosten überweisen, und Bareinzahlungen kosten viel Geld. Deshalb fordert Hinz & Kunzt: Jeder Mensch muss ein Girokonto auf Guthabenbasis einrichten können!

Der Hintergrund:

Seit Jahren berichten Schuldnerberater immer wieder von Menschen, die wegen ihrer Schulden daran scheitern, ein Girokonto einzurichten, oder ihre Bankverbindung verlieren. Für die Geldinstitute bedeuten solche Kunden viel Aufwand und wenig Gewinn. Schon Mitte der neunziger Jahre hatten Fachleute deshalb vorgeschlagen, das Recht auf ein Konto per Gesetz festzuschreiben. Die Banken kamen der Bundesregierung damals zuvor und erklärten in einer „freiwilligen Selbstverpflichtung“ ihres Zentralen Kreditausschusses (ZKA), auf Wunsch jedem Bürger ein Konto auf Guthabenbasis einzurichten. Das bedeutet: Man darf nur die Summe abheben, die auf dem Konto ist.

Dennoch gibt es Beschwerden. „Die Probleme haben zugenommen“, sagt Thomas Zipf, Mitinitiator der Kampagne „Recht auf Girokonto“ der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV). Weit über 2000 Fälle, in denen Menschen vergeblich versuchten, ein Konto zu eröffnen, haben die Berater bundesweit dokumentiert. Im September wollen sie Bilanz ziehen. Thomas Zipf ist überzeugt: „Das ist längst nicht alles. Von vielen Fällen erfahren wir ja gar nichts.“

Das Bundesfinanzministerium hat in einem Bericht eingeräumt, dass eine Initiative nötig sei, „um die Kreditinstitute dauerhaft und in jedem Einzelfall konsequent zur Einhaltung der ZKA-Empfehlungen zu bewegen“. 2001 forderte dann der Deutsche Bundestag die Banken auf, mehr für das Girokonto für jedermann zu tun.

Schätzungen zufolge haben bundesweit mindestens eine halbe Million Menschen kein eigenes Konto. Mit schwer wiegenden Folgen: So ziehen zum Beispiel die Arbeitsämter jeden Monat 7,10 Euro von der Unterstützung ab, wenn das Arbeitslosengeld bar am Schalter einer Postbank ausgezahlt werden muss – und das Geldinstitut berechnet zusätzlich eine Gebühr von 5 Euro.

Schwierigkeiten haben auch Menschen, die obdachlos waren. „Ohne Bankkonto ist es schwierig, eine Wohnung oder Arbeit zu finden“, sagt Schuldnerberater Zipf und meint deshalb: „Das Recht auf ein Konto müsste ein Grundrecht sein.“ Die Geldinstitute verweisen auf die Selbstverpflichtung und ihre Beschwerdestellen: „Das Girokonto für jedermann gibt es ja. Und jede Bank hat einen Ombudsmann, an den sich Kunden kostenfrei wenden können“, sagt eine Sprecherin des Bundesverbandes Volks- und Raiffeisenbanken, derzeit federführend für die Spitzenverbände der deutschen Kreditwirtschaft.

Wie andere es besser machen:

Frankreich schrieb bereits 1984 das Recht auf ein Girokonto gesetzlich fest. In Artikel 58 des „Loi Bancaire“ heißt es: Jeder Antragsteller, dessen Gesuch auf Eröffnung eines Kontos von mehreren Kreditinstituten abgewiesen wird und der aufgrund dieses Umstandes kein Konto besitzt, kann sich an die Banque de France wenden, damit diese ihm ein Kreditinstitut zuweist, bei der er ein Konto eröffnen kann. 2001 formulierte die französische Regierung die Mindest-Dienstleistungen, die eine Bank jedem Bürger erbringen muss, in einem neuen Dekret aus. Als Basisdienstleistungen gelten seitdem nicht nur die Eröffnung und Führung eines Kontos, sondern z.B. auch das Bereitstellen von Scheckformularen und Bankkarten.

Einen anderen Weg gehen die USA. Dort hat die Regierung die Verantwortung der Geldinstitute in einem „Community Reinvestment Act“ geregelt. Das Gesetz verlangt von allen Banken einen jährlichen Bericht über ihr Engagement für sozial schwache Menschen. Die Aufsichtsbehörden bewerten die Banken nach einer vierstufigen Skala und schließen sie von wichtigen Entfaltungsmöglichkeiten aus, wenn sie aufgrund ihrer Kredit- und Geschäftspolitik ihre Aufgaben gegenüber der sozialen Gemeinschaft nicht ausreichend erfüllt haben.

So müsste es laufen:

– Die soziale Verantwortung der Banken muss per Gesetz gestärkt werden

– Eine unabhängige Prüfstelle müsste automatisch jeden Fall zugeleitet bekommen, in dem ein Geldinstitut einem Menschen die Eröffnung eines Guthabenkontos verweigert

– Die Banken müssten regelmäßig zur öffentlichen Berichterstattung verpflichtet werden, inwieweit sie das „Konto für jedermann“ in die Praxis umsetzen

Ulrich Jonas

Reaktionen auf die ersten Geburtstagsforderungen:
Das Sozialticket ist nicht zu retten, sagte Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) bei ihrem Hinz & Kunzt-Besuch. Begründung: Sozialhilfeempfänger würden bevorzugt gegenüber Geringverdienern. Die sozialpolitischen Sprecher der Fraktionen waren ebenfalls bei uns: Petra Brinkmann (SPD), Dr. Dorothee Freudenberg (GAL), Rolf G. Rutter (PRO) und Frank Schira (CDU). Auch sie sehen schwarz in punkto Sozialticket.

Einig waren sich alle, dass die Sozialämter kundenfreundlicher werden müssen und „Problemmieter“ erst mal Hausbesuch bekommen sollten, statt geräumt zu werden. Das will im Prinzip auch die Senatorin. Sie räumte ein, dass die Ausarbeitung des Konzeptes länger dauere als geplant.

Kurz blitzte so etwas wie eine Utopie bei den Sprechern auf: womöglich gemeinsam eine Nachsorgewohnung für kranke Obdachlose zu mieten. Schnieber-Jastram machte deutlich, dass sie derzeit keinen Spielraum für neue Projekte sehe. Mit den Sprechern wurde ein weiteres Gespräch für den Herbst vereinbart.

Birgit Müller

Von Sucht und Sehnsucht

Die Heroinstudie wird ein Jahr alt

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Raus aus dem Kreislauf von Knast, Straße, Elend und Krankheit, das wollen Hanne und Florian. Die beiden sind Teilnehmer der Heroinstudie. Hier soll untersucht werden, ob Junkies bei Verabreichung von reinem Heroin unter ärztlicher Kontrolle in der Lage sind, ein normales und relativ gesundes Leben zu führen.

Hanne ist glücklich, als sie den „richtigen“ Umschlag zieht. Da steht drin, dass sie an der Heroinstudie teilnehmen darf und zwei Jahre lang zwei- bis dreimal täglich reines Heroin bekommt. Die 41-Jährige kann es kaum fassen: Seit sie 16 Jahre alt ist, hängt sie an der Nadel. Und jetzt das Paradies: Sie kriegt ihren Stoff – ohne Beschaffungsdruck, ohne anschaffen zu gehen, ohne Angst vor der Polizei. Und das Ganze noch mit so genanntem Case Management. Zu deutsch: Einzelbetreuung durch einen Sozialarbeiter, mit dem sie alle Probleme besprechen kann und der ihr weiterhilft. Ihr Ziel: „Einfach nur in Ruhe mit der Sucht leben, ein normales Leben führen, womöglich wieder arbeiten.“

Und genau darum geht’s auch in der Studie: Hier soll festgestellt werden, inwieweit sich die Menschen verändern, wenn man die Rahmenbedingungen der Sucht verändert. Eine ähnliche Studie in der Schweiz ergab, dass viele Teilnehmer ein fast normales Leben führen können, ohne Kriminalität und ohne Verwahrlosung. Jeder Zweite hatte wieder einen Job und keine Szene-Kontakte mehr.

Primäres Ziel der neuen Studie ist es nicht, die Abhängigen zu Abstinenzlern zu machen. Auch Hanne will gar nicht loskommen von der Sucht. „Das lohnt sich für mich nicht mehr“, sagt sie in Anspielung auf Aids, das bei ihr allerdings noch gar nicht ausgebrochen ist. „Diese Schufterei mache ich nicht noch mal.“ Die Ärztin und Projektleiterin Karin Bonorden-Kleij geht jedoch davon aus, dass ein Ausstieg aus der Sucht eher erstrebenswert wird, wenn die Klienten eine Perspektive im Leben entwickelt haben – die meisten sogar zum ersten Mal.

Die Einzel- und auch die Gruppenbetreuung sind deshalb darauf ausgerichtet, den Junkies beim Aufbau eines „normalen“ Lebens zu helfen: Möglichkeiten der Entschuldung werden erörtert, eine Wohnung gesucht oder auch ein Praktikumsplatz. Immerhin: Zwei der Klienten gehen wieder arbeiten, zwei aufs Abendgymnasium. Schon nach ein paar Wochen wirkt sich die Teilnahme an der Studie auf den Gesamtzustand der Patienten aus: „Die meisten sind wesentlich gepflegter als zu Beginn. Vielen sieht man die Sucht gar nicht mehr an“, so Bonorden-Kleij. Was aber noch besser ist: „Sie sind einfach gesünder.“

Hört sich gut an. Auch Hanne sieht gesund und gepflegt aus. Allerdings hat sie gerade einen Durchhänger. Zu Anfang fühlte sie sich von dem reinen Heroin völlig geplättet. „Wie unter Narkose stand ich da“, sagt sie, „ich war zu nichts mehr zu gebrauchen.“ Zwar geht sie regelmäßig in die Drogenambulanz am Högerdamm und „appliziert“ sich ihren Druck, wie das im Studienjargon heißt. Aber das Hochgefühl von früher will sich nicht einstellen. Das Straßenheroin, versetzt mit irgendwelchen Substanzen, zum Teil sogar mit Strichnin, „gibt viel mehr einen Kick“. 12 bis 14 Stunden habe das Wohlgefühl angehalten. Und von diesem Gefühl träumt Hanne schon wieder.

Lust, mit ihrem Sozialarbeiter darüber zu sprechen, hat sie nicht. Deshalb hat sie auch ihre Sitzungen geschwänzt. Was sie ihm auch nicht erzählen will: Dass ihr jetzt, wo sie keine Drogen mehr beschaffen muss, daheim die Decke auf den Kopf fällt. Und dann überfällt sie wieder die Sehnsucht. „Ich suche nach etwas und weiß nicht nach was“, sagt sie. Und das erinnert sie an früher, als sie 16 Jahre alt war. Da wollte sie unbedingt raus aus der Familie, wo sie immer auf die kleinen Geschwister aufpassen musste. Richtig lebenshungrig war sie damals.

Sie lernte Michael kennen, der war zehn Jähre älter und „richtig frei, tat nur, was er wollte“. Der imponierte ihr, und Hanne wollte genauso leben wie er. Und da er Heroin nahm, nahm sie es auch. In kurzer Zeit begann der Teufelskreis aus Drogen beschaffen, Knast, einigen Therapieversuchen und wieder Drogen. Aber auch Idylle: Sie und Michael bekamen eine Tochter, lebten in einem kleinen Häuschen zusammen – und verloren alles. „Mich zog es wieder raus. Ich hatte so eine unbestimmte Sehnsucht“, sagt Hanne. Ihr Kind bettelte: „Mama, bleib doch da, wohin gehst du schon wieder?“ Michael schlug sie. Dem Paar wurde das Kind weggenommen, Michael landete im Knast und Hanne auf der Straße.

Und jetzt ist sie eben wieder da, diese Sehnsucht. Wenn sie an Morgen und Übermorgen denkt, an Arbeit vielleicht, fällt ihr wenig ein. Dann leuchten ihre Augen plötzlich. „Wovon ich träume, ist eine Tierpension auf dem Lande“, sagt sie. „Ja, das wärs.“ Aber auch über diese Träume redet sie nicht mit ihrem Sozialarbeiter. Oder noch nicht. Könnte der nicht sogar einen Praktikumsplatz bei Hagenbeck oder im Tierheim arrangieren? Ja, vielleicht. Eine Möglichkeit. Aber wenn das nichts wird, was dann, wo überhaupt noch etwas suchen? „Manchmal“, sagt Hanne, „da glaube ich, das, was ich suche, das gibt es gar nicht.“

Florian ist da optimistischer. Obwohl auch der 32-Jährige gerade eine Durststrecke durchmacht. Er zog nämlich „den falschen Umschlag“ und landete in der Kontrollgruppe, die kein Heroin, sondern Methadon bekommt. Immerhin gehört er nicht zu den 50 Prozent, die dann die Studie abbrechen. Er lebt vom Prinzip Hoffnung, nämlich dass er nach einem Jahr doch noch ins Heroinprojekt rutscht.

Die Abhängigkeit, die nervt ihn inzwischen. „Ich wünsche mir, eines Tages nicht mehr abhängig zu sein, von nichts und niemand.“ Wenn er endlich reines Heroin bekommt, dann, so hat er sich vorgenommen, will er entziehen. Und dieses Mal, da ist er sich sicher, wird es klappen. Warum er nicht gleich jetzt entzieht, sofort und auf der Stelle? „Weil der Entzug vom Methadon so schmerzhaft und langwierig ist, viel schlimmer als beim Heroin.“

Vielleicht braucht er auch noch eine Zeit, um Abschied zu nehmen von dem Leben mit der Sucht, bei dem er zwar abhängig, aber auch für nichts verantwortlich ist. Gearbeitet hat er nämlich schon lange nicht mehr. Dazu war er körperlich gar nicht in der Lage. Das Abi, das er so gerne machen wollte, rückte in weite Ferne. „Ich hab’s selbst vergeigt“, sagt Florian selbstkritisch. Anfangs hatte er noch die Musik, Klavier spielte er und Bass. Das heißt: Eine kleine Weile blieb ihm noch die Musik. „Die Instrumente sind fürs Heroin draufgegangen.“ Immer weiter rutschte er ab.

In der Zeit vor der Studie wurde er mit Polamidon substituiert. Das gab zwar keinen Kick, und er nahm auch immer noch Drogen nebenher, „aber es war okay.“ Er tat alles, um zumindest nicht „Steine zu rauchen“ (Crack), die Droge, die als die ruinöseste gilt. Nervig findet er es, täglich in die Ambulanz zu müssen. „Mein Polamidon bekam ich für mehrere Tage.“

Aber die ganze Drogenbeschafferei, wo auch immer, soll sowieso eines Tages der Vergangenheit angehören. Das Abi nachmachen will er, das wär sein Traum, „und einen Job, der mir Spaß macht, am liebsten einer, bei dem ich anderen Menschen helfen kann“, sagt Florian. „Für irgendwas muss ich doch gut sein. Ich muss doch eine Aufgabe im Leben haben – und die habe ich noch nicht erfüllt.“

Birgit Müller

Ankerplatz für Vertriebene

Das Café Exil ist Anlaufstelle für Flüchtlinge

(aus Hinz&Kunzt 126/August 2003)

Wenn der 25-jährige Mann aus dem westafrikanischen Guinea nach seinen Gefühlen zur Hamburger Ausländerbehörde gefragt wird, spricht er zunächst von Angst. „Ich habe immer Angst, wenn ich dort hingehe. Auf den Fluren habe ich schon viele Leute warten sehen, die später in Handschellen an mir vorbeigeführt wurden.“ Seit zehn Jahren lebt Ballo, so sein Name, als politischer Flüchtling mit Duldung in Hamburg, „doch die Angst geht immer mit, wenn ich das Amt betrete.“

Heute sitzt Ballo im „Café Exil“, einer unabhängigen Flüchtlingsberatungsstelle gleich gegenüber der Behörde. Neben ihm wartet schüchtern und schweigsam eine sehr junge Frau. Vor ein paar Tagen erst sei sie als politischer Flüchtling aus Guinea nach Hamburg gekommen, erzählt Ballo. Kein Wort Deutsch spricht die 15-Jährige, und ihr Begleiter will „Mut machen und sie unterstützen, wenn wir gleich rüber in die Behörde gehen“, zusammen mit einer Mitarbeiterin des Cafés.

Wenigstens im Moment soll sie sich nicht allein fühlen, denn niemand weiß, wie es mit ihr weitergehen wird. Ob sie überhaupt als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling angesehen wird, ist noch nicht sicher. Denn seit einiger Zeit werden jugendliche Asylbewerber oft per Augenschein als über 16-jährig erklärt. Die Folge: Sie gelten dann als Erwachsene, müssen nicht mehr betreut und beschult werden und können in Massenunterkünften irgendwo im Bundesgebiet untergebracht werden.

Etwas Hilfe und Hoffnung geben und ein wenig die Angst auffangen – seit acht Jahren existiert das Café Exil an der Spaldingstraße 41 (Telefon: 236 82 16). An fünf Tagen in der Woche ist geöffnet – zu den gleichen Zeiten wie die Ausländerbehörde. Neben Kaffee gibts Informationen und Kontakte zu anderen Beratungsstellen oder Ärzten. Der Name des Cafés ist zugleich Programm: „Wir wollen ein Ort sein, wo Menschen anders behandelt werden als gegenüber, nämlich mit Respekt“, sagt Mitarbeiterin Conni Gunßer mit Blick über die Straße.

Remy ist 18 Jahre alt. Seit zwei Jahren lebt der aus Burkina Faso stammende Flüchtling als Asylbewerber in Hamburg. Alle drei oder vier Monate müsse er die Ausländerbehörde aufsuchen, erzählt er, „und dort lassen sie mich immer schockbesetzt“. Schockbesetzt? „Die sagen alles, was mir Angst macht – und dann bin ich alleine damit“, sagt der Mann, der bei der Flucht seine Familie zurücklassen musste. Auf der Behörde lasse man Menschen wie ihm keine Ruhe, sagt Remy, „damit wir keine eigenen Lösungen finden können für unsere Probleme“.

Das „Café Exil“ hingegen empfindet der 18-Jährige als geschützten Raum, als Gegenpol zur Behörde, wo er jederzeit Hilfe bekommen und Probleme bereden kann. Täglich bis zu 20 Menschen besuchen die Einrichtung. Manche nur, um sich auszuruhen oder etwas Abstand zu gewinnen. Andere brauchen Rat oder auch Begleitung eines Mitarbeiters. Wer will, kann kostenlos über das Internet Kontakt halten zur fernen Heimat.

Zurzeit sind es vor allem Menschen aus Ex-Jugoslawien, Westafrika, Afghanistan, mittlerweile aber auch aus China oder Ägypten, denen Abschiebung droht und die Beratung und Hilfe suchen. In früheren Jahren waren dies ebenso Kurden, Rumänen oder Algerier. Die sich stets veränderten Flüchtlingsströme aus immer neuen Krisenregionen spiegeln sich auch an der Spaldingstraße wider.

Sämtliche Hilfe wird im Café Exil ehrenamtlich geleistet. 15 Menschen wechseln sich in der täglichen Betreuung der Besucher ab, weitere Helfer werden gesucht. Wer hilft, muss weniger über spezielle Kenntnisse im Asylrecht verfügen als vielmehr zuhören oder das Netzwerk weiterer Hilfeeinrichtungen kennen. Trotz der großen Zahl an Unterstützern vor Ort ist das Projekt immer wieder von Schließung bedroht. Sämtliche Kosten für Miete und Material müssen stets neu als Spenden gesammelt werden; monatlich immerhin rund 1500 Euro.

So ist das „Exil“ denn auch vor allem eines: einen Moment lang Ankerplatz für getriebene Menschen, die ihre alte Heimat verloren und noch keine neue gefunden haben. „Ich kann sagen, dass das ‚Exil‘ für mich eine Entdeckung war“, beschreibt es der Asylbewerber Remy, „entdeckt habe ich hier nämlich auch ein anderes Gesicht der Menschen in diesem Land.“

Peter Brandhorst

Dämmerung in Billbrook

Hamburgs einziges Autokino musste nach 27 Jahren schließen

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

„Ich gehe nirgendwo anders hin“, stellt Willi Dahms klar. Der Filmvorführer, der heute eine der letzten Vorstellungen startet, arbeitet seit fast 27 Jahren im Autokino Billbrook. Zwar ist sich der 80-Jährige sicher, noch eine andere Anstellung finden zu können, aber jedes andere Kino wäre schlechter als „sein“ Autokino. „Hier muss ich mir von niemandem reinreden lassen“, sagt Dahms, der sieben Kinochefs kommen und gehen sah und sich längst als heimlicher Chef fühlt. Er lehnt lässig gegen die Absperrgitter vor seinem Vorführraum, es ist ein milder Abend nach einem heißen Tag, und Dahms trägt ein kurzes Hemd über gebräunter Haut. An solchen Sommertagen ist das Freiluftkino das Paradies. Wer aus ihm vertrieben wird, den locken stickige Kinosäle nicht mehr.

Dämmerung in Billbrook. Freitag, kurz nach zehn, noch ist das Industriegebiet leergefegt. Gleich wird sich hier der „Transporter“ im gleichnamigen Luc-Besson-Actionfilm mit qualmenden Reifen Autoverfolgungsjagden liefern. Mit dabei sind dann Familienväter, Azubis und Hausfrauen, im eigenen Twingo oder Corolla. Noch sieht das Autokino nur wie ein Supermarktparkplatz aus. Auch die Leinwand wirkt mehr wie eine Reklamefläche, die zu bekleben vergessen wurde. Nur die Stangen, die zwischen den Parkplätzen aus dem Boden ragen, lassen das Ungewöhnliche erahnen. An ihnen hängt jeweils ein Paar Heizstrahler, damit sich die Kinogäste auch im Winter wohl fühlen. Der Kinoton kommt durchs Autoradio, rund ums Kinogelände auf UKW 96,8 zu empfangen.

Platz wäre für 468 Besucher, aber nur etwa 100 Autos wollen heute rein. Aus den heruntergekurbelten Fenstern klingt laute Musik des Kino-Senders. In den Autos sitzen Jugendliche, Familien und Arbeitskollegen – ein Publikum, das man auch im „Cinemaxx“ treffen könnte. Ganz im Sinne der Betreiber, die betonen, dass es im Autokino um gute Filme und längst nicht mehr nur ums Knutschen auf der Rückbank geht.

Die größten Fans des Freiluftkinos aber sind die PS-Verrückten, die mit ihrem Auto ihr ganzes Lebensgefühl ausdrücken. So wie Sascha. Der 21-Jährige ist mit seiner Freundin Jaqueline im aufgemotzten Opel gekommen. Seine Liebe zu diesem Gefährt geht so weit, dass seinen rechten Oberarm ein tätowiertes Opel-Logo ziert. „Für uns kommt eigentlich nur Autokino in Frage“, sagt der Kraftfahrer. So ist auch abends das vierrädrige Familienmitglied dabei. „Und klar hatten wir hier schon Sex“, gibt er freimütig zu. Den Namen seiner Freundin in die Haut zu ritzen, käme für Sascha nicht in Frage: „Da würde ich mir eher mein Auto auf den Rücken tätowieren.“ Wie mancher Seebär die „Gorch Fock“. Denn die Liebe kommt und geht – Opel bleibt.

Neben Sex lockt noch ein anderes Laster ins Autokino, das im „Cinemaxx“ verboten ist: „Hier kann ich rauchen“, erklärt Henning aus seinem grünen Cabriolet mit Oldesloer Kennzeichen. Der 24-Jährige fährt ins Autokino, seit er den Führerschein hat. Früher fast jede Woche. Ein bisschen geknutscht hat er auch. „Naja, mit fünf bis sechs Frauen werde ich wohl schon hier gewesen sein“, antwortet er zögernd und schaut etwas unsicher zum Beifahrersitz. Nummer sieben – Mareille – trägt es mit Fassung. Auf jeden Fall sei es „eine Sauerei“, dass das Kino jetzt schließen muss. „Wenn ich es vorher gewusst hätte, dann hätten wir irgendwelche Aktionen gemacht“, so Henning. Wenn schon der FC St. Pauli gerettet werden konnte – warum dann nicht auch das Freiluftkino?

Es ist kein Abschied im Guten. Wäre das Autokino ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, das einfach nicht mehr rentabel ist, man hätte es einsehen müssen – niemand kann etwas gegen den sich wandelnden Geschmack des Publikums sagen. Aber das Kino hielt sich mit seinen Einnahmen über Wasser. Schuld am Aus ist die Umweltbehörde. Weil das Kino über einem alten Industriekanal gebaut wurde, steigen jetzt gesundheitsschädliche Faulgase an die Oberfläche. Die Behörde besteht auf einer Bodensanierung – 250.000 Euro würde das kosten, zu viel für die Kino-Betreiber.

Wütend sind nicht nur die Besucher. Wütend sind auch alle Mitarbeiter des Kinos. Wütend auf die Behörde, die sie von einem Tag auf den anderen auf die Straße setzt. Nährboden für Verschwörungstheorien, die Stadt könnte das Kino loswerden wollen, um einen profitableren Pächter zu finden. Wut auch über die Reporter, die plötzlich so interessiert sind. Jetzt, wo es zu spät ist. Willi Dahms glaubt nicht an die Bedrohung aus der Tiefe: „Wenn das so stimmt, müsste ich längst tot sein“, sagt er grimmig. Schließlich ist er länger hier als alle anderen.

Der Faszination Kino erlag Dahms mit 13 Jahren. Damals wohnte er noch in Berlin. Dort teilten sich in den Mietshäusern die Parteien eines Stockwerkes eine Toilette. Eines Tages fand Dahms in der Toilettentür einen vergessenen Schlüssel. Und wurde sofort ganz aufgeregt: „Ich wusste, dass die Schlüsseleigentümerin im Kino arbeitet“, erinnert sich Dahms, „und da hoffte ich natürlich, als Finderlohn eine Karte zu bekommen.“ Unbezahlbare 25 Pfennig kostete damals eine Kinokarte.

Seine Nachbarin lud Dahms nicht nur einmal ins Kino ein. Bald war er aus dem Filmtheater nicht mehr wegzudenken. Sogar in den Vorführraum durfte er, denn noch mehr als die Filme faszinierte den Jungen die Technik. „Damals war Vorführer ein richtig gefährlicher Job“, erzählt Dahms, „weil Nitrofilme benutzt wurden, und die sind leicht brennbar.“ Deswegen musste jeder Vorführer auch einen „Vorführschein“ machen.

Später fing er beim Wanderkino an, tingelte durch die Dörfer Norddeutschlands. „Wer nie mit einem Wanderkino unterwegs war, sollte sich nicht Filmvorführer nennen dürfen“, meint Dahms. Aufbauen, die ganze Technik, alles in der Verantwortung des Vorführers. Wenn etwas kaputt war, musste sich Dahms darum kümmern. „Heute wird nur einfach ein Techniker gerufen, und das war’s“, klagt Dahms, „in den Multiplexen werden nur noch die Anfangszeiten einprogrammiert, und der Film läuft automatisch an.“

Dahms wird aus seinen Gedanken gerissen, denn das erste Hupen findet schnell Nachahmer. Geduldig ist niemand im Autokino. Erschrocken schaut Dahms auf die Leinwand: „Oh Mensch, ich rede hier und passe nicht auf!“ Der Film ist verrutscht. „Wenn Sie hier noch einmal hupen, fliegen Sie raus!“, ruft er noch schnell in die Richtung der Autos, und stürzt in seinen Vorführraum.

Im „Allerheiligsten“ des Autokinos ist es ein bisschen wie früher. Zwei Projektoren zielen durch eine kleine Öffnung auf die Leinwand. Bei einem Rollenwechsel schaltet Dahms zwischen den beiden Projektoren um, damit die Zuschauer keine Unterbrechung mitbekommen. In modernen Kinos ist das nicht mehr nötig, dort werden die Filme vorher zusammengeklebt.

Neben der Technik findet sich im Vorführraum auch Privates. Ein Foto von der Enkelin auf dem Regal, ein Foto vom Schäferhund an der Wand. In 27 Jahren hat es sich Willi Dahms auch ein bisschen schön gemacht. Dahms hebt eine Filmrolle auf einen Projektor. Fünf Kilo wiegt so eine Rolle. „Na, ob du das mit 80 auch doch schaffst?“, fragt er den Gast. Dann wirft er einen Blick auf das Foto seiner Enkelin. „Wie es wohl ist, wenn sie 80 wird?“, sagt Willi Dahms nachdenklich. „Wenn das alles so weitergeht, kann man niemandem mehr wünschen, so alt zu werden.“

Er konkretisiert das Unheil nicht, das auf seine Enkelin und alle anderen wartet. Fest steht nur: Wenn heute die Scheinwerfer angehen und die Autos aufheulen, bleiben nur noch eine Handvoll Vorstellungen. Und jetzt, da dieser Artikel erscheint, ist das Freiluftkino schon Vergangenheit.

Marc-André Rüssau

Grüne Zuflucht

Ansichten in einer Schrebergarten-Anlage in Altona

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Hein Gas präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Kleingartenanlage Altona Nord II.

Mein Dartpfeil ist in einer Schrebergartenanlage gelandet. Ich bin ihm gefolgt und stehe nun inmitten von Grün. Es ist still. Es riecht nach frischer Erde und nach Gras. Unter meinen Schuhen knirscht es, als ich einen schnurgeraden Kiesweg entlanggehe – die Hauptstraße der Kleingartenanlage Altona Nord II. Rechts und links hohe Hecken, dahinter ducken sich die insgesamt 52 Holzlauben in den Schutz hoher Bäume. Ein Idyll, das eingeklemmt ist von Hochhäusern auf der einen Seite und den Gleisen des Hauptgüterbahnhofs Eidelstedt auf der anderen.

Ich will erfahren, wie es so ist, das Leben als Schrebergärtner. Doch eigentlich mag ich keinen stören. Die Menschen sind alle so beschäftigt: sie entspannen, säen, zupfen Unkraut, mähen Rasen, lesen Zeitung, trinken Kaffee, plaudern, gucken in den Himmel. Sie sitzen meist ganz hinten in ihren Gärten, weit weg vom Gartenzaun. Doch das Ehepaar Will lässt mich herein. Das Gartentor knarrt leise. Wir setzen uns unters Wellblechdach ihrer Gartenterrasse. Helmut Will war früher Fahrdienstleiter am Hauptbahnhof, im Schichtdienst. Heute haben sie mit der Bahn eher Ärger. Laut donnern die Züge an den Gärten vorbei. Das scharfe Geräusch verdrängt für einen Moment Vogelgezwitscher und Blätterrascheln und verkrallt sich im Ohr. Gegen den Lärm haben die Wills Holzplatten vor die Hecke gestellt, die zu den Gleisen zeigt, und diese mit Gummimatten ausgekleidet. Es hilft nicht viel. „Und die Bahn will den Takt noch erhöhen“, sagt Helmut Will. „Noch mehr Züge sollen fahren, die Höchstgeschwindigkeit soll raufgesetzt werden.“

Am Bahndamm hat er mal zusammen mit ein paar Leuten aus dem Gartenverein Draht gespannt. Der Grund: „Immer wieder spielen Kinder dort, legen Gegenstände auf die Gleise, und wenn ein Zug dann da drüber rasselt, knallt es. Die Bahn sperrt das nicht genügend ab.“ Der Draht draußen am Damm ist an verrosteten Pfählen befestigt. Er ist an vielen Stellen schon wieder auf den Boden gedrückt oder ganz heruntergerissen. Zwischen Brennnesseln, Pusteblumen und Disteln liegen ein paar zerdrückte Bierdosen. Hier jedoch wird alles liebevoll gepflegt.

„Es ist schön, wenn man so sitzt und alles blüht“, sagt Frau Will und sieht über den Garten, der den Eheleuten schon seit 30 Jahren gehört. Die Fische im Teich sind zutraulich. Sie kommen angeschwommen, und wenn Herr oder Frau Will die Finger ins Wasser halten, saugen sie daran. An meinen Fingern saugen sie nicht, die gucken sie nur an. Die Wills haben Schnüre über den See gespannt, damit die Reiher die Fische nicht holen. Im Winter kommen sie jeden Tag her und sehen nach, ob alles heil ist. Füttern die Vögel, die Fische brauchen dann nichts. Es kam schon vor, dass eines Tages das Vogelhaus zusammen mit Mülltüten im Gartenteich lag, Blumentöpfe zerbrochen, die Erde verstreut. „Die haben noch nicht mal was geklaut, nur randaliert“, sagt Helmut Will und schüttelt den Kopf. Seine Frau nickt.

Der Blick fällt auf die Hochhäuser nebenan. Auch wenn viele, die hier einen Garten haben, in der Gegend wohnen, ist der Blick auf die Plattenbauten meist ein skeptischer. Ein Chaotenviertel sei das, sagt mir jemand, oder: „Dort wohnt jetzt alles.“ Von dort oben wurde mal geschossen, erzählt entrüstet eine Frau. Einer wollte sich runterstürzen, und vor 30 Jahren sei tatsächlich einer gefallen, er saß im Fenster und hatte zu viel Bier getrunken. Kommen nun von dort diejenigen, die auf den Spielplätzen Reifen zerstechen und in den Gärten randalieren? „Es gibt eben auch immer welche, die sich nicht ganz anpassen“, so erklärt sich das Frau Will. Richard Schmidt ist der gleichen Ansicht. Der 71-Jährige ist bereit, seinen Garten mit allen Mitteln zu verteidigen. Nicht gegen den Zuglärm, der stört ihn nicht. „Terror im Kleingarten. Du wirst abgefackelt!“, sagt er und zeigt mir einen drei Jahre alten Zeitungsartikel aus einem Lokalblatt. Seit damals sein Geräteschuppen in Brand gesteckt wurde und dabei fast die Laube abgebrannt wäre, hat er aufgerüstet. Drei Gewehre und eine Pistole hängen neben Geweihen im Haus. Nach eigenem Bekunden alle geladen. „Ich hab seitdem einen Waffenschein“, sagt er und bietet mir einen Kaffee an. „Irgendwie muss ich ja die Enkel verteidigen, wenn sie hier schlafen und irgendwas ist.“ Seit dem Vorfall hat er Gartentor und Laube mit einer Alarmanlage gesichert. Auch einen Schäferhund haben sie jetzt, wie der Nachbar.

Meine Blicke huschen durch die kleine Gartenlaube. „Haben wir alles in Handarbeit selbst aufgebaut“, sagt er stolz. Es ist alles da, sogar ein Fernseher. Eine kleine Küchenzeile. Auf der ausklappbaren Couch sitzen Puppen, auf dem Regal stehen zwei beleuchtete Mickeymäuse neben diversen Pokalen. Eine Art Miniwohnung auf 20 Quadratmetern. Richard Schmidts Sohn Thomas mäht derweil draußen um einen Fahnenmast herum, an dessen Spitze eine Hamburg-Flagge weht. Im Hintergrund ein Wetterhahn auf dem Laubendach. Davor Blumenbeete, um die herum gleichfarbige, gleichgroße Steine liegen. Auf den Beeten Gartenzwerge. Der 39-Jährige arbeitet in der eigenen Gartenbaufirma, zusammen mit seinem Vater. Familienbetrieb seit fast sechzig Jahren. Vor seinem Haus in Bahrenfeld hat er auch einen Garten. So wird das Leben der Schmidts maßgeblich von Gärten geprägt.

Ein paar Parzellen weiter treffe ich einen Mann mit grauem, nach hinten gekämmtem Haar. Er trägt eine blaue Latzhose und klobige Arbeitsschuhe. Wolfgang Brenker erzählt über den Zaun hinweg. Sein Garten ist ihm alles, als Rentner hat er Zeit. Er kommt jeden Tag. „Ich mach dann hier was und da was. Und wenn ich nicht mehr kann, setz ich mich hin und ruh mich aus.“

Sein Blick fällt auf den Garten nebenan. Dort stehen weiße Blumen auf der Wiese, die viel höher ist als in all den anderen Gärten. Am Obstbaum hängen noch Ostereier, obwohl Ostern längst vorbei ist. Der Garten gehört einer alten Dame, frisch operiert, die kann im Moment nicht mehr so, klärt mich der alte Mann auf. „Bald geh ich nach drüben und mach das weg. Das kommt sonst alles hier rüber“, erklärt er. Schade, denke ich, und sehe auf die hohe Wiese. Ich denke an die Schmetterlinge, die über die Blüten flattern und miteinander flirten. Wolfgang Brenker stützt sich auf seinem Gartenzaun ab. „Und wissen sie, warum ich es noch nicht weggemacht habe?“ Er sieht mich an und blinzelt gegen die Sonne: „Wegen den Schmetterlingen lass ich es noch eine Weile stehen.“

Als der Kiesweg aufhört und es unter meinen Schuhen wieder still ist, habe ich die Schrebergärten hinter mir gelassen. Ich will schon gehen, da sehe ich Eduard. Er sitzt auf einer Bank und sieht auf das Hochhaus, in dem er wohnt. Eduard ist 73. Er ist vor zwölf Jahren mit seiner Frau aus Kasachstan gekommen. Hier gefällt es ihm. Mit der Zwei-Zimmer-Wohnung ist er zufrieden. Er hat nette Nachbarn, sagt er. Mit einem macht er immer vor dem Haus sauber, sammelt den Müll weg, das macht sonst keiner. „Und ich kann mittlerweile ganz gut lesen“, sagt er. Früher war er Analphabet. „Sechs Stunden pro Woche lesen wir in der Bibel. Zwei am Sonntag, zwei am Dienstag, zwei am Donnerstag. So habe ich es gelernt.“ Eduard ist Zeuge Jehovas. Heute war er schon im Dienst, hat viele Prospekte verteilt. Jetzt lässt er sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Als ich gehe, schaue ich noch mal zurück. Eduard ist jetzt ganz klein. Er winkt.

Katja Thomas

Nr. 4: Kundenfreundliches Amt

Zehn Jahre Hinz & Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Darum geht es:

Sozialhilfeempfänger müssen oft stundenlang warten, bis ihnen geholfen wird. Sie bekommen ihren Sachbearbeiter nicht ans Telefon oder werden nur mangelhaft beraten. Anträge bleiben liegen, weil die Sozialämter überlastet sind. Die Mitarbeiter müssen zu viele Hilfeempfänger betreuen – und sollen jeden Euro dreimal umdrehen, bevor sie ihn bewilligen. Die Atmosphäre in den meisten Dienststellen ist abweisend, schon die Ausstattung der Räume signalisiert: Bürger, bleib lieber weg! Doch Sozialhilfe ist kein Almosen, sondern gesetzlich verbürgter Anspruch.

Der Hintergrund:

Rund 110.000 Menschen in Hamburg sind auf Sozialhilfe angewiesen. Die Sozialämter in den Bezirken sollen ihnen helfen. Betroffene klagen jedoch über ein zunehmend raues Klima. Der Umgangston werde immer unfreundlicher, Anträge würden Wochen und Monate lang nicht bearbeitet, Unterlagen mitunter verschwinden. Eine Gruppe Hamburger Hilfe-Empfänger („Initiative Projekt Class Action“) spricht von „massenhaften und staatlich organisierten Grund- und Menschenrechtsverletzungen“ mit dem Ziel, „Menschen von der Sozialhilfe fernzuhalten und dadurch Kosten einzusparen“. So habe zum Beispiel eine Kranke, die dringend einen Kühlschrank benötigte zur Aufbewahrung ihrer Medikamente, ein dreiviertel Jahr auf die Bewilligung ihres Antrags warten müssen. Die Initiative will die Hansestadt auf Basis von 80 dokumentierten Fällen vor einem US-amerikanischen Gericht verklagen.

Offensichtlich sollen immer weniger Sachbearbeiter immer mehr Notleidenden helfen. Statt 1300 Mitarbeitern 1992 sitzen heute nur noch rund 730 Kollegen in Hamburgs Bezirks-Sozialämtern, so ein Sachbearbeiter, der ungenannt bleiben möchte. „Seit Jahren herrscht Einstellungsstopp, die Kollegenschaft ist überaltert, bei vielen schwinden die Kräfte.“ Weiteres Problem: Wer einmal im Sozialamt arbeite, komme von dort nicht mehr weg. Die Folgen: hohe Krankenstände, oft wenig motivierte Sachbearbeiter, schlechte Betreuung der Hilfesuchenden. „Bei uns waren vergangenes Jahr manchmal nur zwei von zehn Kollegen am Arbeitsplatz“, so der Sozialamts-Angestellte. Gleichzeitig werde die Kundschaft zunehmend schwieriger: „Wir haben immer mehr psychisch Kranke.“ Dennoch steige der Druck von oben, die Zahl der Hilfeempfänger zu senken. Lieber wäre dem Sachbearbeiter stattdessen die Verdoppelung des Personals: „Dann hätte man Zeit, tatsächlich nach Lösungen zu suchen.“

Das Bezirksamt Harburg teilt mit, die Zahl der Mitarbeiter in den Sozialämtern sei „in etwa gleichbleibend“. Jeder der 95 Sachbearbeiter habe 160 bis 170 Haushalte zu betreuen, „Sicherstellung laufender Leistungen hat Vorrang“. Der Bezirk Eimsbüttel beantwortet „Fragen zur Personalausstattung und Arbeitsbelastung der Mitarbeiter generell nicht“. In dringenden Fällen würden Anträge „innerhalb weniger Tage oder in ganz besonderen Ausnahmefällen innerhalb eines Tages entschieden“. Im Bezirk Mitte muss jeder der 145 Sachbearbeiter rund 150 Fälle bearbeiten, so das Bezirksamt.

Die Entwicklung der Mitarbeiter-Zahl „wurde statistisch nicht erfasst“. Die Wartezeit auf den Ämtern schwanke zwischen „zehn Minuten, in Einzelfällen auch über eine Stunde“. Interne zeitliche Vorgaben, wann Anträge spätestens entschieden werden müssen, gibt es auf den Sozialämtern nicht.

Eine eigene Anlaufstelle bietet die Stadt für Menschen ohne festen Wohnsitz. Sie müssen ins Referat „Hilfen für wohnungslose Menschen“, das ehemalige Landessozialamt. In dem Gebäude an der Kaiser-Wilhelm-Straße (Neustadt) herrschen zeitweise chaotische Zustände. In der Vergangenheit waren Stellen unbesetzt, überdurchschnittlich viele Mitarbeiter meldeten sich krank, die Sprechzeiten wurden eingeschränkt. Hilfeempfänger können ihre Anliegen gar nicht mehr oder nur nach stundenlangem Warten vorbringen.

Derzeit suchen an den wichtigsten Sprechtagen, montags und donnerstags, zwischen 300 und 500 Menschen das Haus auf. Sie müssen eine Wartenummer ziehen und werden aufgerufen. „Aufgrund des hohen Besucheraufkommens ist die telefonische Erreichbarkeit der Sachbearbeiter oft schwierig“, räumt Behördensprecherin Anika Wichert ein. Die Wartezeit sei „zurzeit noch sehr lang, bis zu sieben Stunden“. 40 Mitarbeiter sind im „Landessozialamt“ tätig, darunter auch Teilzeitkräfte. Nach Behördenangaben wurde das Personal in den vergangenen Jahren aufgestockt, 2001 gab es nur 32 Mitarbeiter. Eine Vollzeitkraft ist im Schnitt für 110 Hilfeempfänger zuständig.

Zwei „Schnellschalter“ (auch hier müssen aber Nummern gezogen werden) sollen seit diesem Monat die Wartezeiten verkürzen. Die Counter sind für Anliegen gedacht, die keiner Beratung bedürfen, zum Beispiel das Ausstellen eines Krankenscheins. Außerdem will die Behörde drei zusätzliche Sozialarbeiter einsetzen, die sich um Hilfeempfänger kümmern sollen – vor allem um junge Erwachsene, um Betroffene, die ihre Wohnung gerade erst verloren haben, und um Menschen, bei denen mehrere Probleme zusammenkommen, etwa Obdachlosigkeit und Sucht.

Wie andere es besser machen:

Kein Hilfesuchender soll länger als zehn Minuten warten: Das ist die Vorgabe für Mitarbeiter der „Job Center“ in Großbritannien, wo Sozial- und Arbeitsämter bereits zusammengelegt sind. Freundlich eingerichtet sind die Räume, von neun bis 18 Uhr sind die Beratungszentren werktags geöffnet, sonnabends bis zur Mittagszeit. Die Idee: Hilfesuchende sollen vor allem spüren, dass sie hier Unterstützung finden. Solche Konzepte sind nicht billig. Drei Milliarden Euro hat die britische Regierung in den Aufbau der Job Center investiert. Doch am Ende könnte sich das Modell rechnen: Mit jedem, der Arbeit findet, spart der Staat schließlich Geld.

Lernen lässt sich auch von deutschen Behörden: Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zum Beispiel, stehen den 160 Sachbearbeitern auf den Sozialämtern immerhin 20 Sozialarbeiter zur Seite. „Es erfordert eine bestimmte Qualifikation, die Schwierigkeiten der Menschen zu sehen“, sagt Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer. Dennoch mag sie nicht behaupten, die Sozialämter in ihrem Bezirk seien kundenfreundlich: „Man kann das tollste System haben: Wenn nicht genügend Mitarbeiter da sind, gibt es immer Hetze und Stress.“

So müsste es laufen:

– deutlich mehr Mitarbeiter in den Sozialämtern

– mehr und besser ausgebildete Sozialarbeiter, die sich auch um „schwierige Fälle“ kümmern bessere telefonische Erreichbarkeit der Ämter und Sachbearbeiter

– kürzere Wartezeiten, vor allem in der Kaiser-Wilhelm-Straße

Detlev Brockes/Ulrich Jonas