Reeperbahn : Warum ein Alkoholverbot nichts bringt

Der Schlafplatz eines Obdachlosen an der Reeerbahn. Foto: picture alliance / Arco Images GmbH.

Auf der Reeperbahn rumort es: Einige Gewerbetreibende wollen ein Alkoholverbot. Herumliegende Betrunkene seien ein „Kulturschock“. Nun kommt Gegenwind: von Hilfeeinrichtungen und anderen Gewerbetreibenden vom Kiez.

Neu ist die Idee wirklich nicht, doch seit die „Bild“ zu Wochenbeginn darüber berichtete, ist sie mal wieder im Gespräch: Die Rede ist von einem Alkoholverbot – nicht irgendwo, sondern ausgerechnet auf Hamburgs Amüsiermeile schlechthin: der Reeperbahn.

Imbiss-Chef Mirek Grudzinski vom „Danmark Snack“ sammelt derzeit Unterschriften. Sein Ziel: Das Trinken auf der Straße soll verboten werden. Der „Bild“ sagte er: „Tausende Touristen erleben einen Kulturschock, wenn sie hier entlanggehen!“

Um Alkohol als solches scheint es jedoch nicht zu gehen – sondern um die Gruppe der Menschen, die ihn konsumiert. Das vermutet auch Christiane Hartkopf. Sie leitet die Obdachlosen-Tagesstätte Alimaus direkt am Ende der Reeperbahn. „Das Verbot bezieht sich ja nicht auf Sauftouristen. Es sind andere Menschen, die da wegsollen“, sagt Christiane Hartkopf. Trinker, Drogenabhängige, Obdachlose.

„Die würden einfach weiter ziehen.“– Christiane Hartkopf

Von einem Verbot hält Hartkopf gar nichts: „Man kann einem alkoholkranken Menschen nicht einfach den Alkohol verbieten. Die würden einfach weiterziehen“, sagt sie. Vertreibung aber löse die Situation nicht.

Helfen statt verbieten

Stattdessen müsse man fragen: „Was hilft diesen Menschen?“, sagt Hartkopf. Sie bräuchten etwa Plätze, „wo sie einfach sein können und wo ihnen niedrig schwellige Unterstützung angeboten wird.“ Viele Programme seien hingegen „sehr strikt“, so Hartkopf weiter. „Da gibt unfassbar hohe Hürden, die Menschen werden nicht erreicht.“ Die Folge: „Die Menschen verelenden immer weiter,“ so Hartkopf – vor aller Augen.

„Jeden Hamburger sollte es schmerzen, diese Bilder von völlig betrunkenen Obdachlosen zu sehen“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer, „aber statt diese Menschen einfach wegzujagen – aus den Augen der Touristen – sollte man ihnen Perspektiven und Unterkünfte anbieten.“

Doch es mangelt nicht nur an Plätzen, sondern sogar an Menschen, die sich um die auf der Reeperbahn Gestrandeten kümmern. Erst zu Jahresbeginn hat die Sozialbehörde das Projekt „Visite Sozial“ begonnen. Zwei Sozialarbeiter begleiten seither das Krankenmobil der Caritas und sprechen Obdachlose gezielt an – auch, aber längst nicht nur an der Reeperbahn.

„Die machen nur Stippvisiten“, sagt Christiane Hartkopf von der Alimaus, aber der Bedarf an Unterstützung seit weitaus höher. „Auf der Reeperbahn gibt es nicht die Straßensozialarbeit, wie wir sie von der Innenstadt kennen“, kritisiert auch Stephan Karrenbauer. Die Verelendung mache aber vor Stadtteilgrenzen nicht Halt. „Außerdem ist durch ein Alkoholverbot noch niemand gesund geworden“, sagt er.

Alkoholverbot keine Lösung

Auch unter den Gewerbetreibenden rund um die Reeperbahn ist ein Alkoholverbot höchst umstritten. „Wir unterstützen das nicht“, sagt Lars Schütze. Er ist 2. Vorsitzender der Interessengemeinschaft St. Pauli, die immerhin rund 180 Gewerbeunternehmen auf dem Kiez vertritt. Ja, es sei so, dass immer mehr Menschen in der Öffentlichkeit trinken, „mit den bekannten Folgen“.

Schütze sieht hier die Verantwortung der Einzelhändler, Stichwort: billiges Kiosk-Bier. Generell sei hier auch die Politik gefragt: „Die müssten sich Gedanken um eine ganzheitliche Lösung machen“, findet Schütze.

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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