„Wir sind doch keine Affen im Zoo!“

Unter der Kersten-Miles-Brücke am Bismarck-Park wohnt seit Monaten eine Gruppe junger obdachloser Punks. Die Bild-Zeitung machte im März lautstark Stimmung gegen sie und warf ihnen vor, Touristen abzuschrecken und den Park zu vermüllen. Auch der Bezirk Mitte möchte die Punks möglichst schnell von der Straße kriegen. Wir haben die jungen Leute kennengelernt und uns selbst ein Bild gemacht.
(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

„Das war das Beste, was uns passieren konnte.“

Auch die „Holstenpunx“ waren obdachlos, bevor sie im Sommer 2008 in zwei leer stehende Häuser in Bahrenfeld einzogen. Seitdem schauen sie nach vorne, beginnen Ausbildungen und pflanzen Apfelbäume. Und sie wollen um ihr Zuhause kämpfen. Denn weil der ­Häuserkomplex von der Stadt verkauft wurde, steht das Projekt vor dem Aus.
(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

„Und ich dachte, ich könnte dich retten“

NDR-Moderatorin Tina Wolf schreibt nach dem Tod ihres alkoholkranken Vaters ein Buch über ihn, ihr gemeinsames Leid und ihre eigene Hilflosigkeit.
(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

„Ich war Zeugin eines Selbstmordes auf Raten. 17 Jahre lang musste ich mit ansehen, wie mein Vater sich krank- und schließlich tottrank.“ Der Tod steht am Anfang des Buches der Hamburger Journalistin Tina Wolf (36). Der Tod des Vaters, der – so makaber es klingt – zugleich ein Neuanfang für die Tochter war. Denn die Alkoholsucht des geliebten Vaters bestimmte jahrelang das Leben seiner Tochter. Zwang sie in ein Leben zwischen Verdrängen, Verschweigen, schamhaftem Leiden und dem verzweifelten Willen, den Vater zu retten. „Es war mein größter Wunsch, sein Leben zu verändern, ihn glücklich zu machen, zufrieden. Dass man in das Leben eines anderen Menschen nur eingreifen kann, wenn dieser es zulässt, habe ich erst Jahre später erkannt.“

Melancholie-Therapie

Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen zweifelt an Fanartikeln, flucht übers Traurigsein und ignoriert seine adelige Herkunft.
(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

Das findet er komisch, dass es T-Shirts gibt mit seiner Silhouette und seinem Namen drauf. Und Buttons. Und Mario, sein Booker, verkauft die dann beim Konzert. Da gibt es einen Merchandising-Stand. Gisbert zu Knyphausen kichert über Gisbert-zu-Knyphausen-Merchandise-Artikel. Das war nicht seine Idee. „Am Anfang wollte ich das gar nicht.“ Aber es gab Fans, die es forderten. Zur jetzt anstehenden Tour des 31-Jährigen soll es sogar neue Motive geben. Doch der ist skeptisch. Kult um seine Person ist ihm unheimlich.

„Ich will leben!“

Rainer K. (47) verkauft seit zehn Jahren Hinz&Kunzt an seinem Stammplatz am „Marienhof“ in Wedel.

(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

Reiner-8491Rainer will durchhalten. ­Gerade hat er eine 48-wöchige Therapie gegen Hepatitis C hinter sich, die Nebenwirkungen der Spritzen setzen ihm zu: Rainer ist ständig müde, seine Haut juckt, oft hat er zu nichts Lust. „Aber ich will die Krankheit besiegen“, sagt er. Weil es durchaus eine Heilungschance gibt, will er die harte Behandlung noch ein weiteres Jahr ertragen. „Da muss ich mich durchkämpfen. Ich will leben!“
Es gab Zeiten, da hing Rainer nicht so an seinem Leben. Geboren wurde er in Speyer. Im Alter von neun Jahren stirbt seine Mutter, Rainer wächst im Heim auf. Sein Vater kümmert sich nicht um ihn. Nach der Schule macht er eine Ausbildung zum Facharbeiter und arbeitet auf dem Bau, heiratet und bekommt eine Tochter. Aber Glück findet Rainer nicht: Er leidet an seiner Vergangenheit, trinkt zu viel, in der Ehe häufen sich die Konflikte. „Ich hab immer mehr getrunken“, sagt Rainer, „weil ich mir eingebildet habe, dann ginge es mir besser.“ Irgendwann wachsen ihm die Schwierigkeiten über den Kopf: Rainer haut ab, tingelt durch die Pfalz, 2000 kommt er nach Hamburg.
In Hamburg macht Rainer Platte oder schläft bei Bekannten in Wedel. Es ist eine traurige Zeit. „Ich hab immer ge­soffen. Alles Schöne um mich herum habe ich zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen“, sagt er. In betrunkenem Zustand muss er sich auch mit Hepatitis C infiziert haben, genau weiß er das nicht mehr. Oft ist Rainer in dieser Zeit alles egal, nur sein Hund Greif nicht. Ihn hat Rainer als Welpen von einer ­alten Witwe geschenkt bekommen. Für das Futter des Tieres schränkt Rainer sogar seinen Alkoholkonsum ein.
Schließlich kommt Rainer über einen Freund zu Hinz&Kunzt. „Meine Kunden haben mir zugehört, das hat gutgetan“, sagt Rainer. Viele schließen auch Greif ins Herz. „Wenn ich mal nicht an meinem Stammplatz stehe, dann fragen meine Kunden nicht nach Rainer, sondern nach Greif und seinem Herrchen“, grinst Rainer. Im Sommer 2008 rafft er sich endlich auf und geht in eine Entzugsklinik. „Das war an meinem Geburtstag, die Therapie hab ich mir zum Geschenk gemacht“, sagt er. Zu dem Zeitpunkt waren viele seiner Bekannten schon am Alkohol gestor­ben. Auch wenn Rainer jetzt wieder nach vor­ne schauen will, weiß er: Sicher vor einem Rückfall ist er nicht.

H&K: Wo wohnst du derzeit? Und wie ist es da?
Rainer K: Ich habe eine kleine Wohnung im Bunker in der Mistralstraße. Da können Obdachlose für drei Jahre unterkommen. Lieber wäre mir aber ­eine richtige Wohnung, die würde ich auch immer sauber halten!

H&K: Wie möchtest du in fünf Jahren leben?
Rainer: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wer weiß schon, was kommt? Zuerst möchte ich meine Krankheit in den Griff kriegen.

H&K: Wo ist dein Lieblingsplatz in Hamburg?
Rainer: Hamburg finde ich fast überall schön, besonders gern bummele ich durch die Mönckebergstraße. Aber am schönsten finde ich es unter Leuten, die mich als Mensch wahrnehmen, egal an welchem Ort.

Text: Hanning Voigts

Foto: Mauricio Bustamante

„Ich will nicht noch mehr Mist bauen“

Marco L., 38, verkauft seit April 2008 das Straßenmagazin
(aus Hinz&Kunzt 206/April 2010)

marcoWie es sich anfühlt, zu einer Familie zu gehören, weiß Marco. Aber nicht, wie es ist, sie zu behalten.
Seinen leiblichen Vater kennt er gar nicht. Seine Mutter arbeitete Tag und Nacht als Kellnerin. Der Stiefvater beachtete ihn nur, wenn er ihn prügelte.
In seiner Kindheit gab Marcos Oma ihm so etwas wie ein Zuhause. Als sie starb, haute der 13-jährige Marco ab. „Ich bin total durchgedreht und wollte nur noch weg.“ Auf dem Hamburger Kiez – nur ein paar Hundert Meter von der elterlichen Wohnung, aber Welten von einer behüteten Kindheit entfernt – schlug er sich alleine durch. „Mit Diebstahl und Prostitution und so“, sagt der 38-jährige Hinz&Künztler.
In mehrere Heime hätten sie ihn gebracht, aber da sei er immer wieder abgehauen. Noch als Teenager fing er mit Drogen an. Das erste Koks bekam er „von einem guten Freund, der jetzt tot ist“.
Mit Anfang zwanzig verliebte Marco sich. Er heiratete die Frau und zog mit ihr in eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Sie hatte schon drei Kleinkinder aus einer früheren Beziehung, gemeinsam bekamen die beiden noch einen Sohn. Seine Frau verdiente das Geld, Marco schmiss den Haushalt für die sechsköpfige Familie. Sieben Jahre lang blieb er clean.
„Dann der Rückfall“, sagt er. „Ich glaube, ich war überfordert: der Haushalt, die Kinder. Du musst immer nett sein, auch wenn sie rumschreien und zanken.“ Marco brach aus dem Leben als Hausmann aus. Er landete auf der Straße und geriet wieder in den Kreislauf der Sucht: Das Geld dafür beschaffte er auch auf illegalem Weg. Mehrmals stand Marco deswegen vor Gericht, zuletzt am 26. September 2009. Ein wichtiges Datum, denn damals beschloss er: „Ich will nicht noch mehr Mist bauen.“ Seitdem bekommt er Methadon, eine Ersatzdroge, die er nicht in der Szene kaufen muss, sondern beim Arzt abholt.
Seinen Alltag bestimmen mittlerweile nicht mehr die Drogen, sondern Hinz&Kunzt: Jeden Tag verkauft er das Straßenmagazin und kommt in den Vertrieb in der Altstädter Twiete, auf einen Kaffee und zum Klönen. „Hier werde ich anerkannt“, sagt Marco. „Hier ist jetzt meine Familie.“

H&K: Wo wohnst du derzeit? Und wie ist es da?
Marco: In einem Zimmer zur Untermiete bei einer Bekannten. Da wohnen auch noch ihr Freund und zwei Hunde.

H&K: Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?
Marco: Ich will unbedingt meine eigene Wohnung. Ich würde sie von dem Geld, das ich mit Hinz&Kunzt verdiene, einrichten. Dann kann mich auch mein Sohn besuchen und meine Mutter.

H&K: Wo ist dein Lieblingsplatz in Hamburg?
Marco: In der Sternschanze, da sind die Leute in Ordnung, da macht mich nie einer blöd an.
Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

Qualität kommt von Quälen

Wie der Textildiscounter KiK mit seinen Mitarbeitern in Deutschland und den Näherinnen in Bangladesch umgeht.

(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

Besuchervisum fürs Paradies

Der Homeless World Cup war für Hinz&Künztler Artur Walencik ein Ausflug in eine andere Welt – doch die Realität hat ihn schnell wieder eingeholt

(aus Hinz&Kunzt 191/Januar 2009)

Dass er wirklich nach Australien zum Homeless Worldcup fliegt, hat Artur Walencik erst geglaubt, als er im Flugzeug saß. Die Zeit auf dem fünften Kontinent war für ihn etwas ganz Besonderes. Zum ersten Mal einen Ozean überflogen, Koalas gestreichelt, Pinguine gesehen, im Dezember am Strand gegrillt, einer Generalkonsulin die Hand geschüttelt, eine Nation auf dem Spielfeld vertreten, vor mehr als tausend Zuschauern Fußball gespielt, Autogramme gegeben, mit Jubelrufen gemeint sein. Kleine Puzzleteile großen Glücks, die Artur als Erinnerungen in seinem Herzen und in Hunderten Bildern auf seiner Digitalkamera – extra vom Gesparten gekauft – mit sich trägt.

Der neue Hanseat

In Hamburg machte Mehmet Kurtulus seine ersten Schritte. Nun spielt er im „Tatort“ einen verdeckten Ermittler und gibt der Hansestadt ein neues Gesicht

(aus Hinz&Kunzt 191/Januar 2009)

Wenn Mehmet Kurtulus; Regie führen würde in einem Film über sein Leben in Hamburg, säße er genau am richtigen Platz: im achten Stock des Hotels Le Royal Méridien an der Alster nahe der Kennedybrücke, auf einem roten Sessel, mit einem Blick auf die ganze Stadt. Über den Bäumen auf der anderen Seite des Alsterufers schwebt ein Flugzeug zum Flughafen Fuhlsbüttel. Dort landete Kurtulus;, als er zwei Jahre alt war und mit seiner Familie aus Usak kam, einem Provinzort im Westen der Türkei. Der Alsterdampfer, der gen Norden durch das Wasser gleitet, fährt Richtung Winterhuder Fährhaus, in dem der damals 21-Jährige zum ersten Mal auf der Bühne stand. Am Ende der Straße, die über die Kennedybrücke nach St.Pauli führt, sah er sich mit seiner Schauspiellehrerin den Film an, der ihm den Durchbruch brachte. Aber langsam. Alles auf Anfang.

„Der Druck wird an die Basis weitergereicht“

Zerrieben zwischen den Ansprüchen von Politik, Verwaltung, Medien, Eltern und Kindern: Ein Jugendamtsmitarbeiter berichtet, warum viele Kollegen überlastet sind

(aus Hinz&Kunzt 191/Januar 2009)

Die Stadt stockt in diesem Monat die Zahl der Jugendamtsmitarbeiter um 20 auf dann 302 auf. Eine längst überfällige Maßnahme. Denn in den vergangenen Jahren waren die Jugendämter so überfordert, dass alleine 2008 jeder fünfte Mitarbeiter eine Überlastungsanzeige stellte. Ein Jugendamtsmitarbeiter, der anonym bleiben will, sagt, warum.