Ein Senator zum Weglaufen

Warum Opposition und Behördenmitarbeiter den Justizchef Roger Kusch zum Rücktritt bewegen wollen

(aus Hinz&Kunzt 141/November 2004)

Da sitzt ein Mann in seiner vom Bürgermeister der Stadt gemieteten Altbauwohnung am Hansaplatz in St. Georg und meint gar Ungeheuerliches beobachtet zu haben: einen Straßendeal. Flugs greift er zum Telefonhörer und teilt der Polizei aufgeregt mit, dass am Hansaplatz mit Drogen gedealt werde. Dann setzt er sich wieder an seinen Fensterplatz und wartet. Die Minuten verstreichen. Kein rotierendes blaues Lalülala, keine kreischenden Peterwagenbremsen, keine Polizisten in Uniform. So hat er das im Fernsehen aber nicht gelernt. Also ruft er noch einmal bei den Polizisten an und beschwert sich wutschnaubend. Kusch heiße er, Senator der Justiz dieser Stadt sei er, und die Verbrecher vor seiner Haustür seien immer noch nicht verjagt worden.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Ami Dose und die „Hamburger Tafel“ feiern zehnjähriges Jubiläum, Rosi Eggers und die „Oase“ müssen nach elf Jahren aufgeben

(aus Hinz&Kunzt 141/November 2004)

Rosi Eggers kommt aus dem sozial schwachen Wilhelmsburg, Ami Dose aus dem noblen Volksdorf. Die Stadtteile sind so verschieden wie die beiden Frauen, doch der Wunsch, etwas zu bewegen, ist ihnen gemeinsam.

Vom Tatort zum Bratort

Die fiktiven Imbissbuden der Kommissare

(aus Hinz&Kunzt 141/November 2004)

Schimanski hat es erfunden. Stöver tut es mit Hingabe. Jan Castorff, weil er sonst nichts anderes kriegt: Currywurst essen. Kein „Tatort“ ohne Frittenbude. Currywurst essende Kommissare gehören zu den „Tatort“-Krimis wie Mord und Totschlag. Auch wenn es nur um eine schnöde Wurst geht, so essen TV-Kommissare nicht irgendwo, sondern an den schönsten Buden der Stadt: im Hafen zum Beispiel mit Blick auf Blohm+Voss, Wasser und Schiffe.

Begegnung zwischen Beeten

Blühende Rekorde: ein Nachmittag im Dahliengarten

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

„Eigentlich finde ich Dahlien ja ein bisschen langweilig“, sagt die Frau im roten Kleid.

Abgerutscht

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Unvorsichtigerweise hatte Uta sich im Bus auf einen Fensterplatz gesetzt. Sie achtete sonst sehr darauf, diesmal war’s ihr egal gewesen, Hauptsache ein Sitzplatz, sie war hundemüde und ihre Füße taten weh.

Bühne, Business, Humor

Theater für Unternehmen: „Scharlatan“-Schauspieler schulen Hinz & Kunzt-Verkäufer

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

„Junger Mann, hallo, hallo“, ruft Eckhardt im Ballonseidenanzug und hält den Passanten am Arm fest. „Hinz & Kunzt, das Stadtteilmagazin! Ist nicht der ,Stern‘, ist was für Obdachlose!“ „Kenne ich schon“, erwidert der junge Mann und versucht, seinen Weg fortzusetzen. Aber Eckhardt lässt nicht los: „Pass mal auf, das ist die neueste Ausgabe.“ „Die hab’ ich schon.“ „Aber die ist mit CD.“ „Wie CD?“ „Das ist’ ne Zeitung mit CD drin.“ „Ach, hab’ ich schon gehört.“ „Aber haste noch nicht gekauft, kostet nur vier Euro.“ „Ich brauch’ die aber gar nicht.“ „Ist mir doch egal.“ „Bitte …?!“

Der große Krieg des kleinen Mannes

Schauspieler Ulrich Pleitgen über Familienserien, Hörbücher und Altersrollen

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Ulrich Pleitgen, Schauspieler seit gut 35 Jahren, hat offenbar das Gefühl, er müsse sich dafür rechtfertigen, dass er in letzter Zeit häufiger in Unterhaltungsserien zu sehen ist. Er, der 1984 zum Theaterschauspieler des Jahres gewählt wurde.

Die Männer im Strom

Der harte Job der Binnenschiffer – Bordbesuch auf dem Schubschiff „Ronja“

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Etwa 150 Binnenschiffer sind im Hamburger Hafen unterwegs. Lange Arbeitszeiten, karge Bezahlung – ein harter Job. Hinz & Kunzt hat sich an Bord umgehört.

Endlich aufgeräumt!

Wie ein Hamburger sein Leben als Messie hinter sich ließ

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Bis vor zwei Jahren war der Hamburger Musikverleger Thomas Ritter (37) ein Messie. Er ließ den Abwasch stehen, stapelte Wäsche auf dem Fußboden, ließ das Badezimmer verschimmeln. In seiner Wohnung bewegte er sich durch Gänge, denn er sammelte tausend Dinge und konnte nichts wegwerfen. Zum Beispiel bewahrte er jahrelang einen zerbrochenen Teller auf, weil er meinte, ihn irgendwann für einen Sketch verwenden zu können – den er nie schrieb. Als Ritter eines Tages einen Fernsehbericht über einen Messie sah, erkannte er sich wieder – und entschloss sich, sein Leben zu ändern. Mehr als ein Jahr besuchte er eine Selbsthilfegruppe der „Anonymen Messies“. Doch der „Moment der Heilung“ kam letztlich „aus heiterem Himmel“, sagt der Ex-Messie. Inzwischen hat Ritter aufgeräumt und seine Erfahrungen als Buch herausgebracht. Sein Credo: „Jeder Messie kann sein Dasein ändern.“

Faul zur Weisheit

Ein Historiker wirbt für das Nichtstun

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, sagt die Bibel. Müßiggang ist aller Laster Anfang, sagt das Sprichwort. Es gibt kein Recht auf Faulheit, sagt Kanzler Gerhard Schröder. Mahnende Worte für ein arbeitsames Volk, dem Müßiggang verdächtig ist.